Überwachen und Strafen heute

Tagung an der Universität Bremen, 5.–7. November 2015

Als 1975 Surveiller et punir1 in Frankreich erschien, muss sich der eine oder die andere gedacht haben: nicht schon wieder Michel Foucault. Neun Jahre nach seinem Anschlag auf den Humanismus zündete dieser epistemische Terrorist und selbsternannte Sprengmeister eine weitere Ladung und erschütterte damit abermals die stabil geglaubten Fundamente der Gegenwartsgesellschaft. Überwachen und Strafen unterhöhlte nicht nur die bis dato vorherrschende Idee eines sich stetig humanisierenden Strafvollzugs, sondern legte auch die konstitutive Verbundenheit von Humanwissenschaft und Disziplinarmacht schonungslos offen.

Nachdem der Rauch sich vierzig Jahre später etwas gelichtet hatte, luden Jörg Bernardy, Martin Nonhoff und Frieder Vogelmann nach Bremen ein, um die Brandspuren zu analysieren, die Foucaults Sprengsatz in der Gegenwartsgesellschaft hinterlassen hat – aber auch, um die Werkzeuge der Kritik zu entstauben und zu schärfen. Wie überwacht, straft und diszipliniert die Gesellschaft heute? Dies waren die Leitfragen, die die Richtung der dreitägigen Tagung vorgaben.

Big Data und Visualität, oder: Das Elend des Panoptismus

Die Panoptismusthese ist sicherlich einer der prominentesten Gedanken aus Überwachen und Strafen. In Anbetracht von Big Data und aktuellen Überwachungsskandalen mag man versucht sein, das panoptische Diagramm Foucaults als Vorwegnahme gegenwärtiger Überwachungspraktiken zu lesen. Aber bereits während der ersten Vorträge wurde sehr deutlich, dass eine derart schematische Übertragung Gefahr läuft, modernen Überwachungskonzepten nicht gerecht zu werden.

Zu deren Eigenheiten gehöre unter anderem auch, so SUSANNE KRASMANN (Hamburg), dass unter Bedingungen von Big Data ganz andere Subjektivitäten generiert würden. In der Kontrollgesellschaft 2.0 habe man es inzwischen nicht nur mit einem Subjekt zu tun, das aktiv an der Wissensproduktion mitwirkt, indem es die erforderlichen Daten selbst zur Verfügung stellt, sondern diese Daten schüfen auch ein fiktives digitales Subjekt, ein „Data Double“. Letzteres sei weniger als ein konkretes Individuum, vielmehr lediglich als ein Potenzial zu verstehen. Anders als in Überwachen und Strafen seien somit nicht mehr konkrete Personen die Zielscheibe von Überwachungspraktiken. Gehandelt werde stattdessen in einem imaginären Raum und im Hinblick auf eine virtuelle Realität.

Die Datenproduktion des Subjekts wie auch dessen Fiktionalität wurden von TOBIAS MATZNER (Tübingen) ebenfalls unterstrichen. Zugleich gab er den Überlegungen von Susanne Krasmann eine aufschlussreiche Wendung, indem er mit Verweis auf Judith Butler die „Performativität der Daten“ hervorhob. Da Daten zunehmend ungezielt gesammelt würden, die Produktion und Auswertung der Daten also nicht zwangsläufig demselben Muster folgten, wäre es verfehlt, das Faktum der Datensammlung bereits mit einer flächendeckenden Überwachung gleichzusetzen. Vielmehr setze der Kontrollmechanismus sowie eine entsprechende Subjektivierung der ihm Ausgesetzten erst dann ein, wenn die großflächig gesammelten Daten konkrete Verdachtsmomente ergäben. Diese Art der Subjektivierung lasse sich dann als ‚Zitation‘ der Verdächtigung, als Prozess des „suspecting“ (analog zu vergleichbaren Verfahren wie dem „gendering“), bezeichnen. Die gleichermaßen theoretisch interessante wie politisch beunruhigende Konsequenz: Die Möglichkeit der Verdächtigung heftet sich parasitär an andere Formen der Datensubjektivierung, sodass jedes Subjekt an jedem Ort und zu jeder Zeit ein „suspect“ werden kann.

