Die vielen Gesichter der Ungleichheit

Zwei Neuerscheinungen erörtern Potenziale und Grenzen der Intersektionalität

Bei den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten von Amerika 2008 ging es im Lager der US-Demokraten nicht nur um Barack Obama gegen Hillary Clinton. Es ging auch um einen Schwarzen oder eine Frau als mögliches Staatsoberhaupt. Wenn man sich die mittlerweile nahezu geläufig gewordenen sexistischen und rassistischen Ausfälle des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump vor Augen führt, mutet der seinerzeitige parteiinterne Machtkampf innerhalb der Democratic Party geradezu als historische Ausnahmesituation an. Geschlecht, Hautfarbe und Klasse scheinen in den USA wieder mehr denn je gesellschaftliche Konfliktlinien zu markieren.

Während im Zuge einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung unter Donald Trump diese Themen also wieder verstärkt Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden sind, hat sich in der Geschlechterforschung unter dem Begriff der „Intersektionalität" über die letzten drei Jahrzehnte eine Forschungsrichtung etabliert, die inzwischen kaum noch überschaubar ist. Grob gesagt kann die Verschränkung von race und gender als Ergänzung klassischer Ungleichheitsdebatten auf der Grundlage von class verstanden werden. Gemeint ist damit eine kontextspezifische und gegenstandsbezogene Analyse der Wechselwirkungen ungleichheitsgenerierender gesellschaftlicher Strukturen und Praktiken wie Rassismen, Sexismen und Klassismen. Denn diese entfalten, so die Annahme, nur selten unabhängig voneinander diskriminierende und ausgrenzende Wirkungen, sondern verstärken sich entweder wechselseitig oder schwächen sich gegebenenfalls ab.

Dass „Intersektionalität" gerade in den Gender Studies zu einem grundlegenden Begriff geworden ist, zeugt vom Selbstbewusstsein dieser Disziplin: Wann hätte die Soziologie beispielsweise zentrale Begriffe wie „Klasse", „Schicht" oder „Milieu" zur Disposition gestellt und damit relativiert? In Hinblick auf gesellschaftliche Ungleichheit kontextualisiert die Geschlechterforschung ihren Zentralbegriff und relativiert damit dessen bis dato unhinterfragten Primat. Das ermöglicht neue Fragestellungen. Auch und vor allem für eine soziologische Kerndisziplin wie die Ungleichheitsforschung ist ein solcher Impuls sinnvoll bis überfällig. Schließlich kämpft sie seit Jahrzehnten mit der Herausforderung, soziale Ungleichheit „jenseits von Stand und Klasse“[1] und über Einzelfälle hinaus strukturell zu erfassen. Trotz dieser in der Intersektionalität liegenden Potenziale ist das Forschungsfeld bislang erst wenig systematisch erschlossen. Noch vor einigen Jahren bemängelte Christoph Weischer in einer Sammelbesprechung, „dass der Bezug der Beiträge auf die Intersektions- bzw. die Diversity-Theoreme oft selektiv erfolgt; sie werden gelegentlich wie ein Steinbruch genutzt, aus dem man sich bedient. […] Es erschließt sich manchmal nicht, welche besonderen Erträge der Forschung diesen Konzepten zugerechnet werden können; sie werden eher als inspirierende bzw. ganz brauchbare – weil die eigenen Kreise nicht irritierende – Rahmung verwandt“.[2] Als Konsequenz stellt er eine Sammelbandkultur fest, die theoretische Ausarbeitungen und Vertiefungen vermissen lasse.

Die beiden hier herangezogenen Einführungsbücher können dabei helfen, diese Vielfalt mit Geschick und Sachkunde zu ordnen. Zunächst rekonstruieren die beiden in den USA und Kanada tätigen Soziologinnen Patricia Hill Collins und Sirma Bilge in ihrem im Jahr 2016 erschienenen Band auf gut 200 Seiten Intersektionalität als analytisches Forschungswerkzeug und als kritische Praxis in ihrer historischen Gewordenheit; weiter beschreiben sie die globale Verbreitung des Konzepts, ziehen zentrale Konfliktlinien rund um Identitätskonzepte nach und arbeiten die Verbindungen und Überschneidungen mit sozialen Bewegungen, Protest und Neoliberalismus sowie mit Bildung und Forschung heraus. Abgeschlossen wird der Band von zusammenfassenden Überlegungen zur „creative tension“ (Collins/Bilge, S. 192) von Intersektionalität zwischen Forschung und Praxis. Die Einführung segelt bei Polity Press in Cambridge unter der Flagge ‚key concepts‘ und verdient durchaus den Namen ‚einführende Vertiefung‘.

