Früher war mehr Gemeinschaft

Robert D. Putnam und J.D. Vance über veränderte Klassenstrukturen in den USA

Europa richtet wieder neugierige Blicke gen Amerika. Das war zu Beginn dieses Jahrtausends noch etwas anders; die Jahre der George W. Bush-Administration führten diesseits des Atlantiks zu einer intellektuellen Abkehr von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Vereinigten Staaten, stattdessen stand im Nachklang der Anschläge vom 11. September 2001 die US-amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik im Mittelpunkt. Der die Präsidentschaft von Barack Obama begleitende Pendelschwung von (übertriebener) Euphorie und Hoffnung zu zeitweise (ebenso übertrieben) bitterer Enttäuschung und schließlich zu (wohltemperierter) Anerkennung hat jedoch ökonomische, soziale und kulturelle Dimensionen der US-Innenpolitik sowie deren Spannungen und Konflikte wieder ins Zentrum des europäischen Amerikainteresses gerückt. Zusätzlich befördert wurde die wiedererwachte Aufmerksamkeit noch durch den unüberhörbar werdenden Zorn der afroamerikanischen Bevölkerung angesichts der anhaltenden rassistischen Polizeigewalt sowie schließlich durch den Schock, den die Wahl Donald Trumps zu Obamas Nachfolger auslöste.

Eine Fülle von populären und auch hierzulande überaus erfolgreichen Büchern US-amerikanischer Autor*innen befriedigt den Wunsch, die verstörenden oder beängstigenden Gemengelagen jenseits des Atlantiks erklärt zu bekommen. Eine unvollständige Liste dieser viel gelesenen und oft besprochenen Analysen umfasst Michelle Alexanders The New Jim Crow, Ta-Nehisi Coates Between the World and Me, Elizabeth Hintons From the War on Poverty to the War on Crime, Nancy Isenbergs White Trash sowie Arlie Russell Hochschilds Strangers in Their Own Land.[1] Zwei weitere dieser einflussreichen Erklärungsversuche sollen hier einer etwas genaueren Lektüre unterzogen werden: Robert Putnams Our Kids (erstmals 2015) sowie J.D. Vances Hillbilly Elegy (2016). Beide sind kurz vor Beginn beziehungsweise während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs erschienen, beide wurden sowohl in den USA als auch international zum Bestseller und beschäftigten die Feuilletons ebenso wie akademische Konferenzen, und beide analysieren einen Zusammenhang, den die Autoren aus je eigener Sicht heraus für unterbelichtet, aber wegen der allenthalben konstatierten Verwerfungen und Konflikte für zentral halten: Veränderungen der Klassenstrukturen in den USA und deren Konsequenzen für die amerikanische Politik und Gesellschaft.

Beide Bücher sind mithin Teil eines unverkennbaren Trends, Klassenunterschiede sowie die Differenzen in der Verteilung von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital wieder als primäre Trennlinie innerhalb von Gesellschaften zu begreifen. Und wie viele Beiträge dieser Debatte folgen – oder, weniger aktivisch-bewusst formuliert, unterliegen – sie einem doppelt historisierenden Narrativ: Zum einen gründen sie ihre Gegenwartsanalyse ausdrücklich auf einen (hier jeweils persönlich gefärbten) Blick in die Vergangenheit, und zum anderen impliziert ihre Argumentation eine kritische Reflexion auf die jüngere Geschichte der Gesellschaftskritik (in den USA, aber auch darüber hinaus). Diesen beiden miteinander verbundenen Aspekten werde ich mich gegen Ende meiner Besprechung besonders zuwenden.

Dabei könnten die in Rede stehenden Bücher, ihre Autoren und auch ihre politische Stoßrichtung kaum unterschiedlicher sein. Robert Putnam ist Professor in Harvard und ein Superstar der US-Soziologie; sein Buch Bowling Alone aus dem Jahr 2000 gehört zu den einflussreichsten Gesellschaftsanalysen der letzten Dekaden.[2] In Our Kids greift Putnam nun seine damalige These vom zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Bindekräfte in den Vereinigten Staaten wieder auf. Seine Ausgangsfragen lauten: Welche Faktoren beeinflussen die Aufstiegschancen junger Menschen in den USA, und was hat sich diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten verändert? Seine Antworten basieren sowohl auf umfangreichen quantitativen Daten als auch auf zahlreichen qualitativen Interviews, und er versteht es eindrucksvoll, seinen Leser*innen die vielfältigen Zusammenhänge zwischen der strukturellen und der individuellen oder mikrosoziologischen Ebene in einer klaren Sprache nahezubringen. Putnam beschreibt und analysiert einen dramatischen Niedergang des Gemeinschaftsgefühls sowie der Möglichkeiten sozialer Mobilität, eine zunehmend verfestigte, undurchlässige Klassenstruktur, die eine basale Grundvoraussetzung des so genannten amerikanischen Traums beseitige: dass alle Kinder, unabhängig von ihrem sozialen oder familiären Hintergrund, die gleichen Chancen auf ein Leben in Wohlstand hätten.

