Göttinger Splitter V: Freitag

Bericht vom 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

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Göttinger Splitter III: Mittwoch

Göttinger Splitter IV: Donnerstag

Das finale Urteil

9:00 Uhr: Die Supervision des Kongressmottos auf den Freitagmorgen zu terminieren, erwies sich als kluger Schachzug, erlaubte ein solches Vorgehen der einberufenen Gutachterkommission doch die Erfahrungswerte der vergangenen Tage in das finale Urteil miteinfließen zu lassen. Unter den Vorsitzenden Henning Laux (Chemnitz) und Rainer Greshoff (Bremen) stellte die Sektion ‚Soziologische Theorie‘ somit zur Disposition, inwieweit „Komplexität als Konzept der Sozialwissenschaften“ als „aussagekräftiges Analyseinstrument“ tauge, oder ob es sich um eine „überflüssige Allerweltsperspektive“ handle, die es zu verwerfen gelte. Es ging also gleich ans Eingemachte. Den Spannungsbogen straffte zusätzlich, dass die ersten drei Voten wohl kaum differenzierter hätten ausfallen können:

Zunächst legte Ariane Leendertz (Köln) auf Basis einer überzeugenden begriffsgeschichtlichen Rekonstruktion dar, wie insbesondere die amerikanischen Sozialwissenschaften ein metaphorisches Verständnis von Komplexität in Reaktion auf die gesellschaftlichen Konflikte der 1970er- und 1980er-Jahre ausbildeten und popularisierten. Aus den epistemologischen Problematiken einer solchen Vermengung analytischer und metaphorischer Terminologie ergaben sich zudem, wie Leendertz argumentierte, gesellschaftspolitische Konsequenzen: Wenn der hohe Komplexitätsgrad moderner Gesellschaften zielsichere Eingriffe ohnehin unmöglich mache, wieso dann nicht gleich mit schwerem Gerät operieren? Leendertz rekurrierte in diesem Zusammenhang etwa auf die Politik Ronald Reagans und plausibilisierte damit, dass simplifizierende Politikverständnisse im Kontext eines entpolitisierenden Komplexitätsbegriffs potenziell Aufwind erhalten können. Kontemporäre Analogien sparte sie hingegen aus – wohlwissend, dass sie der aufmerksamen Zuhörerschaft ohnehin sofort in den Sinn kommen würden.

Dieser an das Fach gerichteten Warnung vor den Fehlern vergangener Dekaden schloss sich – wenn auch in weniger scharfem Ton – Thomas Kron (Aachen) aus der Perspektive der Gewaltforschung an. Ihm zufolge habe es sich in diesem Themenfeld als heuristisch nützlich erwiesen, mit dem Komplexitätsbegriff unter anderem die Multikausalität, Nichtlinerarität, Rekursivität, Pfadabhängigkeit und Nichtprognostizierbarkeit von Gewalthandlungen zu fassen. Auf Nachfrage erläuterte er mit Verweis auf Mayntz, dass sich jene Eigenschaften stets in der begrifflichen „Aura des assoziativ mitgedachten“ befänden. Im Anschluss demonstrierte Kron anhand dreier Fallbeispiele, weshalb und in welcher Hinsicht die unter dem Komplexitätsbegriff gefassten Aspekte für die Erklärung von Gewaltphänomenen von Nutzen seien. Auf diese Weise führte er die methodologische Attraktivität des Konzepts bei gleichzeitig theoretischer Unattraktivität vor.

Auf deutlich höherer Abstraktionsebene bewegte sich die These des Vortrags von Frank Welz (Innsbruck), die da lautete: Auf jede komplexe Frage gibt es eine einfache Antwort. Von diesem Postulat ausgehend formulierte er eine Verteidigung der Metatheorie des komplexen Designs. Dieser unter anderem von Immanuel Wallerstein präferierte Ansatz zeichne sich nicht nur durch seine riesigen Ambitionen aus (etwa die Aufhebung sämtlicher Dualismen), sondern beruhe zudem auf der Annahme, die räumlichen wie zeitlichen Hypotheken der Quantenmechanik für die Analyse der sozialen Welt nutzbar zu machen. Ein solches Verständnis der Welt in Relationen und Prozessen exemplifizierte Welz an der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise. Hier würden es komplexe Designs erlauben, die flachen Ontologien der Wirtschaftswissenschaften zu überwinden und die Ökonomie als historisch lebendiges System zu verstehen, weshalb, so konnte man mutmaßen, „Komplexe Designs“ statt „Komplexität“ den Kongress hätten überschreiben sollen.

