Selbstthematisierung in Theorie und Praxis

Tagung anlässlich des 90. Geburtstages Niklas Luhmanns und der Publikation seiner Gesellschaftstheorie von 1975, Universität Bielefeld, 08.-09. Dezember 2017

Wie begeht man unverfänglich den 90. Geburtstag eines Denkers, der Rekurse auf Biografisches nicht nur für entbehrlich hielt, sondern sie gar als verdeckte Kritik an der Qualität des eigenen Werkes empfand? „[W]enn jemand das braucht, um zu verstehen, was ich geschrieben habe, dann habe ich schlecht geschrieben“[1], ließ Luhmann wissen, und hoffte, dass seine Arbeit an Begriff und Theorie lästige Biografismen überflüssig mache. Dass dieser Vorbehalt sich auch auf Jubiläen jeder Art erstreckt, dürfte den Veranstaltern der Luhmann-Tagung, die am 8. und 9. Dezember in Bielefeld stattfand, klar gewesen sein. Daher zeigte man sich erleichtert, dass für die Veranstaltung auch Gründe in der Sachdimension geltend gemacht werden konnten: Mit dem voluminösen Manuskript aus dem Jahre 1975, das in dieser Woche unter dem Titel Systemtheorie der Gesellschaft bei Suhrkamp erschien[2], bot sich die Gelegenheit, auf neuer Textgrundlage über Genese und Geltung des Luhmann‘schen Œuvre nachzudenken. So waren die Vortragenden denn auch gebeten worden, ihren Beitrag an jeweils einem Kapitel oder Abschnitt der jüngsten Publikation zu orientieren, um daran einen kritischen Vergleich zumal mit den beiden ‚großen‘ sozial- beziehungsweise gesellschaftstheoretischen Würfen Luhmanns (Soziale Systeme von 1984 und Die Gesellschaft der Gesellschaft von 1997) anzuschließen. Die Bereitschaft der Vortragenden, dieser Strukturvorgabe wirklich Folge zu leisten, war allerdings unterschiedlich ausgeprägt. Manche Präsentationen ließen sich auf komparativ-philologische Kleinstarbeit so stark ein, dass man ohne eigenen schriftlichen ‚Außenhalt‘ schnell den Faden verlor, andere Beiträge wiederum präsentierten freihändig Luhmann-Interpretationen, die nahezu ohne jeden konkreten Bezug zur neuen Publikation auskamen. Aufgrund dieser Heterogenität bietet es sich für die folgenden Ausführungen an, die Beiträge nicht streng chronologisch vorzustellen und zu diskutieren, sondern sie zumindest teilweise mit eigenständigen Klammern zu versehen.[3]

JOHANNES SCHMIDT (Bielefeld) eröffnete die Tagung mit Erläuterungen zum laufenden Bielefelder Vorhaben, den Zettelkasten Luhmanns zu digitalisieren. Er führte in die komplexe Entstehungsgeschichte des mehr als 1000-seitigen Manuskriptes ein, das sein Autor ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatte und das rückblickend eine interessante Mittlerstellung zwischen Luhmanns früher phänomenologischer Orientierung und der beobachtungs- und differenzierungstheoretisch ‚ausgereiften‘ Herangehensweise seiner späteren Arbeiten einnimmt. Dem naheliegenden und im Verlauf der Tagung stets präsenten Einwand, dass Luhmann jenes Manuskript womöglich aus guten Grün­den nicht publiziert habe, begegnete Schmidt mit der charmanten, aber wohl auch seiner Herausge­berrolle ge­schuldeten Pointe, die Grundlagenproduktion sei bei Luhmann ohnehin stets „im Fluss“ gewesen. Näher besehen stelle auch Die Gesellschaft der Gesellschaft eine Momentaufnahme dar, deren Publikation keineswegs den Charakter einer letztgültigen Großsynthese trage, sondern sich eher mit der knapper werdenden Lebenszeit Luhmanns erklären ließe.

