Der europäische Normalfall

Philipp Ther über Flucht und Migration auf dem Kontinent

In den vergangenen zwei Jahren kamen hunderttausende Flüchtlinge nach Europa. Diese Ereignisse sorgten in den jeweiligen Gesellschaften für Aufregung und große Teile der Bevölkerung waren überrascht von der hohen Anzahl an Aufnahmesuchenden. Einige EU-Mitgliedstaaten reagierten regelrecht panisch auf den beständigen Andrang von Flüchtlingen und setzten rigorose Grenzabschottungen durch, wie beispielsweise die Transitzonen an der serbisch-ungarische Grenze. Diese Ereignisse wurden unter dem problematischen Begriff „Flüchtlingskrise“ zusammengefasst und stießen Debatten über die Zukunft der Europäischen Union und der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten an. Philipp Thers Studie Die Außenseiter – Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa ist in dieser Debattenlandschaft ein politisch wichtiger Beitrag. Der Wiener Osteuropa-Historiker verdeutlicht anhand von historischen Einordnungen, dass die Ereignisse vom Sommer 2015 keine Ausnahme, sondern die Regel der europäischen Geschichte sind: Flucht war und ist etwas Selbstverständliches, so die zentrale These des Buches. Wie schon in seiner, mit dem Leipziger Buchpreis prämierten, Monographie Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent verwebt Philipp Ther zahllose Einzelereignisse zu einer großen Erzählung über Europa. Mit Europa meint Ther allerdings nicht nur die heutige politische Gemeinschaft der Europäischen Union, sondern auch die Türkei und Russland sowie – aufgrund der Kolonialpolitik – die Méditerranée. Durch dieses weite Begriffsverständnis von Europa unterstreicht der Autor die besondere Bedeutung jener ‚nicht-europäischen‘ Länder für den Umgang Europas mit Flucht, beispielsweise in der Integrationspolitik.

Anhand einer Typologisierung von Fluchtgründen strukturiert der Autor seine Studie. Als paradigmatische Fluchtgründe greift er die Religion, den Nationalismus und die Politik heraus. Durch diesen Ansatz geraten natürlich einige andere Phänomene aus dem Blick – beispielsweise die Klimaflucht oder Migration aufgrund von ökonomischer Perspektivlosigkeit, auch wenn diese Fluchtgründe durchaus im Rahmen der Typologien bearbeitet werden. Zudem gerät die Klassifizierung an ihre Grenzen, wenn beispielsweise im zweiten Kapitel sehr differenziert zu bewertende politische Situationen auf den Nationalismus beschränkt werden. Allerdings liegt diese Grobzeichnung einiger Bereiche zugunsten einer Fokussierung auf die drei Hauptfluchtgründe in der Natur einer Typologisierung. Insgesamt gelingt es Ther durch diese Herangehensweise jedoch, ein neues Licht auf bestimmte Fluchtbewegungen und ihre Gemeinsamkeiten zu werfen. Es ist also nicht als ein Mangel, sondern gerade als die Stärke des Buches zu verstehen, wenn der Autor Flüchtlinge und Integration unter dem Brennglas der drei Fluchtgründe betrachtet. Jedem der Gründe ist jeweils ein Kapitel gewidmet, dessen Ausgangspunkt stets der Anfang der Fluchtgeschichte ist. Doch die mögliche Sorge, eine solche Darstellungsweise würde endlose Wiederholungen der gleichen historischen Ereignisse mit sich bringen, ist unbegründet. Vielmehr verleiht diese Darstellung Thers Studie Tiefe und ermöglicht dem Leser, Flucht aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Der erste Teil beschäftigt sich mit den religiösen Gründen der Flucht und nimmt seinen Ausgangspunkt bei den Hugenotten, die bis heute das historische Bild von Flüchtlingen prägen. Ther verweist an vielen Stellen darauf, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der europäischen Geschichte zivilgesellschaftliche Organisationen wichtige Unterstützernetzwerke bildeten, um den Menschen ihre Flucht zu ermöglichen. In diesem Teil spricht Ther wichtige Gründe dafür an, warum bestimmte Gesellschaften eine eher positive oder eher negative Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge entwickelten. Hilfsangebote fußten häufig auf religiöser Solidarität, weil man die Flüchtlinge als Teil der eigenen Glaubensgemeinschaft wahrnahm. Wenn aufgrund dieser Solidarität bestimmte Menschengruppen aufgenommen wurden, spielte die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migrant*innen keine Rolle: „Bei den Hugenotten und anderen Exilanten wurde geradezu vorausgesetzt, dass es sich um Glaubensflüchtlinge handelte, obwohl einige von ihnen […] ebenso von wirtschaftlichen Motiven angetrieben wurden“ (S. 68). Zudem sei die Differenzierung von Asylberechtigten und Migrant*innen einerseits und nicht willkommenen ‚Wirtschaftsmigranten‘ andererseits immer schon von konstruierten Kategorien abhängig, die entscheidend von den zeithistorischen Kontexten geprägt sind.