DIETMAR KAMMERER (Marburg) schloss an das Überwachungsthema an, machte aber das Panopticon selbst zum Ausgangspunkt seiner Überlegung. Die inflationäre Rede vom Panoptismus sowohl im populären Diskurs als auch in den Surveillance Studies beruht seiner Ansicht nach auf zwei Missverständnissen. Erstens werde das Panoptikum zu sehr in seiner konkreten Materialität einer Überwachungsmaschine und weniger als Idee einer Fabrik begriffen, wie Jeremy Bentham es eigentlich entworfen habe. Zweitens werde von dieser Materialität ausgehend regelmäßig eine Asymmetrie der Sichtbarkeit konstatiert, indem man die totale Sichtbarkeit der Beobachteten der Unsichtbarkeit ihrer Beobachter gegenüberstelle. Der Zwang, den das Panopticon ausübe, lasse sich jedoch mitnichten durch die Unsichtbarkeit der Macht erklären, wäre ein solches Pan-Opticon der Unsichtbarkeit doch ein „Non-Opticon“. Schließlich könne Überwachung nur ihre Wirkung entfalten, wenn die Beobachteten sich der im Verborgenen Zuschauenden bewusst seien. Analysiert werden müssten vielmehr die Dynamiken des wechselseitigen Zeigens und Verbergens, die sich zwischen Inhaftierten und Aufsehern entwickeln.

Sichtbarkeit allein mache allerdings noch kein Subjekt, verschärfte PETRA GEHRING (Darmstadt) die Panoptismus-Kritik. Wer glaube, Überwachte würden den auf sie gerichteten Blick internalisieren und sich dann permanent selbst beobachten, vernachlässige den Umstand, dass es sich bei der Überwachung in erster Linie um ein Regime der körperlichen Oberfläche handele und dieses dementsprechend noch keine subjektivierenden Effekte zeitige. Erst mit der Prüfung komme eine produktive Machttechnik ins Spiel, die so etwas wie ein Subjekt hervorbringe und die Körper regelrecht durchdringe. In Bezug auf Gegenwartsanalysen kritisierte Gehring auch die Surveillance Studies, vermöge doch deren strenge Kopplung von Überwachung und Sichtbarkeit die gegenwärtige Gesellschaftsstruktur nicht zu beschreiben. Stattdessen müssten aktuell vorherrschende Experimentaltechnologien analysiert werden, die sich an die Prüfung anlehnen, also nicht nur auf Visualisierung von Körpern, sondern auf Rationalisierung von Subjektivierungsprozessen abzielen und das Probieren als wesentliche Erkenntnisdynamik fördern.

Empirische Analysen, oder: Die Kritik an der Macht

Freilich beschränkt sich die Frage, inwiefern Überwachen und Strafen ein neues Licht auf das 21. Jahrhundert werfen kann, keineswegs auf die Panoptimusthese und die daraus folgende Problematik der Subjektivität. Vielmehr hat Foucault durch seine Strategie, Gegenwartsphänomene über ihre historischen Möglichkeitsbedingungen begreiflich zu machen, eine gänzlich neue Art des kritischen Fragens, historischen Arbeitens und der Analytik der Macht etabliert.