Diese Pattsituation, in der euphorische und warnende Urteile sich die Waage hielten, überwand Renate Mayntz (Köln) mit einem salomonischen Urteil: Es ergebe dann – und nur dann! – Sinn von Komplexität zu sprechen, wenn der Begriff überzeugend operationalisiert werde. Die Grande Dame der deutschen Soziologie hatte nach eigener Aussage zwar nie im engeren Sinne zu den theoretischen Implikationen des Begriffes publiziert (empirisch allerdings durchaus https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/negotiated-reform/), dennoch stapelten sich seit Jahren eine Vielzahl von Exzerpten zu jenem „schillernden Begriff“ auf ihrem Schreibtisch, die ihr scharfsinnige Beobachtungen erlaubten. Zunächst bestätigte sie die von Leendertz diagnostizierten Probleme des Komplexitätsbegriffes, legte darauffolgend aber seine differenzierungstheoretische Grammatik offen. Wenn Komplexität ganz grundlegend die objektive Eigenschaft der Dinge bezeichne, würde ein Verweis darauf die Dinge zunächst einmal differenzieren, sie dann zueinander und schließlich zu ihrer doppelten Umwelt in Relation setzen. Fraglich erschien vor dem Hintergrund eines solch basalen Verständnisses aber, mit welcher Berechtigung biennale landesweite Kongresse den Begriff im Titel führten. Die theoretische Agenda liefere hierfür kein überzeugendes Argument: Zwar werde auf dem Kongress zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene unterschieden und sich zugleich für Stratifikation, Segmente und Schichten interessiert, differenzierungstheoretische Tiefenbohrungen jedoch glänzten durch Abwesenheit. Weder würde danach gefragt, wie und anhand welcher Kriterien die Grenzen zwischen einzelnen Teilbereichen gezogen werden könnten, noch welche Teilsysteme die generelle gesellschaftliche Entwicklungsdynamik dominierten. Am Ende fand die resolut Vortragende die Antwort auf ihre Frage in der Politik: Weil die völlig unerwarteten Ereignisse der vergangenen Jahre den politischen Erfahrungshorizont beherrschten, könnten sie die Wahl des Kongressmottos entscheidend beeinflusst haben. Damit verbannte Mayntz den Komplexitätsbegriff freilich nicht völlig von der sozialwissenschaftlichen Agenda, mahnte aber implizit eine spezifischere Operationalisierung an. Im Ergebnis stand fest: Komplexität ist ein „Allerweltsbegriff“, taugt aber unter gewissen Umständen dennoch als „aussagekräftiges Analyseinstrument“. (Lars Döpking)

 

 

Alles andere als dynamisch zeigten sich die Goldfische und Rotfedern in den Wasserbecken des Göttinger Campus (Foto: Stephanie Kappacher)

 

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Alles im Fluss

Freitagmorgen haben Heike Delitz (Dresden), Julian Müller (München) und Robert Seyfert (Duisburg-Essen) zu der Veranstaltung Anders-Werden: Die vielfältigen Formen sozialer Prozesse geladen. Die Veranstaltung ist trotz der am letzten Kongresstag zu erwartenden Müdigkeit sehr gut besucht; es herrscht eine diskussionsfreudige Atmosphäre.

Heike Delitz und Julian Müller umreißen zu Beginn kurz die im Veranstaltungstitel bereits anklingende Stoßrichtung der Ad-hoc-Gruppe. Ausgangspunkt ist ein leichtes Unbehagen gegenüber dem Thema des 39. Kongresses der DGS. Dabei ist weniger die bestechende Komposition virulenter buzzwords Anlass des Unbehagens, als vielmehr die dem Kongresstitel impliziten Grundannahmen. Hier schwinge (wie so häufig) das althergebrachte Bezugsproblem der Soziologie als Ordnungswissenschaft mit: Die Leitfrage der Soziologie ‘Wie ist soziale Ordnung möglich‘, schöpfe ihre Plausibilität aus durchaus problematischen Dichotomien von Ordnung/Unordnung respektive Stabilität/Wandel. Soziale Ordnung und Stabilität würden innerhalb dieses ordnungstheoretischen Paradigmas als gegeben oder zumindest erstrebenswert gesetzt, sozialer Wandel wiederum erscheine als das deviante, bedrohlich-krisenhafte oder bloß sekundäre Andere der Ordnung. Damit korrespondiere eine Vorstellung von sozialem Wandel, die Veränderung und Dynamik nur als die lineare Entwicklung von einem (stabilen) Zustand zu einem anderen denken kann. Der Ad-hoc-Gruppe geht es demgegenüber um eine Reformulierung und Vervielfältigung der dominanten ordnungstheoretischen Bezugsprobleme der Soziologie. In Anschluss an Autor*innen wie Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Cornelius Castoriades gelte es, die Frage gewissermaßen umzudrehen und den soziologischen Blick darauf zu richten, wie das permanente (Anders-)Werden, die stete Heterogenität und Gespaltenheit des Sozialen imaginär fixiert, Gesellschaft gleichsam als stabile Einheit imaginiert wird.

Ganz in diesem Sinne zeigt Micha Knuth (Berlin) anhand Marcel Gauchets historischer Sozialontologie auf, wie eine nicht-lineare Konzeption von sozialer Entwicklung aussehen könnte. Nach einer kurzen Einführung in Biografie und Werk Gauchets stellt Knuth die Grundzüge dessen historischer Sozialontologie thesenförmig vor. Als zentral erweisen sich dabei insbesondere zwei Annahmen: Erstens geht Gauchet von der konstitutiven Gespaltenheit jedweder Gesellschaft aus und zweitens bestimmt sich die Identität und Organisationform der Gesellschaft über die Art und Weise, wie diese konstitutive Gespaltenheit institutionalisiert wird. Insofern gebe es das Soziale für Gauchet nicht als solches, sondern stets nur in bestimmten politisch institutionalisierten Ausformungen. Von diesen Prämissen ausgehend rekonstruiere Gauchet nun verschiedene Gesellschaftsformen, von sogenannten ‚gegenstaatlichen Gesellschaften‘ der frühen Neuzeit bis hin zur modernen Demokratie. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen staatlichen und gegenstaatlichen Gesellschaften sehe Gauchet in den unterschiedlichen Formen des gesellschaftlich institutionalisierten Umgangs mit sozialem Wandel. Während Transformationen des Sozialen in gegenstaatlichen Gesellschaften mithilfe eines Dispositivs der Religion transzendental rückprojiziert würden, verhandelten staatliche Gesellschaften sozialen Wandel immanent; in der modernen Demokratie komme es so zu einer explizit verhandelten Selbstproduktion des Sozialen. Ob Gauchet letztlich nicht doch – gewissermaßen unter der Hand – eine linear-teleologische Geschichtsphilosophie reimportiert, kann auch in der an den Vortrag anschließenden Diskussion  nicht endgültig geklärt werden.

