Theoretische und methodische Problemstellungen soziologischer Prozessforschung

Arbeitstagung des „Bielefelder Arbeitskreises Historische Soziologie und soziologische Prozessforschung“, Universität Bielefeld, 18. Mai 2017

Welche theoretischen und methodischen Probleme stellen sich einer soziologischen Prozessforschung? Unter dieser Fragestellung hatten THOMAS HOEBEL, VOLKER KRUSE und RAINER SCHÜTZEICHEL (alle Bielefeld) die zweite Arbeitstagung des „Bielefelder Arbeitskreises Historische Soziologie und soziologische Prozessforschung“ organisiert. Sie hatte vornehmlich zwei Ziele: Zum einen sollte im Rückblick auf die erste Arbeitstagung am 01.03.2017 die offen gebliebene Frage aufgegriffen werden, ob sich gesellschaftliche Differenzierung nicht nur historisch beschreiben, sondern auch als Prozess begreifen lässt. Zum anderen luden die Veranstalter dazu ein, neuere Prozesskonzepte zu diskutieren, um grundsätzliche theoretische wie methodische Problemstellungen der Prozessforschung zu erörtern.

THOMAS HOEBEL (Bielefeld) eröffnete die Tagung mit einer zusammen mit ENNO ALJETS (Bremen) entwickelten Skizze methodologischer Problemkreise prozessualen Erklärens sowie möglicher Bearbeitungsperspektiven. Ausgangspunkt war die These, dass man ganz unterschiedliche Ereignisse, wie etwa das Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Józefów durch Angehörige des Reserve-Polizeibataillons 101 am 13. Juli 1942[1] oder den raschen Aufstieg der Empirischen Bildungsforschung als wissenschaftliche Disziplin in den 1990er- und 2000er- Jahren, auf sehr ähnliche Weise erklären könne – nämlich dann, wenn man den Fokus auf die temporale Ordnung des Geschehens lege. Nutze man das „Timing“ von Ereignissen, um ein spezifisches Geschehen zu erklären, so Hoebel, stoße man auf (mindestens) fünf Problemkreise, derer sich eine primär temporale Methodologie empirischer Sozialforschung annehmen müsse.

Das Problem der Kontingenz (1) stelle sich insofern, als dass jede soziologische Erklärung, die prozessuale Muster in den Blick nimmt, sich immer mit der Frage konfrontieren müsse: Warum ist etwas so geschehen und nicht anders? Die retrospektive Perspektive der Forscherin erliege häufig der Versuchung, vom heutigen Kenntnisstand des Geschehens her zu denken und den Ereignisverlauf nicht mehr als kontingent zu behandeln. Das betreffe auch das Problem der Relationalität von Ereignissen (2): Welche Beziehung besteht zwischen den Ereignissen und was kennzeichnet ihre spezifische Verlaufsform? Hier brauche es ein sozialtheoretisch fundiertes Verständnis davon, wie sich Ereignisse inhaltlich miteinander verbinden, um sich nicht in beliebigen Erzählungen zu verlieren.

Diesen Problemkreisen könne begegnet werden, so Hoebel, wenn man das interessierende Geschehen zunächst basal rekonstruiert – unter Berücksichtigung aller möglichen (auch sich widersprechenden) Versionen, die das empirische Material hergibt. Aljets und Hoebel schlugen vor, hierfür die drei Grundbegriffe Ereignis, Verkettung und Sequenz zu nutzen, wobei sie Sequenzen als eine Verkettung von mindestens drei Ereignissen verstanden wissen wollten. Über die Sequenzierung des empirischen Materials könne so eine Rekonstruktion der Ereignisverkettungen erstellt werden, über die die Relationalität der Ereignisse besser sichtbar werde. Eine Sequenz lasse sich mithin als Geschichte oder Episode begreifen, die den einzelnen Ereignissen durch ihre jeweilige relationale Verkettung einen zusätzlichen Sinngehalt oder eine spezifische Gestalt gebe. Welche Einheiten des Geschehens dabei als Ereignis und Sequenz gefasst werden, sei beobachterabhängig und hänge demnach gleichermaßen von dem Untersuchungsobjekt wie dem theoretischen Rahmen der Untersuchung ab.

