Die Stadt als performativer Akt

Christopher Dell über die Wissensformen des Urbanen

Wissenstheoretische Perspektiven auf die Stadt sind äußerst rar gesät und dort, wo sie dennoch gedeihen, meist unentwirrbar mit Gesellschafts- oder Geschichtstheorie verwoben. Vor diesem Hintergrund kann Christopher Dells Epistemologie der Stadt (2016) als wichtiger und vielleicht überfälliger Versuch gelten, sich einerseits der Spezifik und andererseits den „Wissensformen“ des Urbanen anzunähern. Für diese anspruchsvolle „Metastudie“ (S. 10, 60)[1] greift der Autor auf eigene Arbeiten zurück, in denen er sich bereits der Entwicklungsgeschichte der (westlichen) Stadt (Ware: Wohnen!, 2011), ihrem impliziten Wissen (Tacit Urbanism, 2009), der Eigenart urbaner Produktion und Praxis (Das Urbane, 2014) sowie den Möglichkeiten adäquater Stadtdarstellung (Die Stadt als offene Partitur, 2016) widmete. Außerdem flossen sozialtheoretische Überlegungen zur performativen Improvisation in das Buch ein (vgl. etwa Die improvisierende Organisation, 2012), die Dell teilweise wohl auch aus seinem ‚zweiten Leben‘ als professioneller Jazzvibraphonist und Komponist schöpfte.

Schon in ReplayCity (2011), wo er die Improvisation als eine spezifische Form urbaner Praxis ausmachte, argumentierte er vor der folgenden Prämisse für eine Erneuerung unseres Stadtwissens: „Im 21. Jahrhundert leben erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land – die Explosion des Urbanen macht unsere Städte komplexer als jemals zuvor. Längst hat ihr permanent changierendes Gewebe herkömmliche Kategorien der Beschreibung und Planung gesprengt. Nicht mehr die Frage ,Was bedeutet Stadt?‘ steht heute im Mittelpunkt“, sondern, so Dell, die nach ihrer „Performativität“. Das Urbane sei in der gegenwärtigen „Epoche der Verstädterung“ (S. 26) nicht länger isoliert und als bloßes Objekt (S. 213 f.) denkbar. Als „Geflecht ineinander verwobener Aktivitäten“ (S. 22) mit eigenen „epistemischen Handlungszusammenhängen“ (S. 247) forme es vielmehr immer deutlicher unsere Beziehungen zur Welt. Dass Dell seine Aufmerksamkeit hier insbesondere der „Performativität“ (S. 75) der Stadt widmet, begründet er unter anderem damit, dass das Wissen „die Praxis nicht ausschließen“ dürfe (S. 67): Es werde ja ebenso durch das alltägliche Handeln und darin vorhandene, meist unbewusste Perzeptionsvorgänge mitgeprägt. Insofern sei auch der seit mehr als einem Jahrzehnt zu beobachtende performative turn der Raumwissenschaften „nur konsequent“ (S. 109) und Stadtforscherinnen und -planer gut beraten, ihre „Wahrnehmungsparadigmen“ (S. 33) und das bisherige „Stadtwissen“ kritisch zu überprüfen.

Im ersten Teil des Buches führt Dell zu diesem Zweck zunächst drei „Filter“ ein, Kategorien also, auf die seine Untersuchung im Wesentlichen aufbaut: erstens) „Wissensformen der Ermöglichung und die epistemischen Handlungszusammenhänge der Stadt“, zweitens) „Gestalterische Diagrammatik“ und drittens) „Improvisation als Technologie“ (S. 31 ff.). Das Kapitel soll neben einem Überblick auch eine Erklärung für die Bedeutung dieser Kategorien geben. Aufgrund des Duktus und der gedrängten Kürze der Argumentation ist dieser Teil ohne das entsprechende Hintergrundwissen jedoch kaum nachvollziehbar. Hier wäre für das Verständnis sicher hilfreich gewesen, Verweise auf andere Diskurse zunächst sparsamer zu setzen und die „Filter“ bewusst einfach zu halten. Im deutlich verständlicheren zweiten Teil führt Dell zuerst den Begriff der „Performanz“ allgemein ein, bevor er im Anschluss sein spezifisches Verständnis von „Performativität“ vorstellt (S. 73 ff.). Durch zahlreiche theoretische Exkurse verliert sich aber auch hier die Leserin leicht in den verschiedenen Perspektiven auf eine performative Wissensgenese. Der dritte Teil bietet dann ausführlichere Erklärungen für die beiden zentralen, bisher aber allenfalls gestreiften „Filter“ oder auch „Denkwerkzeuge“ (S. 228): die „Gestalterische Diagrammatik“ und die „Improvisation“ (S. 219 ff.). Ausführlich diskutiert Dell deren Bedeutung für die Entstehung und Organisation von (Stadt)Wissen, bevor er im vierten Teil (S. 283 ff.) genauer auf seine Zielkategorie, „Wissensformen der Ermöglichung“, eingeht. Erwähnt wurde diese Zielkategorie bereits im ersten Filter, aber erst hier wird sie wirklich verständlich und ausführlich erläutert. Anschließend verweist Dell auf die wissenschaftstheoretischen und politischen Implikationen seiner Ausführungen für die Stadtplanung und -forschung.

