Über Lebensstrategien

Marliese Weißmann beschreibt die alltäglichen Anerkennungskämpfe von Arbeitslosen

 

Intention und Fragestellung

Die hier zu besprechende Monographie gehört in den größeren Kontext einer in den letzten zehn Jahren erschienenen Reihe empirischer Studien zur Lebenssituation von Arbeitslosen unter den Bedingungen des Regimes der so genannten „Hartz-Reformen“.[1] Weißmann will ihr Buch „angesichts von Prekarisierung von Beschäftigungsformen, anhaltender struktureller Arbeitslosigkeit und sozialstaatlicher Reformen“ (S. 1) als einen Beitrag sowohl zur öffentlichen als auch zur sozialwissenschaftlichen Debatte um das Problem der gesellschaftlichen Zugehörigkeit von Arbeitslosen verstanden wissen. Da ihr zufolge in den bisherigen Forschungsbeiträgen „die Perspektive der Nicht-Zugehörigkeit auf die Akteure und der Bezug auf die Arbeitsmarktintegration dominieren“ (S. 2), dreht die Autorin die Perspektive kurzerhand um. Indem sie „die Zugehörigkeit und die subjektiven Anstrengungen der Akteure, zur Gesellschaft dazuzugehören“, ins Zentrum stellt, sollen die Betroffenen „als ,eigensinnige‘ Handelnde in den Blick kommen“ (ebd.). Mittels biographisch-narrativer Interviews und deren rekonstruktiver Interpretation versucht die Autorin, „Inklusionsstrategien“ der Akteure freizulegen und aufzuzeigen, „wie sie um soziale Zugehörigkeit kämpfen“ (ebd.). Zu diesem Zweck fragt sie, wie sich Arbeitslose selbst verorten, welche sozialen Felder, Praktiken oder Zugehörigkeiten für sie relevant sind, wie sie sich sozialen Halt verschaffen und wie all das mit sozialen Ausschlusserfahrungen zusammenhängt.

 

Datengrundlage und Auswertungsverfahren

Bei der Studie, die zugleich die Dissertation der Autorin ist, handelt es sich um eine Sekundärauswertung. Sie beruht auf dem Datenkorpus des DFG-Projekts Biographische Einbettung und soziale Bezüge von Weltsichten in prekären Lebenslagen, das von 2008 bis 2012 am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig durchgeführt wurde und an dem sie von 2008 bis 2010 mitwirkte. Der Datenkorpus umfasst insgesamt 41 (teilweise mehrstündige) biographisch-narrative Interviews sowie 17 Gruppendiskussionen. Befragt wurden Menschen in prekären Lebenslagen, die über geringe materielle und symbolische Ressourcen verfügen, darunter langzeitarbeitslose ALG-II-Empfänger, Erwerbstätige, die ihr Einkommen mit ALG II aufstocken und Künstler (S. 93), wobei die eine Hälfte der Befragten Westdeutsche, die andere Ostdeutsche waren.

Aus diesem Korpus hat Weißmann siebzehn Fälle ausgewählt: Zum einen ältere Personen (größtenteils zwischen Ende vierzig und Anfang sechzig), die zum Zeitpunkt der Befragung schon länger ALG II bezogen, früher aber berufstätig waren und insofern „Statusverluste und Abstiegserfahrungen gemacht haben“ (S. 94), zum anderen junge Erwachsene bis Mitte zwanzig, die ALG II beziehen und „sich noch keinen Status aufgebaut und objektiv geringe Arbeitsmarktchancen haben“ (ebd.). Da für dieses Sample nicht ausreichend Einzelinterviews im Datenkorpus vorhanden waren, griff sie hier auch auf das Datenmaterial von Gruppendiskussionen zurück.

Die Interviewpartner wurden über unterschiedliche Kanäle (etwa über „Gatekeeper“ wie Pfarrer und Mitarbeiter von Bildungsträgern, mittels Auslage von Flyern in einschlägigen Lokalitäten oder über persönliche Kontakte) eingeworben. Weißmann selbst konstatiert in diesem Zusammenhang „eine generelle Schwierigkeit beim Sampling“ (S. 95), die die qualitative wie die quantitative Forschung gleichermaßen betreffe, dass nämlich „Personen, die sich stark aus institutionellen Kontexten zurückziehen […] für die Forschung schwer zu erreichen bleiben“ (ebd.). Lösen kann die Autorin dieses Problem nicht.