Die Schweizer Philosophin Katrin Meyer wiederum richtet in ihrer im Jahr 2017 erschienenen, rund 160 Seiten umfassenden Einführung in Theorien von Intersektionalität „die Perspektive auf die Verschränkung von Machtstrukturen“ und betont „das Interesse, diese Verschränkung analytisch zu erfassen und zu benennen, um sie kritisieren und überwinden zu können.“ (Meyer, S. 10) In den drei Hauptkapiteln des Buches rekonstruiert sie zunächst die "Entstehung der Intersektionalitätstheorien aus dem Geist der Kritik", die bis auf frühe Kritiken am weißen Feminismus in den USA zurückgeht. Es waren nämlich die Erfahrungen Schwarzer Frauen, die sich im Feminismus westlicher weißer Mittelschichtsfrauen nicht wiederfanden. Deren Rede von Unterdrückung qua Geschlecht musste vor dem Hintergrund rassistischer Ausgrenzung in jedem Fall zu kurz greifen. Entsprechend kritisierten in den 1970er-Jahren Schwarze Feministinnen in den USA das zu enge Verständnis von global sisterhood ihrer weißen Kolleginnen: Das viel zitierte „Ain’t I a Woman?“ aus dem Mund der Schwarzen Sklavin Sojourner Truth im 19. Jahrhundert (vgl. Meyer, S. 9) benennt ein zentrales Element und Problem der Intersektionalitätsdebatte: Wer gehört aufgrund welcher Eigenschaften zu unterdrückten sozialen Gruppen? Gesellen sich zum Frausein die Klassenzugehörigkeit und das Schwarzsein als add-ons dazu oder ist die Existenz verschiedener Unterdrückungsformen in anderer Weise, nämlich als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, zu fassen? Das in den USA entwickelte Konzept wurde zunächst in der angelsächsischen Geschlechterforschung aufgegriffen und erreichte zu Beginn des 21. Jahrhunderts den deutschen Sprachraum. Auf die historische Kontextualisierung eines solchermaßen ‚reisenden‘ Konzepts folgt das umfangreichste Kapitel über die fünf wesentlichen Elemente der Intersektionalitätstheorien, zu denen folgende Dimensionen zählen: „Soziale Gerechtigkeit", „Kritik an Ausschlüssen und Gegensätzen", „Macht der Intersektion", „Kategorien als Analyserahmen" und „Methodische Vielfalt". Das letzte Kapitel über „Aktuelle Debatten" schließlich diskutiert den theoretischen Status von Intersektionalität zwischen Metapher und Theorie sowie relevante Analysekategorien und den Umgang mit Identitätskategorien.

Gemeinsamkeiten der beiden Bände werden im Hinblick auf die Rolle von Kritik, Vorgeschichte, race und Identitätskritik deutlich, Unterschiede vor allem hinsichtlich der jeweiligen Konzeption und des Aufbaus der Bücher.

Kritik. Die drei Autorinnen teilen die Überzeugung, ungleiche und ungerechte Verhältnisse identifizieren und damit zu deren Überwindung beitragen zu wollen (Collins/Bilge, S. 31-62; Meyer S. 10-13, S. 21-60). Wissenschaftliche Forschung und soziale Praxis sind für sie in diesem Sinne keine Gegensätze, sondern sollen komplementär vonstattengehen – Intersektionalität soll dabei im Idealfall die Rolle eines „tool for empowering people” (Collins/Bilge, S. 37) zukommen. Ebenso würdigen Collins und Bilge die Bedeutung gesellschaftsverändernder Praxis sozialer Bewegungen, die wieder in die Theoriebildung zurück fließen. Ein Beispiel für solche Wechselwirkungen bildet der digital feminism, im Rahmen dessen „social media-savvy young feminists of color increasingly use intersectional frameworks to challenge various forms of the intermeshed oppressions they face” (ebd., S. 111). Für Meyer ermöglicht Intersektionalität die kritische Wahrnehmung von Ungleichheit und Diskriminierung sowie Ausschluss und Marginalisierung. Insofern müsse sie paradigmatische Wirkung entfalten, da sie querliegende und vormals nicht gedachte neue Fragen ermögliche. Entsprechend gehören ihr zufolge Macht-, Diskurs- und Wissenskritik zusammen, eine Verbindung, von der sie sich eine creative tension im Sinne einer wechselseitigen Beeinflussung und Korrektur zwischen Theorie und Praxis verspricht (ebd., S. 191). Als Beispiel nennt sie das spannungsreiche Verhältnis von Postkolonialismus und Intersektionalität: Auf der einen Seite gelten beide Ansätze als komplementär, weil sie mit der Berücksichtigung von race Kernbereiche teilen, ohne das eines im anderen aufgeht (Meyer, S. 118f). Auf der anderen Seite werden sie als gegensätzlich konstruiert, indem postkoloniale Studien auf Wissensregime, Gender als koloniale Strategie des Othering oder auch auf die Bedingungen von Sprech- und Hörfähigkeit fokussieren. Gender Studies dagegen berücksichtigen stärker aktuelle rassistische und sexistische Politiken, die theoriegeschichtliche Entwicklung feministischer Anliegen und Politiken sowie die agency von Subjekten.