Schreibt Putnam seinen Beitrag aus dem akademischen Zentrum der Gegenwartsanalyse, so kommt J.D. Vances Buch als kritisch-engagierter Kommentar eines Aufsteigers daher. Der Autor ist ein Investmentbanker, Anfang 30, und eng vernetzt mit einflussreichen konservativen Figuren wie etwa dem PayPal-Gründer und Trump-Berater Peter Thiel. Dass er einmal Einlass in solche Kreise finden sollte, wurde ihm jedoch nicht an der Wiege gesungen, wie Vance in Hillbilly Elegy in einer anekdotenreichen und zuweilen mit erhellenden Kommentaren versehenen autobiografischen Erzählung darlegt: Geboren in eine dysfunktionale Hillbilly-Familie in Middletown, Ohio, ohne Vater und mit einer alkohol- und drogenabhängigen Mutter, verdankt er vieles seiner Großmutter („Mamaw“), die ihn mit ihrer rauen aber ehrlichen Haltung schließlich auf den ‚richtigen Weg‘ brachte – vier Jahre bei den Marines samt Dienst im Irak, anschließend die Ohio State University und dann die Aufnahme in die Law School der Yale University. Vances Erinnerungen schildern eine Welt von Armut und Verfall, von Chancen- und Hoffnungslosigkeit, sie öffnen ein Fenster in die Welt der weißen amerikanischen Unterschicht, der Trump-Wähler*innen, die zu ‚verstehen‘ gerade besonders gefragt scheint. Kein Wunder also, dass Hillbilly Elegy im letzten Präsidentschaftswahlkampf zu einer Art Pflichtlektüre avancierte.

Seit ihrem Erscheinen hatten bereits viele Rezensent*innen Gelegenheit, Vorzüge und Schwächen der beiden Bücher aufzuzeigen, weshalb ich mich hier mit einer knappen Einschätzung begnügen kann. Hillbilly Elegy ist im Kern ärgerlich, es nutzt ein nachvollziehbares und wichtiges Interesse an einer sowohl politisch wie ökonomisch und sozial sicher allzu lang ignorierten Gruppe innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zur Verbreitung einer im Wesentlichen konservativ-reaktionären Botschaft von der Möglichkeit des Aufstiegs durch harte Arbeit, Patriotismus und eine Rückbesinnung auf traditionelle Gemeinschaftsideale. Es feiert einerseits die ‚Anständigkeit‘ der marginalisierten weißen Unterschichten und ignoriert beziehungsweise verharmlost dabei deren bisweilen eklatanten Rassismus, Sexismus und Homophobie; andererseits denunziert es die Angehörigen dieser Gruppe als die eigentlich Verantwortlichen für ihren eigenen Niedergang – viele Passagen des Buchs erinnern an Auslassungen über angebliche afroamerikanische Welfare Queens in den Reagan-Jahren, als die Verhältnisse in den innenstädtischen Wohnquartieren der Schwarzen auch als Folge eines massiven Missbrauchs von Sozialleistungen interpretiert wurden. Hillbilly Elegy ist somit weniger ein analytischer Blick in die Welt der weißen Unterschichten als vielmehr eine Programmschrift für Trump-Amerika.

Demgegenüber erscheint Putnams Our Kids erfreulich ausgewogen und von großer analytischer Schärfe geprägt, und ohne Frage lässt sich seiner Argumentation vieles abgewinnen, sind einige zentrale Befunde kaum zu bestreiten. Trotzdem legt man das Buch nicht wirklich überzeugt zur Seite, und dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Zunächst besteht eine große Diskrepanz zwischen Problemkennzeichnung und Lösungsvorschlägen. Putnam gelingt die dichte und bisweilen drastische Beschreibung eines massiven sozialen wie kulturellen Auseinanderdriftens unterschiedlicher Gruppen in den USA mit offenkundig höchst problematischen Konsequenzen für die nachfolgende Generation – Our Kids, das sind nicht mehr alle Kinder einer Gemeinschaft, sondern nur noch die Kinder des je eigenen sozialen Mikrokosmos. Gelangt man jedoch ans Ende des Buchs und liest Putnams Auflistung von Vorschlägen, wie dieser Trend zu stoppen sei, setzt Ernüchterung ein. Zwar enthalten Beschreibung und Analyse einen dramatischen Appell zum Handeln, doch bleibt der vorgeschlagene Maßnahmenkatalog (z. B. frühere und intensivere Betreuung in Schulen, mehr und besser ausgebildete Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen, ausgewogenere Qualität in Kindergärten und Schulen, betreute Übergänge von Schule ins Berufsleben) wenig originell und allzu sehr darauf bedacht, möglichst niemanden vor den Kopf zu schlagen. Es ist erstaunlich, wie wenig Gewicht Fragen von gerechterer Verteilung ökonomischer Ressourcen in einer Studie beigemessen wird, die sich nicht zuletzt einem Primat der Klassenanalyse verschrieben hat.

