Frankfurter Pflichtübung

Bericht von der Festveranstaltung "100 Jahre Soziologie an der Goethe-Universität" am 12. November 2019 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Zum Geleit

Jubiläen sind anspruchsvolle Termine. Anders als gewöhnliche Geburts- oder Jahrestage, die man feiern kann, wie man will – oder eben auch nicht –, besitzen Jubiläen einen doppelten Aufforderungscharakter: Sie wollen begangen werden und das auch noch auf angemessene Art und Weise. Dieser zwanglose Zwang der runden Zahl, dem sich die Menschen im Umfeld der betreffenden Person oder Institution nur schwer und nicht ohne moralische Kosten entziehen können, sorgt dafür, dass Jubiläen in vielen sozialen Zusammenhängen zuverlässig auch dann gefeiert werden, wenn den Betroffenen selbst gar nicht danach zumute ist. Es sind feierliche Anlässe, die zu begehen man sich und ihnen unabhängig vom Unterhaltungswert schuldig ist. Die Altvorderen hatten dafür das Wort der Ehrenpflicht. (Die Jüngeren klicken bitte auf den nebenstehenden Link.) Kannte das universitäre Leben früherer, heute zum Glück überwundener Zeiten noch etliche solcher Ehrenpflichten, die zu erfüllen Sitte und Tradition geboten, sind sowohl deren Zahl als auch ihre Verbindlichkeit inzwischen stark zurückgegangen. Waren das Doktorjubiläum eines verdienten Ordinarius oder der Gründungstag der Universität einmal obligatorische Termine, wird ihrer heutzutage, abgesehen von einigen Regionen Bayerns, kaum mehr regelmäßig gedacht. Auch die Formen des feierlichen Gedenkens haben sich – wiederum: zum Glück! – tiefgreifend gewandelt. Glichen akademische Feierstunden bis in die Sechziger Jahre hinein nicht selten höfischen Zeremonien, bei denen die Professorenschaft ihre schlecht gelüfteten Talare und Amtsketten zur Schau trug, ist heute ein bunter Stilmix vorherrschend, zu dessen eigentümlichen Blüten mancherorts, und nicht nur in Bayern, eben auch die Wiedereinführung der nach den studentischen Protesten von 1968 eingemotteten Roben als standesbewusstes Repräsentationsobjekt und „Festaccessoire“ gehört.[1] Dass die Entritualisierung des universitären Gedenkens Zugewinne an Freiheit und Vielfalt hervorgebracht hat, ist unbestritten. Ebenso unbestreitbar ist, dass diese Zugewinne diejenigen, die ihrer teilhaftig werden, vor neue Herausforderungen stellen. Eine – und nicht die geringste – dieser Herausforderungen besteht mit Rücksicht auf den hier interessierenden Zusammenhang darin, der oben erwähnten stummen Forderung von Jubiläen nach angemessener Gestaltung gerecht zu werden in einer Kultur des „anything goes“. (Für Jüngere: „Alles kann, nichts muss.“) Wie man bei diesem Bemühen vieles richtig machen, aber die Sache trotzdem vergeigen kann, davon handelt der folgende Bericht.

 

Das Setting

Auf dem Campus Westend herrscht der übliche Betrieb, Studierende strömen in kleinen Gruppen der Mensa zu. In der großen schmucklosen Eingangshalle des Casinos deutet bis auf die weiß eingedeckten, aber leeren Tische noch nichts auf die bevorstehenden Feierlichkeiten hin. Im bestuhlten Saal suchen sich die ersten Gäste ihre Plätze, auf der Bühne stehen die Sitzgelegenheiten für die beiden Podiumsdiskussionen bereit. Im Hintergrund bemühen sich zwei kleine Bäume um dekorative Wirkung. Sie sollen, wie man später erfährt, nach der Veranstaltung auf dem Campus Wurzeln schlagen. Dann die erste unangenehme Überraschung: Aus den Lautsprechern dringt kulturindustrieller Pop aus den 80ern ans irritierte Ohr. Keine 300 Meter vom Adorno-Denkmal entfernt schmachtet Lionel Richie „All Night Long“, zuverlässig gefolgt von Sade. „Fehlt eigentlich nur noch Jennifer Rush“, denkt man entgeistert, da tönt auch schon „The Power of Love“ durch den Saal und für einen kurzen Moment fragt man sich, wer für diese missglückte Form musikalischer Untermalung wohl verantwortlich zeichnet. Doch noch bevor man einen Gedanken auf eine mögliche Antwort verschwenden kann, sieht man sich mit einer neuen Frage konfrontiert, die diesmal allerdings nicht dem eigenen Kopf entspringt: „Gehören Sie eigentlich zu den Unterstützern unserer Präsidentin?“ Zum Glück ist man gar nicht gemeint, sondern der Nebenmann. Als dieser zögert, legt der Frager nach und bekennt: „Ich sag’s Ihnen ganz ehrlich, ich nicht.“ Kurzes, männerbündisches Gelächter heischt Einverständnis, dann wird das Gespräch vertraulich und man versteht: Hier machen Silberrücken Politik.