Im Anschluss bedient sich Daniel Felscher (Frankfurt/Oder) des Begriffspaars des Noising und Voicing des dezidierten Anti-Soziologen Jacques Rancière, nicht zuletzt, um nach dessen ‘Soziologisierbarkeit‘ zu fragen. Der Begriff des noise indiziere bei Rancière zum einen die absolute Störung und das Außen einer legitimen Ordnung als „aisthetischer Herrschaftsordnung“, und zum anderen die Schnittstelle zu einem Möglichkeitsraum der Transformation, wohingegen die Stimme (voice) in den Bereich der „policeylichen Herrschaftsordnung“ falle. Felscher geht es nun um eine Relativierung der Konzepte der “policeylichen Ordnung“ und der „Aufteilung des Sinnlichen“ und um eine soziologische Modifikation der Rancièr‘schen Begriffspaare. Er schlägt vor, noise (Politik) und voice (Policey) als prozessuale Kategorien zu verstehen. Voicing bezeichnet sodann Prozesse und Elemente der Versammlung, Aufteilung und Ordnung von Praktiken und deren Stabilisierung in Raum und Zeit. Als Noising fasst Felscher wiederum diejenigen Elemente und Prozesse des Sozialen, die sinnliche Aufteilungen destabilisieren und delegitimieren. Anhand straßenmusikalischer Praktiken illustriert er abschließend den Mehrwert dieser originellen sozialtheoretischen Begriffsarbeit und macht deutlich, dass Rancière für die Analyse sozialer Praktiken interessant werden kann, insofern man Noising (Politik) und Voicing (Policey) als gleichzeitig stattfindende, sich wechselseitig bedingende und paradox verschränkte Prozesse begreift. 

Estela Schindel (Frankfurt/Oder) adressiert in ihrem Beitrag daraufhin die realpolitischen Konsequenzen der verbreiteten Vorstellung eines Primats sozialer Ordnung. Sie thematisiert marginalisierte und invisibilisierte Subjekte als Produkte einer spezifisch gegenwärtigen Konfiguration von (migrantischer) Mobilität. Die Subjekte bewegten sich vollkommen losgelöst von Strukturen staatlich garantierter und/oder sozialer Sicherheiten. Zwar würden ihre Bewegungsmuster überwacht, gleichzeitig verblieben sie allerdings jenseits jeglicher institutioneller Schutzmechanismen. Mehr noch: sie würden als Namenlose aus der gesellschaftlichen Ordnung des Sichtbaren gänzlich herausfallen. Ihre Existenzweisen destabilisieren Schindel zufolge herkömmliche Auffassungen von Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft und sozialer Ordnung. Sie legt dar, dass die auf Stabilität, Kontinuität und/oder lineare Entwicklung ausgerichteten Sozialtheorien es nicht vermögen, die instabilen und liminalen Existenzen marginalisierter Subjekte adäquat zu erfassen und schlägt den Begriff des sozialen Verschwindens vor, um diese klandestinen Existenzweisen sozialtheoretisch einzufangen und ihnen so zu gesellschaftlicher Sichtbarkeit zu verhelfen.

Migrationsbewegungen bleiben auch in dem Beitrag von Yvonne Albrecht (Jena) Thema. Sie schlägt den Begriff transnationaler Emotionalität vor, um Prozesse des Affizierens und Affiziert-Werdens im Kontext von Migrationsprozessen sozialtheoretisch erschließbar zu machen. Allen anderslautenden Bekundungen zum Trotz sei das Modell statischer Container-Räume des methodologischen Nationalismus in den massenmedialen Debatten zu Migration und Integration weiterhin gegenwärtig. Darüber hinaus seien die Themen auch in den Sozialwissenschaften noch immer häufig mit der Vorstellung eines »Anders-Werden-Müssens«, also einer impliziten oder expliziten Assimilationsanforderung verknüpft. Albrecht macht sich dafür stark, die herkömmlichen Konzepte von Transnationalität um die marginalisierten Dimensionen der Affektivität und Emotionalität zu erweitern. Der Begriff der emotionalen Transnationalität biete sich an, um Migration als einen Prozess multipler Pendelbewegungen begreifbar zu machen, die (grenzüberschreitende) affektive Konnektivität von Individuen, Kollektiven und Artefakten ins Blickfeld zu rücken und auf diese Weise ein indeterminiertes Anders-Werden in Migrationskontexten sozialtheoretisch einzufangen.

