Grazer Splitter I: Donnerstag

Bericht vom ÖGS-Kongress 2017

In Österreich, so hört man böse Zungen gelegentlich sagen, gingen die Uhren anders als nördlich der Alpen, nämlich langsamer. Dass das nicht stimmt, davon konnte man sich in Graz nicht nur durch einen Blick auf das Wahrzeichen der Stadt, den Uhrturm, überzeugen, sondern auch durch einen Besuch auf dem Kongress, zu dem die Österreichische Gesellschaft für Soziologie ihre Mitglieder, Freunde und Sympathisanten vom 7. bis zum 9. Dezember 2017 an die Karl-Franzens-Universität Graz geladen hatte. Unter dem Motto „Soziologie zwischen Theorie und Praxis“ sollten dabei sowohl grundsätzliche Fragen wie die nach den Aufgaben und dem Selbstverständnis einer zunehmend ausdifferenzierten Disziplin als auch das Problem des Umgangs mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen diskutiert werden.

Immer auf der Höhe der Zeit: Der Grazer Uhrturm.

Dass es bei der Auseinandersetzung mit der Thematik um mehr als die distanziert-professionelle Bearbeitung akademischer Fragestellungen gehen würde, nämlich auch um eine Art kollektiver Selbstbefragung und Sinnsuche, wurde bereits im Rahmen der feierlichen Eröffnungsveranstaltung deutlich. Nach einem erfreulich kurzen Grußwort von Vizerektor MARTIN POLASCHEK (Graz), der die Anwesenden in freundlich-jovialer Form wissen ließ, wie sehr er sie um die sich ihnen bietende Gelegenheit zum intellektuellen Gedankenaustausch beneidete, umriss ÖGS-Präsidentin KATHARINA SCHERKE (Graz) die wissenschafts- und gesellschaftspolitischen Implikationen des Verhältnisses von Theorie und Praxis. Ausgehend von dem Befund, dass der steigende Bedarf an Expertenwissen seitens der Politik mit einer wachsenden Wissenschaftsskepsis in Teilen der Öffentlichkeit einhergehe, betonte Scherke die Bedeutung der aktuell unter dem Stichwort „Public Sociology“ geführten Debatten um die gesellschaftliche Verantwortung der Disziplin „in politischen Zeiten wie diesen“.  Gewiefte Interessenvertreterin die sie ist, versäumte sie es dabei nicht, den Hinweis auf einen vernehmbaren Ruf nach einem stärkeren Engagement der Sozialwissenschaften rhetorisch geschickt mit einem Seitenhieb auf deren notorische Unterfinanzierung zu verbinden. Ein Haushaltspolitiker, wer Arges dabei denkt.

Zumindest das Podium war am Ende voll besetzt. Im Hintergrund: Der Kaiser.

Während sich die in der schmucken Aula anfangs noch etwas spärlich besetzten Stuhlreihen allmählich füllten, trat CLAIRE WALLACE (Aberdeen) ans Pult, um ihre Keynote über „Blue Skies and Brown Earth“ zu halten. Wer ob des vagen Titels und der frappierend schlichten Motive der den Vortrag begleitenden Power-Point-Präsentation zunächst Zweifel an der Seriosität der gut gelaunt über ihre eigenen Witze und Wortspiele lachenden Referentin gehegt haben mag, wurde durch den Inhalt ihres Vortrags schnell eines Besseren belehrt. Mit ihrer auf charmante Weise verspielten, aber nie naiven Art stellte die Referentin den anwesenden Zunftvertreter_innen die Sinnfrage: Warum treiben wir Soziologie? Was wollen wir mit unserer wissenschaftlichen Arbeit erreichen? Und sind die Ideale, für deren Verwirklichung wir einmal angetreten sind, in unserer täglichen Praxis überhaupt noch lebendig?