Das Problem der Kausalität (3) schließe hier an, da Fragen nach der Verursachung von Ereignissen und ihrer prozessualen Hervorbringung gewöhnlich mit Kausalitätsfragen gleichgesetzt würden. Ein prozessuales Erklären solle jedoch bei der temporalen Ordnung des Geschehens ansetzen, um zu empirisch gesättigten soziologischen Erklärungen vordringen zu können. Die von Aljets und Hoebel entwickelte Methodologie schlägt vor, im Zusammenhang mit dem Timing vier temporale Aspekte zu berücksichtigen: die Abfolge (in welcher Reihung finden die Ereignisse statt?), den Zeitpunkt (welche zeitliche Stelle besetzt das Ereignis im Geschehen, das eine bestimmte Abfolge hat?), den Abstand (welche zeitliche Distanz haben die interessierenden Ereignisse zueinander?) und den Treffpunkt (wann berühren sich Ereignisse an gleichen Zeitpunkten, treffen sie sich oder fallen sie zusammen?). Mithilfe des Timing-Konzepts soll ein Umschalten von der Rekonstruktion des Geschehens auf seine Erklärung ermöglicht werden.

Abschließend zu nennen seien das Problem der Validität (4) sowie das Problem der Generalisierung (5) – zwei Problemkreise, die sich in einzelfallorientierten Verfahren aus dem Umstand ergeben, dass spezifische prozessuale Verlaufsformen herausgearbeitet werden, die dann wiederum in Beziehung zu anderen (möglichen) Verlaufsformen gesetzt werden müssen. Hoebel schlug vor, hier die vier temporalen Fragen des Timings zu nutzen, um die Verlaufsform(en) des interessierenden Geschehens mit anderen Sequenzen oder Fällen zu vergleichen. Hier würden sich auch bereits theoretisch generalisierte Konzepte von Verlaufsformen wie zum Beispiel das des „bürokratischen Teufelskreises“[2] eignen, in deren Lichte das rekonstruierte Geschehen dann betrachtet werden könne. Die vorgeschlagene Methodologie könne die Basis bilden, um zunächst fallbezogen formulierte Konzepte für andere Fälle fruchtbar zu machen. Dies sei immer dann möglich, wenn die Rekonstruktion des betreffenden Geschehens auf ein besonderes Timing der Ereignisse schließen lasse, und dieses spezifische Timing durch ein andernorts gewonnenes analytisches Konzept einer Verlaufsform bereits treffend beschrieben wurde.

In der anschließenden Diskussion rückte besonders das Problem der Simultanität von Handlungen und der damit verbundenen Multiperspektivität in den Fokus. Hier waren sich die Teilnehmenden einig, dass simultan ablaufende Ereignisse miteinbezogen und entsprechend dargestellt werden müssten. MARTIN BAUER und WOLFGANG KNÖBL (beide Hamburg) betonten, dass dies vor allem dann problematisch sei, wenn man eine (wenngleich schwache) kausale Verknüpfung der Ereignisse zugrunde lege. Im Sinne einer Abbottʼschen „Lyrical Sociology“[3], so Knöbl, müsse davon ausgegangen werden, dass ein narratives Verfahren wie das der basalen Rekonstruktion von Aljets und Hoebel immer ein Vorher und ein Nachher im teleologischen Sinne voraussetze und demnach einer Simultanität entgegenstehe.[4] Hoebel wies darauf hin, dass die entwickelte Methodologie verschiedene „Scopes“ zuließe, um auf diese Weise simultane Sequenzen wiederum als Verkettung („hineinzoomen“) oder auch als einzelnes Ereignis einer größeren Sequenz („herauszoomen“) zu reformulieren. Ein Teilnehmer fügte hinzu, dass Simultanität zudem weniger eine Erlebensqualität von den im Geschehen Anwesenden, als eine vom wissenschaftlichen Beobachter zugeschriebene Kategorie sozialer Ereignisse sei. Retrospektiv auf ein Geschehen schauende Forscherinnen könnten Interferenzen sichtbar machen – im Gegensatz zu den unmittelbar Beteiligten, die zu sehr ins Geschehen selbst vertieft seien.

Im Kontrast zur Vorstellung einer neuartigen prozesssoziologischen Methodologie, wie sie Aljets und Hoebel vorschwebt, stand der Vortrag von WOLFGANG KNÖBL (Hamburg), der das bislang kaum rezipierte Hauptwerk Sociologie des crises politique (1986, 2009) des französischen Politikwissenschaftlers und Soziologen Michel Dobry aus einer an prozesssoziologischen Fragestellungen interessierten Perspektive in den Blick nahm. Knöbl verortete das Werk in der pragmatischen Soziologie der 1970er-Jahre, die nach dem Verhältnis von Struktur und Ereignis gefragt und dabei situationistisch argumentiert habe.[5] Im Gegensatz zur etwa zeitgleich geführten Debatte in den französischen Geschichtswissenschaften habe Dobry nicht die ontologische Frage gestellt, was ein Ereignis sei, sondern sich für das Problem interessiert, wie man in der hochdifferenzierten Gesellschaft über Krisen reden sollte. Bei ihm gehe es daher nicht um Prozesssoziologie an sich, sondern um die politische Krise als prozessuales Phänomen.