ANDRÉ KIESERLING (Bielefeld) nahm den ersten Teil des Buches (Soziale Systeme: Interaktion, Organisation, Ge­sellschaft) zum Anlass, die Einfachheit dieser Ebenendifferenzierung gegen Kritiker zu verteidigen, die etwa ‚Gruppen‘ oder ‚Protestbewegungen‘ mit gleicher kategorialer Prominenz behandelt sehen wollen. Gegenüber diesen Einwänden favorisierte Kieserling nicht eine Ergänzung, sondern eine „Vertiefung“ der vorliegenden Liste, die ein Vielfaches an Differenzierungsmöglichkeiten eröffne und der er den schönen Namen „ebenenplurales Einschach­telungsdenken“ gab. Demnach lasse sich, ohne dafür die Ebenendifferenzierung arbiträr erweitern zu müssen, eine reichere Systemtypologie gewinnen, wenn man den Systemtyp einer Ebene – z. B. Interaktionssysteme – mit Hilfe der übrigen Systemebenen binnendifferenziert. So ließen sich etwa Interaktionssysteme in einem ersten Schritt selbst noch einmal in organisierte und nicht-organisierte Interaktionssysteme unterscheiden. Dadurch könne man besser in den Blick bekommen, dass die Leistung bestimmter Organisationen gerade darin liege, ihren sozialen Binnenbereich von funktionssystemspezifischen Imperativen freizuhalten. Auch wenn ein Betrieb als Betrieb wirt­schaftlich orientiert ist, so bedeute dies keinesfalls, dass auch die Mitglieder dieses Betriebs untereinander tauschförmig kommunizieren – auch wenn, so muss man zur Jahresendzeit wohl hin­zufügen, das ‚Wichteln‘ zum Ritual der ein oder anderen betrieblichen Weihnachtsfeier gehören mag. Eine ähnlich produktive Binnendifferenzierung führte Kieserling am Typus „gesellschaftlich bestimmter Organisationen“ vor, an Organisationen also, in denen Interaktionen in stärkerer Weise auf funktionssystemische Kontaktstellen bezogen sind. Hier – etwa in diplomatischer oder juristischer high-end-Kommunikation – treffe man auf ein organisationell unverpflichtetes Gegenüber, so dass auf formale innerorganisatorische Autorität nicht ohne Weiteres zurückgegriffen werden könne und entsprechende Interaktionen weitaus stärker ‚gesellschaftlich‘ beeinflussbar seien.

TOBIAS WERRON (Bielefeld) widmete sich im Anschluss mit ‚Konkurrenz‘ einem Thema, das er mit den konfliktsoziologischen Ausführungen der Systemtheorie Luhmanns in Beziehung setzte. Dabei fiel ihm im Vergleich auf, dass sich in der Fassung von 1975 einige funktionsbezogene Bestimmungen von ‚Konkurrenz‘ finden, die in den späteren Werken nicht mehr auftauchen. Werron ging daher mit dem Luhmann von 1975 zunächst davon aus, dass Konkurrenz eine Form des Umgangs mit steigender Konfliktwahrscheinlichkeit darstelle, die selbst jedoch gerade nicht konfliktförmig prozessiert werde. Anders gesagt: Konkurrenz erschließt soziale Negationspotentiale, fängt sie aber in konfliktfreier Form ab, indem sie die Beziehung über ein Drittes oder einen Dritten / eine Dritte umleitet: Wer mit jemandem um etwas konkurriert, seien es Stellen, Preise oder Absatzmärkte, wird von direkter interaktiver Konfrontation entlastet. Es existiert keine Notwendigkeit mehr, sich wechselseitig zu negieren – eine durchaus vielversprechende Form der Domestikation für die in der Moderne ansteigende Konfliktwahrscheinlichkeit. Die Frage allerdings, ob die Umleitung von Konflikt auf Konkurrenz auch in einem herrschaftssoziologischen Sinne zu verstehen ist, blieb genauso offen wie eine genauere Klärung des Verhältnisses von Konkurrenz und Recht; denn schon das Recht ist ja mit Luhmann als ein Mechanismus zu interpretieren, der den Konflikt in geregelter Weise über Verfahren umleitet und darin als funktionales Äquivalent zur Konkurrenz in den Blick kommt. Auf eine künftige Klärung dieser einstweilen unbeantworteten Fragen darf man gespannt sein.