Statt einfacher Antworten präsentierte Wallace in ihrem Vortrag eine Vielzahl historischer, literarischer und aktueller Beispiele, anhand derer sie die unauflösbare Spannung zwischen den widerstreitenden Polen intrinsisch und extrinsisch motivierter Wissenschaft auslotete. Plakative Einseitigkeiten vermeidend, lotete Wallace dabei vor allem die Ambivalenzen der Thematik aus. So erinnerte sie ihre Zuhörer_innen daran, dass eine um ihrer selbst willen betriebene Forschung nicht davor gefeit sei, sich in den luftigen Höhen theoretischer Abstraktionen zu verlieren, während auch in staatlich finanzierten Formen von social engineering gelegentlich noch ein Rest von dem idealistischen Bestreben nach Weltverbesserung lebendig sei. Obwohl zweifellos ein Trend zur Ökonomisierung der Wissenschaft festzustellen sei, bedeuteten die seitens der Politik vorgebrachten Forderungen nach ,nützlicher‘ Forschung nicht zwangsläufig das Ende kritischer Wissenschaft. Es komme darauf an, die richtigen Fragen zu stellen: Wie misst man Lebensqualität? Was macht eine gute Gesellschaft aus? Und wie lässt sich Kritik an überkommenen Modellen oder Indikatoren üben? Dem vorauseilenden Gehorsam vieler Forscher_innen und ihrer zunehmenden Orientierung an Impact-Faktoren, Soft Skills und Drittmitteleinnahmen erteilte sie dabei ebenso eine Absage wie dem in ihren Augen vergeblichen Bemühen um eine „reine“ Soziologie, für das sie Max Weber als missgelaunt dreinschauenden Kronzeugen anführte: „He always tried to seperate sociology from politics. Maybe that’s why he is looking so troubled all the time?“.

Das Motto der Tagung interpretierte Wallace damit angenehm unaufgeregt nicht als Entscheidungssituation, sondern als Ortsangabe: „Zwischen Theorie und Praxis" bezeichnet demnach den natürlichen oder besser: sozialen Lebensraum der Soziologie. Als gesellschaftliche Tätigkeit kann sie nicht umhin, auch praktische Wirksamkeit zu entfalten – selbst dann, wenn sie sich in den Elfenbeinturm zurückzieht. Folgt man ihrer Argumentation, dann kommt es am Ende, wie so oft im Leben, offenbar auch für Soziolog_innen in erster Linie auf die richtige Haltung an.  Mit diesem Befund, so schien es, konnten alle Anwesenden gut leben. Der Applaus war herzlich, die Stimmung aufgeräumt, und für einen Augenblick meinte man sogar, hier und da einen Hauch von jugendlichem Idealismus im Raum verspüren zu können. Aber dieser Eindruck könnte auch schon dem nächsten Programmpunkt geschuldet gewesen sein, nämlich der …

Verleihung der Preise der ÖGS für hervorragende soziologische Dissertationen und Masterarbeiten, die von ALEXANDER BOGNER (Wien), dem Leiter der Jury und Vizepräsidenten der ÖGS, stilsicher und mit dem richtigen, sowohl dem Anlass als auch der gefühlten Bedeutsamkeit der eigenen Person angemessenen Maß an Pathos moderiert wurde. Nach vielen freundlichen, manch‘ bedenkenswerten und einigen launigen Worten des Moderators – „Der wissenschaftliche Nachwuchs beweist seine Leidensfähigkeit, wir unterstützen ihn dabei durch diese Verleihung von symbolischem Kapital“ – und einer kurzen Vorstellung der ausgezeichneten Arbeiten durften die frischgekürten Preis- und zukünftigen Leistungsträger_innen nacheinander ihr symbolisches Kapital entgegennehmen, Fotoshooting inklusive.

Die Preise für die besten Masterarbeiten gingen an LUKA JAKELJA (Graz), der in seiner Arbeit „Institutionen, Konventionen und die Dynamik von Märkten“ die Entwicklung des steirischen Weinmarkts zwischen 1985 und 2015 untersucht hat, an KARIN SCARIA-BRAUNSTEIN (Graz), die sich in „L’affaire Charlie Hebdo“ mit dem publizistischen Streit um die Vergabe des PEN-Preises für Mut und Meinungsfreiheit an das französische Satiremagazin befasst hat, und an VIKTORIA PARISOT (Wien), die für ihre Arbeit über „Institutionalisierungsprozesse in Zweierbeziehungen im dritten Lebensalter“ nicht zum vierten, sondern zum ersten Mal ausgezeichnet wurde. Eine salomonische Entscheidung fällte die Jury in der Kategorie der Dissertationen, wo sich NINA-SOPHIE FRITSCH (Wien) und JULIA HOFMANN (Linz) den Preis teilten. Während Fritsch in ihrer „Zwischen Ausstieg, Aufstieg und Erfolg?“ überschriebenen Dissertation die Karriereverläufe von Frauen in der universitären Wissenschaft in Österreich unter die Lupe genommen hat, sind von Hofmann unter dem Titel  „Another Europe is Possible?“ die Bedingungen und Barrieren von grenzüberschreitenden Gewerkschaftsstrategien der Mobilisierung ausgelotet worden. Allen Preisträgerinnnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gratuliert. Ob die sinnfreien Fragezeichen hinter den Titeln von der Jury als Ausdruck von Problembewusstsein interpretiert und entsprechend positiv vermerkt worden waren, ließ sich bis Redaktionsschluss nicht mehr in Erfahrung bringen. Geschadet haben sie den Preisträgerinnen offensichtlich nicht?