Im ersten Teil seines Vortrags formulierte Knöbl vier Vorentscheidungen, die Dobrys spezifischen Blickwinkel auszeichneten und das Werk für eine Theorie sozialen Erklärens auch heute noch interessant machten: Erstens müsse man eine Kontinuistische Interpretation vorlegen, die keine ontologische Unterscheidung zwischen Normalpolitik und Krisenpolitik durchführe und sich damit gegen Pfadabhängigkeitstheoretiker wie Rodolphe Durand wende. Zweitens solle man von einer Unterscheidung zwischen der Ursache eines Prozesses und dem Prozess selbst (ätiologische Illusion) absehen, um von teleologischen Konstruktionen Abstand zu nehmen. Auch müsse die unter anderen bei Lenin und Hobbes zu findende Idee, dass Zeiten der Strukturlosigkeit große Männer hervorbrächten, verworfen werden, da unter anderem bereits die Annahme falsch sei, dass Krisen per se strukturlos wären. Drittens seien Prozesse nicht nur gegenüber den Ursachen, sondern auch gegenüber den Resultaten autonom. Knöbl erörterte an dieser Stelle am Beispiel der Französischen Revolution zum einen den „selection bias“, also das Problem einer unbewusst vom Wissen um die Resultate geleiteten Auswahl von Ereignissen, die unweigerlich zu teleologischen Erklärungsmustern führe. Im Gegensatz dazu plädiere Dobry dafür, die Kontingenz des Geschehens methodisch zu reflektieren: Der Forscher müsse sich stets die Frage stellen, was auch hätte anders sein können. Zum anderen bezog sich Knöbl zustimmend auf Dobrys an die Gemeinschaft der Forscherinnen gerichtete Empfehlung zur Verwendung sogenannter „weicher Begriffe“, die ihm zur Vermeidung teleologischer Analysen ebenfalls geeignet schien. Viertens schließlich führe Dobry den Begriff der Situation ein und stelle sich damit in die Reihe des pragmatisch-interaktionistischen Ansatzes. Im Unterschied zu den Vertretern der klassischen Rational-Choice-Theorie gehe es ihm jedoch primär um die Rolle von Wahrnehmungsmustern, die sich schnell ändern und als „coups“ bezeichnet werden könnten. Knöbl übersetzte „coups“ als „moves“ beziehungsweise als „Bewegungen“.

Im zweiten Teil seines Vortrags erläuterte Knöbl anhand eines Prozessmodells Dobrys Verständnis politischer Krisen sowie dessen Anleihen bei Bourdieus Feld- und Luhmanns Systemtheorie: Ausgangspunkt einer Krise sei die Autonomie bestimmter Sektoren. Sobald Akteure anfingen zu protestieren oder Ressourcen aus anderen Sektoren heranzuziehen, komme es in bestimmten Sektoren zu Desektoralisierungs- beziehungsweise Schließungsprozessen, die zu einer Homogenisierung des sozialen Raums führten. Durch die relative Kontingenz, die Offenheit der Situationsdefinition, entstünden Rhythmisierungstendenzen von ehemals getrennten Sektoren. Durch diese rhythmischen Schwingungen könne das politische System ins Schleudern beziehungsweise zum Zusammenbruch gebracht werden. Dobrys These laute, dass es in derart offenen Situationen zu einem Rekurs auf habituelle Verhaltensformen komme. Akteure würden auf bestimmte Handlungsmuster zurückgreifen, die zwar situationsoffen, aber nicht vollkommen zufällig seien. Der Verlauf von Ereignissen hänge demzufolge von kontingenten Faktoren ab. Knöbl veranschaulichte diesen Gedanken am Beispiel der Fünften Französischen Republik, deren politische Krise geeignet gewesen sei, zu einem Zusammenbruch oder zu einer Revolution zu führen.

