Marcuse kam nicht bis Marburg

Historische Annäherungen an eine mittelhessische Stadt und ihre 'rote' Universität

Fast fünfzig Jahre nach dem Höhepunkt der westdeutschen Hochschulprotestbewegung steht das Jahr 1968 immer noch für einen nachwirkenden kulturellen und mentalitätsgeschichtlichen Epochenbruch. Deutete sich vor zwei Jahrzehnten mit der ersten rot-grünen Koalition auf Bundesebene noch eine vordergründige machtpolitische Versöhnung der Politaktivisten von einst mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit an, so erscheint diese Wendung angesichts der Anti-68er Rhetorik einer von AfD-Wahlerfolgen zusätzlich beflügelten 'neuen Rechten' inzwischen lediglich als ein historischer Zwischenschritt in der Dialektik einer sozialen Bewegung. Denn auch ein unlängst ausgerufener 'Kulturkampf' von rechts bezieht sich affirmativ auf die vermeintliche Erfolgsgeschichte einer vor einem halben Jahrhundert zum 'Marsch durch die Institutionen' angetretenen Generation von Bildungsaufsteigern, deutet diese jedoch als Symptom eines von deutschen Hochschulen ausgehenden kulturellen und politischen 'Ungeistes', der sogar die sozialdemokratisch unterwanderte CDU vollends in ihren Bann gezogen haben soll.

Bemerkenswert bleibt diese Ideologiekritik von rechts, weil sie ihren Resonanzboden in medialen Gegenöffentlichkeiten findet, die den politisch-ästhetischen Ausdrucks- und Mobilisierungsformen der westdeutschen Hochschulprotestbewegung verblüffend ähnelt. Davon zeugen ein ökonomisch gut aufgestellter rechter Buch- und Zeitschriftenmarkt, dessen Erzeugnisse – wie schon die linken Journale und Raubdrucke der sechziger und siebziger Jahre – in ihrer 'gegenhegemonialen' Rhetorik Erinnerungen an den sich zuspitzenden Kulturkampf der Weimarer Republik wecken und nebenbei desillusionierten Intellektuellen aus dem Umfeld der 68er-Bewegung ein neues publizistisches Forum bieten.[1]

Der linke "Mythos 1968"[2] wird so durch einen rechten "Gegenmythos" herausgefordert und zugleich auf paradoxe Weise verstärkt. Diese geschichtspolitische Überhöhung der westdeutschen Hochschulprotestbewegung und ihre Reduktion auf eine Jahreszahl blendet dabei mindestens aus, dass 1968 angesichts der gescheiterten Mairevolte in Paris, der Ereignisse des Prager Frühlings sowie des Erlasses der Notstandsgesetze in der Bundesrepublik kein Jahr des Erfolgs, sondern "ein Jahr ihrer Krise"[3] war. Der neuen Linken wurden angesichts massiver Polizeigewalt und mangelnder politischer Unterstützung der westdeutschen Gewerkschaften so drastisch die Grenzen ihrer eigenen politischen 'Hegemoniefähigkeit' vor Augen geführt, dass der vielfach zum Lebensexperiment[4] verklärte Rückzug auf die alltäglichen kulturellen Kampfplätze des Medien-, Erziehungs- und Bildungssektors als ein geradezu alternativloser Ausweg erscheinen musste.

In einer solchen Situation erscheint eine historisch und soziologisch informierte Aufklärung des Phänomens 1968 unerlässlich. Dieser Aufgabe stellt sich aktuell die von Thorsten Bonacker und Eckart Conze in Marburg organisierte universitätsöffentliche Vortragsreihe 1968: Aufbrüche – Ausbrüche – Umbrüche in Marburg, Deutschland und der Welt. Dass der dem Veranstaltungsort geschuldete Fokus der Reihe auf eine gerade einmal mittelgroße Universitätsstadt, die jedoch im Rückblick auf die westdeutsche Hochschulprotestbewegung teilweise in einem Atemzug mit den Zentren der Auseinandersetzung in Berlin und Frankfurt genannt wird, folgenreich bleibt, wurde bereits während der ersten Vorträge deutlich. Spätestens in den Diskussionsrunden mischten sich Zeitzeugenschaft und Zeitgeschichte, Bewegungs- und Lokalgeschichte.

