Und raus bist du

Matthew Desmond über die Folgen der Finanzkrise für den amerikanischen Wohnungsmarkt

Sollte man Evicted in drei Worten umschreiben, wären das in meinen Augen ‚inspirierend’, ‚erschütternd’ und ‚ungerecht’. – Inspirierend ist nichts von alledem, was Desmond schreibt, wohl aber das Forschungsprojekt selbst. Man merkt dem Geschriebenen lange nicht an, dass es sich um methodisch erhobenes und vielfach validiertes Wissen handelt. Auf der Basis ethnografischer Nahaufnahmen zeichnet Desmond rund ein Dutzend Lebens- und Überlebensgeschichten nach, die bis auf eine Ausnahme wenig miteinander gemein haben: Sie sind durchweg vom alltäglichen Kampf um Wohnraum geprägt. In allen geschilderten Fällen schränkt zudem die Erfahrung von Zwangsräumungen, deren Dynamik und Folgen im Zentrum des Buches stehen, die ohnehin durch Armut und materielle Not verringerten Lebenschancen der Protagonisten massiv ein. Diese Armut und Not ist weder schwarz noch weiß, weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung. Aber die zugrunde liegenden Klassenpositionen sind durchzogen von sozialen Ungleichheiten und Vulnerabilitäten, die im Zusammenhang mit Kategorien wie age, race und gender stehen. – Erschütternd ist somit im Grunde alles, was Desmond schreibt. Am traurigsten wohl die Geschichte von Scott, der als junger Schwuler den gewaltsamen bäuerlichen Verhältnissen der Provinz Iowas entflohen ist und sich als Krankenpfleger eine Existenz in Milwaukee aufgebaut hat. Nachdem seine besten Freunde an den Folgen von Aids gestorben sind und er selbst wegen eines durch Arbeitsbelastung verursachten Bandscheibenvorfalls Schmerzmittel erhält, wird er opiatabhängig. Er muss seine Arbeitsberechtigung abgeben und verliert seine im Stadtzentrum gelegene Mietwohnung. Nach längerem Aufenthalt in einem Mehrbettzimmer des städtischen Obdachlosenheims findet er eine gerade noch bezahlbare Bleibe im berüchtigten Trailerpark weit außerhalb der Stadt. Die Überreste seines alten Lebens passen in einen Schuhkarton. Im Trailerpark beginnt er Heroin zu spritzen, pflegt seinen schwer kranken Mitbewohner und arbeitet bei einer Entrümpelungsfirma für zwangsgeräumte Wohnungen. Als er am Vorabend seines eigenen Räumungstermins von der Arbeit kommt, findet er seinen Trailer komplett ausgeraubt vor – selbst leere Bierdosen wurden entwendet. Nur der Schuhkarton war ihm geblieben. – Ungerecht bezeichnet das Gefühl, das bleibt – auch lange nach der Lektüre.

Denn all diesen Lebensgeschichten, die Desmond über jeweils bedeutsame Ereignisse und Erfahrungen im Zusammenhang mit der Wohnbiografie erzählt, wohnt ihre ganz persönliche Tragik inne. Der Autor hat allerdings weder den Anspruch noch die Möglichkeit, auf Basis seines Materials und seiner ethnografischen Erhebungsmethode die Biografien als solche fallspezifisch zu rekonstruieren oder zu deuten. Vielmehr wählt er sein Forschungsdesign, um Zwangsräumungen und die damit verbundenen sozialen Interaktionen überhaupt erst zum Gegenstand der Sozialwissenschaften zu machen, was ihm auch gelungen ist: Die trotz ihrer empirischen Fülle und Sättigung lückenhaften und – wie Desmond selbst betont – partikularen Befunde, allen voran aber die ungeklärten Fragen seiner explorativen Feldforschung dienten ihm später als Ausgangspunkt und Inspiration für groß angelegte, teils quantitativ-repräsentative Nachfolgeuntersuchungen, wie z. B. die Milwaukee Area Renter Study (S. 329). Über sein Erkenntnisinteresse äußert Desmond selbst:

„I wanted to try to write a book about poverty that didn't focus exclusively on poor people or poor places. Poverty was a relationship, I thought, involving poor and rich people alike. To understand poverty, I needed to understand that relationship. This sent me searching for a process that bound poor and rich people together in mutual dependence and struggle. Eviction was such a process.“ (S. 317)