Vorgeschichte. Auch wenn erst die US-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw im Jahre 1989 den Begriff der „Intersektionalität“ prägte, betonen doch alle drei Autorinnen die Bedeutung der Frühgeschichte des Konzepts „avant la lettre“ (ebd., S. 25). So gab es in den USA schon von den 1960er- bis zu den frühen 1980er-Jahren lebhafte Auseinandersetzungen und theoretische Erörterungen über den wechselseitigen Zusammenhang von individuellen Erfahrungen und strukturellen Herrschaftsmechanismen rund um race, class und gender. Exemplarisch für diese frühe Perspektive auf Intersektionalität ist das „Black Feminist Statement“ des Combahee River Collective (CRC) aus dem Jahr 1977. Dieses setzte sich in der Tradition emanzipatorischer Aktionen Schwarzer Frauen gegen Verkürzungen auf eine Unterdrückungsform und für einen Kampf gegen rassische, (hetero)sexuelle und klassenspezifische Unterdrückung zur Wehr. Schwarze Frauen arbeiteten daran, einen eigenen politischen und theoretischen Standpunkt zu finden. Das CRC setzte an der Erfahrung vieler Schwarzer Frauen an, dass ihre spezifische Situation weder in den antirassistischen Kämpfen schwarzer Männer noch in den antisexistischen Kämpfen weißer Frauen ausreichend Berücksichtigung fand (Meyer, S. 28f). Weiter entwickelte das CRC seine intersektionale Analyse im Kontext sozialer Bewegungen für Dekolonialisierung, Aufhebung der Rassentrennung und Feminismus, ebenso berücksichtigte das Kollektiv Homophobie als zu thematisierende Unterdrückungsform. Vor diesem Hintergrund war Intersektionalität keine akademische Erfindung, sondern zutiefst in Auseinandersetzungen und Kämpfen sozialer Bewegungen verwurzelt. Bei aller Wertschätzung Crenshaws prägender Namensgebung betonen alle drei Autorinnen die Vorgeschichte: „Via institutional amnesia that rewrites history, entire categories of people who were central to intersectionality’s inception become erased from the intersectional canon.” (Collins/Bilge, S. 85)

Race. Die Autorinnen teilen drittens aus einer geschlechtertheoretischen Perspektive die Einschätzung, dass race (zu) leicht durch die Maschen wissenschaftlicher Analysen fallen würde. Für die USA hieße das daher, sich intensiver mit der Geschichte der Afroamerikaner_innen auseinanderzusetzen. Für Deutschland wiederum – ganz im Gegensatz zu den USA, wo der Begriff race im politischen wie öffentlichen Leben fest verankert ist – muss der spätestens durch die Ideologie der Nationalsozialisten historisch extrem belastete Begriff „Rasse" aus einem gänzlich anderen geschichtlichen Kontext heraus verstanden werden. Insofern lässt sich das, was in den USA unter race verstanden wird, nicht einfach so auf deutsche Verhältnisse übertragen. Gleichwohl – und hier wird die Intersektionalitätstheorie aus „deutscher Perspektive“ anschlussfähig –  spielte das Verhältnis von Migration, Rassismus, Klasse und Geschlecht in den 1980er- und 1990er-Jahren auch bei deutschsprachigen Feministinnen eine Rolle: Sie diskutierten den Zusammenhang von Kapitalismus und Patriarchat in Opposition zu eindimensionalen marxistischen Ansätzen, die „die Ausbeutung von Frauen durch Lohn- und Hausarbeit ausblendeten oder als kapitalistischen Nebenwiderspruch relativierten“ (Meyer, S. 36). Analog zur US-amerikanischen Aufarbeitung der Geschichte der Afroamerikaner_innen erfolgte hierzulande in den frühen 1990er-Jahren der Bezug auf Migrantinnen, Jüdinnen, Schwarze Deutsche und Queer of Color. Meyer widerspricht damit der gängigen Auffassung, die deutsche Frauenbewegung und -forschung sei auf dem race-Auge blind gewesen. Und schließlich macht auch der aktuell rassistisch gefärbte Rechtsruck in Deutschland, Europa und den USA deutlich, dass die Dimension race als Kernbestand intersektionaler Anliegen von großer Bedeutung ist.