 

Die Grußworte

Schließlich hat das Warten ein Ende und eine Frau betritt die Bühne, um die Gäste in dem gut, wenn auch nicht ganz gefüllten Saal willkommen zu heißen. Dass es sich bei der Rednerin, die sich nicht vorstellt und deren Name in den ausliegenden Programmheften ebenso wenig genannt wird wie die der anderen Grußwortbeiträgerinnen um Birgit Wolf und damit um die Präsidentin der Frankfurter Universität handelt, gegen die neben einem gerade eben noch konspiriert wurde, erschließt sich nur den Ortskundigen. Zugereiste sehen sich darauf verwiesen, die Gleichung mit mehreren Unbekannten, zu der sich der Reigen der Grußworte entwickelt, mit Hilfe des Ausschlussprinzips zu lösen, indem sie darauf achten, wessen Namen in der Begrüßung genannt werden – und welcher nicht. In ihrer kurzen Ansprache verweist die Präsidentin auf den historischen Entstehungskontext des von Frankfurter Kaufleuten gestifteten Lehrstuhls für Soziologie und theoretische Nationalökonomie sowie auf dessen erste Inhaber, Franz Oppenheimer und Karl Mannheim. Ihre Universität beschreibt sie als einen Ort, der dafür bekannt sei, „gesellschaftliche Probleme auf Begriffe zu bringen“, die Soziologie als „eine Wissenschaft, die keine Angst vor großen Herausforderungen hat“. Die Soziologie als akademische Disziplin sei auch heute noch „in“, dass belegten die hohen Studierendenzahlen. Man sei kritisch und schone weder sich noch andere. Dass derzeit gleichwohl nicht alles zum Besten bestellt ist am gastgebenden Institut, macht die Präsidentin am Ende ihres Grußwortes deutlich, als sie dessen in divergierende Lager strebende Mitglieder mit Verweis auf die „akademische Streitlust der Soziologen“ dazu mahnt, mit- und nicht gegeneinander zu streiten.

Nach der Präsidentin tritt die nächste Rednerin inkognito ans Pult, von der man nach dem oben genannten Verfahren schon bald weiß, dass es sich um Angela Dorn-Rancke handelt, ihres Zeichens Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kultur. Die Ministerin lässt von Beginn an keine Zweifel an ihrer Zeitnot aufkommen und legt bei ihrer Grußadresse ein erstaunliches Tempo vor. Nach einem raschen Blick über die Schulter, bei dem neben Wilhelm Merton, einem der wichtigsten Förderer der Frankfurter Universität, auch Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kurz im Rückspiegel auftauchen, eilt Dorn-Rancke in schwindelerregendem Tempo durch ihr Manuskript. Der Sinn bleibt dabei gelegentlich auf der Strecke: Um die Bedeutung der Soziologie ermessen zu können, müsse man sich nur mal eine Welt ohne Soziologie vorstellen, in der es dann auch keine Forschung zu Radikalisierung, Migration, sozialer Ungleichheit oder zur Veränderung der Arbeitswelt mehr gebe. Die Soziologie sei „nah am Puls der Gesellschaft“ und „eine Lebenswissenschaft im besten Sinne“. In Zeiten, in denen die nicht zuletzt maßgeblich von Frankfurt aus geprägte Frauen- und Geschlechterforschung nicht mehr unumstritten und der Frauenanteil im Bundestag auf 30 % gesunken und damit „so schlecht wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr“ sei, brauche es die Expertise und „einzigartige Vielfalt“ der Soziologie. Leider müsse sie jetzt zum nächsten Termin. „Halten Sie unserer Gesellschaft immer wieder den kritischen Spiegel vor!“, ruft die Ministerin fröhlich, denn hier an der Universität sei schließlich „der Hort der Vernunft“. Nein, man hat sich nicht verhört. Es ist die gleiche wohlfeile Phrase, mit der wenige Wochen zuvor ihr Thüringer Amtskollege Wolfgang Tiefensee die Teilnehmer*innen zur Eröffnung der DGS-Regionalkonferenz in Jena begrüßte. (Teilen die beiden sich denselben/dieselbe Redenschreiber/in? Oder gibt es mittlerweile eine App, die vielbeschäftigten Politiker*innen anlassbezogene Formulierungen anbietet?) Man möchte verzweifeln, angesichts der Ideenlosigkeit und dem Desinteresse, das aus solchen Worten spricht.