Dells performatives Wissensverständnis nimmt seinen Ausgang bei den alltäglichen (Re)Produktionspraktiken urbaner Räume, von Handlungen also, die in aller Regel mit einem geringen Maß an Intentionalität und Bewusstheit auskommen (S. 60, 77). Bekanntlich rekurriert Alltagsaktivität bei den Akteuren überwiegend auf Gewohntes und Vertrautes. Das ist auch bei der Nutzung städtischer Funktionen und der Aneignung ihrer Räume der Fall. Gleichwohl handele es sich – bei genauerem Hinsehen – eher selten um vorhersehbare Tätigkeiten. Der Alltag sei in der Tat durch spontanes Handeln und situatives Wissen geprägt. Damit seien urbane Räume sowie deren Dynamiken in Wahrheit viel offener und wandelbarer, als sie mitunter erscheinen. Diese von Dell fortwährend hervorgehobene Veränderungsoffenheit macht den Stadtraum für ihn zu einer bedeutenden Sphäre, in der „Unbestimmtheit“ konstitutiv ist (S. 60, 76 f.). Letztere setzt Dell bewusst einem in Forschung und Planung vorherrschenden instrumentellen beziehungsweise zweckrationalen Handlungsbegriff entgegen. In diesen Bereichen werde Handeln (also Nutzung, Aneignung oder Gestaltung urbaner Räume) ausschließlich als regelhaft und intentional dargestellt, weshalb Ergebnisse sowie das benötigte Wissen anscheinend schon von Vornherein bekannt sind. Dells Performanzperspektive bricht mit diesem Verständnis: Die „Stadt“ wird so zum Ort des ultimativ Unvorhersehbaren und Nicht-Intentionalen; sie wird selbst zum „performativen Akt“ (S. 287, 302). Dell überträgt diese Perspektive im Anschluss vor allem auf das im Stadtraum entstehende und genutzte Wissen, denn wie wir etwas tun, sei auch ausschlaggebend dafür, wie wir es erkennen und begreifen; gerade hier erweise sich Wissen als besonders prozessual und offen – wie das Alltagshandeln selbst.

Mit derartigen Überlegungen möchte der Autor grundsätzliche „epistemische Strukturfragen“ (S. 31) an Stadtplanerinnen und -forscher richten und sie für ein performatives Verständnis des eigenen Wissens beziehungsweise Wissen-Könnens gewinnen. „Wissen“ wird von Dell verstanden als ein einfaches „Machen“, eine bloße „Ermöglichung“ von Erkenntnis (S. 285), die neue Arten des Zugangs zum Gegenstand „Stadt“ ermöglicht, sich selbst aber auch verändern kann. In der Folge begibt sich Dell (S. 45 ff.) in seiner Epistemologie der Stadt auf die Suche nach einem „Denk-“ (S. 228) beziehungsweise „Erkenntniswerkzeug“ (S. 47), das in die Lage versetzen soll, Wissen genau wie Alltagshandeln als ebenso flexibel wie veränderlich zu denken. Fündig wird er in der Gestalterischen Diagrammatik.

