Im Krebsgang durch die Vorlesungen am Collège de France

Bericht zur Tagung "Philosophie, Kritik, Geschichte: Foucaults historisch-kritische Praxis in seinen Vorlesungen" am 30. und 31. Juli 2019 an der Johann-Goethe-Universität Frankfurt am Main

[1] Zwischen 1970 und 1984 hielt Michel Foucault 13 Vorlesungen am Collège de France, lediglich 1977 setzte er wegen eines Sabbatjahres aus. Diese Vorlesungen waren öffentlich zugänglich und mit bis zu 500 Zuhörer*innen überaus gut besucht. Foucault steckte intensive Arbeit in die Vorbereitung, etwa 6000 Druckseiten umfassen seine Manuskripte und Notizen aus diesen Jahren. Einer über die Zuhörerschaft hinausgehenden Öffentlichkeit wurden die Vorlesungen allerdings erst wesentlich später durch die Publikation von Manuskripten und Audioaufzeichnungen zugänglich. Sorgfältig editiert erschienen sie ab den späten 1990er-Jahren auf Französisch, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge: Als erstes wurde 1996 "Il faut défendre la société" (1975/76) veröffentlicht, die deutsche Übersetzung "In Verteidigung der Gesellschaft" folgte 2001. Die deutschsprachige Edition bei Suhrkamp schloss 2016 mit den Vorlesungen "Theorien und Institutionen der Strafe" (1971/72).

Der Frage, welche Bedeutung diesen Vorlesungen aus heutiger Sicht zukommt, widmete sich vom 30. bis 31. Juli 2019 die von MARTIN SAAR (Frankfurt am Main) und FRIEDER VOGELMANN (Frankfurt am Main) veranstaltete Tagung "Philosophie, Kritik, Geschichte: Foucaults historisch-kritische Praxis in seinen Vorlesungen" am Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen" an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Inwiefern unterscheiden sich die Vorlesungen vom publizierten Werk und wie ist die Darstellungsform von Foucaults Vorträgen zu verstehen, dessen Lehrstuhl den eigensinnigen Titel "Geschichte der Denksysteme" trug? Insgesamt stand die Tagung, in deren Verlauf sieben Vorlesungen diskutiert wurden, im Zeichen einer gesellschaftskritischen Foucault-Lektüre: Referent*innen und Publikum fragten immer wieder nach Möglichkeiten der Aktualisierung von Foucaults kritischer Perspektive.

VOJTA DRÁPAL (Hamburg) analysierte die genealogische Kritik des Rechts in den Vorlesungen "Theorien und Institutionen der Strafe" (1971/72). Er interpretierte sie als Foucaults Antwort auf die gesellschaftliche Konstellation in Frankreich nach 1968. In einer Zeit zunehmender polizeilicher Repression nach den 68er-Unruhen stellt Foucault, so Drapáls These, durch eine Art analogischen Effekt die Widerstandsbewegung der Nu-pieds von 1639 als historisches Schlüsselereignis dar, im Spiegel dessen die normalisierte Gegenwart (der 1970er-Jahre) kritisch hinterfragt werden könne. Die Nu-pieds revoltierten in der Normandie gegen Steuererhöhungen und markierten den Übergang von feudaler Herrschaft zu einer modernen Rechtsordnung. Das moderne Recht entstand demnach aus einer Logik repressiver und präventiver Aufstandsbekämpfung, die noch in den 1970er-Jahren ihre Spuren zeigte. Nicht in juridischen Diskursen der Rechtfertigung legitimer Staatlichkeit, sondern in politischen Kräfteverhältnissen und Widerständen sei – Foucault zufolge – die Entwicklung des modernen Rechts begründet. Seine Kontingenz zeigt sich in der Analyse des vormodernen germanischen Rechts als Form nicht-juridischer Konfliktlösung. Nach Drapál baut Foucault eine kontrastierende historische Bilderfolge auf: die germanische Rechtspraxis des 11. Jahrhunderts wird vom Schlüsselereignis 1639 abgegrenzt, dieses wiederum von der Gegenwart Anfang der 1970er-Jahre. Drapál versetzte schließlich die Perspektive Foucaults in das Jahr 2019 und fragte nach der Aktualität des Ansatzes, wobei sein Vorschlag lautete, die genealogische Rechtskritik gegen heutige dekonstruktivistische Ansätze zu wenden (Drapál verwies hier auf Christoph Menkes Studie "Recht und Gewalt"[2]). Die Anschlussfähigkeit von Foucaults genealogischer Rechtskritik liegt nach Argumentation des Referenten in der Aufmerksamkeit für die Kontingenz konkreter politischer Situationen.