Fast schon entschuldigend mutete dementsprechend der Gestus der ersten vier Vortragenden Armin Nassehi (München), Ingrid Gilcher-Holtley (Bielefeld), Norbert Frei (Jena) und Wolfgang Kraushaar (Hamburg) an, die allesamt darauf hinwiesen, zwar manches zu 1968, aber nur weniges über Marburg beitragen zu können.

Der in diesen Vorträgen stets präsenten, aber unbeantworteten Frage, warum Marburg in der (Selbst-)Historisierung der 68er-Bewegung zwar eine durchaus prominente, jedoch bislang kaum untersuchte Sonderrolle einnimmt, widmete sich schließlich am fünften Termin eine von Bonacker und Conze moderierte Podiumsdiskussion. Unter dem schlichten Titel 1968 in Marburg bemühten sich die beiden Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Hecker und Georg Fülberth sowie der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann aus der Perspektive der Zeitzeugenschaft um eine Einordnung Marburgs in die historischen Konturen von 1968. Der Umstand, dass es den Veranstaltern gelungen war, mit den von Wolfgang Abendroth geprägten Hecker und Fülberth sowie dem ehemaligen Ernst Nolte-Doktoranden Wippermann Protagonisten aus zwei seinerzeit rivalisierenden akademischen Lagern zu gewinnen, versprach dabei bereits im Vorfeld der Diskussion einiges an Spannung.

Den eher anekdotischen Beginn der Veranstaltung bildete ein von Hecker präsentiertes "Panorama in Bildern", das in einer Zeitreise die Wissenschafts-, Universitäts- und Stadtgeschichte Marburgs um 1968 auf anschauliche Weise miteinander verband. Die Stärke dieser chronologischen Bilderschau bestand in der klugen Kontextualisierung des historischen Wandels der Marburger Universität. So beging Hecker nicht den Fehler, die sich in den 1960er-Jahren ereignenden Strukturveränderungen auf das Wirken des marxistischen Politikwissenschaftlers Abendroth sowie hochschulpolitischer Initiativen im Umfeld des bezeichnenderweise erst 1970 aus der Taufe gehobenen 'roten' Fachbereich 03 für Gesellschaftswissenschaften und Philosophie zu verengen. Wie Hecker anhand des von ihm präsentierten Bildmaterials verdeutlichte, verewigte sich Mitte der sechziger Jahre in dem für die Anatomie Marburgs so einschneidenden Bau der Stadtautobahn, der Bebauung des Richtberges sowie die Errichtung moderner Universitätsgebäude im Lahntal und auf den Lahnbergen ein für diese Zeit typischer sozialtechnischer Modernisierungsschub, der auch den materiellen Unterbau für die anfangs noch zarten Hochschulreformbemühungen in einer geistig und infrastrukturell lange Zeit stark isolierten mittelhessischen Universitätsstadt bilden sollte.

Dass die sich in den sechziger Jahren etwa unter dem Einfluss des Vietnamkrieges und der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Hochschullehrer allmählich politisierende Generation von Studierenden aus diesen Eingriffen in die Strukturen ihrer unmittelbaren städtischen Umwelt ein nur geringes Politisierungspotential bezog, erscheint angesichts des zeitgenössischen bürgerschaftlichen Widerstandes gegen städtebauliche Großprojekte zumindest bemerkenswert. Diese Beobachtung rechtfertigt allemal die Frage, ob das in den Siebzigern von sozialdemokratisch angeführten Bundes- und Landesregierungen immer dichter geknüpfte Band zwischen Sozialtechnik und linken Reformbemühungen sich nicht wenigstens in einem stillschweigenden Bündnis mit den Protestbewegungen dieser Zeit entfalten konnte – ein Aspekt, durch den sich die westdeutsche Ökologiebewegung trotz personaler Kontinuitäten augenscheinlich von den Achtundsechzigern unterschied.

Den kontroversen Teil der Diskussion leiteten die in manchen wichtigen Punkten voneinander abweichenden Stellungnahmen Fülberths und Wippermanns ein. Fülberths Beitrag zielte auf eine Entmystifizierung der 'roten' Universität Marburg. Er erinnerte daran, dass diese Zuschreibung ein Produkt der hochschulpolitischen Kämpfe der siebziger Jahre gewesen sei, im Zuge von 1968 also noch überhaupt keine Rolle spielen konnte. Das "Gespenst des kommunistischen Marburg" entpuppe sich gerade mit Blick auf diese Zeit als ein plumpes "Kampfgeschrei von rechts". Um Marburg in der Zeit der Hochschulprotestbewegung zu verstehen, sei ein historischer Blick auf die tatsächlichen Machtverhältnisse an der Universität wichtig. Die Position linker Professoren wie Abendroth, Heinz Maus oder Werner Hofmann sei stets eine Minderheitenposition an einer in vielen Bereichen auch nach 1968 noch von nationalsozialistisch geprägten Professoren dominierten Hochschule geblieben.