Im Anschluss an die davon eilende Ministerin ergreift mit Ina Hartwig die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt das Wort. Dem Anlass wie ihrem Amt gemäß erinnert sie an die zivilgesellschaftlichen Ursprünge und den für die Verhältnisse im Kaiserreich außergewöhnlich fortschrittlichen Charakter der 1914 gegründeten Frankfurter Universität, die von ihr als die seinerzeit „bürgerlichste“, „modernste“ und „liberalste“ Hochschule Deutschlands gewürdigt wird. (Seinerzeit, wohlgemerkt.) Dass der wiederholte Gebrauch des Superlativs nicht allein dem feierlichen Anlass, sondern durchaus auch den historischen Tatsachen geschuldet ist, verdeutlicht Hartwig, indem sie auf die besonderen Bedingungen verweist, die seinerzeit an der Frankfurter Stiftungsuniversität geherrscht hätten: der bewusste Verzicht auf die Errichtung einer Theologischen Fakultät, die rechtliche und finanzielle Unabhängigkeit vom preußischen Staat sowie – ein Novum für damalige Verhältnisse – die freie Vergabe von Stiftungsmitteln ohne Rücksicht auf etwaige konfessionelle Bindungen. Insbesondere Letztere habe dafür gesorgt, so Hartwig, dass zahlreiche jüdische Wissenschaftler in Frankfurt ordentliche Professuren erhielten, die ihnen an vielen Universitäten in Preußen und im Reich verwehrt blieben. Überflüssig zu sagen, dass die von Hartwig ausgewählten historischen Bezugspunkte nicht zuletzt auch eine gegenwartsbezogene politische Botschaft transportieren sollen, die dem versammelten bürgerlichen Publikum die Bedeutung von Werten wie Großzügigkeit, Toleranz und Freiheit ins Gedächtnis ruft. Ebenso überflüssig zu betonen, dass sie damit bei den Anwesenden offene Türen einrennt. Andere als Gleichgesinnte sind im Saal nicht auszumachen.

Die Reihe der Grußworte beschließt Birgit Blättel-Mink, die aus ihrer Identität dankenswerter Weise kein Geheimnis macht und sich als Vorsitzende der DGS sowie als Angehörige des gastgebenden Instituts zu erkennen gibt. Ihr kurzer Vortrag nimmt seinen Ausgang von dem interessanten historischen Faktum, dass die Soziologie in Deutschland als Wissenschaft bereits etabliert war, bevor sie 1919 durch die kurz hintereinander erfolgten Lehrstuhlgründungen in Frankfurt und Köln auch zu einer akademischen Disziplin wurde. Daran anknüpfend erinnert sie an die von Beginn an konflikthafte Geschichte der 1909 ins Leben gerufenen Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die Marianne Weber ob der beständigen Querelen bereits im zweiten Jahr ihres Bestehens zum Teufel gewünscht habe. Mit dem Verweis auf die miteinander konkurrierenden Schulen und die fachinternen methodischen Auseinandersetzungen verbindet die Vorsitzende der DGS offenkundig ebenfalls eine über den konkreten Anlass hinausweisende Botschaft. Wie diese lautet und an wen sie sich richtet, wird deutlich, als sie von der „Einheit der Soziologie als Wissenschaft“ spricht und sich und ihren Frankfurter Kolleg*innen attestiert, sie seien „in der wunderbaren Lage, das Fach in seiner ganzen Breite zu repräsentieren“, aber auch, „Schwerpunkte zu setzen“. Offenkundig ist Blättel-Mink bemüht, den sowohl auf der institutionellen Ebene zwischen der DGS und der Akademie für Soziologie als auch im Frankfurter Institut schwelenden Streit zwischen ,Qualis’ und ,Quantis‘ rhetorisch nicht weiter zu befeuern, sondern zu entschärfen. Das Publikum quittiert die salomonischen Worte mit freundlichem Applaus.

