Jenaer Splitter I: Montag

Bericht von der Eröffnungsveranstaltung der Abschlusskonferenz der DFG-Kollegforscher*innengruppe "Postwachstumsgesellschaften" und der 2. Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena

In der Zange

Auf einmal sind sie alle da, die Ortsansässigen und Zugereisten, die Studierenden und Studierten. In kleinen Gruppen strömen sie dem Volkshaus zu, in das die Veranstalter*innen zur Eröffnung der Abschlusskonferenz der DFG-Kollegforscher*innengruppe „Postwachstumsgesellschaften“ geladen haben. Die Entscheidung für das ebenso gediegene wie geschichtsträchtige Gebäude, das bei seiner Eröffnung 1903 zu den frühesten freien Bildungseinrichtungen im Kaiserreich zählte, darf als dezenter Hinweis auf das Bemühen der Gastgebenden um öffentliche Wirksamkeit und Bürgernähe verstanden werden. Im Inneren des schönen wie gut gefüllten Jugendstilsaals ist die Wissenschaft dennoch weitgehend unter sich. Die Stimmung ist gelöst, die Vorfreude groß, die Erwartungen an die bevorstehende Eröffnungsveranstaltung realistisch. Wer nicht wegen Branko Milanovic, dem prominenten Hauptredner des Abends, oder dem anschließenden Buffet gekommen ist, übt sich in ritualisierter Beziehungspflege oder demonstriert spontane Wiedersehensfreude: „Du hier? Ach, wie schön!“ „Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen.“ Plaudernd vergeht die Zeit… Dann plötzlich Lärm, der sich als Musik entpuppt. Zwei Klarinettisten traktieren leidenschaftlich ihre Instrumente und entlocken ihnen Klänge, die das anwesende weltoffene Kulturbürgertum als anspruchsvollen zeitgenössischen Jazz zu interpretieren gewillt ist und am Ende mit herzlichem Applaus honoriert. Dann geht es los.

„Willkommen im Spätsommer der modernen Demokratien!“ Mit diesen launigen, sowohl dem Wetter als auch der Thematik angemessenen Worten begrüßt die bestens aufgelegte Moderatorin Elisabeth von Thadden, ihres Zeichens Redakteurin bei der ZEIT und seit 2012 zudem Fellow an der DFG-Kollegforscher*innengruppe, das nun schlagartig gespannte Publikum. Mit Sprachwitz, Ironie und Tempo führt sie die politische und gesellschaftliche Relevanz der Problematik vor Augen und spart dabei nicht mit Kritik an einer mutlosen und zaghaften Politik, deren Repräsentanten sie – in einem schiefen, aber gleichwohl illustren Vergleich – als „Dinosaurier“ apostrophiert. Die Freude bei den rund 700 Anwesenden über die gelungene Anmoderation währt allerdings nur kurz. Was folgt, ist ein in seiner Länge und Redundanz ermüdender Reigen von Grußworten, die Hartmut Rosa fast zwei geschlagene Stunden später zu Recht als „die meistgefürchtete Gattung unter den Sprachproduktionen“ bezeichnen wird. Dass die Furcht auf Seiten des Publikums nicht unbegründet ist, beweist sogleich der erste Redner des Abends, Thüringens Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft, Wolfgang Tiefensee. Sein in jeder Hinsicht schlichter Vortrag, der mit gelegentlich ans Groteske grenzenden philosophischen Einlassungen („Woher kommt die Welt? Wo geht sie hin?“) und Aufforderungen („Seien Sie gesellschaftskritisch! Halten Sie uns den Spiegel vor!“) bisweilen nicht einer unfreiwilligen Komik entbehrt, ist insofern erhellend, als er zeigt, wo gegenwärtig offenbar die Grenzen des politisch Denkbaren liegen. Denn auf die bereits im Namen der Kollegforscher*innengruppe genannte Möglichkeit des „Postwachstums“ geht der Minister gar nicht erst ein. Stattdessen rückt er die Frage ins Zentrum, wie sich Wohlstand und Wachstum dauerhaft sichern lassen – und gibt damit der (vermutlich recht weit verbreiteten) Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel Ausdruck, der niemandem etwas abverlangt und nach Möglichkeit alles beim Alten belässt.