Wenngleich zu diskutieren wäre, ob Desmond seinen erstgenannten Vorsatz umsetzen konnte, muss man doch anerkennen, dass er neben unzähligen Gesprächen mit Mietern und Mieterinnen auch um die 30 Interviews mit Vermietern und Vermieterinnen führte. Obwohl im Buch letztlich nur zwei 'Landlords' zu Wort kommen, Tobin und Sherrena, dürfte das darüber hinaus erhobene Material zumindest der stillen Evaluierung und Plausibilisierung sowie zur Überprüfung der Reichweite seiner Befunde gedient haben. Wenngleich sich ihre Strategien, aus Miete Profit zu machen, in vielen Punkten nicht unähnlich sind, verweisen die Handlungspraktiken und Geschäftsmodelle der beiden Landlords auf zwei völlig konträre Schauplätze urbaner Armut und Exklusion innerhalb der – in vielen Hinsichten durchschnittlichen (S. 333) und insofern mit anderen Großstädten des Mittleren Westens vergleichbaren – ehemaligen Industriemetropole Milwaukee. Sherrena und Tobin repräsentieren die Differenz zwischen der Inner City im Norden Milwaukees, wo ein Großteil der schwarzen Bevölkerung lebt, und dem Trailerpark in der südlichen Peripherie der Stadt, in dem fast ausschließlich Weiße wohnen. Obwohl diese sozialgeografische Differenzierungsachse nicht explizit in die Struktur des Buches integriert wird, durchzieht sie die Erzählung wie eine unüberwindbare Mauer. Die beiden Welten erscheinen voneinander völlig losgelöst, weil es in der sozialen Wirklichkeit offenbar keine Verbindungslinien gibt und auch historisch niemals gab, mit Ausnahme des Viadukts über dem Menominee River, welches 1967 zum Schauplatz von Demonstrationen der schwarzen Bevölkerung wurde. Nach 200 Nächten und gewaltsamen Gegenmobilisierungen von weißen Rassisten sowie der Polizei wurde 1968 der Civil Rights Act verabschiedet. Diskriminierung am Wohnungmarkt war damit formell verboten, aber „Milwaukee would remain one of the most racially divided cities in the nation.“ (S. 34) Eviction thematisiert fortwährend auch die geschichtliche Gegenwart innerstädtischer Segregation und Diskriminierung am US-Wohnungsmarkt. Diese Geschichte reicht, wie Desmond (S. 245 ff.) schildert, zurück bis an die Anfänge der Sklaverei.

Der Autor hinterfragt darüber hinaus ein ganzes Repertoire an Vorurteilen und Zuschreibungen gegenüber Wohnungslosen, indem er in die subjektiven Handlungslogiken der Protagonisten einführt. Dabei geht er in einer derart behutsamen und deskriptiven, niemals belehrenden Art und Weise vor, dass nicht nur die einzelnen Charaktere an literarischer Tiefenschärfe gewinnen, sondern auch viele ihrer widersprüchlichen Haltungen und Handlungen biografisch nachvollziehbar werden. Desmond liefert der aufmerksamen Leserin das nötige Handwerkszeug, um selbst eigene Ressentiments und Pauschalisierungen durchzuarbeiten oder gar zu überwinden. Das gelingt ihm, indem er persönliche wie situative Rationalitäten der Handelnden rekonstruiert.

Da wäre beispielsweise Larraine, von der man vor allem in Erinnerung behält, dass sie eine komplette Monatsration Essensmarken in ein Abendessen mit Hummer und Königskrabben investiert. Trotz einer drohenden Zwangsräumung erhält sie von keinem ihrer Verwandten oder Bekannten finanzielle Unterstützung, und zwar weil man ihr nachsagt, sie könne nicht mit Geld umgehen. Desmonds Unterhaltungen mit Larraine zeichnen ein anderes Bild: Die Transferleistungsempfängerin versteht den über Privatkredite finanzierten Kauf von teuren Gebrauchsgegenständen wie einem Flachbildfernseher als Methode zur Geldanlage, ohne dabei das Kontolimit zu überschreiten, was eine Kürzung des Sozialhilfesatzes nach sich zöge (S. 217 f.). Aus ihrer Sicht bestraft der Staat das Sparen, ohne ihr Sicherheiten für Krankheitsfälle oder das nahende Alter zu garantieren. Sozialchauvinistische Deutungen solcher Handlungsweisen kennt man auch hierzulande, nicht zuletzt aus den teilweise akademisch beflügelten Debatten über eine vermeintliche 'Unterschichtskultur' im Gefolge Sloterdijks und Sarrazins. „That fancy television in the ratty apartment? […] It is an old liberal tradition: ignoring the nastier, more embarrassing aspects of poverty.“ (S. 378) Die angemessene Reaktion auf sozialchauvinistische Ressentiments dieser Art sei Desmond zufolge nicht, Transferleistungsempfängerinnen von diesen 'Sünden' freizusprechen, da man auch dann das Verhalten der Stigmatisierten thematisiere. Genau darauf jedoch konzentriere sich der liberale Diskurs, weil er die strukturellen Gründe der Armut ignoriere (S. 378). Die Annahme sei: „Larraine was poor [and got evicted; Anm. S. G.], because she threw money away. But”, so Desmond, „the reverse was more true. Larraine threw money away because she was poor.“ (S. 219)

