Therapiekulturen

Tagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie – Sektion Professionssoziologie, Universität Bielefeld, 23.–24. Januar 2015

Am 23. und 24. Januar 2015 veranstaltete die Sektion Professionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) eine Tagung zum Thema „Therapiekulturen“, die Sabine Flick (Frankfurt am Main) und Rainer Schützeichel (Bielefeld) organisierten.

Das Konzept der „therapy culture“ wurde in den letzten Jahren in der internationalen Forschung etabliert, um die Therapeutisierung von Lebensformen und die Subjektivierung der Individuen durch therapeutische Kulturen zu analysieren. Psychologische und psychiatrische Techniken sind mit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts zu einem bevorzugten Mechanismus der Beeinflussung von Personen geworden. Nun geht es den Sozialwissenschaften darum, die impliziten und expliziten Subjektivierungsformen zu analysieren, nämlich die Anforderungen an die Subjekte, die mit deren Inklusion in heilende Transformationen einhergehen. Die Tagung war daher dem Ziel gewidmet, sowohl das analytische Konzept der „Therapiekultur“ wie die verschiedenen Ausgestaltungen solcher Therapiekulturen in unterschiedlichen professionalen Kontexten zu diskutieren.

EVA-MARIA BUB (Frankfurt am Main) zeichnete zunächst die Entwicklung eines gesellschaftlichen Authentizitätsimperativs nach, demzufolge Handlungen stets aus freien Entscheidungen der Individuen selbst folgen sollen. Als dafür entscheidende Parameter definierte sie die Emotionen und erläuterte, persönliches Empfinden solle diesem Konzept nach Handlungen anleiten, sodass Subjekte durch das Beachten ihrer Gefühle schon im Vorhinein wüssten, wie sie handeln sollten. In der alltäglichen Praxis könnten jedoch emotionale Ambivalenzsituationen auftreten, in denen Gefühle keine klare Handlungsorientierung mehr böten. Ihr Vortrag beschäftigte sich mit der Frage nach einer möglichen Bewältigung dieser mehrdeutigen Erfahrungen, die von den Betroffenen als negativ erfahren werden könnten, insofern Gefühle in diesen Situationen keine Orientierung mehr gäben. Jedoch, so Bub, würden sie bisweilen auch positiv verstanden, könnten sie doch eine Aufschiebung der Entscheidung ermöglichen.

Einen ethnologisch-praxeologischen Zugang, der auf der Methodik der teilnehmenden Beobachtung und der Selbstbeobachtung fußt, stellte ALEXANDER ANTONY (Erlangen) in seinem Vortrag über integrative Atemtherapie vor. Unter (mikro-)soziologischen Gesichtspunkten interessierte er sich dafür, wie Körpererfahrung sozial organisiert und kontextualisiert wird und welche praktischen beziehungsweise therapeutischen Methoden dabei zum Einsatz kommen. Ein besonderes Augenmerk legte der Referent darauf, welche Funktionen die einzelnen Phasen einer Therapiesitzung übernehmen und inwiefern diese produktive Irritationseffekte hervorrufen können.

Im Anschluss wurde erläutert, wie das Misslingen professionaler Strategien dazu führen kann, dass eine neue Therapieform entwickelt wird. ULRIKE E. SCHRÖDER (Bielefeld), die die Professionalisierung der Traumatherapie beschrieb, stellte anhand eines Beispiels dar, wie die Belegschaft in einer Psychotherapeutischen Klinik unter der Leitung von Luise Reddemann Wissenskrisen dadurch überwinden konnte, dass sie eine neue therapeutische Technik, die psychodynamisch imaginative Traumatherapie (PITT), entwickelte. Dabei handelt es sich um eine Traumatherapie über drei Stufen, nämlich Stabilisierung der Psyche, Bearbeitung des Erlebten und Integration der negativen Emotionen. Schröder hatte Experteninterviews mit beteiligten Professionellen geführt und konnte feststellen, dass die Anpassung der Traumabehandlung sowohl positive Auswirkungen auf Patienten als auch auf das Personal hatte.