Trotz oder gerade weil Dobrys Studie keinen expliziten Beitrag zu einer soziologischen Prozesstheorie darstellt, wurden in der anschließenden Diskussion mehrere Leerstellen problematisiert: In welchem Verhältnis stehen Simultanität und Narrativität zueinander? Ermöglicht Dobrys Ansatz eine Lösung des prozesssoziologischen Kausalitätsproblems? Wird der Autor dem eigenen Anspruch gerecht, von teleologischen Erklärungen Abstand zu nehmen? Wie lässt sich die Möglichkeit der Historisierung von Ereignissen mit der Absicht einer Generalisierung prozesssoziologischer Argumente vereinbaren? Auch das von Knöbl bereits in seinem Vortrag angerissene Problem der angemessenen Begriffsverwendung spielte in der Diskussion eine zentrale Rolle. Dabei wurde unter anderem die theoretische Unschärfe und mangelnde Präzision von Begriffen wie „Ereignis“, „Situation“ oder „Prozess“ bei Dobry kritisiert. Auch gebe es bisher noch keine überzeugende Soziologie der Situation, weshalb die methodische Schwierigkeit einer angemessenen Auswahl von Ereignissen aufgrund von Dobrys Vagheit weiterhin bestehen bleibe. Ebenfalls kontrovers diskutiert wurde die Verwendung von Metaphorik am Beispiel des Begriffs „Rhythmisierung“: Einerseits ermöglichten Dobrys weiche Begriffe einen offenen Erkenntnisprozess und vermieden teleologische Erklärungen, andererseits seien Metaphern zur Erfassung empirischer Phänomene ungeeignet. Demgegenüber erinnerte Knöbl wiederholt daran, dass es Dobry mit seiner Studie nicht um einen allgemeinen prozesssoziologischen Erklärungsansatz gegangen sei, sondern um ein Modell zur adäquaten Beschreibung des empirischen Phänomens politischer Krisen. Letzteres fand in der Diskussion allerdings eher wenig Beachtung.

Anschließend begab sich AARON SAHR (Hamburg) auf die Suche nach einer prozesstheoretischen Praxissoziologie. Ausgehend von der Unbestimmtheit des Prozessbegriffs nahm Sahr in Anlehnung an Theodore Schatzki zunächst einige ontologische Grundfragen der Prozesssoziologie aus einer praxistheoretischen Perspektive in den Blick. Im Gegensatz zu prozessualen Ansätzen falle es der Praxistheorie relativ leicht, Prozesse als Formen der Ordnung zu beschreiben. Hierzu formulierte Sahr drei ontologische Bekenntnisse der Praxistheorie: Erstens interessiere sich Praxissoziologie für Ereignisse als Performances. Zweitens entspreche der Praxissoziologie eine Standortontologie, bei der jedes Ereignis durch seine Position beziehungsweise sein Verhältnis zu anderen Ereignissen bestimmt sei. Und drittens sei die Praxissoziologie aufgrund ihrer flachen Ontologie nicht auf die Analyse mikrosoziologischer Phänomene beschränkt, sondern in der Lage, alle Arten sozialer Phänomene unabhängig von ihrer Größenordnung als Praktiken zu deuten. Um den homologischen Aufbau des Sozialen zu erfassen, so Sahr, müsse man historische Prozesse, wie etwa einen Staat, zu einem einzigen Zeitpunkt untersuchen. Praxistheorie sei daher keine Differenzierungstheorie.

Am Beispiel der Finanzialisierung erläuterte Sahr den Anstieg von Kreditpraktiken seit den 1980er-Jahren, der sich an ansteigenden Finanzanlagen empirisch nachweisen lässt, sowie drei beobachtbare Veränderungen und Implikationen. Erstens habe das wachsende Engagement in Kreditpraktiken zu Standortverschiebungen geführt. Zweitens würden sich die Kreditpraktiken selbst reorganisieren. Und drittens hätten beide Vorgänge einen Rückkopplungseffekt zur Folge. Standortverschiebungen in Unternehmen, so Sahr, gebe es seit den späten 1970er-Jahren. Zurückführen ließen sie sich auf zwei Formen der Reorganisierung von Kreditpraktiken: Zum einen hätten die OECD-Staaten bestehende Regulierungen abgebaut, und zum anderen hätten Banken in zunehmendem Maße Kredite vergeben, ohne zuvor ausreichende finanzielle Rücklagen gebildet zu haben. Der wachsende Anteil kreditbasierter Transaktionen, so Sahr, hätte eine Dynamik in Gang gesetzt, in deren Verlauf Unternehmen nicht nur zur verstärkten Aufgabe von Finanzmarktförderungsgesetzen gezwungen gewesen seien. Das Wachstum habe zudem auch Lohnspreizungen beziehungsweise Lohnpolarisierungen und eine beständige Freisetzung von neuer, den Wert existierender Vermögenswerte steigernder Kaufkraft („Asset Price Inflation“) hervorgerufen. Sahr beendete seinen Vortrag mit der Frage, wie sich Finanzialisierung prozessual übersetzen lässt. Er selbst schlug vor, Prozesse als ein Ineinandergreifen beziehungsweise – in Ermangelung besserer Begriffe – als eine „Bündelung“ verschiedener Praktiken zu begreifen. Ausgehend von dieser Perspektive habe er bisher relativ stabile soziale Vorgänge sowie sich selbst verstärkende Bündelungen von Praktiken beobachten können.