 

Die Danksagung (Zwischenspiel des GD)

Während man – nicht ohne eine gewisse Erleichterung – ein Häkchen hinter den ausgeuferten Programmpunkt „Grußworte“ setzt, entert mit Thomas Scheffer der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Soziologie die Bühne. Sichtlich gut gelaunt nutzt er die Gelegenheit für ein paar persönliche Worte über die von ihm repräsentierte Institution und ihre Angehörigen, wobei er insbesondere das „Frankfurter Reizklima“ lobt, in dem die Beteiligten über alle Statusgruppen hinweg kollektiv miteinander arbeiteten. Er erinnert an die Institutsgeschichte, in deren Verlauf viele der dort beschäftigten Wissenschaftler*innen von den Nationalsozialisten zur Flucht und ins Exil gezwungen wurden, und ruft zur Solidarität auf mit allen Intellektuellen und Akademikern, die aufgrund ihrer Arbeit auch heute in vielen Ländern angefeindet oder verfolgt werden. Auch dafür rühren sich im Auditorium viele Hände. Der nachfolgende Übergang vom Appell zur obligatorischen Danksagung an die vielen verschiedenen Unterstützer*innen, die es zur Durchführung einer solchen Festveranstaltung braucht, gelingt Scheffer allerdings nicht ohne stilistische Wackler. „Da sind die vielen geldgebenden Institutionen, deren Namen können auf dem Plakat nachgelesen werden“, heißt es kühl in Richtung der Sponsoren. (Die Riege der inneren Preisrichter notiert Abzüge für Haltungsfehler, die offenbar aus der Verwechslung von Unhöflichkeit mit Kapitalismuskritik resultieren.) Umso herzlicher fällt dafür der Dank an die vielen helfenden Personen und die Mitglieder des Festkomitees aus, die namentlich erwähnt werden. Sympathisch auch Scheffers besonderer Dank an Institutsreferentin Heike Langholz, die „Maschinistin des Instituts“, die mit einem großen Blumenstrauß geehrt wird. Weniger sympathisch als vielmehr symptomatisch ist hingegen, dass der noch verpackte Strauß auf offener Bühne vom Papier befreit werden muss. (Mindestens drei der inneren Preisrichter schauen gequält, zwei weitere schütteln ungläubig die Köpfe.) Scheffer macht das Beste aus der Situation und überspielt den Fauxpas mit jungenhaftem Charme. Dann ist auch diese Einlage vorüber und mit einem laut herausgerufenen „Wir sind voll in der Zeit!“ übergibt der GD, dem bei der Deutschen Bahn ohne Frage eine große Karriere beschieden wäre angesichts der Keckheit, mit der er die jetzt schon eingefahrene Verspätung von einer halben Stunde einfach weglächelt, die Moderation an seinen Institutskollegen Claudius Härpfer.

 