Auf den Minister folgt in der fein austarierten Choreographie der Hierarchien und Statusgruppen Jenas Oberbürgermeister, Thomas Nitzsche, der das tut, was Bürgermeister bei solchen Gelegenheiten eben tun, nämlich die Vorzüge ihrer Stadt hervorheben. In diesem Fall heißt das: produktive Wirtschaft, innovative Wissenschaft, hohe Lebensqualität, ausgeprägte Familienfreundlichkeit, umfangreiche Freizeit- und Bildungsangebote – „und all das eingebettet in eine wunderschöne Landschaft“. Kurz vor Ende des sympathisch präsentierten Werbeblocks folgt dann noch der dezente Hinweis auf weniger schöne Entwicklungen wie zunehmenden Fachkräftemangel und steigende Zustimmungsraten für Rechtspopulisten. Und zu guter Letzt auch hier nicht die Frage nach einem möglichen Ende des Wachstums, sondern nach dem „richtigen“ Wachstum.

Nach den inhaltlich wenig inspirierten, aber in soziologischer Hinsicht durchaus interessanten Geleitworten aus der Politik ist es anschließend an den Vertreter*innen der Wissenschaft, an die Radikalität der These vom Verlust der Selbststabilisierungsfähigkeit moderner Gesellschaften zu erinnern, die 2011 zur Gründung der DFG-Kollegforscher*innengruppe führte, und die erstaunliche Karriere nachzuzeichnen, die der Postwachstumsthematik seither beschieden gewesen ist. Neben etlichen Gemeinsamkeiten – sprich: Redundanzen – werden dabei auch einige interessante Unterschiede deutlich. Während Universitätspräsident Walter Rosenthal in seinem Grußwort die Stärke und die Aufgaben der Gesellschaftswissenschaften in der Präsentation unterschiedlicher Sichtweisen verortet, ihnen aber Abstinenz empfiehlt hinsichtlich der Frage, wie wir leben wollen, plädiert Institutsdirektorin Silke van Dyk angesichts der krisenhaften Tendenzen der Gegenwart entschieden für „eine Soziologie, die sich einmischt“ – und findet damit im Auditorium viel Anklang.

(Institutionsdirektorin Silke van Dyk begrüßt das Publikum; Foto: Stephanie Kappacher)

 

Anklang findet auch die anschließende Unterbrechung durch das Bottom Orchestra, das in seiner musikalischen Einlage ein avanciertes Stück aus dem Repertoire seiner „Work Songs“ zu Gehör bringt, dessen laut Ankündigung um das Verhältnis von Arbeit, Subjektivität und Prekarität kreisender Inhalt sich aufgrund der musikalischen Lautstärke zwar nicht erschließt, dessen heterogene Klangkulisse man aber dennoch – oder eben deshalb – goutiert. Aufgeweckt von der Klanginfusion und dem Pfeifen im Ohr, das auch dann nicht vergehen will, als das zehnköpfige Ensemble die Bühne längst wieder verlassen hat, wird man den nächsten Redner*innen gewahr. Eingefunden am Mikrofon haben sich mit Nicole Burzan und Birgit Blättel-Mink die ehemalige sowie die amtierende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die zu den Hintergründen der Kooperation zwischen DGS und Kollegforscher*innengruppe Stellung nehmen und das ,Upgrade‘ der Abschlusskonferenz zur DGS-Regionalkonferenz erläutern. Ohne die Gründe zwingend zu nennen, werden doch die wechselseitigen Vorteile deutlich, die sich die Verantwortlichen von einer möglichst breiten, viele unterschiedliche Sektionen, Methoden und Perspektiven einbeziehenden Auseinandersetzung mit der Thematik versprechen. Mit Blick auf die titelgebende „große Transformation“ gibt Blättel-Mink dabei zu Bedenken, dass keineswegs ausgemacht sei, ob beziehungsweise in welcher Weise diese eintreten werde, weshalb es nach dem Ende der Kollegforscher*innengruppe weiterhin Formen „inter- und transdisziplinärer Utopistik“ brauche.