Professionalen Diskursen um die Elternschaft wandte sich MAYA HALATCHEVA-TRAPP (München) zu, indem sie die Familienberatung für von Trennung und Scheidung Betroffene in Anlehnung an Kellers wissenssoziologischer Diskursanalyse als ein diskursiv strukturiertes Feld vorstellte.1 In ihrer Auswertung familienbezogener Interviews mit Beraterinnen und Beratern gemäß der Grounded Theory konnte sie zwei Deutungsmuster ausmachen, die die Vorstellungen von Elternschaft in Trennung und Scheidung prägten. Dabei handele es sich zum einen um das Muster der Partnerschaftlichkeit, das die Beteiligten als Verzicht auf Macht und auf die Instrumentalisierung der Kinder auslegten, zum anderen um die Idee der Fürsorge.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Therapiekulturen und deren Wirkung auf Erkrankte unternahmen STEFAN DRESSKE und SINA SCHWADOW (Kassel) anhand von Schmerztherapien. Indem sie sich einer teilnehmenden Beobachtung stationärer Behandlung unterzogen und biografisch-verstehende Interviews mit Kopfschmerzpatienten und deren Angehörigen durchführten, erforschten sie die Entwicklung von Schmerzen und deren Auswirkung auf die Biografie. Insbesondere beschrieben die beiden Wissenschaftler, inwiefern die therapeutische Behandlung dazu führen kann, dass Schmerzen sich zu chronischen Krankheiten entwickeln. Dabei stellten sie fest, dass die vorherrschende therapeutische Kultur, die sich beispielsweise in der Metapher des „Lernens, ‚Nein‘ zu sagen“, verdeutlicht, auch zu einer Pathologisierung „einfacher“ Alltagsprobleme führen kann, wodurch sich die Behandlungsnotwendigkeit festsetzt.

Die Auswirkungen moderner digitaler Technologien auf das Patienten-Therapeuten-Verhältnis wurden von JENNIFER APOLINÁRIO-HAGEN (Düsseldorf) zur Debatte gestellt. Die Referentin vertrat die Ansicht, dass sich dadurch eine Verschiebung von einem paternalistischen Verhältnis hin zu einer Beziehung des Empowerment vollziehe. Im Zuge dieser Selbstermächtigung könnten Patienten inzwischen zu Akteuren im Web 2.0 werden, sofern sie sich dort auf Onlineportalen informierten und somit nicht nur anderen Patienten Rat anböten, sondern auch der behandelnden Ärztin besser informiert gegenübertreten könnten. Apolinario-Hagen thematisierte diese technischen Möglichkeiten auch als potenzielle Lösung für das Problem der strukturellen Unterversorgung durch Psychotherapeuten, indem sie anregte, dass Professionelle ebenso Onlineberatungen anbieten könnten, sofern die zu behandelnden Probleme dies zuließen.

SUSANNE KELLER und SABRINA KÜNZLE (Bern) untersuchten anhand narrativer Interviews die Berufsbiografien einer Stichprobe von Lehrpersonen, die zum Teil von Burnout betroffen waren, sich zum Teil aber auch als subjektiv zufrieden beschrieben. Ihr Interesse galt der Frage, wie die Gesprächspartner diskursive Versatzstücke und theoretische Konzepte in den subjektiven Theorien über ihren Berufsverlauf verarbeiteten und wie sie ihre professionelle Identität entwickelten. In ihrem Vortrag stellten die beiden Referentinnen zwei Fälle einander gegenüber, bei denen sich im narrativen Interview das Präsentationsinteresse eines professionellen Selbst niederschlägt. Im Fall einer 'erfolgreichen Berufsgeschichte' findet sich eine berufsbiografische Passung zwischen Identitätsausstattung und Lehrberuf. Dabei betonten die Befragten, dass sich ihre Selbstwirksamkeitserfahrung und stabilen Beziehungen als geeignetes Unterstützungsmittel für die stabile Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen erweisen würden. Im Fall des 'problematischen Berufsverlaufs' erfolgt eine Verschränkung zwischen institutioneller Nichtangepasstheit und Identitätsentwicklung, die mit der Entdeckung und Erprobung neuer Lern- und Erkenntnisstrategien einhergeht. Anhand dieser beiden Beispiele erläuterten sie, welche Wirkung psychologisch-therapeutische Konzepte und Praktiken in der Selbstkonstruktion wie auch in der Selbstthematisierung entfalten.

