Zwischen Kalkulation und Gespür

Bericht von der Tagung "Ratings und Organisation im Finanzmarktkapitalismus" am 21. und 22. März 2019 an der Fernuniversität Hagen

Ratings sind heutzutage allgegenwärtig: Hotels, Restaurants, Hochschulen, Finanzprodukte, aber auch ganze Volkswirtschaften werden bewertet. Leicht entsteht der Eindruck, wir hätten es mit einer inflationären Verbreitung von Bewertungen zu tun, denn allerorts wird quantifiziert, vergleichbar gemacht, in Rangordnungen gebracht. Für Soziologen bietet diese Beobachtung Ansatzpunkte für tiefergehende Fragestellungen: Welche Akteure stehen hinter den Ratings? Welche Interessen verfolgen sie und welche Macht geht mit der Ausstellung von Ratings einher? Wie etablieren sich Bewertungspraktiken und welche Methoden liegen ihnen zugrunde? Solche und andere Fragen adressierte die Tagung "Ratings und Organisation im Finanzmarktkapitalismus", die, ausgerichtet vom Lehrstuhl für soziologische Gegenwartsdiagnosen und organisiert durch THOMAS MATYS, am 21. und 22. März diesen Jahres an der Fernuniversität Hagen abgehalten wurde. In überschaubarem Kreis – neben sechs ausgewählten Vortragenden und den Gastgebern war nur eine Handvoll externer Gäste zugegen – und bei lockerem Zeitplan entwickelte sich eine ebenso entspannte wie fruchtbare Gesprächsatmosphäre.

THOMAS MATYS eröffnete die Tagung mit einem sortierenden Einführungsvortrag. Er reflektierte die wesentlichen Begriffe „Ratings“, „Organisation“ sowie „Finanzmarktkapitalismus“ und schlug die querliegenden Kategorien Genese, Praktiken und Felder als analytische Linsen zur weitergehenden Differenzierung des Themas vor. Insbesondere die ersten beiden Kategorien wurden im weiteren Verlauf der Veranstaltung mit Leben gefüllt, etwa dadurch, dass ANDREA MENNICKEN die Genese der Bewertungskataloge zum Leistungsvergleich britischer Gefängnisse nachzeichnete oder NATHALIA BESEDOVSKY und MICHAEL FAUST Einblicke in die Praktiken von Rating-Agenturen boten. Die akteursübergreifende, relationale Kategorie des (organisationalen) Feldes kam dagegen eher implizit zur Anwendung, etwa wenn es um die spezifischen Interessen von Finanzmarktakteuren ging oder nach deren Machtpotenzialen gefragt wurde.

Als erster externer Gast sprach RAIMUND HASSE von der Universität Luzern. Der angenehm unprätentiös formatierte Vortrag beinhaltete konzeptionelle Überlegungen zur Institutionalisierung von Bewertungspraktiken sowie deren Kritik. In diesem Zusammenhang kam erstmals die im Verlauf der Veranstaltung des Öfteren wiederkehrende Frage nach der Funktionalität von Ratings auf. Werden spezifische Ratings aufgrund eines bestehenden Erfordernisses (nach Ordnung, Vergleichbarkeit) entwickelt oder wird die Funktion der Bewertungspraxis nach dem Entstehen selbiger gleichsam nachgereicht, dient mithin eher der Rationalisierung als einem Selbstzweck?

NATHALIA BESEDOVSKY von der Universität Hamburg gewährte anschließend Einblick in ihr reichhaltiges empirisches Material über die Bewertungspraktiken in Ratingagenturen. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Analyse der unterschiedlichen Verfahren, die der Beurteilung von Finanzprodukten und der Kreditwürdigkeit von Staaten zugrunde liegen. Interessant war unter anderem die Gegenüberstellung der vergleichsweise kalkulativ-technischen Bewertungspraktiken bei Finanzprodukten und den etwas stärker qualitativ und interpretativ angelegten Bewertungsprozessen bei Länderratings.