(Karsten Malowitz und Christian Mayer)

 

Eine Qualifikationsarbeit älteren Datums stand schließlich im Mittelpunkt des letzten Teils der Eröffnungsveranstaltung, welcher der Vorstellung der Erstveröffentlichung von Marie Jahodas Dissertation aus dem Jahr 1932 gewidmet war. Unter der Überschrift „Eine Sozialforscherin zwischen Wissenschaft und Politik“ warf die Präsentation Schlaglichter auf Leben und Werk jener Autorin, die vielen innerhalb der Soziologie vor allem als Mitautorin der gemeinsam mit Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel verfassten Studie über Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt ist. Die Dissertationsschrift, die Jahoda ursprünglich unter dem Titel Anamnesen im Versorgungshaus an der Universität Wien eingereicht hat, ist nun unter dem Titel Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930 im Innsbrucker Studienverlag erschienen. Die Neubetitelung durch die Herausgeber (Waltraud Kannonier-Finster, Johann Bacher, Meinrad Ziegler) ist dabei nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil sie indirekt noch einmal verdeutlicht, dass Jahodas wissenschaftliche Sozialisation zunächst in der Psychologie erfolgte und sie erst später in die Soziologie wechselte.

Den Beginn der Präsentation bildeten drei Kommentare zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik im Leben und Werk Marie Jahodas. CHRISTIAN FLECK (Graz) erläuterte die Bedeutung des Verhältnisses für die Autorin anhand kurzer Episoden aus ihrer Biografie. Anstatt übersteigerter und naiver Vorstellungen hinsichtlich des Einflusses sozialwissenschaftlicher Forschung auf Politik plädierte Fleck für ein differenziertes Verständnis der Thematik und sensibilisierte für Brüche und Gleichzeitigkeiten. So habe Jahoda ihr wissenschaftliches Wirken stets mit gesellschaftspolitischem Engagement verbunden, sei aber gleichzeitig auch der Bitte um die Nichtveröffentlichung einer kritischen Studie nachgekommen, von der der Auftraggeber die Zerstörung seines Lebenswerks befürchtete. KARINA FERNANDEZ (Graz) betonte in ihrem Kommentar die Aktualität der Dissertation Jahodas, die sie in der Thematisierung der Bedingungen der Teilhabe an der gesellschaftlichen Arbeitswelt verortete. In diesem Zusammenhang wies Fernandez auf die Gefahr der Entsoziologisierung von Soziologieabsolventen in beruflichen Praxisfeldern hin und plädierte dafür, dieser Tendenz entgegenzuwirken. JULIA HOFMANN (Linz) zeigte sich begeistert von der Lektüre der Dissertation Jahodas und nutzte die Gelegenheit zu einer Reflexion des Wandels von Abhängigkeitsverhältnissen in der Wissenschaft. Während Jahoda in einem offensichtlichen persönlichen Abhängigkeitsverhältnis von ihren Doktoreltern gestanden habe, seien die Zwänge, die heute auf den wissenschaftlichen Nachwuchs wirkten, in erster Linie struktureller Art und dadurch subtiler und indirekter vermittelt.

Den Höhepunkt der Buchvorstellung bildete die anschließende Lesung. Schauspielerin MARIA HOFSTÄTTER, Cineasten seit ihrer Mitwirkung in Ulrich Seidls Film „Hundstage“ (2001) bekannt, nahm sich auf äußerst gekonnte Weise darstellerische Freiheiten bei der Interpretation von einigen der insgesamt 52 Portraits, die Jahoda auf der Grundlage von Interviews mit Frauen und Männern in Versorgungshäusern – einer Frühform von Altersheimen – geführt hatte. Auch wenn die Protokolle Jahodas nur selten direkte Zitate der Interviewten enthalten, sondern deren Äußerungen meist in indirekter Rede paraphrasieren, hauchte Hofstätters nuancierte Vortragsweise den Figuren im wahrsten Sinne des Wortes Leben ein. Die Herausgeber des Buchs sind dazu zu beglückwünschen, dass sie Maria Hofstätter zur Mitwirkung bei diesem sowie weiteren Terminen gewinnen konnten.

(Stefan Laube)

Und zu guter Letzt: Der Stehempfang

 

Der Herr Landeshauptmann gibt sich die Ehre. Die Damen und Herren Professoren freuten sich über die mit dem Empfang zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung, der wissenschaftliche Nachwuchs über eine warme Mahlzeit.