Die anschließende Diskussion eröffnete Rainer Schützeichel mit der Frage, ob es sich bei Praktiken um Ereignisse oder um abstrakte, in Ereignissen realisierte Gegenstände handele. Sahr räumte ein, dass die Praxissoziologie zurzeit kein einheitliches Verständnis von Praktiken vorweisen könne. Stattdessen würde sie den Begriff der „Performance“ als einen sich in Wiederholungen vollziehenden, aber variierbaren Teil einer Praktik in den Vordergrund stellen. Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden sodann noch andere, mit der praxistheoretischen Sichtweise kombinierbare prozesssoziologische Theorien erörtert. Dabei regte Schützeichel an, Luhmanns evolutionstheoretische Unterscheidung von Variation, Selektion und Reflexion für einen prozesssoziologischen Zugang zur Praxistheorie fruchtbar zu machen.[6] Auch die Konzepte der Pfadabhängigkeit[7] und der Eigendynamik[8] böten sich für mögliche theoretische Verbindungen mit der Praxistheorie an. Letzteres etwa könne möglicherweise dazu beitragen, die sperrige Rede von „sich selbst verstärkenden“ Bündelungen weiter zu erhellen.

Mit Blick auf das empirische Beispiel der Finanzialisierung warf Martin Bauer die Frage auf, ob ein Prozess jemals an ein Ende gelange und was ein Ereignis zu einer Entität mache, und zwar insbesondere dann, wenn Prozesse sich als unendlich erwiesen. Einen entscheidenden Impuls setzte daraufhin Wolfgang Knöbl, der wissen wollte, ob Sahr sich denselben fünf Problemen gegenübersehe, die Hoebel und Aljets in ihrem Beitrag skizziert hatten. In dem sich daran anschließenden Gedankenaustausch über mögliche Parallelen zwischen den Prämissen der Praxissoziologie und denen des prozessualen Erklärens kamen die Teilnehmenden zu der Auffassung, dass die Praxissoziologie auch für makrosoziologische Arbeiten geeignet sei. Sahr zufolge könne eine einzelne Tätigkeit unterschiedlichen Praktiken zugeordnet werden. Das Timing jedoch spiele im Gegensatz zur Methodologie prozessualen Erklärens keine Rolle. Den Ansätzen gemeinsam sei aber der auf ein Ziel gerichtete, also teleologische Zugriff auf den soziologisch interessierenden Gegenstand: Profit beziehungsweise Konsum auf der einen Seite sowie Massenerschießungen auf der anderen Seite stünden als erklärungsbedürftige Phänomene zeitlich gesehen jeweils am Ende der analysierten Ereignisketten.