SIMON BOHN (Jena) stellte schließlich ein Forschungsprojekt zu Strategien der Selbstaktivierung und Selbstorganisation vor, welches Studierende im Rahmen von psychologischer und psychosozialer Beratung derzeit entwickeln. Auf der Grundlage problemzentrierter Interviews mit Studierenden und ihren Therapeuten wurden begriffliche Ordnungsschemata der Studierenden identifiziert, die in Behandlungen genutzt werden. Die psychosoziale Beratung konnte somit als Katalysator der persönlichen Entwicklung identifiziert werden. Zugleich wurde die psychosoziale Beratung aber auch kritisch als ein Mittel erkannt, das politische Kollektivierung verhindert und soziale Institutionen entlastet, da vorgefundene Hürden als individuelles Defizit und nicht als zu änderndes gesellschaftliches Problem wahrgenommen werden.

Die Sektionstagung konnte also in einer Vielzahl von empirischen Feldern unterschiedliche therapeutische Kulturen feststellen und in ihren Anforderungen, aber auch in ihren Widersprüchlichkeiten thematisieren. Von den Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmern wurde dieses analytische Konzept insgesamt als ein empirisch fruchtbares herausgestellt. Strittig blieb jedoch die Frage, ob sich angesichts der Vielfalt der unterschiedlichen Therapiekulturen auch gemeinsame Strukturen der Subjektivierung und der Therapeutisierung der Individuen identifizieren lassen. In professionssoziologischer Hinsicht sind „Therapiekulturen“ als ein innovatives Konzept zu betrachten. Offen aber bleibt, ob sie dies auch in gesellschaftstheoretischer Hinsicht sein können.

Konferenzübersicht:

Eva-Maria Bub (Frankfurt am Main), Ich fühle, also bin ich? Zum Authentizitätsimperativ der Gegenwartsmoderne, prekären Eindeutigkeiten und Emotionen als authentische Signifikanten

Alexander Antony (Erlangen). Sinnliche Selbstthematisierung: Der „Atem“ als Medium therapeutischer Praxis

Ulrike E. Schröder (Bielefeld), Professionalisierungsprozesse in der Traumatherapie

Maya Halatcheva-Trapp (München), Anleitung zu Beziehungsfähigkeit. Zur beraterisch-therapeutischen Kultur im Kontext von Trennung und Scheidung

Stefan Dreßke / Sina Schadow (Kassel), Lernen, „Nein!“ zu sagen. Sozialisation in die Leistungsverweigerung.

Jennifer Apolinario-Hagen (Düsseldorf), Der Patient als Therapeut – E-Health als Co-Therapeut – Empowerment durch professionalisierte Selbsthilfe-Therapiekulturen im Web 2.0?

Susanne Keller / Sabrina Künzle (Bern), (Berufs-)Biographische Selbstkonstruktionen von Lehrpersonen mit Fokus auf die Förderung fächerübergreifender Kompetenzen und unter partieller Ausblendung der Vermittlung fachspezifischen Wissens

Simon Bohn (Jena), „Unser wichtigstes Ziel ist, dass wir die Selbstkompetenz der Studierenden stärken wollen.“ Perspektiven psychosozialer Beratung auf studentische Krisenerfahrungen

Fußnoten

  1. 1Die wissenssoziologische Diskursanalyse geht auf Reiner Keller zurück und fokussiert auf Formen der diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit durch soziale Akteure und Prozesse. Dabei sind individuell verfolgte Interessen zugleich Ergebnis kollektiver Wissensvorräte und diskursiver Konfigurationen. Keller plädiert bei der wissenssoziologischen Diskursanalyse für eine methodische Orientierung an der Grounded Theory, die nicht zuletzt ein Kodier-Paradigma beinhaltet. Das heißt, die Analyse von Daten erfolgt durch Kategorienbildung und Zuordnung der Daten zu diesen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.