Im zweiten Teil widmet sich der Autor dem Nationalismus als fluchtauslösendem Moment. Der durch die Genese des modernen Nationalstaats produzierte „Zwang zur Eindeutigkeit“ (S. 75) führte zur immer stärkeren Ausgrenzung nationaler, ethnischer oder religiöser Gruppen. Auch die Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft verschaffte den Betroffenen oft keine Gleichberechtigung. Ther verschränkt in diesem Teil so unterschiedliche Konflikte wie den Ersten Weltkrieg, die Flucht vor den Nationalsozialisten, die Flucht aus der Sowjetunion und die Balkankriege.

Der dritte Teil setzt sich mit politischen Flüchtlingen auseinander. Erneut geht Ther zurück an den Anfang, dieses Mal zur französischen Revolution, die „etwa doppelt so viele Flüchtlinge wie ihr amerikanischer Vorläufer“ (S. 180) produzierte. Im Gegensatz zur Causa der Hugenotten habe es im Falle der Revolutionsflüchtlinge an politischer Solidarität in den Nachbarstaaten gemangelt, sodass die Aufnahmebereitschaft deutlich geringer ausfiel. Er zeichnet nach, wie die Flüchtlingspolitik immer stärker an die Asylpolitik gekoppelt wurde. Gerade seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter*innen von 1973 nahmen politische Diskurse an Fahrt auf, in denen es unter anderem hieß, dass angebliche ‚Wirtschaftsmigrant*innen‘ über das Asylticket nach Deutschland einreisen würden. Damit wurde ein zentraler politischer Topos begründet, der auch in den heutigen Debatten über die Flüchtlingspolitik gerade von national-konservativen Akteuren für ihre Zwecke missbraucht wird. Am Ende des Kapitels verfeinert Ther seine Zuordnung von Fluchtgründen: Weil nach 1989 Fluchtbewegungen komplexer geworden seien, müsse eine Neubestimmung der Typologie vorgenommen werden. Der Autor bietet eine Klassifikation von vier Motiven an, welche Menschen zur Flucht bewegen (S. 288ff.): Er unterscheidet erstens zwischen „existenziellen Fluchtmotiven“, die aus der Furcht vor dem Tod oder schweren Misshandlungen resultieren; zweitens „prädeterminierten Motiven“, die den Flüchtlingen kaum eine Wahl lassen, ob sie fliehen oder es unterlassen sollen (worunter der Autor zum Beispiel auch ökologische Veränderungen subsumiert); drittens „proaktiven Fluchtmotiven“, die aus Eigeninitiative darauf abzielen, sich vor einem drohenden Unheil zu retten (zum Beispiel bei drohenden Bürgerkriegen); und viertens „optionalen Motiven“, in denen andere Möglichkeiten als die Flucht zur Verfügung stehen. Philipp Thers anschließender Exkurs zum syrischen Bürgerkrieg zeigt anschaulich, wie im Rahmen eines Konflikts alle genannten Fluchtgründe für die verschiedensten Flüchtlingsgruppen eine Rolle gespielt haben.

Seine historische Darstellung wird immer wieder durch Biographien von Flüchtlingen unterbrochen, die als Zeug*innen der Geschichte auftreten. Prominente Immigranten wie Hannah Arendt, die jordanische Königin Rania oder auch Ruth Klüger treten genauso auf wie unbekanntere Flüchtlinge. Es sind gerade diese Lebensgeschichten, die der Studie von Philipp Ther eine ungeheure Stärke und Überzeugungskraft verleihen. Auch für ein Publikum außerhalb der akademischen Welt wird seine historische Rekonstruktion dadurch anschaulich und nachvollziehbar.