Es gibt noch einen zweiten Grund, weshalb das Buch Skepsis hervorruft, und das bringt mich zurück zum bereits angesprochenen Aspekt der historisierenden Narrationen. Putnam wie Vance modellieren ihre Gegenwartsanalyse entlang ihrer eigenen Kindheitserinnerungen; Ersterer eröffnet Our Kids mit der Beschreibung und Analyse seines Heimatorts Port Clinton, Ohio, in den 1950er-Jahren. Er schildert darin eine weitgehend homogene, solidarische Gemeinschaft, in der das ökonomische, soziale und kulturelle Gefälle zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sehr gering gewesen sei und in der ein dichtes Netz aus Kirchen, Schulen, Sportvereinen sowie vor allem engen und stabilen Familienverbünden den sozialen Aufstieg selbst von unterprivilegierten Kindern beinahe zur Selbstverständlichkeit machten. Putnam ist natürlich viel zu klug, um offen in die Nostalgiefalle zu laufen, er ist sich der Spezifik von Ort und Zeit seiner Kindheit wohlbewusst, weiß, dass der durch den Kalten Krieg bestimmte Wirtschaftsboom ein verlässliches Sprungbrett bot und dass die Situation etwa für afroamerikanische Menschen und für Frauen weitaus komplizierter, weil durch vielfältige und zählebige Formen der Diskriminierung geprägt war. Trotzdem – die Rahmung des Buchs durch eine solche Erinnerungs- und somit Abgleichlogik, auf die der Autor im Verlauf der Darstellung zudem immer wieder zurückgreift, muss zwangsläufig in einem Verlustnarrativ aufgehen, das einer komplexen Vergangenheit in keiner Weise gerecht wird. Vances Hillbilly Elegy spitzt diese rhetorische Strategie durch seine Memoirenstruktur noch zusätzlich zu. Mit seiner Aussteiger- und Aufsteigergeschichte platziert sich der Autor in einer langen und sehr einflussreichen Tradition US-amerikanischer Literatur, die einen Insiderblick in eine vergangene Welt suggeriert, Zusammenhänge jedoch so selektiv und vereinfachend schildert, dass sie über die Geschichte wenig, aber dafür umso mehr über Positionierungen und Strategien in der politischen Gegenwart verrät.

Der beiden Büchern eigene Rückgriff auf ein historisierendes Abgleichnarrativ erfolgt zu einem Zeitpunkt, als zunächst der Präsidentschaftskandidat und schließlich der Präsident Donald Trump sein Motto ebenfalls rückblickend-vorwärtsweisend formuliert: „Make America Great Again!“. Für Historiker*innen sind das alarmierende Indizien, denn gefährlicher noch als Geschichtsvergessenheit ist eine unterkomplexe Erzählung der Vergangenheit. Hier tritt ein weiterer Aspekt hinzu, denn der rhetorische Rückgriff auf einen historischen Vergleich verbindet sich darüber hinaus mit einer Metakritik an den Formen von Geschichtsschreibung und Gegenwartsanalyse. Auch dies fällt bei Vance und Putnam unterschiedlich stark und unterschiedlich aggressiv aus, aber beide Autoren eint doch augenscheinlich der Wunsch, analytische Blicke auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wieder zu vereinfachen, wieder auf vermeintliche Kernfragen zurückzuführen, wieder wirklich Wichtiges von weniger Wichtigem zu scheiden und Lösungen für Gegenwartsprobleme nicht zuletzt in einer Ausrichtung an bewährten ‚Traditionen‘ zu suchen. Die gegenwärtige Rückbesinnung auf die Relevanz von Klassenanalysen ist in vielerlei Hinsicht stimulierend und wichtig, doch wenn sie (mal offensiver, mal unterschwellig) mit einer Abwertung von mit ihnen notwendig verknüpften Kategorien wie gender, race, sexuality oder dis/ability einhergeht, wenn class nicht einer intersektional-historisch komplexen Machtanalyse unterzogen wird, ist damit nichts gewonnen.

Fußnoten

[1] Michelle Alexander, The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness, 2., überarb. Aufl. 2012; Ta-Nehisi Coates, Between the World and Me, New York 2015; Elizabeth Hinton, From the War on Poverty to the War on Crime. The Making of Mass Incarceration in America, Cambridge, MA / London 2016; Nancy Isenberg, White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America, New York 2016; Arlie Russell Hochschild, Strangers in Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right, New York / London 2017.

[2] Robert D. Putnam, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York 2000.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stefan Mörchen.