Dass dieser genealogische Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit auch heute noch Interessantes zutage fördert, konnte man bei MARTIN NONHOFF (Bremen) sehen. Gut foucaultianisch stellte Nonhoff die Frage, wie Einkommensteuern zu einer Selbstverständlichkeit werden konnten. Dabei argumentierte er überzeugend, dass die moderne Idee der Besteuerung gleichzeitig die Unterwerfung der Subjekte unter ein Regime normalisierender Disziplinierung voraussetze, um überhaupt wirksam zu sein. Dies beinhalte nicht nur eine sich ständig verfeinernde Überwachungspraxis, die etwa das Erheben von Steuerdaten oder Bestrafungen von Steuerhinterziehung umfasse. Auch zeige sich der Normalisierungseffekt der Besteuerung in der staatlichen Bevorzugung bestimmter Lebensentwürfe mittels steuerlicher Vergünstigungen beziehungsweise Benachteiligungen. Diese Subjektwerdung durch Steuern gehe freilich mit einem paradoxen Effekt einher, führe doch die erzwungene Beteiligung am öffentlichen Haushalt dazu, dass ein Mitspracherecht eingefordert werden könne. Nonhoffs Vortrag machte damit nicht zuletzt das kritische Potenzial einer an Foucault orientierten Forschung deutlich. Eindrucksvoll konnte er mithilfe einer kritisch verstandenen Genealogie naturalisierende Effekte von Disziplin und Normalisierung aufzeigen und damit die Kontingenz von Selbstverständlichkeiten nachweisen.

Weniger genealogisch ausgerichtet, aber ebenfalls empirisch geprägt war der Beitrag von KATRIN MEYER (Basel), die die Begriffe Foucaults kritisch gegen das Flüchtlingsregime Europas wendete. Am Beispiel der sogenannten Ausschaffungshaft in der Schweiz erläuterte sie, wie die sonst auf Normalisierung und Disziplinierung abzielende Flüchtlingspolitik an diesem Punkt in ihr Gegenteil umschlage. Statt einer Produktivitätssteigerung durch Integration manifestiere sich in der Ausschaffung eine Form der Souveränität, die auf die vollständige Auslöschung der Kräfte abziele und deshalb keinerlei produktive Effekte habe. Sie sei folglich mit den körperlichen Strafen der Marter vergleichbar, die für Foucault dem humanisierten Strafvollzug nach 1800 vorausgehen, indem sie das Verbrechen tilge, aber nicht versöhne. Im Unterschied zur historischen Marter verzichte die Ausschaffungshaft aber auf eine öffentliche Inszenierung. Der einzige leise Nachklang der Disziplinierung bestehe darin, dass die Ausschaffungshaft stark individualisierend wirke und der sowohl 'normalen' als auch normalisierenden Idee des männlichen, autonomen und freien Individuums Vorschub leiste.

Das Problem der Kritik, oder: Foucault bleibt Philosoph

Dass man bei Foucault um eine philosophische Lesart nicht herumkomme, machte RENÉ AGUIGAH (Deutschlandradio Kultur) bereits relativ zu Beginn der Tagung deutlich. Dieser Gedanke wurde von FRIEDER VOGELMANN (Bremen) noch einmal untermauert. Ganz explizit knüpfte er die kritische Kraft Foucaults an dessen philosophisches Denken, indem er die Bedeutung der „archäologischen Dimension“ hervorhob. Werde die archäologische – und damit auch die philosophische – Seite Foucaults ausgeblendet, verliere man die Macht-Wissen-Verhältnisse sowie die Kritik an den Humanwissenschaften und der Soziologie aus dem Blick. Eine solche rein sozialwissenschaftliche Relektüre könne die kritische Kraft von Foucaults Werk insgesamt neutralisieren, da sie die Dimension des Wissens als Existenzbedingung für Erkenntnisse verkenne. Dies gelte auch für Überwachen und Strafen, denn erst die archäologische Perspektive des Buches verdeutliche, dass die Humanwissenschaften konstitutiv und unlösbar mit der Disziplinarmacht verbunden seien. Foucaults Kritik bestehe in der Ermöglichung der Idee einer Gegen-Wahrheit, die zwar nicht frei von Macht-Wissen-Beziehungen sein könne, aber eben doch eine Transformation der Existenzbedingungen von Erkenntnissen erlaube.