(KvG's Bottom Orchestra in Aktion; Foto: Stephanie Kappacher)

 

Dann ist die Reihe endlich an Klaus Dörre und Hartmut Rosa, mit denen an diesem Abend – in Abwesenheit des anwesenden Stephan Lessenich – zwei der ursprünglich drei Initiatoren des Kollegs auf dem Podium stehen. Die im Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit nicht eben unerfahrenen Direktoren nutzen die ihnen jeweils zur Verfügung stehende Zeit, um zentrale Begriffe unter das Publikum zu streuen und die zwei oder drei Sätze zu versenden, die am Ende, wenn alles andere vergessen sein wird, noch immer als ,Botschaft von Jena‘ im Gedächtnis haften bleiben. Den Anfang macht Dörre, der einmal mehr den wenig schönen, aber anschaulichen Begriff von der „ökonomisch-ökologischen Zangenkrise“ ins Feld führt, um die dilemmatische Situation zu beschreiben, in der sich unsere modernen kapitalistischen Gesellschaften seiner Ansicht nach befinden: Dazu verurteilt, wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen, um das bestehende Wohlstandsniveau zu halten und soziale Verwerfungen zu vermeiden, sehen sie sich gezwungen, Raubbau an ebenjenen natürlichen Ressourcen zu üben, die es zu schonen gilt, wenn eine Akkumulation ökologischer Großgefahren und ein nicht mehr zu beherrschender Klimawandel vermieden werden sollen. Entscheiden sie sich umgekehrt gegen Wachstum und Wohlstand und für eine ökologisch verträgliche Form des Wirtschaftens, laufen sie Gefahr, die Unterstützung ihrer Bürger*innen zu verlieren und in anarchische oder autoritäre Zustände abzugleiten. Angesichts dieser dramatischen Lage brauche es, und das ist Dörres zweiter zentraler Begriff, „eine soziale und ökologische Nachhaltigkeitsrevolution“, die einen gesellschaftlichen Wandel einleitet und steuert, der in seinen Ausmaßen nur mit der Ersten Industriellen Revolution vergleichbar sei. Welche politischen und wirtschaftlichen Ordnungssysteme am besten geeignet sind, diesen Wandel herbeizuführen, ist nach Dörre nicht nur eine offene, sondern zugleich auch die zentrale Frage, der sich die Gesellschaftswissenschaften in den nächsten Jahren annehmen sollen. Flankiert werden Dörres Ausführungen durch das gewohnt gesten- und temporeiche Statement seines Kollegen Rosa, der ungeachtet der von ihm verkündeten Wahrheit über die Beliebtheit und den Unterhaltungswert von Grußworten keinen Rabatt bei der Redezeit gewährt, sondern den Timeslot nutzt, um seine Variante der ,Botschaft von Jena‘ zu versenden: In Rosas einprägsamen Worten reduziert sich die Wahl, vor der wir Erdenbewohner*innen heute stehen, demnach auf die einfache Alternative zwischen einem Wandel by design, der sich sozial verträglich und demokratisch kontrolliert vollzieht, und einem Wandel by desaster, der eines Tages als Katastrophe über uns hereinbricht. Das sitzt.