Die erste Podiumsdiskussion

Härpfer, dem zusammen mit der Gesprächsleitung der nun anstehenden ersten Podiumsdiskussion die undankbare Aufgabe obliegt, den zeitlichen Rückstand nicht noch weiter anwachsen zu lassen, stellt zunächst die Teilnehmer*innen des ersten Podiums vor. Mit Regina Becker-Schmidt, Ute Gerhard, Wolfgang Glatzer, Vera King, Max Miller und Ferdinand Sutterlüty (in alphabetical order) hat man drei aktive und drei emeritierte Professor*innen geladen, die das Institut aus jahrelanger eigener Erfahrung kennen. Das Thema „Rückblick auf Frankfurter Traditionslinien“ ist gut gewählt, das Format und die Anzahl der Teilnehmenden hingegen ist es, nicht zuletzt mit Blick auf die knapp bemessene Zeit, eher nicht. Denn das Programm, das Härpfer dem Publikum ankündigt, ist mehr als ambitioniert: Jeweils ein kurzes Statement aller Teilnemer*innen, danach eine Diskussion auf dem Podium und am Ende schließlich Fragen aus dem Publikum. Das, so Härpfer nicht ohne Ironie, seien die drei Stadien, die jede soziologische Podiumsdiskussion nun mal durchlaufen müsse. Noch bevor das erste Statement verlesen wird, weiß man, dass dieser Plan zum Scheitern verurteilt ist und bedauert, dass die Veranstalter*innen sich offenbar nicht dazu durchringen konnten, das von Härpfer angesprochene eherne Drei-Stadien-Gesetz zu brechen. Was folgt, ist eine Art Live-Twitter: Nacheinander treten die Teilnehmer*innen ans Mikro, um – von Härpfer freundlich, aber bestimmt zur Einhaltung der maximalen Redezeit von fünf Minuten ermahnt – ihre Kurznachrichten zu versenden. Um ihre Rolle bei dieser Groteske sind weder die Referent*innen noch der Moderator zu beneiden. Als erste spricht Regina Becker-Schmidt. Sie verweist auf die Tradition der in Frankfurt im Anschluss an Horkheimer und Adorno entwickelten Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, die es sich zur Aufgabe gesetzt habe, die Widersprüche und Risse in der bürgerlichen Gesellschaft offenzulegen, in der trotz aller Zugewinne an Freiheit das demokratische Versprechen der Gleichheit bis heute nicht eingelöst worden sei. Gegenwärtig komme es vor allem darauf an, die imperialistischen Ursachen von Flucht und Migration offenzulegen. Und natürlich brauche es auch weiterhin eine kritische Frauen- und Geschlechterforschung. Fliegender Wechsel. Ute Gerhard, bis zu ihrer Emeritierung 2004 Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Frauen- und Geschlechterforschung an einer deutschen Universität und ehemalige Direktorin des maßgeblich auf ihre Initiative hin gegründeten Cornelia Goethe Centrums, erinnert an eine abgebrochene Traditionslinie: Wie, so fragt sie, hätte sich die Geschichte des Instituts für Soziologie und der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften wohl entwickelt, wenn die Mitglieder der 1933 durch die Nazis von der Universität vertriebenen Gruppe linksorientierter und jüdischer Wissenschaftlerinnen[2] um Karl Mannheim und seinen damaligen Assistenten Norbert Elias nach 1945 zurückgekehrt beziehungsweise zurückgeholt worden wären (wozu die männlichen Vertreter der Frankfurter Schule keine Anstalten machten)? So habe man in der Frauen- und Geschlechterforschung vieles mühsam neu aufbauen müssen. (Die Redezeit? Souverän überschritten.) Als nächster twittert Wolfgang Glatzer, der an die Tradition der Soziologentage erinnert, deren erster vom 19. – 22. Oktober 1910 in Frankfurt stattfand.[3] Von den anschließend präsentierten Anekdoten lässt insbesondere jene über den ersten Lehrstuhlinhaber den Saal aufhorchen: „Oppenheimer ist 1943 in Los Angeles gestorben und hat sich 2006 auf den Frankfurter Südfriedhof umbetten lassen.“ Klingt tatsächlich sensationell, ist aber lediglich ein Versprecher.[4] Und weiter geht’s. Ans Mikrofon tritt Max Miller, aktiver Seniorprofessor und ehemaliger Mitarbeiter von Jürgen Habermas. Ihm zufolge lassen sich Traditionslinien nur fortsetzen, wenn man sie erneuert. Das zentrale Problem, um dass es Miller geht, ist das der Legitimierung einer kritischen Gesellschaftstheorie. Abgesehen davon brauche es eine neuerliche Beschäftigung mit der sowohl von Adorno als auch von Habermas vernachlässigten politischen Ökonomie, um den die Demokratie gefährdenden Auswüchsen des Kapitalismus zumindest theoretisch begegnen zu können. Dass er in diesem Zusammenhang ausgerechnet Wolfgang Streeck als leuchtendes Beispiel anführt, wird man in Starnberg nicht gerne hören.

Ferdinand Sutterlüty, der kommissarische Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS), verweist auf die empirischen Forschungen der älteren Frankfurter Schule zu Antisemitismus, Autoritarismus und Vorurteilsstrukturen. Die Frage, wie tief bestimmte Vorurteilsstrukturen in die Subjektivität eingelassen sind, sei nach wie vor aktuell. Das von Erich Fromm entwickelte Konzept des „rebellisch-autoritären“ Typus könne auch für heutige Analysen ein möglicher Anknüpfungspunkt sein. Gerade die sozialpsychologischen Arbeiten der Frankfurter zeigten, dass es ihnen keineswegs nur um Kritik gegangen sei, sondern dass sie stets auch einen explikativen Anspruch verfolgt hätten.

Vera King, die Direktorin des Sigmund Freud Instituts, hebt demgegenüber vor allem die Analyse der psychologischen Folgen sozialen Wandels als bedeutende Traditionslinie und wichtiges Aufgabenfeld der Arbeit des SFI hervor: Wie kommt es, dass Subjekte sich an Bedingungen anpassen, die ihnen schaden? Wie funktioniert dysfunktionale Anpassung? Und wie gehe es vor sich, dass sich die Verhältnisse hinter dem Rücken der Subjekte durchsetzen? Diese Fragen gelte es zu beantworten, wenn man die neuen Formen von Rassismus, Sexismus und Antisemitismus, die in der Gesellschaft auf dem Vormarsch seien, begreifen wolle.