Die Vorträge von ANDREAS GÖBEL (Würzburg) und ELENA ESPOSITO (Modena/Bielefeld) einte der bereits angesprochene Einwand, dass Luhmann auf eine Publikation des Manuskriptes wohl aus guten Gründen verzichtet habe. Beide hoben hervor, dass darin bestimmte theorietechnische Probleme tatsächlich noch ungelöst sind. So vermisste Göbel in besagtem Manuskript eine differenzierungstheoretische Grundlage, die es erlauben würde, noch die eigene Analyseperspektive an gesellschaftsstrukturelle Ermöglichungsbedingungen rückzubinden. Eine derartige „Reflexion dritter Stufe“ werde hier noch reflexions- und nicht – wie in den späteren Schriften Luhmanns – gesellschaftstheoretisch eingeholt. Göbel vermutete im 1975er-Manuskript denn auch einen hegelianisierenden Restbestand, der erst in den ‚reiferen‘ Arbeiten durch eine elaboriertere Beobachtungstheorie und durch eine klarere Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen stratifikatorischer und funktionaler Differenzierung verschwände. Einen Grund, sein Buch Theoriegenese als Problemgenese[4] unter dem Eindruck der neu erschienenen Publikation umzuarbeiten, dürfte Göbel also eher nicht sehen.

Ähnlich unterschied auch Elena Esposito in ihren Ausführungen zu ‚Technik‘ und ‚Lebenswelt‘ zwischen einem eher phänomenologisch argumentierenden Luhmann von 1975 und einem beobachtungstheoretisch belehrten, ‚reifen‘ Luhmann. Schon in der Systemtheorie der Gesellschaft finde sich ihr zufolge jedoch eine durchaus plausible Distanzierung des Lebensweltkonzeptes. So habe ‚Lebenswelt‘ die seltsame Doppelfunktion, sowohl als nicht überschreitbarer Letzthorizont wie als Kontrastfolie für eine perhorreszierte Technisierungsdynamik zu dienen – in den Worten des späteren, beobachtungstheoretisch informierten Luhmann, so Esposito, würde Lebenswelt also als unmarked state und unmarked space zugleich in Anspruch genommen und sei theorietechnisch kaum mehr anschlussfähig. Gegen ein romantisiertes Verständnis der Lebenswelt lasse sich mit Luhmann festhalten, dass die Lebenswelt zwangsläufig paradox konstituiert sein muss: Denn das, wovon sie sich abzugrenzen glaubt – Wissenschaft und Technik –, setzt sie in konturierter Form bereits voraus. So gab Esposito in der Sprache des späteren Luhmann denn auch zu bedenken, dass der Zusammenhang von ‚Technik‘ und ‚Lebenswelt‘ allenfalls als re-entry verstanden werden könne: Technik bilde in der Lebenswelt selbst einen Begriff der Lebenswelt aus.                    