In der anschließenden Diskussion unterbreitete ULRICH JOHANNES SCHNEIDER (Leipzig) mit dem Begriff der „Szenographie“ einen hilfreichen Vorschlag zur Charakterisierung der eigentümlich zwischen Philosophie und Geschichte stehenden Methode Foucaults: Dessen Vorlesungen lassen sich demnach weder als Beitrag zur Philosophiegeschichte rezipieren (für diese These trat im Laufe der Tagung hingegen KERSTIN ANDERMANN (Dresden) ein) noch stehen sie in direkter Konkurrenz zu geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen. Foucault folge in seiner Genealogie eher einem ästhetischen Verfahren der typisierten Darstellung historischer Szenen. In einer Art Verfremdungseffekt rückten diese Szenen die Gegenwart in ein neues Licht und ermöglichten einerseits die Erkenntnis von historischen Kontinuitäten und andererseits die Begegnung mit radikal anderen Lebens- und Subjektivierungsformen. Später führte Schneider in seinem Vortrag gemeinsam mit AARON TJADE SABELLEK (Leipzig) diese Perspektive anhand der Vorlesung "Die Regierung des Selbst und der anderen" (1982/83) weiter aus.

Anders als Schneider und Sabellek, welche die Aktualität von Foucaults Vorlesungen primär methodisch verorteten, stellte DANIEL LOICK (Luzern) in seinem Vortrag zu den Vorlesungen "Die Anormalen" (1974/75) die Frage nach der Aktualisierbarkeit von Foucaults Perspektive im Hinblick auf inhaltliche Thesen. Loick betrachtete dabei Foucaults Analyse der Beichtpraxis als biopolitisches Machtverhältnis. Prozesse biopolitscher Pastoralmacht setzten demnach in der bürgerlichen Kleinfamilie an, die mit Beginn der Modernisierung die traditionelle Großfamilie ablöste, wobei die Problematisierung kindlicher Sexualität im Zentrum stand: Das Interesse an kindlicher Masturbation sieht Foucault als Einfallstor für die Verbindung von staatlicher Überwachung und Biopolitik. Anhand einer Szene des Films "Das weiße Band" (2009, Regie: Michael Haneke) erläuterte Loick aufschlussreich, wie ein Kind dazu gebracht wird, seinem Vater zu beichten, der gleichzeitig die Figuren des wohlwollenden Richters, rationalen Arztes und besorgten Pastors verkörpert – eine Detailaufnahme moderner Pastoralmacht. Diese Perspektive kritisierte Loick allerdings im Anschluss an eine andere Filmszene aus der Netflix-Serie "When They See Us" (2019, Regie: Ava DuVernay), in der der rassistische polizeiliche Umgang mit fünf Jugendlichen dargestellt wird, die fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt werden (die Serie arbeitet die realen Ereignisse um die sogenannten „Central Park Five“ im Jahr 1989 auf). Ausgehend von den beiden Szenen eines erzwungenen Geständnisses warf Loick Foucault eine „dramatische Unterschätzung der Bedeutung des Rassismus für die moderne Biopolitik“ vor: Die moderne Biomacht kann nach Loick nicht allein als positive Bevölkerungspolitik gegenüber „weißen Körpern“ verstanden werden, sondern trägt in sich die negative Seite rassistischer Gewalt gegen „schwarze Körper“. Foucaults Genealogie moderner Sexualität verfährt der Kritik des Referenten zufolge eurozentrisch, da der Einfluss kolonialer Deutungsmuster und rassifizierter Anderer als Figuren des Anormalen ausgeklammert wird.

Ähnlich argumentierte auch GUNDULA LUDWIG (Berlin) in ihrer Analyse von Foucaults Begriff des „Staatsrassismus“ in der Vorlesung "In Verteidigung der Gesellschaft" (1975/76). Im 19. Jahrhundert entstand Foucault zufolge ein biologistischer Rassendiskurs, der mit Vorstellungen der „Reinheit von Rassen“ sowie eines einheitlichen Staatsvolkes – für dessen produktives Leben der Tod anderer Bevölkerungsgruppen notwendig sei – einherging. Im Nationalsozialismus zeigte sich die Verbindung von Staatsrassismus und Biopolitik am deutlichsten. Das produktive Leben der Einen auf Kosten des potentiellen sozialen oder biologischen Todes der Anderen war (und ist) Ludwig zufolge auch ein wesentliches Prinzip des Kolonialismus und reicht damit über die Binnenverhältnisse europäischer Nationalstaaten hinaus. Problematisch sei an Foucaults Darstellung deshalb, dass allein innereuropäische Verhältnisse thematisiert werden würden, während die strukturellen Beziehungen zu den Kolonien unerwähnt blieben.

In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass Foucaults Kritik moderner Biopolitik im Hinblick auf postkoloniale und queerfeministische Perspektiven erweitert werden muss, Loick und Ludwig verwiesen exemplarisch auf Ann Stolers Studie "Race and the Education of Desire. Foucault’s History of Sexuality and the Colonial Order of Things".[3] Recht unklar blieben hingegen mögliche Ansatzpunkte für eine politische Kritik. Loick plädierte für die Suche nach einer nicht-faschistischen Lebensform, in der niemand als anormal kategorisiert wird. Ludwig argumentierte im Anschluss an Judith Butler für eine Politik der wechselseitigen Anerkennung verletzbarer Körper.