Im Anschluss eröffnet Härpfer die erste Runde auf dem Podium. Statt selbst einen Versuch zur Deutung und Einordnung der Beiträge zu machen, gibt er die Frage nach dem Verbindenden zwischen den gerade skizzierten Traditionslinien an die Vortragenden zurück. Da er niemanden konkret anspricht, geht es wieder reihum: Becker-Schmidt ist auf Draht und betont den konfliktorientierten Charakter aller Ansätze. Miller erklärt, Brüche seien auch wichtig, und erinnert noch einmal an die notwendige Verknüpfung von Soziologie und Ökonomie. Sutterlüty gibt zu Protokoll, dass kritische Theorie mit der Rekonstruktion bereits vorhandener Normen beginne und verweist auf den Ansatz von Axel Honneth, dessen Name heute noch gar nicht gefallen sei. Miller, der von seinem Thema nicht lassen will, moniert, die kritische Theorie könne ja nicht einmal begründen, was gesellschaftlicher Fortschritt sei. Sutterlüty verweist auf Frauenwahlrecht und Gleichstellung als offenkundige Beispiele. Miller insistiert, es gehe um Erklärung, nicht um Intuition. Bevor Sutterlüty abermals entgegnen kann, bereitet Gerhard dem Zwiegespräch der nicht mehr ganz jungen weißen Männer mit einer beherzten Intervention ein Ende und setzt, unter vereinzeltem Applaus aus dem Publikum, die unterbrochene Antwortrunde fort. Unter Verweis auf die Entwicklung der Frauenbewegung und der Frauenemanzipation betont sie den dialektischen Charakter von Aufklärungsprozessen und die Notwendigkeit, wach zu bleiben für die ,blinden Flecken‘ erreichter und erkämpfter Fortschritte. King verweist auf das Erfordernis der Vermittlung von empirischer Forschung und kritischer Theoriebildung durch eine erkenntniskritische Reflexion, welche die soziale Realität sowohl in ihrer Vielschichtigkeit als auch in ihren Widersprüchen erfasse. Mit kritischer Reflexion als kleinstem gemeinsamen Nenner kann auch Glatzer gut leben, der bekennt: „Ich habe immer noch ein Problem damit, wenn jemand mir sagt: ,Ich bin kritisch und du bist es nicht.‘“ Nach einer weiteren Runde, in der die Kooperation zwischen dem IfS und dem SFI im Vordergrund steht, beendet Härpfer die Podiumsdiskussion. Mit Blick auf die fortgeschrittene Zeit will er nur noch eine Frage aus dem Publikum zulassen. Seine Ankündigung wird von selbigem mit Lachen quittiert. Dafür ist man sich dann doch zu schade.

 