Für die Luhmann-Orthodoxie durchaus provokante Überlegungen präsentierten DIRK BAECKER (Witten/Herdecke), UWE SCHIMANK (Bremen) und THOMAS SCHWINN (Heidelberg). Baecker rief (wieder einmal) eine „nächste Gesellschaft“ aus, deren Konturen erneut schwammig blieben. Baecker unterschied zunächst verschiedene Modi der Selbstthematisierung von Gesellschaft. Bereits genuin theologische Deutungsangebote enthielten stets eine solche Selbstthematisierung, indem unter Verweis auf Gott markiert wird, was eine Gesellschaft jeweils nicht kann. In einer abgestuften Perfektion des Kosmos wiederum würde die jeweils seiende Ordnung als korrupte konzipiert, und in der klassischen cartesianischen Subjektphilosophie würde jeweils das als ‚Gesellschaft‘ ausgewiesen, was als nichttransparenter Rest verbleibt. Die Luhmann‘sche System- und Medientheorie las Baecker nun als weitere Option einer Selbstthematisierung, die sich als ebenso kurzlebig erweisen könnte, denn am Horizont zeichne sich bereits die „nächste Gesellschaft“ ab, und mit ihr eine Selbstthematisierung, die temporale und eigenverfallsfreundliche Formen im Umgang mit Komplexität und Nichtwissen in den Vordergrund stelle. Bewegungen statt Macht, Projekte statt Geld, Spiritualität statt Glaube, Theorie statt Wahrheit, Performance statt Kunst – all diese Formen der „nächsten Gesellschaft“ haben nach Baecker gelernt, mit ihrem eigenen Verfall zu rechnen. Sie könnten die Stabilität der Luhmann‘schen Codierungen und die daran angelehnte Selbstthematisierung anachronistisch werden lassen. Die suggestive Kraft dieser Diagnose dürfte allerdings deutlich zulasten ihrer gesellschaftstheoretischen Haltbarkeit gehen, ist doch fraglich, ob Zeitgeist- und Milieuphänomene bruchlos auf die gesellschaftsstrukturelle Ebene durchschlagen. Vor allem ließ Baecker das Publikum aber darüber im Unklaren, inwiefern es sich bei der temporalen Umorientierung der Selbstthematisierung überhaupt um etwas Neues handelt – Temporalität und die Unwahrscheinlichkeit von Erwartungsstabilität waren schließlich immer schon zentrale Bezugspunkte der Theoriebildung Luhmanns.

Uwe Schimank fragte mit Blick auf Luhmanns Rede von medienspezifischen „Konvertibilitätssper­ren“, ob sich die Annahme einer operativen Autonomie der Teilsysteme wirklich halten lässt. Dage­gen spricht aus seiner Sicht der Umstand, dass besonders Organisationen – Krankenhäuser oder Universitäten beispielsweise – in hohem Maße vom Medium Geld abhängig seien. Tatsächlich seien aktuell bereits Anzeichen einer ‚feindlichen Übernahme‘ durch das Wirtschaftssystem zu erkennen, die Luhmann‘sche Autonomieannahmen vor grundsätzliche Probleme stellten. Diese These sorgte erstmals für eine etwas lebhaftere Diskussion, in der sowohl die grundbegrifflichen Unschärfen bemängelt wie die zeitdiagnostischen Implikationen hinterfragt wurden. Unklar blieb, was Schimank eigentlich mit dem Begriff der „Abhängigkeit“ benennen wollte. Bei Luhmann selbst ist schließlich unbestritten, dass nicht nur Organisationen, sondern auch Funktionssysteme – Wie sollte es anders sein? – von Geld abhängig sind und auf die Leistungen des ökonomischen Systems zurückgreifen. Bekanntlich sind in gleicher Weise ja auch soziale Systeme von psychischen und diese ihrerseits wiederum von organischen Systemen „abhängig“. Eine Autonomie der Teilsysteme wird bei Luhmann, so die meisten Diskutanten einhellig, lediglich auf operativer Ebene behauptet. Faktisch ist also fraglich, ob in dieser Hinsicht wirklich ein heteronomer ‚Durchgriff‘ des Geldmediums beobachtet werden kann. So wurde denn auch mehrfach durchgespielt, wie das, was Schimank unter „Abhängigkeit“ versteht, durchaus auf gegenläufige Einflusslinien bezogen werden kann: Das Wirtschaftssystem etwa ist – im Schimank‘schen Verständnis des Begriffs – vom Bildungs- und Erziehungssystem ebenfalls hochgradig „abhängig“, und Rudolf Stichweh gab zu bedenken, die Tatsache der Besteuerung könne mit gleichem Recht als Dominanz des politischen Systems dechiffriert werden.