Das letzte Kapitel von Thers Studie rückt von einer Betrachtung der Fluchtbewegungen ab und nimmt stattdessen die Aufnahmegesellschaften in den Blick. Am Beispiel von Deutschland – und einem kurzen Vergleich zu Österreich – erzählt der Autor eine Geschichte der Integrationspolitik. Erneut begleitet er erzählerisch die Hugenotten, die Ruhrpolen und schließlich die Gastarbeiter*innen der jungen Bundesrepublik. Die Diskurse und Integrationspolitiken die Ther untersucht, provozieren ein Déjà-Vu beim Leser. In der langen Geschichte der Aufnahmegesellschaften zeichnen sich die immer gleichen Reaktionen von Sorgen und Ängsten, ausgelöst durch ‚den Anderen‘ ab. Kritisch anzumerken ist, dass der Autor den Integrationsbegriff kaum problematisiert. Denn auch der Integrationsbegriff hat eine anti-demokratische Tendenz, insofern er selbstverständlich von einer homogenen Aufnahmegesellschaft ausgeht, in die sich die Zuwanderer nur einfügen müssten. Wenn Demokratie als ein politisches System verstanden wird, in dem alle Menschen das Recht haben, individuell und kollektiv zu entscheiden, wie das Miteinander gestaltet werden soll – dann widerspricht dem Integration, weil damit in der Regel gemeint wird, dass man anderen Menschen einen Verhaltenskodex aufzwingt, der erst erfüllt werden muss, bevor sie dann gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft werden können. Ther führt überdies die Pogrome nach der Wiedervereinigung in Mölln, Solingen oder Rostock an. Leider verpasst der Autor es jedoch, auf dieser Grundlage rassistische Herrschaftsverhältnisse in der Mehrheitsgesellschaft noch stärker zu analysieren. Dies wäre jedoch wichtig gewesen, da die Pogrome damals unter dem Eindruck einer parteipolitisch heftig geführten Asyldebatte stattfanden, an deren Ende das Asylgrundrecht ausgehöhlt wurde. Auch der öffentliche Diskurs um die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland oder das kommunale Wahlrecht für Ausländer*innen zeigen, dass Teile des politischen Mainstreams den problematischen deutschen Volksbegriff keineswegs aufgegeben haben. In der Rekonstruktion der Integrationspolitiken verbleibt Ther am Ende mit einem ambivalenten Fazit: Am Beispiel der Debatten um das türkische Verfassungsreferendum zeigt er, dass die Integrationspolitiken keineswegs zu einer Befriedung gesellschaftlicher Konflikte beigetragen haben. Die Gründe dafür liegen laut dem Autor nicht nur bei der Aufnahmegesellschaft, sondern auch bei den Migrant*innen. Positiv anzumerken ist, dass Ther an dieser Stelle also keine einseitigen Schuldzuweisungen an die Migrant*innen ausspricht, aber dennoch auf autoritäre Strukturen und deren integrationshemmenden Einfluss in einigen Communities hinweist. Seine Argumentation ist somit nie kulturalistisch – im Gegensatz zu Teilen des öffentlichen Diskurses –, sondern schaut stets auf die gesellschaftlichen Ursachen von nicht gelingender Integration.

Die genannten Kritikpunkte schmälern keineswegs den großen erkenntnisfördernden Lesegenuss. Denn Philipp Ther ist zweifellos für seine historischen Rekonstruktionen und die Verbindung zur gegenwärtigen Lage zu danken und seinem Buch eine große Leserschaft zu wünschen. Sein Buch ist eines der wenigen nüchternen und historisch informierten Sachbuchbeiträge in der aktuellen Debatte um Flucht und Migration in Deutschland. Das von ihm aufgerufene Panorama der Fluchtgeschichten zeigt, dass es eher eine Ausnahme darstellte, wenn die europäischen Staaten nicht von Fluchtbewegungen betroffen waren. Dennoch, so erfahren wir von Ther, hat Europa aus seinen Erfahrungen nicht gelernt und scheint nicht anerkennen zu wollen, dass Flucht die Realität dieses Kontinents war und ist. Man kann sich Thers abschließender Hoffnung nur anschließen, dass die Flüchtlinge es unter diesen höchst unfreundlichen Bedingungen doch noch schaffen werden, ein selbstverständlicher Teil der europäischen Aufnahmegesellschaften zu werden.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kira Meyer.