Markus Holzinger (Göttingen) wendet sich abschließend den Ordnungsformen der Gewalt in ‘Peripherien‘ zu und hinterfragt kritisch die Ordnungsvorstellungen, die wir zugrunde legen, wenn wir in Bezug auf nicht-westliche Bürgerkriegsregionen von ‚failed states‘ oder ‘fragiler Staatlichkeit‘ sprechen. Die Soziologie klammere sich weiterhin an eurozentrische Strukturkategorien, mit der Folge, dass alle anderen Ordnungsformen als Abweichungen oder Ausnahmeerscheinungen modelliert würden. Insbesondere das klassische Vokabular der Modernisierungs- und Differenzierungstheorien greift Holzinger zufolge bei der Analyse postkolonialer Staatlichkeit nicht hinreichend. Demgegenüber gelte es diese Staatsformen als andere Gewalt-Ordnungen zu verstehen. Mit Kalevi Holsti, Jean Françoise Bayart und Trutz von Throta macht er unter anderem eine mangelnde “Durchstaatlichung“ nach westlichem Modell als Ursache für kriegerische Eskalationsprozesse aus.

Diese Deutung ruft regen Widerstand unter den Anwesenden hervor, sodass gegen Ende des Kongresses eine ungewöhnlich heftige, aber konstruktiv geführte Diskussion entbrennt. Zur Debatte steht dabei vornehmlich das Vokabular, das die Soziologie zur Beschreibung und Analyse (postkolonialer) sozialer Wirklichkeit heranziehen sollte und welches nicht – eine Debatte ganz im Sinne der Veranstaltung also. (Moritz Plewa)

 

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Die Black Box ausleuchten

Gehört man zu den glücklichen Auserwählten, denen auf dem Soziolog*innentag die Ausrichtung einer Ad-hoc-Gruppe gewährt wird, gibt es wohl kaum eine undankbarere Aufgabe, als diese ausgerechnet am Freitagmorgen abhalten zu müssen. Verschleißerscheinungen sind nach einer Woche Socializing, monumentalen 3-Stunden-und-mehr-Panels, einem im besten Fall fragwürdigen Hotelfrühstück und natürlich der Kongressparty dem Publikum deutlich anzumerken. Entsprechend dezimiert zeigt es sich an diesem Morgen. Sina Farzin (Hamburg) nimmt den kongressbedingten Schwund, der sie ihren Co-Gastgeber und scheinbar auch einen Referenten gekostet hat, dennoch äußerst gelassen hin.

Ihr Vorschlag, unsere eigene Theoriearbeit einmal soziologisch unter die Lupe zu nehmen, leuchtet unmittelbar ein: Wie kann es sein, dass eine Disziplin, die so theorieaffin ist und – zumindest in Deutschland – die Theoriebildung zur Königsklasse des eigenen Tuns erklärt, über den Prozess der disziplininternen Theoriebildung so wenig zu sagen hat? Obschon derlei Debatten in den letzten Jahren etwas intensiver geführt werden – etwa durch Andrew Abbott oder Richard Swedberg – ist Farzins Feststellung zuzustimmen, dass der Vorgang des Theoretisierens für uns weitgehend eine Black Box darstellt, die wir eher verrätseln und mystifizieren, als sie soziologisch zu reflektieren. Das von Farzin und Henning Laux (Chemnitz) anvisierte Forschungsprogramm stellt deshalb ein echtes Desiderat dar. Farzin selbst offeriert diverse Zugänge und Ansätze, an denen eine Soziologie der Theoriebildung ansetzen könnte, etwa am Prozess einer Skizze zum peer-reviewed article, an unseren in der Theorie verwendeten Metaphern und Gründungszenen oder aber bei der Frage, wie wir als research community Theorien kanonisieren, vergessen und reaktualisieren. Ganz im Sinne dieser explorativen Überlegungen werfen auch die nachfolgenden Beiträge – der vermisste Referent ist zur Freude aller wiederaufgetaucht – vor allem Schlaglichter auf mögliche soziologische Reflexionen des eigenen Forschungsprozesses.

Björn Krey (Mainz) unterzieht unter dem Stichwort der Ideographien den Prozess der qualitativen Forschung einer genaueren Betrachtung. Texte als „graphemische Reflektionsräume“ und das Selbstverständnis qualitativ Forschender im Umgang mit Schrifterzeugnissen stehen dabei im Zentrum. Er gewährt damit Einblicke in die Zufälle und Kontingenzen, die informellen Praktiken und Ambivalenzen soziologischer Forschung, die einen großen Teil der eingangs monierten Black Box der Theoriebildung ausmachen.

Mit dem Sound und der Atmosphäre theoretischer Texte beschäftigt sich Elena Beregow (Hamburg) und es macht große Freude, ihr bei der Umsetzung ihrer eigenen Theorie zuzuschauen. Mit den Konzepten der heißen und kalten Atmosphäre im Gepäck nimmt sie das Publikum mit durch den (heißen?) Sommer der Theorie, Luhmanns kühle Sachlichkeit und die zu Knappheit und Effizienz neigende zeitgenössische Theoriearbeit. Dass das Ganze nicht immer stringent bleibt, weil Beregow die beiden gegensätzlichen und (wie sie selbst anmerkt) zum Teil kontraintuitiven Konzepte von heißer und kalter Atmosphäre nutzt, stört dabei nur wenig. Ihr stärkstes Argument bleibt nämlich der Sound ihrer eigenen Präsentation, der spielerisch und fast literarisch die von ihr unterstellte Wirkmächtigkeit von Theorie-Atmosphären plastisch vor Augen führt.