Fülberth wies so auch auf die sich in den sechziger Jahren manifestierende Spaltung des lokalen universitären Milieus hin, das eben nicht nur linke Sozialdemokraten oder DKP-Parteigänger hervorgebracht habe, sondern etwa auch einen politisch als Marburger RCDS-Vorsitzender gestarteten Alexander Gauland. Eine direkte Verortung in der Hochschulprotestbewegung ergebe sich so betrachtet am ehesten aus der von Marburg aus koordinierten Initiative gegen die Notstandsgesetzgebung der Großen Koalition, die nicht zuletzt von Hochschullehrerseite – also von Abendroth, Maus und Hofmann in Marburg, aber auch von dem Gießener Juristen Helmut Ridder – getragen worden sei. Innerhalb des westdeutschen SDS sei Marburg dagegen stets in einer Minderheitenposition gegenüber Frankfurt, Berlin oder Göttingen geblieben. Fülberth griff hier die für die Identifizierung Marburger Besonderheiten inzwischen schon beinahe stereotype Entgegensetzung zwischen einer minoritären traditionellen und einer mehrheitlich neuen antiautoritären Linken auf.[5] Allerdings gelang es ihm, diese inzwischen selbst beinahe zum Mythos stilisierte Polarisierung mit einer interessanten Pointe zu versehen: Anders als die im unmittelbaren Aufbegehren gegen ihre Lehrer theoretisch obdachlos gewordene antiautoritäre Linke – man denke nur an Ereignisse wie die ebenfalls mit Legenden behaftete Besetzung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung – sei die organisierte politische Marburger Linke ihrem charismatischen Lehrer Wolfgang Abendroth stets eng verbunden geblieben. Dessen zumindest hinsichtlich seiner theoretischen Orientierung traditioneller Marxismus habe überdies ein für den antiautoritären Teil der Bewegung typisches Abgleiten in die Abgründe des Freudomarximus und einer ökonomischen Fragen weitgehend enthobenen neulinken Kulturkritik verhindert: Statt auf Marcuse habe man sich in Marburg auf Marx und Engels besonnen, die Klassiker der Arbeiterbewegung gelesen und augenscheinlich nur wenig Wert auf die Rezeption ihrer fragwürdigen Jünger gelegt. Dem Einfluss Abendroths sei es überdies zu verdanken, dass der Gesprächsfaden mit den Gewerkschaften nie abgerissen sei und man ferner innerhalb des Marburger SDS – anders als in Berlin, Frankfurt oder Göttingen – politisch "bedacht" und "geerdet" gehandelt habe.

Fülberth vermied es klar, die Marburger Entwicklungen als eine Tendenz zur parteikommunistischen Dogmatik zu beschreiben. Nicht zuletzt das Übergehen dieser sogar innerhalb der Hochschulprotestbewegung durchaus verbreiteten Sichtweise auf die Marburger Verhältnisse[6] provozierte die vehemente Gegenrede Wippermanns: Statt einer "bedachten" und "geerdeten" Linken habe er in seiner Marburger Assistentenzeit sehr wohl Vortragsveranstaltungen Abendroths erlebt, die in ihrer Dramaturgie bedenkliche Ähnlichkeit mit Parteitagen der KPdSU gehabt hätten. Fülberths Argumentation für einen Marburger Sonderweg innerhalb der Hochschulprotestbewegung stellte Wippermann die provozierende These entgegen, dass man sogar von einem Ausbleiben von 1968 in Marburg reden müsse. Wenn 1968 nämlich die Chiffre für die "große Studentenbewegung" in der Bundesrepublik sei, dann sei festzuhalten, dass es diese Bewegung in Marburg schlicht nie gegeben habe. Dies erkläre möglicherweise auch, warum Marburg in der allgemeinen Literatur zur Studentenbewegung keine Rolle spiele. Stattdessen müsse eher von einer "DKPisierung" Marburgs in den späten sechziger Jahren geredet werden.