Eine ähnliche Stoßrichtung wie Schimanks Beitrag hatten die Überlegungen von Thomas Schwinn, der in Luhmanns Systemtheorie der Gesellschaft ein fortgesetztes Interesse an Primatfragen zu er­kennen glaubte. Besonders die Unterscheidung zwischen ‚Funktion‘ und ‚Leistung‘ könnte nach seiner Lesart dazu dienen, die Systemtheorie stärker für die Belange der soziologischen Ungleichheitsforschung zu sensibilisieren. Leistung als soziale Zurechnungsgröße sei – so Schwinns Überlegung – aufgrund manifester Abnahmeinteressen weitaus motivations- und sanktionsfähiger als Funktion und eröffne insbesondere in Organisationen einen weiten Spielraum für schichtspezifische Differenzierungen. So lasse sich an der zwangsläufig ‚diachronen‘ Abarbeitung von Berufsbiograpfien entdecken, dass sich die Interaktion in Unterschichten zusehends auf wenige ‚strong ties‘ beschränke, während in der Oberschicht eine höhere und in weiten Teilen lebensstilabhängige Systematizität der Kommunikationsstruktur zu recht genau prognostizierbaren Organisationskarrieren führe. Daher erschien Schwinn die auf Bourdieu gemünzte Annahme Luhmanns, dass Distinktion kaum mehr ein sozialstrukturelles Korrelat habe, schlecht vereinbar mit den Ergebnissen empirischer Schichten- und Elitenforschung.

Einen Vortrag, der sich recht schnell von der Luhmann‘schen Vorlage löste und in eine etwas zu breit angelegte kulturhistorische Betrachtung spezifischer Welt(gesellschafts)entwürfe diffundierte, hielt BORIS HOLZER (Konstanz). Grundsätzlich unterschied er zwischen selbstzentrierten und distanzierenden Weltentwürfen. Während erstere sich ‚Welt‘ in konzentrisch gestuften Kontaktzonen mit unscharfen Außengrenzen appräsentierten, würden letztere die Peripherie durch Kuriositäten und Monstrositäten verfremden. Im Kontext der Entdeckung der ‚Neuen Welt‘ sei die afro-eurasische Zone daher zunächst noch narrativ mit Barbaren oder tugendhaften Stämmen bevölkert worden, bevor sich durch die „weltadäquaten“ Medien Wahrheit und Geld eine dauerhafte Kontaktstruktur im Zeichen kolonialer Expansion herausbildete. Dabei sei – so Holzers Pointe – das Medium Macht und dessen handlungskoordinative Kraft in der bisherigen Geschichtsschreibung deutlich überschätzt worden; als weitaus wirkmächtiger habe sich die Religion erwiesen, die in Gestalt von Missionierungsbestrebungen vor allem auf eine zuverlässigere motivationale Grundlage zurückgreifen konnte. Abgesehen von der These, dass das Zusammenwachsen der Weltgesellschaft im 19. Jahrhundert zu entscheidenden Teilen medienbedingt gewesen sei, blieb allerdings im Dunkeln, was diese Ausführungen für ein besseres Verständnis des Luhmann‘schen Konzeptes von der „Weltgesellschaft“ abwerfen und in welchem Verhältnis sie zu dessen Systemtheorie der Gesellschaft von 1975 stehen.