Methodische Fragen standen im Mittelpunkt der Vorträge von THOMAS LAUX und SIMON GORDT (beide Bamberg), die sich mit unterschiedlichen Problemstellungen rund um ,Qualitative Comparative Analysis‘ (QCA) auseinandersetzten. Laux ging am Beispiel einer von ihm durchgeführten Studie zur Institutionalisierung von Lohngleichheitsrechten in 28 OECD Staaten[9] der Frage nach, wie sich Differenzierungs­prozesse vergleichen, rekonstruieren und erklären lassen. Die empirische Analyse diente ihm dabei als Beispiel für den methodischen Vorschlag, eine durchgeführte QCA mit anschließenden Fallstudien (zum Beispiel in Form von Einzelfallanalysen, Process Tracing oder Verlaufsmusteranalysen) zu ergänzen. Als Auslöser für diesen Vorschlag benannte er den Anspruch, auch Historizität und Temporalität zu erfassen und dementsprechend methodisch zu berücksichtigen. Da beide Methoden fallorientiert seien, könne ihre Kombination genutzt werden, um das vergleichende Vorgehen der QCA mit dem rekonstruktiven Vorgehen der Fallstudie zu bereichern. Während sich mittels der QCA vor allem die Kombination von Bedingungen erfassen ließe, könne mit einer anschließenden Fallstudie das Zusammenwirken dieser Bedingungen dargestellt werden. So sei es möglich, die Plausibilität der QCA anhand der Fallstudie zu überprüfen. Zudem könnten zeitlich- sowie kombinatorisch-kausale Mechanismen anhand konkreter Fälle unterschieden werden, was den üblichen Ablauf von qualitativen Verlaufsmuster- und Prozessanalysen umkehre: Die Lösungen der QCA würden die Fallstudie vorab strukturieren und fokussieren und so den theoretischen wie empirischen Rahmen für die Fallrekonstruktion bereitstellen.

Auch SIMON GORDT schlug vor, die Methode der QCA zu erweitern. Er führte hierzu in das Konzept des Process Tracing ein, dem zufolge Ereignisse zu einem früheren Zeitpunkt die möglichen Outcomes zu einem späteren Zeitpunkt beeinflussten und das somit eine wesentliche Annahme des Pfadabhängigkeitskonzepts teile. Allgemein ziele das Process Tracing darauf ab, kausale Mechanismen eines interessierenden Verlaufs zu bestimmen, wobei die Methode sowohl induktive als auch deduktive Elemente enthalten könne. In der QCA hingegen könne das Process Tracing speziell als Kalibrierungsmethode genutzt werden, um Zeitpunkte zu identifizieren, an denen das zu erklärende Outcome sich verändert. Gordt veranschaulichte seine Idee an dem Gegenstand seiner Dissertation, der Säkularisierung westeuropäischer Schulsysteme. Den Ausgangspunkt seiner historischen Analysen bildete die Herausbildung öffentlich-staatlicher Schulsysteme, die zugleich den Anfang der modernen Schulbildung markierten. Gordt zufolge lässt sich die Institutionalisierung von nationalen Schulsystemen als Prozess der Säkularisierung im Sinne von Mark Chaves, das heißt als Abnahme religiöser Autorität verstehen.[10] Am Beispiel der Schulsysteme sechs westeuropäischer Länder (England, Schweden, Niederlande, Deutschland, Frankreich, Österreich) illustrierte er seine These, dass sich über die Kombination dreier Dimensionen – Administration, Religionsunterricht und konfessionelles Privatschulwesen – die Säkularisierungsverläufe entlang eines Kontinuums zwischen konfessionellem Schulwesen und säkularisiertem Schulwesen abbilden ließen. Gordt stellte dabei zwei Typen fest, die den Verlauf des Säkularisierungsprozesses zum Ausdruck bringen würden: Zum einen das traditionale Schulsystem, in dem sich Religion innerhalb eines staatlichen Schulsystems über einen konfessionellen Religionsunterricht behaupten kann, und zum anderen das duale Schulsystem, in dem die Kirchen eigene Schulen betreiben. Abschließend sah Gordt die Chance, Prozesse in die QCA zu integrieren und damit den Faktor Zeit zu berücksichtigen sowie die Möglichkeit, die Analyse mit einer geringen Fallanzahl zu beginnen. Durch die Typisierung der nationalen Schulsysteme, die sich über die Zeit verändert, würde mit dem Process Tracing aus einem Fall mehrere Fälle gewonnen werden. Schwierig erschien ihm dagegen das sehr zeitaufwändige Verfahren des Process Tracing sowie die Methode bei Erklärungsbedingungen anzuwenden, die sich über die Zeit hinweg verändern.

Den Abschluss der Arbeitstagung bildete der Vortrag von HELLA DIETZ (Göttingen/Berlin), die unter Rekurs auf John Dewey[11] die narrative Soziologie als mögliche Inspirationsquelle für eine soziologische Prozessforschung in Stellung brachte. In ihrem Vortrag präsentierte sie vier verschiedene Spezifikationen der narratologischen Perspektive, die sie als „Zumutungen“ beschrieb, denen sich eine an ihrer theoretischen Weiterentwicklung interessierte Prozessforschung aussetzen müsse.