Die Frage nach der Form von Widerstand und Gegen-Verhalten stellte auch FRIEDRICH BALKE (Bochum) ins Zentrum seines Vortrags. Er setzte sich mit den meist rezipierten Vorlesungen Foucaults auseinander: "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I" (1977/78). Einen blinden Fleck sah Balke in der Behandlung des Gegen-Verhaltens in den Vorlesungen, da Foucault seine Auseinandersetzung mit diesem Thema allein auf mittelalterliche anti-pastorale Praktiken beschränkte und die Formen des Gegen-Verhaltens im modernen Staat ausblendete. Den modernen Staat identifizierte der Referent mit Foucault anhand einer Regierungsform, die mit Hilfe der Polizei die Zirkulation von Waren, Körpern und Kommunikation im Staatsgebiet zu garantieren sucht und dafür präventive Aufgaben erfüllt. Anschließend an die Studie "Logik des Aufruhrs. Die Kinderdeportationen in Paris 1750",[4] welche die Foucault-Mitarbeiterin Arlette Farge und Jacques Revel verfassten, zeigte Balke, dass sich auch damals Widerstand gegen die Polizei ereignete: Der König war in den Augen des Volkes „vom Hirten zum Wolf mutiert“, da er zur Herstellung der städtischen Ordnung nicht nur „Bettler“ und „Anormale“ von der Polizei drangsalieren ließ, sondern auch Kinder auf der Straße festgenommen wurden. Das Volk revoltierte gegen den Monarchen, um ihn an seine pastorale Rolle zu erinnern, die er mit den „Kinderdeportationen“ sträflich ignoriert hatte. Der großen Französischen Revolution, so argumentierte Balke weiter, gingen bereits zahlreiche kleinere anti-pastorale Revolten voran, die unter anderem durch die Delegitimierung des Königs als schlechter Hirte und Pastor in populären Flugblättern ausgelöst wurden. Auch hier sei das unterdrückte Volk keinesfalls „stumm“ gewesen, so Balkes gegen Hannah Arendts Interpretation der Französischen Revolution gerichtete These, stattdessen hätte in Liedern und Zeitungen ein medialer Diskurs des Gegen-Verhaltens existiert.

An den Vortrag anschließend erinnerte ANDREAS GELHARD (Bonn) an Foucaults Bemerkung aus den Vorlesungen zur "Geschichte der Gouvernementalität", dass es zwar anti-feudale Revolutionen gegeben habe, aber noch nie eine anti-pastorale Revolution. Womöglich zeige sich das Gegen-Verhalten in der Moderne in den meisten Fällen als Wunsch, nicht nicht, sondern besser regiert zu werden – etwa im Sozialstaat als heutige Gestalt der Pastoralmacht. Nach Foucault bleibt damit die Frage aktuell: Wie könnte eine Alternative zur Pastoralmacht aussehen?

Im Ganzen gesehen hat die Tagung das noch heute produktive Potenzial der Vorlesungen Foucaults am Collège de France vorgeführt. Sie zeigen ein Denken in Bewegung, das an zahlreichen Stellen Anschlussmöglichkeiten bietet. Für die Lektüre von Foucaults bekannten Arbeiten lassen sich aus den Vorlesungen neue Funken schlagen und alternative Perspektiven auf bereits erschlossene Themenfelder gewinnen – beispielsweise wäre es wünschenswert, dass "Überwachen und Strafen" vor dem Hintergrund der Vorlesungen "Theorien und Institutionen der Strafe" (1971/72) und "Die Strafgesellschaft" (1972/73) erneut diskutiert werden würde.

Die Vorlesungen lassen außerdem erkennen, wie sehr Foucault selbst sein Denken als offenen Prozess verstanden hat: Häufig kündigte er zu Beginn seiner Vorlesungen einen thematischen Verlauf an, von dem die dann entfaltete Argumentation weit abwich. Dieses offene Vorgehen scheint heute, im zunehmend normierten Wissenschaftsbetrieb, auf großes Interesse zu stoßen, davon zeugte nicht zuletzt auch die hohe Zahl an Zuhörer*innen der Tagung.

Fußnoten

[1] Foucault sagte in den Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik (1978/79) über sein methodisches Vorgehen: „… denn wie Sie wissen, bin ich wie ein Krebs, ich bewege mich seitwärts…“ (Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II, Frankfurt am Main 2006, S. 116).

[2] Christoph Menke, Recht und Gewalt, Berlin 2012.

[3] Ann Stoler, Race and the Education of Desire. Foucault’s History of Sexuality and the Colonial Order of Things, Durham 1995.

[4] Arlette Farge / Jacques Revel, Logik des Aufruhrs. Die Kinderdeportationen in Paris 1750, München 1989.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.