Der Festvortrag

Kaum dass die Diskutanten ihre Plätze geräumt haben, stellt Helma Lutz, die Geschäftsführende Direktorin des Cornelia Goethe Centrums, mit Saskia Sassen die Hauptrednerin des Tages vor, der es nach der gesundheitsbedingten Absage von Jürgen Habermas obliegt, den alleinigen Festvortrag zu halten. Mit der an der Columbia University und der London School of Economics lehrenden Soziologin haben die Verantwortlichen eine international renommierte Sozialwissenschaftlerin für die ehrenvolle Aufgabe gewonnen, deren Arbeiten zu den Themen Stadtentwicklung, Migration und Globalisierung – mit den Worten von Ministerin Dorn-Rancke gesprochen – zudem „nah am Puls der Gesellschaft“ sind. Alles richtig gemacht also, sollte man meinen. Aber wie so oft im Leben kommt es auch in diesem Fall anders und der vermeintliche Höhepunkt der Veranstaltung gerät – man muss es so deutlich sagen – zum Fiasko. Denn im Gegensatz zur großen Mehrzahl ihrer Kolleg*innen, die bei einer solchen Gelegenheit wenn schon kein neues, so doch immerhin ein älteres und wenigstens dem örtlichen Publikum noch unbekanntes Manuskript aus der Tasche geholt hätten, hat Sassen gar kein Manuskript dabei. Stattdessen improvisiert sie einen Vortrag, der nicht nur aufgrund der sprunghaften PowerPoint-Präsentation streckenweise eher wie ein missglücktes Referat anmutet. Unter der Überschrift „The Rise of Extractive Logics“ präsentiert sie ein Konglomerat mehr oder weniger bekannter Versatzstücke aus ihren Forschungen, die unterschiedliche Aspekte urbanen Wandels unter Bedingungen des Finanzkapitalismus thematisieren, aber durch keinen roten Faden, geschweige denn durch eine leitende These zusammengehalten werden. So muss man sich ausgerechnet am Finanzplatz Frankfurt anhören, dass die Big Player im Finanzkapitalismus doch tatsächlich dazu tendierten, alle Objekte – Gebäude und Wohnquartiere eingeschlossen –, in Anlage- und Vermögenswerte (assets) zu verwandeln. („Nein!“ „Doch!“ Ooohhh!“) Mindestens ebenso problematisch wie die teilweise zwielichtigen Geschäfte ausländischer Investoren seien aber auch der gewachsene Wohlstand und die veränderten Lebensgewohnheiten der Mittelschichten, deren Angehörige den Verdrängungswettbewerb in vielen innerstädtischen Gebieten dramatisch verschärften. In Wohnungen, in denen früher eine Familie gelebt habe, lebe heute häufig nur noch eine Person. Zum Beleg muss noch einmal das hinlänglich bekannte Beispiel von der Explosion der Mieten und Immobilienpreise in und um Los Angeles im Zuge des Booms der Internetbranche im Silicon Valley herhalten. Während Sassen sich weiter durch die Folien klickt, kann man sich als Zuschauer nur schwer des Eindrucks erwehren, dass sie von dem, was über ihrem Kopf auf der Leinwand erscheint, mitunter ebenso überrascht ist wie man selbst. Manche Folien werden kommentarlos übergangen, bei anderen hält sie kurz inne, um sie wort- und gestenreich zu kommentieren. Hin und wieder in den Saal geworfene ironische Bemerkungen sollen lustig sein, sind es aber nicht. Eine Dramaturgie sucht man in all dem vergebens. Ist eben noch vom intermediären Charakter der globalen Städte (global cities) die Rede, die als Knotenpunkte einerseits die notwendige personelle und institutionelle Infrastruktur für die Geschäftsmodelle der Hochfinanz bereitstellten, andererseits aber selbst in immer stärkerem Maße zu deren Spekulationsobjekten mutierten, geht es im nächsten Moment um die Tatsache, dass der Großteil der weltumspannenden Finanzgeschäfte in privaten Netzwerken abgewickelt wird oder um den starken Anstieg der Verschuldung privater Haushalte in ausgewählten Staaten. Selbst die Binsenweisheit, dass die Agenten des Finanzkapitals nicht davor zurückschreckten, Profit aus dem Handel mit faulen Hypothekenanleihen zu machen, ist Sassen mehr als zehn Jahre nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise noch einmal eine Mitteilung wert. Während einem selbst angesichts des Auftritts, dessen freiwillig unfreiwilliger Zeuge man ist, immer unwohler zumute wird, fühlt sich Sassen in ihrer Rolle offenbar pudelwohl. „You can see, I’m a very happy person who talks about a lot of negative things“, sagt sie lachend am Ende ihrer Ausführungen. Auch die von Helma Lutz im Anschluss an den höflichen Applaus des Publikums angekündigte Kaffeepause findet ihre Zustimmung: „Yeah, let’s have a drink!“, ruft Sassen, und zumindest in diesem Punkt ist man mit ihr einer Meinung, denkt dabei aber nicht unbedingt an koffeinhaltige Heißgetränke. (Die Riege der konsternierten Preisrichter versammelt sich derweil geschlossen an der Bar und verlangt nach Hochprozentigem.)

 