Das Entstehen eines in sich weitgehend abgeschlossenen linken Milieus erklärte Wippermann ähnlich wie Fülberth mit den besonderen Marburger Verhältnissen. Abendroth sei eben nicht nur der "Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer",[7] sondern auch "in der Stadt der Täter" gewesen. Dennoch dürfe angesichts dieser Situation das eigentliche Kalkül des hochschulpolitischen Engagements seiner Schüler nicht übersehen werden – nämlich die Absicht, etwa durch die Schaffung von dauerhaften Mitarbeiterstellen und übergeleiteten Professuren Karrierechancen für linke Wissenschaftler innerhalb des westdeutschen Hochschulsystems zu schaffen beziehungsweise zu erhöhen. Aus klassenanalytischer Perspektive könnte man hinzufügen, dass auch die Marburger Linke trotz ihres affirmativen Bezuges auf das 'Proletariat' mit Blick auf ihre objektiven Stellung innerhalb des spätkapitalistischen Produktionsprozesses im Feld einer "neuen technischen Intelligenz"[8] zu verorten ist, die zwar seit rund einem halben Jahrhundert ihr eigenes "akademisches 'Proletariat'"[9] hervorbringt, vom alltäglichen Erfahrungszusammenhang der traditionellen Arbeiterklasse aber entkoppelt bleibt.

Dass Wippermann seine eigene Position in relativer Distanz zu den Marburger Entwicklungen formulierte, erklärt sich nicht zuletzt aus seiner akademischen Verortung in der Zeit um 1968. Als Assistent des liberalen Faschismus-Forschers Ernst Nolte arbeitete Wippermann in einer bereits durch die akademischen Verhältnisse gebotenen Distanz zum Abendroth-Schüler und Faschismus-Theoretiker Reinhard Kühnl an einer Kritik der Totalitarismustheorie. Dass Nolte, den Wippermann aufgrund seiner unrühmlichen Rolle im westdeutschen Historikerstreit später als "meinen missratenen Lehrer"[10] bezeichnen sollte, innerhalb der traditionellen Marburger Historikerzunft aufgrund seiner ideengeschichtlichen Arbeitsweise als "Philosoph" angefeindet wurde und hier – ähnlich wie Abendroth – stets Außenseiter blieb, markiert eine andere Linie der inneruniversitären Auseinandersetzung, die in der stark politikwissenschaftlich und soziologisch orientierten Geschichtsschreibung der Abendroth-Schule bislang völlig ausgeblendet wurde. Wippermann nannte hier insbesondere die auch nach 1945 konzeptionell an der nationalsozialistischen Raumforschung orientierte "Ostforschung" des Marburger Herder-Institutes – ein Zusammenhang, um den zwar Historiker wussten, der aber niemals den Resonanzboden des studentischen Protestes erreichen sollte.

Auch bezüglich des Marburger Sonderweges entwickelte Wippermann eine ebenso interessante wie erstaunliche These. Den Streit zwischen den Faschismus-Forschern Nolte und Kühnl[11] aufgreifend plädierte er dafür, die theoretischen Differenzen zwischen Nolte und der Abendroth-Fraktion nicht überzubewerten. Letztlich seien die Unterschiede auf den Nenner der Frage zu bringen, ob der Faschismus nach 1945 einfach "abgehauen" sei (Nolte) oder eine direkte Fortsetzung in der politischen und sozialen Wirklichkeit der Bundesrepublik gefunden habe (Kühnl). Was beide Lager jedoch eine, sei ihre Frontstellung gegen die Totalitarismustheorie als bis heute "dominanter Staatsideologie der Bundesrepublik". Erst die historischen Differenzierungen, die sowohl Nolte als auch Kühnl am Begriff des Faschismus vorgenommen hätten, ermöglichten eine klare Sicht auf das zeitgenössische Phänomen einer neuen Rechten, für die im Gegensatz zu verharmlosenden Zuschreibungen wie "Rechtspopulismus" der Begriff "Faschismus" der zutreffende sei.

Die anschließende Diskussion bot als einzig kontroversen Punkt die angesichts der Besetzung des Podiums naheliegende Geschlechterfrage. War 1968 tatsächlich ein Jahr ohne wortgewaltige Frauen, die ein halbes Jahrhundert später hätten Stellung nehmen können? Die Antwort auf diese Frage fiel bemerkenswert differenziert aus: Während die prominenten Positionen innerhalb der Marburger Studierendenvertretung männlich dominiert gewesen seien, seien Frauen in den Diskussionen des SDS ebenso präsent gewesen wie die Männer in den Kinderläden.