Die Auswertung der narrativ-biographischen Interviews erfolgte mehrstufig. Erstens wurden die objektiven Daten des jeweiligen Falls zur Bildung einer Hypothese herangezogen. Zweitens wurden die Interviews, insbesondere die Eingangssequenz, „in Anlehnung an die Objektive Hermeneutik […] interpretiert“ (S. 100), das heißt die Interviewanfänge wurden ausführlich und breit ausgedeutet, vor allem weil die Intervieweröffnung den Befragten große Spielräume hinsichtlich der Themensetzung gewährte. Und drittens schließlich erfolgte „im Laufe der Auswertung in Anlehnung an die Grounded Theory“ (S. 101) eine Kategorien- und Typenbildung. Der letzte Schritt wurde dabei mit der fallspezifischen Auswertung kombiniert, um auf diese Weise Einseitigkeiten zu vermeiden. Es ist der Autorin dabei gelungen, die Balance zwischen Einzelfall und zentralen, fallübergreifenden Kategorien zu halten.

 

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn (S. 17-55) werden die einschlägigen Autoren des gesellschaftstheoretischen Konzeptpaares Inklusion-Exklusion vorgestellt, namentlich Niklas Luhmann, Robert Castel, Gunnar Myrdal und Julius Wilson („Underclass“), sowie Martin Kronauer, Heinz Bude und Andreas Willisch („Überflüssige“). Unter Rekurs auf die Arbeiten der vorstehend Genannten arbeitet Weißmann den mehrdimensionalen Charakter von Ausgrenzung und die kumulative Dynamik von Ausgrenzungsprozessen heraus. Schlussendlich hebt sie darauf ab, dass dem Ausschluss von der Erwerbsarbeit in der Theorie die Schlüsselrolle für weitere subjektive Exklusionserfahrungen zukomme (vgl. S.50) und dass auch gesellschaftliche Zugehörigkeit diskursiv vornehmlich vom Zugang zum Arbeitsmarkt her gedacht werde.

In den beiden folgenden, kürzeren theoretischen Kapiteln (S. 55-69) zieht die Autorin zunächst Stephan Lessenichs These vom Sozialstaat als Relationierungsmodus[2] heran und arbeitet die Bedeutung sozialstaatlicher Programme für die Strukturierung sozialer Beziehungen heraus. Demnach wirke sich die Strategie der aktivierenden Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik nicht nur auf den praktischen Prozess der Arbeitssuche aus, sondern auch und vor allem auf das Selbstwertgefühl von Empfängern sozialstaatlicher Hilfen. So werde den Betroffenen ein größeres Maß an Pflichten auferlegt und von ihnen mehr Verantwortung sowohl dem Gemeinwesen als auch sich selbst gegenüber eingefordert.

Im Anschluss daran präsentiert Weißmann einen Überblick über den Forschungsstand (S. 69-86), wobei sie in erster Linie solche Publikationen berücksichtigt, die methodisch qualitativ ansetzen und zwischen objektiver Lage und subjektivem Exklusionsempfinden der Betroffenen unterscheiden. Mit Heinz Bude und Ernst-Dieter Lantermann ist die Autorin der Ansicht, dass das Phänomen subjektiver sozialer Ausgeschlossenheit nicht unmittelbar von multipler objektiver Deprivation oder von Prekaritätskonstellationen (mit Blick auf die Faktoren Wohlstand, Beschäftigungsstatus, soziale Vernetzung, Gesundheit, institutionelles Vertrauen) beeinflusst wird. Entscheidender sei die individuelle Verfügbarkeit von „externen“ (nicht allein individuell veränderbaren) Ressourcen wie Einkommen, Bildung, Geschlecht und Alter, sowie „internen“ (persönlichen beziehungsweise Deutungs-) Ressourcen (S. 71). Weißmann macht nun deutlich, dass ihr auch die von Bude und Lantermann propagierte Annäherung an die Perspektive der Arbeitslosen nicht weit genug geht, weil auch sie in letzter Konsequenz immer noch auf den Arbeitsmarkt und die Teilhabe am Erwerbsleben verengt sei. Das damit formulierte Forschungsdesiderat gibt dem zweiten Teil der Studie die Richtung vor, nämlich breiter zu betrachten, mittels welcher Strategien Arbeitslose Zugehörigkeit zur Gesellschaft auch jenseits des Arbeitsmarktes herstellen. Dafür nimmt Weißmann sowohl die Lebenswelt (Familie, Vereine, Gemeinde, politische Aktivitäten, soziales Engagement) als auch die subjektiven Aneignungen und Deutungen der Befragten in den Blick.