Auch MARTIN SAAR (Leipzig) liest Foucault als kritischen Analytiker und Philosophen. Saar erinnerte zunächst daran, dass die revolutionäre Kritik Foucaults darin bestehe, klassische Machttheorien zu problematisieren sowie die konstitutive und produktive Dimension der Macht hervorzuheben. Macht erfasse nicht etwas, sondern sei immer schon dieses Etwas. Diese Erkenntnis habe wichtige Implikationen dafür, wie eine Kritik der Macht geübt werden könne. Da es kein Jenseits der Macht gibt, so Saar, könne die Abschaffung der Macht kein politisches Ziel mehr sein. Stattdessen müssten sowohl die immanenten Grenzziehungen als auch Möglichkeiten der Grenzüberschreitung ins Visier genommen werden. Die Maßstäbe für eine solche Kritik ließen sich jedoch nicht aus dem Gegenstand selbst gewinnen und anschließend gegen ihn wenden, wie es etwa in der Kritischen Theorie oder der Soziologie der Kritik der Fall sei. Vielmehr sei diese Form der Kritik eine sich selbst kritisierende Kritik und damit – ironischerweise – eine maßstabslose Kritik.

Fazit, oder: Ein Buch, das Spuren hinterließ

Die Bremer Tagung hat gezeigt, dass Foucaults Molotowcocktail Überwachen und Strafen keineswegs wie Feuerwerk zu Asche verglüht ist, sondern bis heute seine Sprengkraft behalten hat. Freilich betrifft das weniger die zeitdiagnostische Aktualität des Buches, deren Grenzen die immer wieder artikulierte Kritik an einer allzu leichtfertigen Übertragung der Panoptismusthese verdeutlichte, als eine bestimmte Art des Fragens und Forschens. Während sozialwissenschaftlich-empirische Arbeiten das Potenzial von Foucaults Vokabular für eine Kritik an der Macht vorführten, insistierten Vorträge zur Theorieentwicklung auf Foucaults Platz in der Philosophie. Dies widerspricht sich keineswegs, sondern weist nur auf ein Thema hin, das anlässlich eines weiteren 40-jährigen Jubiläums eingehender ausgelotet werden könnte: Am 27. Mai 1978 stellte Foucault die Frage: Was ist Kritik?

Konferenzübersicht:

Susanne Krasmann (Hamburg), Imagining Foucault. Über das digitale Subjekt und „visuelle Bürgerschaft“

Tobias Matzner (Tübingen), Subjektivierung durch Daten – Disziplin oder Performativität?

Dietmar Kammerer (Marburg), Das Panopticon zwischen Analyse und Inflation, Anschein und Wirklichkeit

Philipp Wüschner (Berlin), Scham und Schuld, Verletzung und Verbrechen

Friedrich Balke (Bochum), Schandbilder und Schriftmacht. Zur Rolle der Medien in „Überwachen und Strafen“

René Aguigah (Deutschlandradio Kultur), „Die Seele: Gefängnis des Körpers“. Zum Verhältnis von Zeitgenossenschaft und Philosophie in „Überwachen und Strafen“

Marita Rainsborough (Hamburg), Rereading Foucault. Foucaults Machtkonzeption aus Sicht der postkolonialen Theorien von Achille Mbembe und Walter Mignolo

Thomas Biebricher (Frankfurt am Main), Überwachen und Strafen der politischen Ökonomie: Der Fall Europa

Martin Nonhoff (Bremen), Die Macht im Geldbeutel, oder: Zur Herstellung fiskalischer Normalität durch Einkommensteuern

Jörg Bernardy (Die ZEIT), „Überwachen und Strafen“ als Science-Fiction und Kriminalroman. Über Disziplinen und Drohnen

Petra Gehring (Darmstadt), Das invertierte Auge

Frieder Vogelmann (Bremen), Zur Geburt der Sozialwissenschaften im Gefängnis

Martin Saar (Leipzig), Die Form der Macht

Katrin Meyer (Basel), Ausschließen und Eingrenzen. Neue Formen der Überwachung

Sophia Hoffmann (Bremen), Der Archipel „Flüchtlingslager“. Überwachen und Strafen im jordanischen Lager Azraq

Fußnoten

1  Michel Foucault, Surveiller et punir. La naissance de la prison, Paris 1975; deutsche Ausgabe: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, übers. von Walter Seitter, Frankfurt am Main 1976.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.