Am Ende des Panels hat die Rekonstruktion einer Theoriebildung sui generis ihren Auftritt: Niklas Luhmanns berühmt-berüchtigter Zettelkasten. Der mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Luhmann‘schen Nachlasses betraute Johannes Schmidt (Bielefeld – woher auch sonst?) gewährt einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt des Systemtheoretikers und die Systematik seines etwa 90.000 einzelne Notizzettel umfassenden Zettelkastens. Das ist beeindruckend und im Sinne einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Luhmann‘schen Werkes eine lohnende Aufgabe; im Sinne einer Soziologie der Theoriebildung aber muss das Thema notwendigerweise ein randständiges bleiben, behandelt es zwar einen faszinierenden, gleichzeitig aber wohl kaum generalisierbaren Sonderfall. (Laura Wolters)

 

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Utopie oder Ideologie?

Zu Beginn der Veranstaltung zur „Nachhaltigen Gesellschaft“ drängte sich kurz das alte Vorurteil auf, die (vermeintlichen) ‚Ökos‘ hätten es nicht so mit neuen Technologien. Es brauchte gleich fünf Personen, um eine funktionierende Video-Liveschalte mit Barbara Muraca (Corvallis) und Daniela Gottschlich (Lüneburg) einzurichten. Nach einer knappen Viertelstunde war die Aufgabe bewältigt, wenn die beiden Referentinnen auch ihr Publikum nicht sehen konnten. Schade, denn das im Vergleich zu anderen Kongressveranstaltungen deutlich jüngere Publikum war zahlreich erschienen, Stühle waren Mangelware.

Der Organisator Benjamin Görgen (Münster) erläuterte zunächst die Dramaturgie der folgenden drei Stunden: Der Begriff der Nachhaltigkeit sollte auf die Frage hin abgeklopft werden, ob ihm der Stellenwert eines Ideals zukäme oder durch ihn gar ein nicht nachhaltiges System – namentlich: der Kapitalismus – unterstützt würde? Zumindest die große Anzahl der in Scharen erschienenen Interessent*innen ließ vermuten, dass Nachhaltigkeit ein beachtliches utopisches Potenzial in sich berge.

Björn Wendt (Münster), zweiter Organisator im Bunde und Referent zugleich, setzte sich ebenfalls für diese Lesart des Nachhaltigkeitsbegriffs ein. Nachdem er beide Seiten der Begriffsmedaille – Utopie und Ideologie – bezüglich ihrer unterschiedlichen Bedeutungsgehalte abgewogen hatte, kam er zu dem Schluss, Nachhaltigkeit dürfe als systemsprengende Utopie gelten. Dafür müsse das Konzept jedoch radikal gedacht werden – dann erst sei es möglich, eine grundlegende Transformation der bestehenden Politischen Ökonomie und Lebensweisen herbeizuführen.

Trotz der noch immer relativ frühen Morgenstunde wurde es im darauf folgenden Vortrag von Stephan Lessenich (München) unheimlich: Mit Verweis auf Butler hielt er fest, dass die herrschenden Verhältnisse das Ergebnis von „Erzeugung, Ausschluss und Verdrängung einer Sphäre verworfener Gespenster“ seien. In Europa spuke ein solches Gespenst momentan in Form der Verdrängten und Ausgeschlossenen dieser Welt umher. Vor derlei „Unheimlichen“ verschlössen nicht nur Kinder gerne die Augen, auch die Erwachsenen des Westens würden alles daran setzen, diese Gespenster auszublenden, zu verdrängen oder zu verleugnen. Denn ihre Existenz offenbare gleichzeitig, was bisher sorgsam verdeckt wurde: die sozial-ökologischen Bedingungen der eigenen Existenz. Diese seien in westlichen Gefilden durch einen doppelten Gesellschaftsvertrag verbürgt. Der erste sei der historische Kompromiss, bei dem die Bevölkerung ihre politischen Herrschaftsansprüche an die politische (und ökonomische) Elite abgäbe und im Gegenzug von ihr stetiges Wachstum, zunehmende Konsummöglichkeiten sowie Aufstiegschancen in Aussicht gestellt bekäme. Dieser Vertrag fuße allerdings auf einem weiteren zweiter Ordnung. Die Massen erwarteten von der zur Herrschaft ermächtigten politischen Elite, dass sie ihnen die Geschundenen und Elenden der Welt vom Halse halte – et voilà: der „koloniale Kompromiss“. In diesem Sinne könne Macht, so Lessenich, als das Nicht-Wissen-Müssen um die eigenen Lebensbedingungen verstanden werden. Würden wir etwa durch den Klimawandel oder Migrationsbewegungen doch einmal an die Bedingungen unseres Lebensstandards erinnert, zöge das beinahe automatisch die Wahrnehmung eines (drohenden) Machtverlusts nach sich.  