Die zweite Podiumsdiskussion

Als man nach der wohltuenden Unterbrechung, in der exquisite süße Naschereien den bitteren Nachgeschmack des Vortrags kurz vergessen lassen, vor der Zeit in den Saal zurückkehrt, wird man von Tina Turner mit „What’s Love Got To Do With It“ empfangen. (Die Preisrichter bleiben an der Bar und ordern gleich die nächste Runde.) Zwei weitere Songs später geht es weiter. Anders als die Reihen im Publikum, die sich in der Zwischenzeit deutlich gelichtet haben, ist das Podium voll besetzt. „Das sind meine Gäste“, sagt Moderatorin Katharina Hoppe vom Institut für Soziologie, und gesteht, sich ein bisschen wie Anne Will zu fühlen. Neben Daniela Grunow und Thomas Lemke vom gastgebenden Institut sind mit Steffen Mau (Berlin) und Paula-Irene Villa (München) diesmal auch zwei auswärtige Lehrstuhlinhaber zum Talk geladen. Komplettiert wird die Riege der Ordinarien durch Viona Hartmann und Nils Kühl, die für die Statusgruppe der Frankfurter Studierenden auf der Bühne Platz nehmen. Nach einer ebenso knappen wie freundlichen Einführung, in der Hoppe ,ihre‘ Gäste vorstellt, beginnt das Frage-Antwort-Spiel. Was folgt, ist ein freundliches intellektuelles Geplänkel, bei dem man sich bereits nach kurzer Zeit ebenfalls wie bei Anne Will fühlt – und innerlich abschaltet. (Die Preisrichter trinken inzwischen Bruderschaft mit dem Barkeeper.) Grunow, die sich als Vertreterin des empirisch-analytischen Paradigmas vorstellt, verweist auf Digitalisierung und technologischen Wandel als große Herausforderungen und stellt die Frage, „was das mit uns als Menschen und mit unseren Forschungsdaten macht“. Hartmann hebt das breite Angebot der Frankfurter Universität an alternativen und kritischen Formen der Wissensproduktion hervor, in dem man sich als Studierende durchaus verzetteln könne, „weil es so viele interessante Dinge gibt“. Kühl stößt in dasselbe Horn, trompetet dabei allerdings deutlich lauter: Die Studierenden in Frankfurt hätten „unentbehrliche Reflexionsräume“ erkämpft, die dazu beitrügen, ein offenes, antirassistisches und antisexistisches Klima aufrecht zu erhalten. Lemke empfiehlt der Soziologie ein verändertes disziplinäres Selbstverständnis. Sie müsse ihre Anliegen nicht nur sehr viel stärker als bisher auch in nichtakademische Öffentlichkeiten kommunizieren, sondern diese Öffentlichkeiten auch bei der Produktion von Wissen stärker berücksichtigen als bisher. Mit dem Selbstbewusstsein eines Autors, der in den vergangenen Jahren gleich zwei vielbeachtete soziologische Bücher veröffentlicht und entsprechende mediale Aufmerksamkeit erfahren hat, erklärt Mau, die Soziologie müsse „große Schiffe selber steuern“ und dürfe „nicht zur Assistenzwissenschaft“ werden. Statt weiter über Public Sociology zu diskutieren, solle man es doch einfach mal ausprobieren: „Just do it!“ Villa hält dagegen, die von Mau angemahnte, stärkere öffentliche Präsenz der Soziologie sei längst Realität: „Das machen wir doch schon!“ Die Lage sei deutlich besser als beschrieben und das Fach in der Öffentlichkeit durchaus präsent. In dem Stil geht es weiter hin und her. Als nach einer gefühlten Ewigkeit das Ende der Diskussion erreicht ist, wirkt nicht nur das Publikum erleichtert. Auch bei den Protagonisten der Veranstaltung auf und neben dem Podium meint man eine gewisse Entlastung zu verspüren: Pflicht erfüllt.

 

Schluss

Für das erlesene Buffet, das in der Eingangshalle des Casinos auf die verbliebenen Gäste wartet, bleibt angesichts der inzwischen angefallenen Verspätung keine Zeit mehr. Es reicht für ein Glas Wein und Fingerfood im Stehen. Als man auf dem Weg zum Bahnhof einen letzten Blick durch die großen Glasscheiben in den Festsaal wirft, ereilt einen das zweite Déjà-vu des Tages. Wie ihre Kolleg*innen in Jena, sieht sich auch das in Frankfurt zur musikalischen Untermalung des Ereignisses eingeladene Jazzensemble des Hoch’schen Konservatoriums (ja, das schreibt man wirklich so) dazu genötigt, ihre hohe Kunst vor leeren Stuhlreihen zu präsentieren, dieweil das abwesende Publikum nebenan lukullischen Genüssen frönt. Es ist der letzte eines an Formfehlern reichen Nachmittags, den man notiert, bevor man sich endgültig auf den Heimweg macht. (Am Tresen erheben zum Abschied die Preisrichter und der Barkeeper noch einmal ihre Gläser: „Prost, Frankfurt! Auf die nächsten 100 Jahre.“)

Fußnoten

[1] Vgl. Juliane Hoheisel, Zwischen Muff und Würde. Verschwinden und Wiederkehr des Talars an deutschen Universitäten nach 1945, in: Die Hochschule. Journal für Wissenschaft und Bildung 26 (2017), 2, S. 142–154.

[2] Siehe hierzu Claudia Honegger, Jüdinnen in der frühen deutschsprachigen Soziologie, in: Mechtild M. Jansen / Ingeborg Nordmann (Hg.), Lektüren und Brüche. Jüdische Frauen in Kultur, Politik und Wissenschaft, Wiesbaden 1993, S. 178–193.

[3] Vgl. dazu Leopold von Wiese, Der erste Deutsche Soziologentag (19.–22. Oktober 1910), in: Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie 4 (1911), 2, S. 274–279.

[4] So dachte man jedenfalls – bis man vom Redner in einer freundlichen Mail nachträglich eines Besseren belehrt wurde. Demnach handelte es sich bei dem vermeintlichen Versprecher um eine mit Bedacht gewählte Bemerkung, da offenbar „Franz Oppenheimer sein Grab in Frankfurt schon in der Weimarer Zeit reserviert und […] damit persönlich seine Umbettung vorbereitet“ hat. Ich danke Herrn Prof. em. Wolfgang Glatzer für diesen Hinweis. (Nachtrag v. 30. 11. 2019; K. M.) 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.