Zunächst erinnerte Dietz noch einmal an den narratologischen Grundsatz, nicht von objektiv gegebenen, sondern von narrativ bestimmten (und so unterschiedlich bestimmbaren) Situationen auszugehen. Die Narration sei der Schlüssel, mit dem aus einer „existenziell unbestimmten Situation“ eine reflexiv bestimmbare Situation werde, indem die Geschehnisse zu einem (mehr oder weniger kohärenten) Sinnganzen zusammengefügt würden. Dieser narrativen Situationsbestimmung liege – zweitens – eine Rationalitätsannahme zugrunde, die von einem Kontinuum zwischen reflexivem und nicht-reflexivem Verhalten ausgehe. In dieser (pragmatistischen) Perspektive werde Handeln als Zusammenwirken von Tun und Erleiden verstanden, das in einem geteilten Sinngebungsprozess im Rahmen von Interaktionssituationen hergestellt werde. Auch Theoriebildung könne – so die dritte „Zumutung“ – als narrativer Prozess verstanden werden, da auch hier Handlungsprobleme (zum Beispiel aktuelle Fragen, soziale Kategorien, Forschungsprobleme) den Anlass zum Vollzug bestimmter Handlungen böten. Von Narration sei in diesem Zusammenhang aber erst dann zu sprechen, wenn es eine zeitliche Dimension und eine qualitative Veränderung gebe. Zu guter Letzt sei man – viertens – in seinen Möglichkeiten, ein bestimmtes Geschehen zu deuten, an bestimmte, als solche zu spezifizierende Plotstrukturen gebunden (wie etwa die „Romanze“ als Drama der Selbstfindung und dem Triumph des Guten über das Böse). Auch Begriffe würden – im Sinne von „Mikroplots“ – Bedeutungsstrukturen in sich tragen, über die die jeweiligen wissenschaftlichen Perspektiven auf spezifische Weise zu Situationsbestimmungen gelangten. Für die Analyse dieser routinisierten Erzählmuster biete die narrative Soziologie verschiedene Mittel zur genauen Erforschung jener Operationen, die zur Herstellung zeitlicher Zusammenhänge zwischen Phänomenen dienen.

Insbesondere der Aspekt der Plotstrukturen wurde in der nachfolgenden Diskussion aufgegriffen. Hier konnte Dietz noch einmal darlegen, dass es der narrativen Soziologie vor allem darum geht, die Verwendung abstrakter Begriffe zur Beschreibung eines konkreten sozialen Geschehens immer auch als eine Konfiguration zu begreifen. Das Ziel bestehe darin, für die der Konfiguration zugrundeliegenden Plotstrukturen und Erzählmuster sensibel zu werden, um sie im Zuge einer soziologischen Prozessanalyse als Elemente der narrativen Konstruktion von Sequenzen berücksichtigen zu können.

In der Rückschau auf die zweite Arbeitstagung lassen sich neben vielen interessanten theoretischen wie methodischen Einsichten auch einige offene Fragen identifizieren, die im Laufe der Diskussionen immer wieder aufgeworfen wurden: Wiederkehrende Diskussionspunkte betrafen insbesondere die Themenkomplexe „Simultanität“, „Kausalität“ sowie Fragen der „Generalisierbarkeit“ fallstudienbasierter Ergebnisse. Hier konnte häufig an die eingangs von Hoebel und Aljets benannten Problemkreise angeschlossen werden.

Inhaltlich fokussierte die zweite Arbeitstagung im Unterschied zur ersten somit weniger auf soziale Prozesse (wie etwa den der gesellschaftlichen Differenzierung), sondern stärker auf methodologische und begriffliche Grundfragen der Prozesssoziologie: Wie können Forscherinnen bei der Auswahl von Ereignissen verhindern, Prozesse teleologisch zu erklären (Problem der Kontingenz)? Wie können stattdessen kontrafaktische Überlegungen einbezogen werden, auch um die Ergebnisse zu validieren (Problem der Validität)? Können Fallvergleiche kausale Mechanismen innerhalb von Prozessen identifizieren (Problem der Kausalität)? Wie geht man als Forscher mit Simultanität von Ereignissen eines Prozesses um (Problem der Relationalität)? Unter welchen Umständen ist es möglich, von historisch einmaligen Ereignissen auf generalisierbare prozesssoziologische Aussagen zu schließen (Problem der Generalisierung)?