Exemplarisch zeigt Desmond an der Wohnbiografie der Familie Hinkston, dass auch Mietzurückhaltung ein rationales Mittel sein kann, um die nötige Geldreserve für einen Umzug oder die zeitweise Einlagerung von persönlichen Dingen während einer bevorstehenden Phase der Wohnungslosigkeit zurückzulegen. Mietrückstände sind somit nicht nur ein häufiger Anlass für Zwangsräumungen, sondern oft auch direkte Folge von Räumungsklagen. Insbesondere in Fällen, in denen der überwiegende oder komplette Sozialhilfesatz für die Miete draufgeht, erscheint Mietzurückhaltung als kurzfristig effektive Strategie, um den nächsten Monat zu überstehen und die persönlichen Habseligkeiten davor zu bewahren, nach einer Räumung bei Regen oder Schnee auf dem Bürgersteig zu vergammeln. Manche provozieren Desmond zufolge sogar eine Räumungsklage, um überhaupt einen Auszug finanzieren zu können, zu dem sie aufgrund miserabler Wohnbedingungen gezwungen sind. Denn während solvente Haushalte Mieterschutzregelungen in Anspruch nehmen und bei Sicherheits- und Hygienemängeln des Wohnraums sowohl Miete zurückhalten als auch entsprechende Behörden einschalten können, akkumulieren sich in armen Haushalten neben materiellen auch gesundheitliche Probleme. „Tenants who fell behind either had to accept unpleasant, degrading, and sometimes dangerous housing conditions or be evicted. But from a business point of view, this arrangement could be lucrative.“ (S. 76) Heruntergekommen sind die Grundstücke, von denen Evicted berichtet, nicht – oder zumindest nicht in erster Linie – aufgrund der Unachtsamkeit ihrer Bewohner, sondern weil Desinvestition eine der profitabelsten Strategien von Landlords ist. Die Vermieterin Sherrena erzielt mit der Schrottimmobilie, für die die Hinkstons rund 800 Dollar monatlich zahlen, die höchste Rendite im Vergleich zu ihren zahlreichen anderen Immobilien, weil sie auf die Instandhaltung des Hauses quasi keinen Cent verwendet. Für Doreen Hinkston hingegen verschlingt die Miete knapp zwei Drittel ihres Einkommens, das aus dem Sozialhilferegelsatz und staatlicher Kinderunterstützung besteht. Nachdem sowohl die Badewanne als auch die Küchenspüle über Monate hinweg verstopft bleiben und sich hohe Türme dreckigen Geschirrs stapeln, scheint die Mietzurückhaltung nur rational. „The worse the Hinkstons' house got, the more everyone seemed to become withdrawn and lethargic, which only deepened the problem. […] Doreen stopped cooking, and the children ate cereal for dinner. […] Everyone had stopped cleaning up, and trash spread over the kitchen floor. Substandard housing was a blow to your psychological health.“ (S. 256 f.)

All jene vermeintlich irrationalen Handlungen, die gewöhnlich das Ressentiment der Moralisten hervorrufen, weil hierauf die allgegenwärtigen Disktinktionen und Projektionen der Mittelschichten fokussieren und sie in der Folge nur zu gern kulturalisiert oder ethnisiert werden, erscheinen durch Desmonds Ethnografie verstehbar – und sogar selbstverständlich. Unter bestimmten Bedingungen erscheint es nur logisch, sich ohne Geld auf dem Konto zu verschulden; die Vermieterin oder die Behörden zu täuschen, obwohl oder gerade weil diese bekanntlich am längeren Hebel sitzen; oder die verstopften Abflüsse auf sich bewenden zu lassen, auch wenn die Toilette dabei überläuft und die alten Holzdielen vom Dreckwasser aufquellen.

„People like Larraine lived with so many compounded limitations that it was difficult to imagine the amount of good behavior or self-control that would allow them to lift themselves out of poverty. The distance between grinding poverty and even stable poverty could be so vast that those at the bottom had little hope of climbing out even if they pinched every penny. So they chose not to. Instead, they tried to survive in color, to season the suffering with pleasure. They would get a little high or have a drink or do a bit of gambling or acquire a television. They might buy lobster on food stamps.“ (S. 219)