HARTMANN TYRELL (Bielefeld/Münster) unterzog die familiensoziologischen Einsichten, die sich in dem „Gesellschaft als System“ betitelten, vierten Teil des neuen Buches finden, einer näheren Betrachtung. Dabei legte er in Gestalt mündlicher ‚Fußnoten‘ besonderen Wert auf den Umstand, dass der Unterschied zwischen einer patriarchalen, um den Vater zentrierten ‚Hausfamilie‘, die sich auch auf ältere Generationen und das Gesinde erstreckt, und der bürgerlichen Kleinfamilie, bei der die Bildung des Intimsystems mit der Geburt eigener Kinder und im Medium der Liebe immer wieder von Neuem beginnt, kaum genug betont werden kann. Zum einen nämlich sei nur so der „Jahrhundertkonflikt“ rekonstruierbar, der die „undifferenzierte“ Frau (Simmel) auf einen rein expressiven Rollentypus festlegt und damit das mehrgliedrige gesellschaftliche Inklusionsprinzip dementiert. Zum anderen gerate allein dank dieser Unterscheidung in den Blick, dass der Abriss der Generationenkontinuität zu einem gesellschaftsstrukturellen „Antifamilialismus“ der besonderen Art führe. Zumal aufgrund professionalisierter und darin auf Dauer gestellter, pädagogischer Intervention ‚Familie‘ nur noch als eine Ansammlung zufällig zusammenlebender Individuen wahrgenommen würde. Das, was so unschuldig als ‚Förderung‘ daherkomme, würde daher oftmals intergenerative Schichtdifferenzen in die an sich schichthomogene Familie einführen und folglich neuartige Konflikte mit sich bringen.

Die beiden abschließenden Vorträge zur Evolutionstheorie Luhmanns hätten unterschiedlicher kaum ausfallen können. Zunächst erarbeitete RUDOLF STICHWEH (Bonn) in sehr grundsätzlicher Weise verschiedene Evolutionsverständnisse, denen er durch eine Reihe von Unterscheidungen (Evolution vs. Geschichte, Evolution vs. Entwicklung, biologische vs. soziokulturelle Evolution) Kontur zu geben suchte. Der Ertrag dieses Vorgehens lag vor allem in der Erkenntnis, dass Luhmanns Dreischritt ‚Variation – Selektion – Stabilisierung‘ nur eine Möglichkeit darstellt, den Evolutionsgedanken für die soziologische Theoriebildung zu nutzen. Alternativ wäre laut Stichweh etwa in Anlehnung an Mayr zu prüfen, ob das Ineinandergreifen von Mikroevolution und Speziation zu einer Absonderung von Teilpopulationen führen kann, die in Sachen Umweltanpassung dann gewissermaßen eine Pause einlegen und sich stattdessen weiter nach ‚innen‘ differenzieren. Ob mit einer solchen Modellvorstellung der Weg von Jäger-und-Sammler-Kulturen über Imperien zur Weltgesellschaft wirklich überzeugender nachzuzeichnen wäre als mit Luhmanns evolutionstheoretischen Denkmitteln, blieb allerdings offen.

Zu guter Letzt unternahm KAY JUNGE (Bielefeld) den Versuch, Ansätze aus der Spieltheorie zu einer Erhellung evolutionärer Mechanismen zu nutzen und dabei insbesondere Fragen der Retention (Stabilisierung) in den Mittelpunkt zu stellen. In einem rasanten Durchgang durch unterhaltsame, teils aber auch disparate Veranschaulichungen wurde unter anderem das vertraute Schicksal thematisiert, dass sich die Klamotten am Ende eines Waschgangs unabhängig von der Ausgangssituation grundsätzlich im Inneren des Kissenbezugs wiederfinden. Mit Blick auf die Frage evolutionärer Strukturstabilisierung ergiebiger waren Junges Ausführungen zu dem Phänomen, dass die Strategie, von Menschen statt von Sachen zu lernen, ab einem bestimmten Punkt in Echolalie umschlagen muss; auf Nachahmung zu setzen, ist aus Populationsperspektive nämlich nur solange attraktiv, wie eine hinreichend große Anzahl von Menschen weiterhin von Sachen lernt. Seine abschließenden Anmerkungen über „elliptische Äußerungen“ kamen hingegen kaum über die Einsichten hinaus, die seit den Tagen Harold Garfinkels als indexikale Grundstruktur der Alltagskommunikation bestens bekannt sind. Doch zumindest für das Problem des kleiderverschlingenden Kissenbezugs fand sich noch ein evolutionärer Mechanismus, mit dem man Pfadabhängigkeiten gar intentional in den Griff bekommen kann: Man müsse, wie ein Zuhörer bemerkte, den Kissenbezug vor dem Waschgang einfach zuknöpfen.