Identität. Eine vierte Gemeinsamkeit teilen Collins, Bilge und Meyer mit ihrer Kritik an einer Verkürzung von Intersektionalität auf Identitätskonstruktionen. Darin liege das Problem der Reifizierung: Artikuliertes wie etwa Herkunft oder Alter werde wahrgenommen, bleibe aber fragmentarisch (etwa als eine Eigenschaft von Personen), und zugrunde liegende Strukturen blieben unsichtbar. Ebenso drohe damit auch eine Entpolitisierung dieser Forschung, weil unter neoliberalem Anstrich eine schrittweise Umdeutung von Ungleichheit hin zu einem individuellen Mangel an vermarktbaren Kompetenzen stattfinde. Wenn Frauen etwa Erziehungszeit in Anspruch nehmen und damit auf praktizierte Erwerbsjahre verzichten würden, seien sie es, die fehlende Erwerbserfahrung und -praxis verantworten müssten und auf dem Arbeitsmarkt abgehängt würden. Schlussendlich lasse sich eine solche begriffliche Verschlankung nicht mehr auffangen: „this slippery slope from race/class/gender studies to intersectionality, then intersectionality to diversity the diversity to cultural competence may simply be too many dots to connect.” (Collins/Bilge, S. 186f) Diese Kritik richtet sich freilich nicht gegen ein Theoretisieren von Identität per se. Denn Collins zufolge ist der Verzicht auf Identitätsbegriffe in epistemologischer Hinsicht unsinnig, weil Theorien und Praxen aus sozialen Positionen und Standpunkten entwickelt werden: Soziale Standpunkte kommen dadurch zustande, dass Menschen sich anhand identitärer Zuschreibungen positionieren und positioniert werden. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Debatte zu #metoo oder auch zu #aufschrei vor vier Jahren, die Frauen als kollektives Subjekt hervorbringt – mit allen Differenzierungen. Konzediert wird damit, dass sich auf der Grundlage von Identität und durch Identitätspolitiken entwickelte Standpunkte Handlungsfähigkeit überhaupt erst ergebe. Diese müsse allerdings permanent reflektiert werden, dann erst könne sie ein „heuristisches Werkzeug zur Analyse von Intersektionalität sein und der politischen Mobilisierung als provisorische Referenz dienen.“ (Meyer, S. 142)

Zentrale Unterschiede der beiden Werke liegen in Aufbau und Form der Darstellung. Collins und Bilge stellen sechs core ideas vor, die sie mittels verschiedener Beispiele wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, sozialer Ungleichheit als neuer globale Krise oder der in Brasilien ansässigen Schwarzen Frauenbewegung der Latinidades einführen und illustrieren: „Intersectionality’s core ideas of social inequality, power, relationality, social context, complexity, and social justice formed within the context of social movements that faced the crises of their times, primarily, the challenge of colonialism, racism, sexism, militarism, and capitalist exploitation.” (Collins/Bilge, S. 64) Auf diese Weise gelingt den Autorinnen einen anschauliche und überzeugende Verbindung von Theorie und Praxis anhand unterschiedlicher Beispiele auf verschiedenen Ebenen: die praktische Perspektive betreffend analysieren Collins und Bilge detailgenau ausgewählte Werke schwarzer Autorinnen der 1970er-Jahre von Intersektionalität, Aspekte zur Menschenrechtspolitik oder schwarzer feministischer Bloggerinnen und ziehen theoretische Linien zum Hip Hop. Aus theoretischer, sprich intersektionaler Perspektive ließen sich geteilter sozialer Ort, conscious-raising, politische Bewegung und Entwicklung einer gemeinsamen Identität als Eckpfeiler eines politischen Projekts begreifen, was letztlich sowohl für den Hip Hop als auch für Intersektionalität gelte (ebd., S. 116-123).