Sarah Miriam Pritz (Hamburg) thematisierte in ihrem Vortrag eine derzeit vielfach vorgeschlagene Strategie, um die Entstehung weiterer Gespenster zu verhindern: Häufig sei zu hören, das Subjekt müsse zu nachhaltigem Handeln veranlasst werden, weil eine nachhaltige Lebensgestaltung in der Lage sei, die zur Erzeugung von Geschundenen und Vernachlässigten beitragenden Bedingungen gar nicht erst zu schaffen. Individuen derart für ihre Lebensführung in Verantwortung zu nehmen, hätte jedoch, so gab Pritz zu bedenken, eine „Vernutzung“ von Subjektivität zur Folge: Die mit dem Schlagwort ‚Nachhaltigkeit‘ verbundenen Probleme seien schlichtweg zu groß, um sie nur auf rein individueller Ebene angehen zu können. Stress, Burnout & Co. seien die Konsequenzen. Der aktuelle Trend zur Achtsamkeit stünde damit in direkter Verbindung, werde er doch gerade eingesetzt, um eine Art Gegengewicht zu schaffen und der „Vernutzung“ von Subjektivität entgegen zu wirken. Auch der Hype um Achtsamkeit reihe sich damit in das beschriebene Subjektivierungsprogramm ein.

Warum die Achtsamkeitsstrategie zum Scheitern verurteilt sei, machte auch Stefanie Graefe (Jena) in ihrem Vortrag mehr als deutlich. Unter dem vielfach verwandten Begriff der „Resilienz“ würde in letzter Zeit verstärkt auf die Widerstandsfähigkeit von Subjekten gepocht. Kein Handbuch zu diesem Thema käme ohne einen Bezug zum Holocaust aus. Dort würde den Subjekten eingetrichtert: „Wenn Victor Frankl den Holocaust überleben konnte, dann können Sie ja wohl auch den Kapitalismus überleben!“ Doch die aktuell zu beobachtende Ablösung des Nachhaltigkeitsbegriffs durch den der Resilienz führe dazu, dass es eher darum ginge, wie Subjekte mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen könnten, statt darum, was getan werden müsste, um ihn aufzuhalten. Allerdings wäre auch das Konzept der Nachhaltigkeit nicht des Rätsels Lösung, weil es am Ende nur die Absenkung von Lebensstandards (insbesondere derjenigen der Mittelschicht im globalen Norden) thematisiere statt drängendere Probleme anzugehen. Insofern besäße es nur ein bescheidenes transformatorisches Potenzial.

Barbara Muraca (Corvallis) knöpfte sich vor diesem Hintergrund das Degrowth-Konzept vor, in dem sie die Chance für ein gutes Leben für alle verborgen sieht. Es sei eine von drei möglichen Antworten auf die seit den 1970er-Jahren lodernde Krise des simplen Wachstumsmodells. Die anderen beiden Kandidaten, nämlich 1) Schrumpfung ohne Transformation und 2) Grenzverschiebungen als neoliberale Antwort, würden Fragen über die Rahmenbedingungen des Zusammenlebens ausklammern – und wären gerade deshalb zum Scheitern verurteilt. Muraca plädierte deshalb für den Degrowth-Ansatz, der sowohl die Wirtschaftsstruktur als auch die kulturelle Infrastruktur, welche erstere rechtfertigen würde, hinterfragt. Es gebe die Möglichkeit eines solidarischen Zusammenlebens für alle jenseits des Wachstums, so die frohe Botschaft, die Muraca zu verkünden hatte. Nach einer kurzen Diskussion verabschiedete sie sich allerdings: Ihre übliche bed time sei schon längst überschritten - aufgrund der Zeitverschiebung war es bei ihr mittlerweile fast zwei Uhr nachts und die Geisterstunde eh vorbei. Na dann, gute Nacht!

Die zweite via Skype hinzugeschaltete Referentin Daniela Gottschlich hielt sich zwar in der Zeitzone der Anwesenden auf, doch eine Störung auf der Bahnstrecke hatte ihre Anreise verhindert. Gottschlich bemühte sich um eine Versöhnung der sich zuvor abzeichnenden Lager. Im Begriff der Nachhaltigkeit hätten wir es schließlich mit beidem zu tun, Systemstabilisierung und Transformation zugleich. Gerade deshalb sei es so wichtig, den Begriff beizubehalten, um seine transformatorische Bedeutung zu stärken. Passend zu den hoffnungsvollen Tönen des vorherigen Vortrags schlug Gottschlich den Begriff der „kommenden Nachhaltigkeit“ vor, der ihrer Ansicht nach zugleich eine unentwegte Infragestellung von Herrschaft beinhalten würde.

Der letzte Referent erregte zum Ende noch einmal heftig die Gemüter der Anwesenden. Moritz Boddenberg (Hamburg) sprach von transformativen Räumen, die im Kapitalismus entstünden und in denen reflexive Subjekte den Versuch einer effektiven Grenzziehung zum Kapitalismus unternehmen könnten. Darin seien „transkapitalistische Praktiken“ möglich und würden auch aktuell schon gelebt – etwa in einem Tauschring in Frankfurt, in dem Dinge und Zeitkontingente ohne Geld unter den Teilnehmenden ausgetauscht würden.