Ausgehend von der Unterscheidung zwischen einem deutend-kognitiven und einem praktischen Ansatz zur Herstellung von Zugehörigkeit identifiziert Weißmann die folgenden vier „Modi der Inklusion“: (1) Normalisierung, (2) Prozessiertwerden, (3) Statusnivellierung und (4) Selbstermächtigung.

Für den Modus der Normalisierung seien die Herstellung von Normalitätsbezügen und die (Bestätigung der) Selbstwahrnehmung als ‚normal‘ kennzeichnend. Die Betonung der Normalität könne sich dabei auf ganz verschiedene Dinge richten, etwa „auf den Körper, Alltagspraktiken, soziale Einbindung, Arbeitsleistungen in der Vergangenheit, die Erfüllung sozialer Rollen oder das Teilen gesellschaftlich anerkannter Werte wie Bildung“ (S. 232). Wichtig für die Wirksamkeit dieses Modus sei allein, dass andere (normale) Akteure den Normalisierungsbemühungen Anerkennung zollten. Weißmann unterscheidet in diesem Zusammenhang zwei Ausprägungen: Erstens eine defensive Variante, bei der die Betroffenen das Stigma des ALG-II-Bezugs und dessen Folgen durch einfallsreiches Verhalten zu verbergen oder zu überspielen suchten, beispielsweise durch sparsames Einkaufen, Wahrung der angestammten Wohnung, bewusste Pflege von Kontakten und Freundschaften, gepflegtes Auftreten oder das Warten auf die normalisierende Rente. In einer zweiten, offensiven Variante hingegen konzentrierten sie sich auf die „Dekonstruktion negativer Feindbilder“ (S. 122). Dafür würden intakte zwischenmenschliche Beziehungen, etwa in der Familie oder im Freundeskreis, der ‚kranken Gesellschaft‘ und ihren Repräsentanten – zum Beispiel den zu sehr auf ihre Aufgabe fixierten Arbeitsvermittlern – entgegen gehalten.[3]

Der Modus des Prozessiertwerdens weist insofern eine gewisse Nähe zum ersten auf, als es auch hier um die Anerkennung gesellschaftlicher Normalitätsbezüge geht. Im Unterschied zum Modus der Normalisierung interessierten sich die Akteure in diesem Fall aber gar nicht für die Aufrechterhaltung einer von ihnen als wünschenswert erachteten Form gesellschaftlicher Normalität. Maßgeblich für ihr Verhalten seien weniger ihre Selbstdeutungen als vielmehr Formen von Unmittelbarkeitsorientierung und passiver Duldsamkeit gegenüber den Ablaufanforderungen der für sie zuständigen Institutionen. Knapp zusammengefasst in den Worten einer Betroffenen auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: „Isch mach das, was kommt“ (S. 154). Diese Form der von außen induzierten Zugehörigkeitsherstellung ist nach Weißmann vor allem bei jungen Erwachsenen verbreitet, die insbesondere hinsichtlich formaler Bildung und fehlender Berufserfahrung fern vom Arbeitsmarkt sind und aus „belasteten“ Familien kommen. Dieser Modus artikuliert ein reaktiv-abwartendes Agieren; Vertreter dieses Modus erleben und sehen sich, könnte man zusammenfassend sagen, zumindest hinsichtlich ihrer Arbeitsbiographie und beruflichen Zukunft als Erduldende, die das erfüllen, was das Amt von ihnen will. „Der Modus des Prozessiertwerdens lässt sich umschreiben als Form der Zugehörigkeitsherstellung durch die Außenwelt, d.h. durch staatliche Institutionen oder Betreuer wie Sozialarbeiter oder die Familie“ (S. 161).

Die Modi der Statusnivellierung und der Selbstermächtigung sind in gewisser Weise voraussetzungsvoller, weil die Normalitätsherstellung hier stärker über Deutungen als über Praktiken erfolgt. Im Modus der Statusnivellierung sind die Akteure bemüht, sich „mit prestigeträchtigem kulturellem oder sozialem Kapital“ von ihrer Umwelt abzuheben (S. 233). Weißmann zufolge spielen hier vor allem episodenhafte Bezüge zu besonderen Personen oder Ereignissen eine wichtige Rolle, die von den Betroffenen zur kommunikativen Aufwertung der eigenen Person („ich hab schon einiges in meinem Leben erlebt“, (S. 180) oder zur Nivellierung von Statusdifferenzen gegenüber anderen („die kochen auch ihre Eier nur mit Wasser und packen da keinen Champagner rein oder wat“, S. 178) genutzt werden. Sofern solche „kleinen Extras“ mit Kosten verbunden sind, sei es durchaus nicht ungewöhnlich, dass sie durch den Verzicht auf andere, für das eigene Selbstwertgefühl als weniger wichtig wahrgenommene Annehmlichkeiten erkauft werden („es kann durchaus passieren, dass ich dann mal am 15. schon sage, okay, jetzt gibt es nur noch Nudeln und Tomatensauce“ (S. 172).