Diese Wegweiser lassen sich in Katrin Meyers fünf Elementen der Intersektionalitätstheorien (Soziale Gerechtigkeit, Kritik an Ausschlüssen und Gegensätzen, Macht der Intersektion, Kategorien als Analyserahmen und Methodische Vielfalt) nur begrenzt übersetzen. Dafür widmet sie intersektionalitätsrelevanten Kategorien als Analyserahmen viel Raum. Sie reflektiert die Arbeit mit Begriffen, „die historische Verhältnisse bezeichnen und selber Effekte historischer Diskurse sind“ (Meyer, S. 94): Kategorien als Wörter oder Namen dienen einerseits als heuristisches und analytisches Instrument, um soziale Phänomene zu strukturieren. Andererseits können Kategorien aber auch selbst Gegenstand intersektionaler Analysen werden. Die Doppeldeutigkeit von Kategorien als Identitäts- und Herrschaftsbegriffe ist für Meyer ein grundlegendes Merkmal intersektionalen Denkens und Handelns und verbindet damit die theoretische und politische Dimension des Ansatzes: Weil Kategorien „eng mit Mobilisierungsbewegungen zusammenhängen und als Sammelbegriff für politische Allianzen und Identitätspolitiken dienen können“ (ebd., S. 95), und „[n]ur weil Identitäten Teil von Herrschaftsformationen sind, kann die Analyse von kategorialen und intersektional verschränkten Identitätszuschreibungen überhaupt ihr kritisches Potenzial entfalten.“ (Ebd., S. 97) Auffällig ist, dass im Gegensatz zu Meyers intensiver Auseinandersetzung mit Kategorien Collins und Bilge keine ähnlich ausführlichen begrifflichen Debatten führen. Beides ist in Ordnung. Kritisch ist allerdings anzumerken, dass Teile von Meyers Kapitel zu Kategorien, nämlich die Diskussion zu Leslie McCalls berühmter und grundlegender Unterscheidung von anti-, intra- und interkategorialer Intersektionalität (Meyer, S. 103-108), besser im Kapitel zur methodischen Vielfalt aufgehoben gewesen wären. Denn dort geht es um die Bedeutung einer solchen Unterscheidung für Forschungsfragen, -strategien und -zugänge, und sinnvollerweise verhandelt Meyer dort dann auch die Spannung von Intersektionalität und postkolonialen Theorien (ebd., S. 118f). Ferner ist erklärungsbedürftig, was die Autorin mit poststrukturalistischer ‚Destruktion‘ politischer Identität meint, die Crenshaw vertrete (ebd., S. 106) – ist das ein Synonym für Dekonstruktion? Hier wäre es sinnvoll, zwischen Dekonstruktion und Destruktion zu unterscheiden: Geht es um die aus intersektionalitätstheoretischer Perspektive sinnvolle und notwenige Reflexion von Begriffen und Kategorien oder um eine Gleichsetzung dieser gedanklichen Operation mit einer außerwissenschaftlichen Negation eines solchen Vorgehens? Das ginge dann auch an das intersektionale Eingemachte und erklärte das Zögern sozialer Bewegungen, sich auf intersektionalitätstheoretische Debatten einzulassen.