Mit „Diagramm“ ist hier jedoch mehr gemeint als nur diegrafische Abbildung von Datenreihen. Für Dell (der hier auf Deleuze zurückgreift) handelt es sich eher um eine Art Wissen generierende Schemata, die unser Denken von innen her organisieren und uns so überhaupt erst in die Lage versetzen, in „spezifische[r] Weise die Welt zu sehen“ (S. 59). An der „Schnittstelle (...) von Sinnlichkeit und Verstand“ (S. 222) gelegen, sind Diagramme somit keine bloßen Abbildungen. Vielmehr sind sie Organisationsformen und – für Wissenstheoretikerinnen interessant – zugleich Darstellungen unseres Wissens, an denen auch dessen Formen und Strukturen analysierbar werden. So verstanden machen Diagramme für die Erkenntnis selbst die Denkprozesse „kognitiv zugänglich“ (S. 290), die bei der Wissenentstehung (und -veränderung) beteiligt sind. Ebendiese Hilfeleistung der Diagramme, die Dell als „Gestalterische Diagrammatik“ bezeichnet, benötigt er als seine eigene Methode zur genauen Erforschung von Wissensorganisationen. Das Diagramm wird als „Haltung“ (S. 59) gegenüber dem Wissen eingesetzt, womit Wissen zugleich als veränderbar dargestellt wird und darüber hinaus alle scheinbar feststehenden Ordnungen des ‚Gewussten‘ entlarvt werden können. Deshalb leistet die Gestalterische Diagrammatik für Dell eine „Aufklärung zweiter Ordnung“ (S. 248): Jede Wissensorganisation bleibe darin provisorisch (S. 247) und kontingent. Stadtforscher könnten mit dieser Methode also ihre „performative Kompetenz“ (S. 228) „einüben“ (S. 53, 245) und so eine kritische Haltung gegenüber sämtlichen (städtischen) Wissensformen entwickeln, denen man beispielsweise in Stadtplänen, städtischen Statistiken (beispielsweise zur Kriminalität) oder auch in Stadtimages begegnet. Auf diese Weise würden Forscherinnen in die Lage versetzt, „verschiedene Konfigurationen eines epistemischen Handlungszusammenhangs der Stadt durch[zu]spielen und miteinander [zu] vergleichen“ (S. 247).

Die Handlung, solche Vergleiche durchzuführen beziehungsweise letztlich mit Diagrammen zu „spielen“ (S. 228), nennt Dell gemäß des dritten Filters Improvisation. Sie ist gewissermaßen die Anwendungsperspektive des besagten „Werkzeugs“ (S. 249) und zugleich ein performativer, (was für Dell bedeutet:) kreativer Umgang mit Wissen. Diese Kreativität sei strukturiert und offen zugleich (S. 66), weil sich ein gewisser Grad an Wiederholung und „Rekursion“ (S. 202, 208 f.) nie vermeiden ließe, der sich durch die gleichzeitige performative Einstellung aber auch durch Öffnungen für die oben angesprochene Unbestimmtheit und Unvorhersehbarkeit des alltäglichen Handelns ergebe (S. 202 f.). Ein freieres Kombinieren des bestehenden Wissens, aber auch dessen Neubildung durch die „Auseinandersetzung mit sozialen Praktiken“ (S. 210) werde jedenfalls möglich. Für Dell erlaubt die „performative Dimension von Wissen“ (S. 303) vor allem ein ständiges Reflektieren und Improvisieren neuer Wissensanordnungen (S. 306), wodurch auch außerhalb der Kunst, etwa für die Wissenschaft eine „improvisationale Perspektive“ entstehe, die die Neuordnung unseres Wissens (beispielsweise über die Stadt) erlaube (S. 228, 247). Dell denkt unser Stadtwissen demnach ständig unter dem Blickwinkel von dessen Veränderbarkeit, während er damit gleichermaßen die Forderung verknüpft, „das Erforschen stadträumlicher Situationen als Gestaltungsaufgabe“ für alle zu begreifen: Auch Stadtforscher produzierten kein neutrales Wissen (S. 297) und müssten ihren Wissenshorizont kontinuierlich durch neue Perspektiven ergänzen.

Wenn uns Dell mit seinem Buch auch primär eine Wissenstheorie liefert, so sind seine Absichten dennoch nicht unpolitisch: Gerade das spielerische Improvisieren mit scheinbar feststehenden Weisen des Wahrnehmens (etwa in Stadtplänen, Statistiken oder „Images“ bestimmter Städte) soll das „diagrammatische" Verständnis unserer Wissensinhalte stärken und einen „Ort der Möglichkeit des Aufeinanderprallens, des clashs mit der Stadtwirklichkeit“ schaffen. So werde eine fortwährende Prüfung des Wissens – vermeintlich objektiver Kenntnisse – gewährleistet und gleichzeitig die Voraussetzung dafür geschaffen, dass sich alle am „gemeinsamen Formmachen“ der Stadt und ihres Wissens beteiligen können (S. 287). Es bleibt festzuhalten, dass sich das Urbane für Dell auch über Wissenszugänge verändern lässt, womit er direkt an eigene Versuche (zum Beispiel in Ware: Wohnen!, ReplayCity, Das Urbane) zur (Re)Politisierung der Stadt anschließen kann.