Resümierend ist festzuhalten, dass bei allem Anregungsreichtum die Anlage der Tagung vor allem drei Probleme aufwarf, die in ihrem Verlauf immer deutlicher hervortraten: Erstens handelte es sich bei der Kenntnis des besagten Manuskripts – da erst in dieser Woche veröffentlicht – um ein Geheimwissen der Referent*innen, so dass das Publikum den jeweiligen Ausführungen lediglich im Modus der Gutgläubigkeit begegnen konnte. Zweitens stellt sich die Frage, ob ein Veranstaltungsformat, das ausschließlich auf Mündlichkeit setzt, dem hier vorliegenden Gegenstand überhaupt gewachsen sein und gerecht werden kann. Schließlich war man genötigt, sich eine ohnehin hochkomplexe Theorie in gleich drei verschiedenen Versionen präsent zu halten, um sie mit dem jeweiligen Vortrag abgleichen zu können. Dies Szenario stellte sowohl die Referent*innen wie das Publikum vor enorme Herausforderungen. Oftmals hatte es den Anschein, dass man in den anschließenden Diskussionen froh und erleichtert war, sich wieder auf die ebenso vertrauten wie ausgetretenen Pfade einer Luhmann-Orthodoxie oder Luhmann-Häresie begeben zu können. An deren Ende versuchten die einen, das geschlossene Lehrgebäude abzusichern, während die anderen es mit (meist zu kleinkalibrigen) Geschossen ins Visier nahmen. Drittens konnte man sich schwerlich der Vermutung erwehren, dass die Argumentation entlang vorhersehbarer Konfliktlinien wohl damit zu tun habe, dass Luhmann, der nie eine Schule gründen wollte, zumindest das Entstehen einer veritablen Schülerschaft nicht ‚vermeiden‘ konnte – im Effekt sind hochspezialisierte akademische Zirkel entstanden, deren Argumente heute derart bekannt sind, dass die noch möglichen Diskussionen offenbar einen gewissen Sättigungsgrad erreicht haben. Um hier für frischeren Wind zu sorgen, wären künftige Veranstaltungen meines Erachtens gut beraten, würden sie den Kreis der Vortragsredner*innen nicht mehr auf die ‚üblichen Verdächtigen‘ beschränken. Gerade innerhalb der jüngeren Generation systemtheoretisch versierter Soziolog*innen findet sich die Tendenz, in stärker gegenstandsbezogener Weise nicht über, sondern mit Luhmann zu arbeiten. Eine solche Einstellung könnte letztlich verhindern, dass sich dieser eigentlich zeitlose Autor ins Mausoleum der soziologischen Theorie verfrachtet findet.

Zum Tagungsprogramm (PDF)

Fußnoten

[1] Walther van Rossum / Niklas Luhmann, „Ich nehme mal Marx“, in: Niklas Luhmann / Dirk Baecker, Archimedes und wir. Interviews, Berlin 1987, S. 14-37.

[2] Niklas Luhmann, Systemtheorie der Gesellschaft, hrsg. von Johannes Schmidt und André Kieserling unter Mitarbeit von Christoph Gesigora, Berlin 2017.

[3] Ich danke in diesem Zusammenhang meinen Dresdner Kollegen Stephan Hein, Andreas Höntsch und Rolf Nichelmann für einen intensiven Austausch über die Tagungsbeiträge, der mir beim Verfassen des vorliegenden Berichts sehr geholfen hat. Letzterem hat die Endfassung zudem wichtige inhaltliche und stilistische Anmerkungen zu verdanken.

[4] Andreas Göbel, Theoriegenese als Problemgenese. Eine problemgeschichtliche Rekonstruktion der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns, Konstanz 2000.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.