Noch gewagter schließlich sind nach Ansicht der Autorin die Deutungsleistungen, die von den Betroffenen im Modus der Selbstermächtigung erbracht werden. So würden die Akteure sich selbst für bestimmte Aufgaben als Experten oder Berufene autorisieren und sich durch diese Selbstzuschreibung einen besseren Status zuweisen. Weißmann rechtfertigt die Konstruktion dieses Modus nicht zuletzt damit, dass auf diese Weise Akteure in den Blick gelangten, „die alltagsweltlich als Querulanten und Sonderlinge angesehen“ und daher in anderen Studien nicht berücksichtigt würden (S. 191). Dabei unterscheidet sie zwei Unterformen der ‚Selbstberufung‘: Zum einen die Herstellung von „Zugehörigkeit durch illusionäre Inklusion“ (S. 192), bei der sich Personen auch ohne jede institutionelle Anbindung als Angehörige eines Berufsstandes charakterisieren; und zum anderen die Wahrnehmung der eigenen Existenz als Kampf „gegen ein globales, gesamtgesellschaftliches System“, das die Akteure „als unterdrückend erleben“ (S. 208). Im letztgenannten Fall ermögliche der Modus der Selbstermächtigung den Betroffenen die Einnahme einer aktiven Haltung. Das Aufbegehren gegen die von ihnen empfundene Unterdrückung werde zur sinnstiftenden Aktivität, über die sich die selbsterzeugte Statusverbesserung vollziehe („und dann habe ich mich gewehrt, ich hab Einsprüche geschrieben, Widersprüche […] dann ging der Kampf los“, S. 223).

Nach der ausführlichen und facettenreichen Darstellung der Empirie und einem kurzen Vergleich der herausgearbeiteten Typen beendet die Autorin ihr Buch mit einer knappen Diskussion ihrer Befunde. Sie betont dabei vor allem die Breite und Intensität der eigensinnigen Inklusionsleistungen der Befragten und schließt mit der Feststellung, dass sowohl die Wege der Zugehörigkeitsherstellung als auch die sozialen Zugehörigkeiten, auf die Arbeitslose sich stützen, fragil blieben. Bleibe die soziale Anerkennung ihrer Inklusionsbestrebungen aus, werde vielmehr „soziale Exklusion produziert und perpetuiert“ (S. 251)

 

Diskussion

Das Buch bestätigt die bereits vorhandenen Befunde[4] zu den subjektiv enorm belastenden Folgen von dauerhafter Arbeitslosigkeit unter der Ägide der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik. Dem Diskurs neu hinzufügen kann Weißmann die detailreiche Darstellung vielfältiger individueller Bemühungen Langzeitarbeitsloser, der objektiven Exklusion aus dem Arbeitsmarkt subjektive Formen der Zugehörigkeit entgegenzustellen. Die von ihr plausibel herausgearbeiteten Muster der Zugehörigkeitsherstellung zielen immer auch auf die Anerkennung anderer und die Bewahrung von Resten autonomer Lebensführung (selbst im Modus des Prozessiertwerdens). Insofern ist das lange empirische Kapitel des Buches besonders lesenswert, namentlich die Ausführungen zum Modus der Selbstermächtigung.

Der Theorieteil der Arbeit bietet einerseits eine differenzierte und verdienstvolle Übersicht über die gesellschaftstheoretischen Konzepte von Inklusion und Exklusion, und trägt andererseits zur Verortung der Arbeit in der betreffenden Diskurslandschaft bei. Inklusion und Exklusion sind wichtige Begriffe des Fachdiskurses in der politischen Debatte. Da diese Begriffe aber auf der makrotheoretisch gesellschaftlichen Ebene liegen, ist ihre erschließende Kraft für mikrosoziologische Studien, die konkrete Interaktionsebenen (Familie, Nachbarschaft, weitere Vergemeinschaftungen) zu untersuchen trachten, was ja für die hier besprochene Studie auch gilt, eher als gering zu veranschlagen. Sie dienen hier eher einer relativen Einordnung der Befunde in den Diskurs.