Einige Unklarheiten sind auch im Buch von Collins und Bilge zu finden. Bei der Beschreibung interpersonaler, disziplinärer, kultureller und struktureller Domänen von Macht (Collins/Bilge, S. 7-12) sind die Kriterien der Unterscheidung nicht klar – ‚disziplinär‘ erscheint eher als querliegende zusätzliche Perspektive zu den anderen drei Domänen denn als eigenständige. Weiter gehen sie wie selbstverständlich von einer Synergie zwischen Intersektionalität als Form einer kritischen Untersuchung und als Praxis aus, ohne deren wahrscheinlich doch unterschiedliche Logiken zu reflektieren (ebd., S. 33). Hier wäre ein Verweis auf Pierre Bourdieu sinnvoll gewesen, der Theorie und Praxis überzeugend auf die verschiedenen Logiken der ‚Handlungsentlastung‘ (Wissenschaft) vs. ‚zeitlicher Handlungsdruck‘ (Praxis) zurückgeführt hat: Die Logik der Denkenden in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist eine andere als die Logik der Analysierten in ihrem alltäglichen oder professionellen Handeln. Intersektionalität als kritische Forschung zu reflektieren bezieht sich in diesem Sinne „auf die epistemische Haltung selbst, auf die Voraussetzungen, die mit der Tatsache gegeben sind, daß man sich von der Welt und vom Handeln in der Welt zurückzieht, um über die Welt und das Handeln nachzudenken“.[3]

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Autorinnen einerseits genaue und differenzierte close readings und gründliche Analysen von Textstellen und Begriffen liefern (ebd., S. 202f), andererseits aber eine Erklärung für zentrale Begriffe wie den der „Komplexität" (ebd., S. 29) und der „Praxis“ (ebd., S. 42) schuldig bleiben. Auch wenn ein Bezug zu praxeologischem Denken sicherlich nicht gewünscht oder beabsichtigt ist, wäre eine genauere begriffliche Konturierung gleichwohl sinnvoll gewesen. Gerade Dimensionen wie implizites Wissen (Alexis Shotwell[4]), Nichtgesagtes (Wayne Brekus[5]) oder Körperwissen (Reiner Keller/Michael Meuser[6]) böten reichhaltige Quellen für eine Annäherung an Selbstverständliches und Nicht-Thematisiertes, das gerade aufgrund seiner Selbstverständlichkeit sozial am wirksamsten ist.

Ich halte fest: Alle drei Autorinnen verfügen über ein hohes Maß an Reflexivität. Sie rekonstruieren und schätzen Intersektionalität als kritisches Werkzeug der Gesellschaftsanalyse und suchen deren Weiterentwicklung voranzutreiben. Während Patricia Hill Collins seit den 1990er-Jahren zu Black Feminism publiziert, reflektiert ihre Kollegin Sirma Bilge den Stand der Intersektionalitätsforschung vor allem im Hinblick auf den Verlust des kritischen Erbes. Aus einer philosophischen Perspektive rekonstruiert Katrin Meyer Unsichtbarkeit nicht als Irrelevanz, sondern als einen Effekt des Unsichtbarmachens (Meyer, S. 76). Entsprechend resultiert Empowerment für sie aus der Benennung von Nichtbenanntem. Dabei sollten die ungleichheitsrelevanten Kategorien immer offen gehalten werden, da es die intersektionale Forschung doch gerade kennzeichnet, nicht berücksichtigte Ausgrenzungen überhaupt in den Blick zu bekommen. In diesem Sinne ist Intersektionalität eine „Politik der Intervention“ (ebd., S. 131) „gegen die versteckte Hegemonie von Theorien, die sich selbst als emanzipativ verstehen“.[7] Eine solche nicht nur begriffliche, sondern auch konzeptuelle und grundlagentheoretische Offenheit stünde auch der Soziologie gut zu Gesicht.

Fußnoten

[1] Ulrich Beck, „Jenseits von Stand und Klasse?“, in: Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim (Hg.), Riskante Freiheiten, Frankfurt am Main 1994, S.43–60.

[2] Christoph Weischer, „Intersektionalität“, in: Soziologische Revue: Besprechungen neuer Literatur 36 (2013), 4, S. 385–297, hier S.395.

[3] Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, übers. v. Hella Beister, Frankfurt am Main 1998, S. 206.

[4] Alexis Shotwell, Knowing Otherwise. Race, gender, and Implicit Understanding. Pennsylvania State 2011.

[5] Wayne Brekhus, “A Sociology of the Unmarked: Redirecting Our Focus”, in: Sociological Theory 16 (1998), S.34-51.

[6] Reiner Keller/Michael Meuser, „Wissen des Körpers – Wissen vom Körper. Körper- und wissenssoziologische Erkundungen“, in: Reiner Keller/Michael Meuser (Hg.) Körperwissen. Wiesbaden 2011, S.9-27.

[7] Patricia Purtschert/Katrin Meyer, „Die Macht der Kategorien: kritische Überlegungen zur Intersektionalität“, in: Feministische Studien.  Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung 28 (2010), 1, S.134.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.