Der dritte und letzte Vortrag des ersten Tages – es sprach ANDREA MENNICKEN von der London School of Economics and Political Science – setzte sich mit dem Ranking von Gefängnissen in Großbritannien auseinander. Aufschlussreich war der detaillierte Einblick in die Methoden, die angewandt werden, um das Leistungsspektrum unterschiedlicher Organisationen in angeblich vernünftiger Weise vergleichbar zu machen. Offenbar kommen diese Verfahren zum Teil auf geradezu kuriose Weise zustande. Insofern sind Zweifel an deren Validität mehr als gut begründet.

Den zweiten Veranstaltungstag eröffnete MICHAEL FAUST vom SOFI Göttingen mit einem Vortrag über die Bewertungspraktiken von Aktienanalysten. Er präsentierte eine Übersicht zur strukturellen Einbettung verschiedener Finanzmarktakteure und identifizierte die kognitiv-kulturellen Frames, die den Bewertungspraktiken zugrunde liegen. Die Grenzen der selbst auferlegten Rationalität der Ratingagenturen wurde insbesondere deutlich, als der Referent sinngemäß feststellte: „Es ist immer wieder erstaunlich, wie häufig im Gespräch mit Finanzmarktakteuren die Worte 'Gefühl' und 'Gespür' auftauchen“.

Anschließend wandte sich MICHAEL FLORIAN vom Institut für Innovationsmarketing der TU Hamburg einem bis dahin unterbelichteten Thema zu, nämlich der prognostischen Bewertung von Unternehmen, die sich einer Einschätzung ihrer Potenziale auf Basis vergangener Aktivitäten entziehen: die Rede war von Start-Ups. Florian nahm Portale zur Bewertung von neu gegründeten Unternehmen unter die Lupe, die sich darum bemühen, das nötige Vertrauen für eine Finanzierung via Crowd-Investing zu schaffen und legte deren Bewertungsmethoden offen.

Den letzten Input lieferte THOMAS SABLOWSKI vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Form einer kritischen, marxistisch informierten Analyse der Rolle von Rating-Agenturen. Er betonte den Einfluss von Agenturen wie Moody’s oder Standard & Poors auf politische Entscheidungen, etwa im Vorfeld der Hartz-Reformen oder bei den laufenden Debatten über eine etwaige Verstaatlichung der Deutsche Wohnen SE. Diese Hinweise stimulierten Überlegungen zu der Frage, ob man überhaupt davon ausgehen kann, dass unterschiedliche Finanzmarktakteure gleichgerichtete wirtschaftspolitische Interessen verfolgen.

Drei Themenblöcke dominierten die sich anschließende Abschlussdiskussion: Zunächst stellten MICHAEL FAUST und UWE VORMBUSCH zur Diskussion, ob der Begriff „Finanzmarktkapitalismus“ (wie von Windolf und anderen in die Debatte gebracht) als zeitdiagnostische Kennzeichnung tauglich sei. Sind die westlichen Gesellschaften tatsächlich im Zuge der Deregulierung und Ausweitung von Finanzmärkten in eine neue Ära des Kapitalismus eingetreten? Hieran anknüpfend stellte sich zweitens die Frage, inwieweit es einen Kausalzusammenhang zwischen der Verbreitung komparativer Quantifizierungspraktiken und der Entgrenzung von Finanzmärkten gibt. Welche Modalitäten wechselseitiger Einflussnahme bestehen zwischen diesen Phänomenen? Ein drittes Diskussionsfeld tat sich schließlich auf, als die Rolle der Finanzmarktakteure für die Energiewende in den Blick genommen wurde und damit die Frage, welche Bedeutungen die institutionalisierten Praktiken des Feldes für die konkrete Ausgestaltung einer nachhaltigen Transformation des Energie- oder Verkehrssystems hätten.

Im Resümee lässt sich die Tagung als inhaltlich dicht und dabei ziemlich fokussiert – also: produktiv – beschreiben. Der im Vergleich zu anderen Veranstaltungen entspannte Zeitplan, der sowohl Gelegenheit für das Gespräch bot als auch zur Entspannung, dürfte wesentlich dazu beigetragen haben.

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Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.