Für die gegenstandsbezogenen theoretischen Fundierungen ihrer Analysen greift Weißmann zwar auch auf andere Theorien und Konzepte, wie etwa auf Goffmans Stigmakonzept, zurück. Doch hätte sich eine solche Verwendung gegenstandsnäherer Konzepte auch hinsichtlich anderer Aspekte wie Milieu, Familie, Paar oder Generationszugehörigkeit angeboten. So hätte man etwa fragen können, ob die Passivität der Betroffenen im Modus des Prozessiertwerdens nicht vielleicht auch in der systematischen Delegitimierung und Auflösung traditioneller Milieus (wie etwa dem Arbeitermilieu oder randständiger Milieus mit entsprechenden weitgehend homogenen Siedlungen wie dem Offenbacher Lohwald oder dem früheren Frankfurter Gallus) als haltgebenden und identitätsstiftenden außerfamiliären Vergemeinschaftungsformen begründet liegen könnte. Zweitens fällt bei der Lektüre auf, dass viele der Befragten ziemlich isoliert leben und etliche auch (noch) keine Familie gegründet haben beziehungsweise ihnen ihre Familie respektive ihr Partner wegen Trennung ‚abhanden‘ gekommen ist. Angesichts der zentralen Bedeutung, die der Familie (Herkunfts- wie eigener Familie) im Kontext der Erforschung biographischer Prozesse zukommt, wäre hier vielleicht auf eine ausgewogenere Personenauswahl bei der Erstellung des Sampels zu achten gewesen. Auch die Entscheidung, die Mutterrolle bezugstheoretisch zu deuten und aus der Perspektive gesellschaftlicher Inklusion beziehungsweise Anerkennung zu betrachten, mutet etwas überzogen gesellschaftstheoretisch an. Die Eigenart persönlicher Beziehungen genauer zu berücksichtigen und in der theoretischen Modellbildung fruchtbar zu machen, hätte sich angesichts der von der Studie angestrebten Erweiterung der Perspektive auf die ganze Breite lebensweltlicher Bewältigungsstrategien für die Folgen dauerhafter Arbeitslosigkeit geradezu angeboten. Ein entsprechendes Vorgehen hätte nicht nur den analytischen Ertrag der Studie nochmals erhöht, sondern vielleicht auch Möglichkeiten zur weiteren Fundierung eines empirisch gehaltvolleren Inklusionsbegriffs eröffnet.

 

Fazit

Die besprochene Studie ist allein wegen der reichhaltigen wie breiten Falldarstellungen der Empirie unbedingt lesenswert, insbesondere wenn man sich für die nach wie vor belastenden und Sozialität zersetzenden Folgen des aktivierenden deutschen Arbeitsmarktregimes interessiert. Die Krise der Arbeitsgesellschaft ist nach wie vor in keiner Hinsicht bewältigt, sondern ‚nur‘ an vor allem Arbeitslose und prekär sowie gering entlohnt Beschäftigte ausgelagert – also vor allem das knappe Drittel der Bürger, die soziostrukturell als Untersicht gefasst werden.[5] Daher stellt sich schon die Frage, ob die Akteure des Modus der Selbstermächtigung wirklich Sonderlinge sind. Grundsätzliche Fragen an „das System“ kann man – wie das Buch zeigt – aus guten Gründen stellen.

Fußnoten

[1] Insofern Teile des Maßnahmenpakets einer Evaluierungsklausel unterlagen, wurden zumindest einige der Studien direkt durch die Hartz-Reformen initiiert.

[2] Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld 2008, S. 73 ff.

[3] Diese Möglichkeit besteht freilich nur bei solchen Arbeitslosen, die eine eigene Familie haben oder über andere intensive Sozialkontakte verfügen.

[4] Siehe u.a. etwa Wolfgang Ludwig-Mayerhofer/Olaf Behrend/Ariadne Sondermann: Auf der Suche nach der verlorenen Arbeit, Konstanz 2009; Robert Castel/Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg und Ausgrenzung, Frankfurt am Main/New York 2009; Andreas Hirseland/ Werner Schneider: „Aktivierende Individualisierung. Zum Wandel von Macht und Herrschaft in der zweiten Moderne“, in: Wolfgang Bonß/Christoph Lau (Hg.): Macht und Herrschaft in der reflexiven Moderne, Weilerswist 2011, S. 148–174.

[5] Christoph Burkhardt/Markus M. Grabka/Olaf Groh-Samberg/Yvonne Lott/Steffen Mau: Mittelschicht unter Druck? hrsg. von der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2013, S. 20.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.