Damit kam die Diskussion an ihrem Ende wieder an ihrem alltags- und zeitgeschichtlichen Ausgangspunkt an. Das Bild, das hier von Marburg um 1968 gezeichnet wurde, konnte angesichts der zuvor mit großer Eleganz ausgebreiteten Sonderwegsthesen doch noch einigermaßen überraschen. Zur Sprache kamen etwa die Kommunen des Marburger Umlandes, in denen die Offenheit für antiautoritäre Strömungen in der Linken, experimentelle Lebensformen und die Lektüre der Schriften von Wilhelm Reich, Erich Fromm oder Herbert Marcuse problemlos mit dem Besuch der Vorlesungen Abendroths vereinbar gewesen seien. Die "Erdung" des Marburger Milieus machte eine Teilnehmerin unter anderem daran fest, dass sich der exzessive Drogenkonsum hier im Gegensatz zu Berlin oder Frankfurt in Grenzen gehalten habe. Ob auch dieser Umstand auf die Bindekräfte des universitären Milieus zurückzuführen ist oder nicht sehr viel banaler mit der provinziellen Lage einer mittelhessischen Universitätsstadt zu erklären wäre, ließ die Diskussion letztlich offen.

An diesem Punkt müsste eine zeitgeschichtlich und soziologisch orientierte Aufarbeitung der Marburger Verhältnisse ansetzen, die endlich auch Archive und Nachlässe erschließt und Marburg um 1968 jenseits der bekannten Mythen und Stereotype mit anderen Zentren der westdeutschen Hochschulprotestbewegung kontextualisiert.[12] Dass die Podiumsdiskussion dies trotz ihres Anekdotenreichtums und einer phasenweise brillanten intellektuellen Auseinandersetzung nur bedingt vermochte, liegt gewissermaßen in der Natur des gewählten Formats. Die von den Veranstaltern durchaus gewollte Durchdringung von Zeitzeugenschaft und wissenschaftlicher Expertise glich einem für die Diskutierenden keineswegs immer einfach zu bewältigenden Spagat zwischen rückblickend-biographischer Selbstverortung und wissenschaftlich-historischer Einordnung. Dass sich die „Feindschaft“ (Wippermann) zwischen dem Historiker und dem Zeitzeugen im Verlaufe dieser Diskussion dennoch zu einer durchaus produktiven Beziehung entwickeln sollte, lag auch daran, dass es den Protagonisten gelang, kontroverse Positionen zu beziehen ohne die wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit noch einmal auszutragen. Die ungelöste Spannung zwischen den vorgetragenen Zeitzeugenschaften eröffnet so im besten Fall den Raum einer künftigen Wissenschafts- und Zeitgeschichtsschreibung.

Fußnoten

[1]     Vgl. hierzu Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017.

[2]     Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000.

[3]     Michael Verster, Eine Korrektur des Mythos '1968'. Basisdemokratische Bewegungen und linker Reformismus im Wandel der BRD 1949–1989, in: Barbara Klaus/Jürgen Feldhoff (Hg.), Politische Autonomie und wissenschaftliche Reflexion. Beiträge zum Lebenswerk von Arno Klönne, Köln 2017, S. 119–169, hier S. 119.

[4]     Zur näheren Erkundung dieses Milieus vgl. Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft, Berlin 2014.

[5]     Vgl. Lothar Peter, Marx an die Uni! Die 'Marburger Schule'. Geschichte, Probleme, Akteure, Köln 2014, S. 76 ff.

[6]     Vgl. Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014, S. 9 ff.

[7]     Jürgen Habermas, Der Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer, in: Die Zeit, 29. April 1966.

[8]     Alvin Gouldner, Die Intelligenz als neue Klasse, Frankfurt am Main 1978.

[9]     Ebd., S. 126.

[10]    Wolfgang Wippermann, „Ernst Nolte ist mein missratener Lehrer“.

[11]    Vgl. Ernst Nolte, Universitätsinstitut oder Parteihochschule? Dokumentation zum Habilitationsverfahren Kühnl, Köln 1971; Reinhard Kühnl, Gutachten und Stellungnahmen im Habilitationsverfahren Dr. Reinhard Kühnl, Neuwied 1971.

[12]    Vgl. hierzu bereits die Initiative Linksverkehr. Frankfurt a.M./Marburg - IdeenTransit des Marburger Portals für Ideengeschichte und des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.