Nicht in die Zange, sondern in die Mitte zwischen die Grußworte nehmen die beiden Direktoren Julia Kaiser von der Bewegung Students for Future, die von den Ergebnissen des soeben beendeten studentischen Klimaratschlags berichtet. Im Namen der Aktivist*innen, die die Klimadebatte an die Unis und von dort in die Gesellschaft bringen wollen, fordert sie unter dem tosenden Beifall der anwesenden Kommiliton*innen, dass die Hochschulen sich im Dezember für eine Woche in Public Climate Schools verwandeln sollen, in denen Wissenschaftler*innen, Studierende und Bürger*innen über die Klimakrise und mögliche Auswege diskutieren. Wer wollte da opponieren?

(Klaus Dörre, Elisabeth von Thadden, Julia Kaiser und Hartmut Rosa, von links nach rechts; Foto: Stephanie Kappacher)

 

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ist es endlich geschafft und das Vorprogramm zum Abendvortrag absolviert. Mit dem viele Jahre für die Weltbank tätigen und seit 2014 am Graduate Center der City University of New York lehrenden Ökonomen Branko Milanovic haben die Veranstalter*innen einen der führenden Ungleichheitsforscher nach Jena gelockt, der dem bis dahin doch sehr deutschen Abend nun etwas internationalen Glamour verleiht. Was der prominente Star aus Übersee dem Publikum in seinem unangenehm gehetzt wirkenden Vortrag präsentiert, entpuppt sich jedoch als Zusammenstellung größtenteils bekannter Thesen aus seinen früheren Veröffentlichungen. Dem Hinweis auf die historische Einmaligkeit der gegenwärtigen Situation, in der mit dem Kapitalismus ein einziges Wirtschaftssystem weltweit dominant sei, und dem Hinweis, dass das Ausmaß des lange Zeit von Europa beherrschten wirtschaftlichen Austauschs mit Asien inzwischen wieder das relative Niveau von 1500 erreicht habe, folgen die vertrauten Ausführungen zur Notwendigkeit einer zeitlich wie räumlich differenzierten Betrachtung der Entwicklung globaler Ungleichheit. Das vorausgeschickt, rekapituliert Milanovic im Schnelldurchgang die weltweite Einkommensverteilung der letzten zweihundert Jahre und argumentiert, dass zwischen dem Beginn der Industriellen Revolution und der Weltwirtschaftskrise von 1929 die soziale Ungleichheit sowohl zwischen den Nationen des Westens und der übrigen Welt als auch zwischen den Angehörigen der Staaten gewachsen sei. Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts konstatiert er hingegen einen Rückgang innerstaatlicher Ungleichheit, der allerdings mit einem weiteren Anstieg der Einkommensunterschiede zwischen den westlichen Staaten und der übrigen Welt einhergegangen sei. Ab etwa 1990 habe sich das zwischenstaatliche Einkommensgefälle dann zunehmend verringert – allerdings mit Ausnahme Afrikas, das von der wirtschaftlichen Entwicklung zunehmend abgekoppelt werde. Welche politischen Implikationen diese Entwicklung – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Flucht- und Migrationsbewegungen der letzten Jahre hat, führt Milanovic aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr aus. Stattdessen endet der Vortrag abrupt und ehe man sich versieht, ist der formelle Teil der scheinbar nicht enden wollenden Eröffnungsveranstaltung vorbei. Das Publikum nimmt es gelassen bis erleichtert und verabschiedet Milanovic mit herzlichem Applaus.

(Foto: Stephanie Kappacher)

 

Dann strebt alles dem sowohl in optischer als auch kulinarischer Hinsicht höchst appetitlichen Buffet zu, das politisch korrekt auf das Servieren von Fleischgerichten – sprich: toten Tieren – verzichtet und neben vegetarischen Köstlichkeiten mit einer erlesenen Auswahl exquisiter Süßspeisen aufwartet. Und während man dem dichtgedrängten Treiben um die überbordenden Tische zusieht, kommt man nicht umhin, den offensichtlichen Widerspruch zwischen dem avisierten Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft und dem feilgebotenen Überangebot ihrer vielfältigen Verlockungen zu konstatieren. Sie wird uns fehlen, die Überflussgesellschaft.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.