In der abschließenden Diskussion äußerten sich zahlreiche Anwesende zum Begriff und der Möglichkeit von transkapitalistischen Praktiken. Letztere wären im allerbesten Fall Wege Geld zu sparen, am Ende aber seien sie nichts weiter als kleine Fluchtinseln innerhalb des durch seine Wogen und Wellen herrschenden Meeres des Kapitalismus – so die Kritik. Insofern wäre die Rede von der transkapitalistischen Qualität solcher Praktiken irreführend. Boddenberg versuchte sich zu verteidigen, indem er darauf hinwies, gar nicht behauptet zu haben, diese Praktiken seien zur Überwindung des Kapitalismus geeignet. Vielmehr zielten sie auf eine Veränderung des Kapitalismus von innen heraus ab, durch eine Ausweitung ebendieser Praktiken. Doch auch nach diesem Rettungsversuch schüttelten seine Kritiker*innen verständnislos den Kopf. Passend zu den bereits zu Veranstaltungsbeginn gerufenen Gespenstern wandten sich die Diskutanten am Ende etwas Unsichtbarem zu, nämlich der Blase, in der sie alle potenziell steckten. Eine Zuhörerin fragte, ob die ganze Beschäftigung mit Nachhaltigkeit, Degrowth und ihren Potenzialen nicht wirklichkeitsfern sei: Außerhalb der Wissenschaft, ja bereits außerhalb der sich mit Nachhaltigkeit befassenden Wissenschaftszweige, würden diese Themen kaum eine Rolle spielen. Dem wurde nicht widersprochen. Für Pritz und Lessenich war dieser Einwand jedoch Ausgangspunkt für eine Problematisierung der aktuellen De-Politisierung und Missachtung von Institutionen. Auch an den auf dem gesamten Kongress verhandelten Themen – und denjenigen, die außen vor blieben – werde diese gruselige Tendenz sichtbar. Wenn das nicht ein Anstoß für den nächsten DGS-Kongress war… (Kira Meyer)

 

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Im Weinberg des Herrn

12:00 Uhr: „Und schwuppdiwupp, ist alles schon wieder vorbei!“ Mit diesen launigen Worten begrüßt Nicole Burzan die gar nicht einmal so kleine Schar derjenigen, die noch nicht in Richtung Bahnhof enteilt sind, sondern sich im weiten Rund des Hörsaals 11 zur Abschlussveranstaltung eingefunden haben. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und einem adretten Hut auf dem Kopf, den der versammelten Fachöffentlichkeit zu präsentieren sie sich nicht nehmen lässt, nutzt die DGS-Vorsitzende die ihr zugedachte Zeit, um den Organisatorinnen und Organisatoren des Kongresses sowie den vielen Helferinnen und Helfern für ihren unermüdlichen Einsatz im Vorfeld und während der Tagung zu danken. Mit Blumen und Applaus bedacht werden Karin Kurz, Silke Hans und Matthias Koenig vom lokalen Organisationskomitee sowie Stefanie Schmidt vom Kongressbüro, die zusammen mit den überall auf dem Campus anzutreffenden freundlichen Hilfskräften für einen reibungslosen Ablauf des akademischen Großevents gesorgt haben. Wer aus Erfahrung im Umgang mit sich und anderen weiß, wie schwer sich gerade die Angehörigen des für Gesellschaftsbeobachtung zuständigen Faches gelegentlich mit der Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen des Sozialen tun, kann nicht umhin, ihrer aller Leistung Respekt zu zollen. Kräftiger Applaus ist der wohlverdiente Lohn.

Anschließend ist es an Bettina Heintz (Luzern), die Laudatio auf Richard Münch (Friedrichshafen) zu halten, dem der DGS-Vorstand in diesem Jahr den Preis für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk zuerkannt hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, in denen die Laudatorin mit der dem Mikrofon eigenen Tücke des Objekts zu kämpfen hat, unternimmt es Heintz, die wichtigsten Phasen und Stationen der wissenschaftlichen Karriere des Preisträgers nachzuzeichnen. Die erste, von ihr mit „Theorie in Zeiten des Protests“ überschriebene Phase sieht Heintz geprägt durch Münchs Bemühen um wissenschaftliche Selbstverständigung vor dem Hintergrund der studentischen Protestbewegung und ihrer gesellschaftlichen Folgen, mit denen er sich auf unterschiedliche Weise in seiner Heidelberger Dissertation über Mentales System und Verhalten (1971) und in der nur ein Jahr später, nunmehr in Augsburg erfolgten Habilitation zu Gesellschaftstheorie und Ideologiekritik (1972) auseinandersetzt. Kennzeichnend für die zweite Phase, in der sich Münch nach Heintz „vom Wissenschaftstheoretiker zum Gesellschaftstheoretiker“ entwickelt, ist in ihren Augen die doppelte Frontstellung gegen die zu dieser Zeit dominierenden Großtheorien von Jürgen Habermas und Niklas Luhmann. In Abgrenzung sowohl zur kritischen Theorie als auch zur Systemtheorie entwirft Münch, inzwischen ordentlicher Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, eine eigenständige Gesellschafts- und Modernisierungstheorie. Die Ergebnisse seiner im Anschluss an Klassiker der Soziologie wie u. a. Talcott Parsons durchgeführten Untersuchungen legt er sodann in den beiden, wiederum in kurzer zeitlicher Abfolge erschienenen Arbeiten über Die Struktur der Moderne (1984) und Die Kultur der Moderne (1986) vor. In der dritten Phase, in der aus dem Gesellschaftstheoretiker der Gesellschaftsdiagnostiker Münch wird, stehen nach Heintz‘ Schilderung Untersuchungen im Vordergrund, die das Spannungsverhältnis zwischen globaler Dynamik und lokaler Lebenswelt in den Blick nehmen. Die von Münch in diesem Zusammenhang bearbeiteten Themenstellungen sind vielfältig und reichen von der Verwandlung der westlichen Wohlfahrtsstaaten in Wettbewerbsstaaten bis hin zu den Auswirkungen von Prozessen der Transnationalisierung auf die Integration nationaler Gesellschaften. In der vierten und letzten der von Heintz identifizierten Entwicklungsphasen vollzieht Münch schließlich den Schritt „vom Gesellschaftsdiagnostiker zum Gesellschaftskritiker“, dessen geschärfte Aufmerksamkeit sich in wachsendem Maße der Beobachtung von Konflikten und Dysfunktionalitäten zuwendet, die aus der fortschreitenden Ökonomisierung nichtökonomischer Gesellschaftsbereiche resultieren. Scharfe Kritik übt Münch dabei insbesondere an den negativen Auswirkungen, die dieser Prozess auf die Freiheit und Vielfalt des Bildungs- und Wissenschaftssystems hat. Aus dem Modernisierungsoptimisten wird in den Augen von Heintz ein Modernisierungspessimist, dessen wachsende Skepsis ihren sichtbaren Ausdruck nicht zuletzt in einer selteneren Verwendung des Vier-Felder-Schemas findet. Den Werdegang des von ihr Gelobten will sie dabei keinesfalls als Prozess der Abkehr von alten Überzeugungen und Idealen verstanden wissen. Im Gegenteil. Gerade in der nimmermüden Bereitschaft, sein theoretisches Instrumentarium immer wieder an die sich ändernden Verhältnisse einer in beständigem Wandel begriffenen sozialen Wirklichkeit anzupassen, ist sich Münch nach ihrer Ansicht in all den Jahren immer treu geblieben, weshalb Heintz ihre Glückwünsche zur Verleihung des Preises mit der Feststellung beschließt: „Du hast ihn verdient.“ Ein Urteil, dem wir uns an dieser Stelle nur anschließen können.