Dabei zeigte sich in den engagierten, oftmals auch tentativen Diskussionen, dass die fünf genannten Problemstellungen zentrale Ansatzpunkte sind, um sich einer Standortbestimmung der soziologischen Prozessforschung zu widmen. Die zentrale Frage, wie eine soziologisch angemessene Begriffsapparatur der Prozesssoziologie aussehen könnte, blieb hingegen weitgehend unberührt. Zwar tauchte sie in der Auseinandersetzung mit den seitens der Referentinnen gebrauchten Metaphoriken (zum Beispiel „Verkettung“, „Wendepunkt“, „Rhythmisierung“) wiederholt auf. Ihre präzise und systematische Beantwortung jedoch steht nach wie vor aus und gibt Anlass, die Spuren der soziologischen Prozessforschung auch zukünftig weiter zu verfolgen.

 

Konferenzübersicht:

Rainer Schützeichel (Bielefeld): Begrüßung und Einleitung

Thomas Hoebel (Bielefeld) & Enno Aljets (Bremen): Prozessuales Erklären. Perspektiven einer primär temporalen Methodologie empirischer Sozialforschung

Wolfgang Knöbl (Hamburg): Politische Krisen und Prozessualität: Das Werk Michel Dobrys in der aktuellen theoretischen Debatte

Aaron Sahr (Hamburg): Gibt es eine Praxistheorie sozialer Prozesse? Kartographie einer Problemlage

Thomas Laux (Bamberg): Differenzierungsprozesse vergleichen, rekonstruieren und erklären. Die Verbindung von Qualitative Comparative Analysis und Fallstudien zur Analyse der Institutionalisierung von Lohngleichheitsrechten

Simon Gordt (Bamberg): Prozesse in QCA implementieren

Hella Dietz (Göttingen): Grundzüge einer narrativen Soziologie

Thomas Hoebel (Bielefeld): Abschlussdiskussion und Fazit

 

Zum Tagungsprogramm geht es hier.

Fußnoten

[1] Siehe weiterführend Christopher Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, Hamburg 1993; Thomas Hoebel, Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen, in: Zeitschrift für Soziologie 43 (2014), 6, S. 441–457; Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2014; Alexander Gruber/Stefan Kühl, Soziologische Analysen des Holocaust. Jenseits der Debatten über „ganz normale Männer“ und „ganz normale Deutsche“, Wiesbaden 2015.

[2] Michel Crozier, Der bürokratische Circulus vitiosus und das Problem des Wandels, in: Renate Mayntz (Hg.), Bürokratische Organisation, Köln/Berlin 1968, S. 277–288.

[3] Andrew Abbott, Against Narrative. A Preface to Lyrical Sociology, in: Sociological Theory 25 (2007), 1, S. 67–99.

[4] Siehe weiterführend hierzu Wolfgang Knöbl, Kontingenzen und methodologische Konsequenzen, in: Katrin Toens / Ulrich Willems (Hg.), Politik und Kontingenz, Wiesbaden 2012, S. 65–93, hier S. 87.

[5] Knöbl stellte Dobry in eine Reihe mit soziologischen Theoretikern wie Andrew Abbott, Howard S. Becker oder William H. Sewell, verzichtete jedoch aufgrund der bislang ausgebliebenen Rezeption auf einen eingehenden systematischen Vergleich.

[6] Niklas Luhmann, Geschichte als Prozess und die Theorie sozio-kultureller Evolution, in: Karl-Georg Faber / Christian Meier (Hg.), Historische Prozesse, München 1978, S. 413–440.

[7] Siehe dazu Rainer Schützeichel, Pfade, Mechanismen, Ereignisse. Zur gegenwärtigen Forschungslage in der Soziologie sozialer Prozesse, in: ders. / Stefan Jordan (Hg.), Prozesse. Formen, Dynamiken, Erklärungen, Wiesbaden 2015, S. 87–147.

[8] Siehe dazu: Renate Mayntz / Birgitta Nedelmann, Eigendynamische Soziale Prozesse. Anmerkungen zu einem analytischen Paradigma, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39 (1987), 4, S. 648–668.

[9] Thomas Laux, Die Institutionalisierung von Lohngleichheitsrechten. Eine vergleichende Analyse von OECD Staaten, in: Zeitschrift für Soziologie 45 (2016), 6, S. 393–409.

[10] Vgl. Mark Chaves, Secularization as Declining Religious Authority, in: Social Forces 72 (1994), 3, S. 749–774.

[11] Siehe u. a. John Dewey, How We Think, Boston 1910; ders., Quest for Certainty. A Study of the Relation of Knowledge and Action, New York 1929; ders., Logic. The Theory of Inquiry, New York 1938.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.