Gleichwohl bleibt es ein theoretisches Buch. Das liegt sowohl am relativ hohen Abstraktionsgrad der Argumentation, aber auch an teils langen Exkursen in Wissenstheorie und -historik, Phänomenologie, Soziologie, Linguistik sowie in zahlreiche (post)strukturalistische Theorien, deren Fäden Dell immer wieder aufnimmt. Dazu kommen einige waghalsige Satzkonstruktionen und leider auch orthografische Mängel, die sowohl Lesbarkeit als auch Verständnis so manchen komplexen Gedankens erschweren. Mitverantwotlich dafür ist auch die bereits erwähnte, kaum glücklich zu nennende Strukturentscheidung, essentielle Theoriebausteine (wie die angesprochenen Filter „Improvisation“ und „Gestalterische Diagrammatik“) erst spät im Buch zu erklären (S. 190). Viele sich aufdrängende Fragen bleiben so (zu) lange unbeantwortet und die Geduld der Leser wird unnötig auf die Probe gestellt.

Ausdauernde Leserinnen werden dennoch mit einem originellen Versuch zur Wissensgenese und zum Handeln im urbanen Kontext unter den Bedingungen der Performanz belohnt. Nach aufmerksamer Lektüre dieses Buches (oder auch anderer Beiträge Dells) sollte es Stadtforschenden schwerfallen, den Zusammenhang zwischen eigenem Wissen und dessen vorgegebener innerer Organisation zu übersehen. Hier stellt das Buch eine lohnende Alternative zu den eingangs erwähnten gesellschaftstheoretischen Zugängen zur Stadt dar.

Kritisch anzumerken bleibt, dass trotz der Absicht, einen „integrativen Ansatz“ (S. 69) zu liefern, von Beginn an zu stark und einseitig nur auf die Performativität von Alltagshandeln abgestellt wird (eine Gefahr, der sich Dell bewusst ist; ebd.). Die vorhandenen „material-ökonomischen Konstellationen“ (ebd.) werden zwar pflichtschuldig immer wieder als Bedingungen „urbaner Praxis“ erwähnt, bleiben in ihren möglichen Wirkungen auf und besonders in der Performanz aber deutlich unterbelichtet. Das gilt gerade im Hinblick auf die Freiheit der „Improvisation“ und die Möglichkeit einer breiten Beteiligung: Bis zum Schluss bleibt unklar, wie (außer durch Künstlerinnen) und unter welchen Umständen die improvisatorische Diagrammatik tatsächlich von allen eingeübt und fortan konsequent auf Stadtwissen angewandt werden kann.  

Nachteilig sind solche Erklärungslücken besonders dort, wo sie anderenfalls auch für die von Dell erwähnte tendenzielle „Verstädterung der Gesellschaft“ wichtige Antworten liefern könnten: Wird „urbane“ Performanz durch jene Tendenz eigentlich heute „gesellschaftlicher“ oder ist gerade das Gegenteil der Fall? Ist durch die Epistemologie der Stadt auch der Bedeutungszuwachs der Letzteren als ‚Urbanes‘ besser interpretierbar, etwa als Ausbreitung nicht nur urbaner Lebensstile, sondern mittlerweile auch städtischer Wahrnehmungs- und Handlungsperspektiven? – Die entsprechenden Antworten fallen nicht nur durch das im Buch ungeklärte Verhältnis von ,Stadt‘ und ,Urbanem‘ schwer, sondern auch durch die ebenfalls offene Frage, was das dezidiert Städtische am eigenen Wissensansatz ist (gewissermaßen: die Performativität des Autors)? Letztlich stößt Dells Buch aber auch mit diesen Lücken umso mehr zum Nachdenken darüber an, welche (womöglich auch epistemische) Rolle die Stadt oder das Urbane im 21. Jahrhundert eigentlich spielen.

Fußnoten

[1] Sofern nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich alle nachfolgenden Seitenangaben auf Christopher Dell, Epistemologie der Stadt. Improvisatorische Praxis und gestalterische Diagrammatik im urbanen Kontext, Bielefeld 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Benjamin C. Seyd.