Für die letzte Stunde der Abschlussveranstaltung gehört die Bühne dann dem frisch gekürten und ob der Ehrung gleichermaßen bewegten wie erfreuten Preisträger. Wer nun allerdings mit einem launigen, jovialen oder abgeklärten Festvortrag gerechnet hat, sieht sich schnell eines Besseren belehrt. Münch ist keineswegs gewillt, sich durch die Preisvergabe in seiner rastlosen Forschungsarbeit unterbrechen zu lassen; vielmehr nutzt er den großen Hörsaal für den diesem zugedachten Zweck und verwandelt den Festakt kurzerhand in eine Vorlesung. Nach ein paar freundlichen Worten an die Laudatorin – „Ich weiß jetzt viel besser Bescheid über mich als vorher“ – und einem herzlichen Dank an den Vorstand der DGS setzt er zu einem wissenschaftlichen Vortrag über „Die Bildungswelt von McKinsey und Company“ an, der es in sich hat. Ausgehend von einer knappen Schilderung der Ausdifferenzierung des Erziehungssystems und der Errichtung des öffentlichen Schulwesens im 19. Jahrhundert schreitet Münch mit Siebenmeilenstiefeln durch die Geschichte des Bildungswesens und dessen fortschreitender Ökonomisierung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Anhand von Tabellen, Statistiken, Kennziffern und Koeffizienten sowie dem einen oder anderen Vier-Felder-Schema zeigt er eindrucksvoll auf, wie der Bildungsbereich zum Geschäftsfeld einer beständig wachsenden Beratungsindustrie avanciert, die einträgliche Geschäfte mit der Konzeption, Implementierung und Evaluation immer neuer Reformprogramme macht. Über die Auswirkungen dieser Programme lässt Münch die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Sekunde im Zweifel: Die Entberuflichung der Lehrtätigkeit, ein verkürztes Verständnis von Erziehung als tayloristisch durchgeplanter und kontrollierter Unterricht, die zunehmende Reproduktion sozialer Ungleichheit, eine Verengung des Curriculums sowie die einseitige Konzentration auf kognitive Kompetenzen zu Lasten der Entwicklung sozialer Kompetenzen und Kritikfähigkeit sind nur einige der negativen Folgen, die Münch als Folgen der schönen neuen Bildungswelt diagnostiziert. Als er seine mit Verve vorgetragene Kritik des bildungsindustriellen Komplexes mit Rücksicht auf die fortgeschrittene Zeit und die wachsende Unruhe im Publikum schließlich beendet, gibt es langanhaltenden Applaus für einen unermüdlichen soziologischen Arbeiter im Weinberg des Herrn, der mit seinen Werken immer wieder unter Beweis gestellt hat, dass theoretischer Anspruch, normative Entschiedenheit und wissenschaftliche Sorgfalt keine Gegensätze sein müssen, sondern sich klug miteinander verbinden lassen.

Dann ist auch der 39. DGS-Kongress Geschichte, und während Münch noch einmal für die Fotografen posiert, strömt der Großteil des Publikums dem Ort zu, der einem bösen Wort zufolge der wichtigste in ganz Göttingen ist: der Bahnhof. Ob sie es in zwei Jahren, wenn die Technische Universität Berlin als Gastgeberin fungiert, ebenso eilig haben, wird sich zeigen. Wir werden darüber berichten. (Karsten Malowitz)

 

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Podcast

Gegen Ende des Kongresses haben wir unterschiedliche Teilnehmer*innen um ein Resümee gebeten und nach ihren persönlichen Kongress-Highlights gefragt. Die Antworten hören Sie in unserem Podcast.


 

 (Felix Hempe, Stephanie Kappacher und Kira Meyer)