Desmond hat nicht nur die Ergebnisse seiner jahrelangen Feldforschung mit den Befunden quantitativer Begleiterhebungen in eine bahnbrechende Pionierstudie überführt, sondern hat vielmehr eine Darstellungsform gewählt, die das Buch auch in breiten nicht-akademischen Kreisen zur sprichwörtlich ‚atemberaubenden’ Lektüre werden lässt. Der Grund hierfür dürfte einerseits sein eindringlicher, intimer und rasanter Erzählstil sein, andererseits seine bewusste Entscheidung gegen die für postmoderne Ethnografien typische Erzählperspektive in der ersten Person (S. 335). Als Leser fühlt man sich von Beginn an mitten im Geschehen, macht sich die Sorgen und Nöte der Handelnden zu Eigen und gerät dabei nur allzu leicht in jenen von der Romanlektüre hinlänglich bekannten Schwebezustand zwischen emotionaler Ergriffenheit und wohliger Distanz gegenüber dem fiktiven Plot. Als der Trailerpark kurz vor der ordnungsrechtlichen Schließung steht und sich somit mehrere hundert Personen von plötzlicher Wohnungsnot bedroht sehen, muss man tief Luft holen und sich in Erinnerung rufen, dass dies kein Drehbuch ist. Die Faktizität des Geschriebenen erfordert es, die politische Dimension des Erzählten ernst zu nehmen und die politischen Implikationen in praktische Kritik zu übersetzen.

Desmond selbst steuert zu dieser Übersetzung wenig Substanzielles bei, wenngleich er sich an der Formulierung politischer Lösungsvorschläge versucht. Diese bieten allerdings nicht nur selbst Anlass zur Kritik, sondern verlangen vor allem eine kritische Relektüre des Buches, die sich um drei allgemeine Problematiken zentrieren lässt:

1) Individualisierender Blick: Dass Desmond moralisch stigmatisierende und essentialisierende Diskurse entlarvt, ist begrüßenswert. Zu kritisieren wäre jedoch, dass er entgegen dem eigenen Anspruch in weiten Teilen selbst dem individualisierenden Blick verhaftet bleibt. Das zeigt sich bereits in der Auswahl und Darstellung der Fallgeschichten. Alle Protagonisten weisen bereits vor Eintritt der Wohnungsnot Eigenschaften auf, die im neoliberalen und sozialchauvinistischen Denken als Problem wahrgenommen werden. Gemeint ist damit nicht nur Larraines Leidenschaft für Güter, die sie sich eigentlich nicht leisten kann, sondern ebenso Scotts Opiatabhängigkeit und – wie später noch offengelegt wird – seine Missbrauchserfahrungen in der Kindheit. Auch die anderen Lebensgeschichten scheinen geprägt von Depression, physischer Behinderung, Delinquenz und – immer wieder – Substanzgebrauch, im Elternhaus oder im eigenen Leben. Dass diese individuellen Merkmale nicht nur im öffentlichen, sondern auch immer noch in Teilen des wissenschaftlichen Diskurses fälschlicherweise als Erklärung für (wahlweise) Armut, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot herhalten müssen, ist natürlich nicht Desmond anzulasten. Aber weil seine Erzählungen auf dieser Abstraktionsebene verharren, kann er keine tieferen Ursachen benennen, für deren Analyse zumal ein theoretisches Instrumentarium von Nöten wäre.

2) Abwesenheit der Krise: Weil man von den Lebensgeschichten so eingenommen ist, bemerkt man eventuell erst bei der Lektüre des Epilogs, dass im gesamten Buch kein einziges Mal der Begriff 'Krise' fällt. In Evicted scheinen die Dinge ihren normalen Lauf zu nehmen, die Wohnungsnot hängt als zeitloses Dilemma wie ein Damoklesschwert über Milwaukee und vielen anderen Städten der USA. Dass um 2009 rund 1/8 der städtischen Haushalte, überwiegend schwarze Frauen mit Kindern, unfreiwillig[1] umziehen musste, stellt der Autor in keinen Zusammenhang mit der Subprime-Krise[2]. Zwar deutet er wiederholt an, dass Statistiken in diesem Zeitraum vermehrt Probleme mit Wohnraum belegen (S. 298), dennoch setzt er sie nicht in einen theoretisch begründbaren Zusammenhang mit den Dynamiken vor, während und nach der Weltwirtschaftskrise. Das ist vor allem ein analytisches Problem, das die Erklärungskraft des gesamten Buches beeinflusst: Eine angemessene Krisentheorie würde den Blick für den komplexen Zusammenhang von Wohnungsmarkt, Kapitalakkumulation und Armut öffnen, der aus der bloßen Interaktion zwischen Mietern und Vermietern nicht offenbar wird.

3) Fehlende Klassentheorie: In diesem Zusammenhang steht auch, dass sich der Autor dem Problem der sozialen Ungleichheit ohne fundierte Klassentheorie nähert. Zwar zeichnet er intersubjektive Abhängigkeiten und Verstrickungen hervorragend nach und beleuchtet in einer stilistisch ausgefeilten Akrobatik der Perspektiven die Logiken hinter der Zwangsräumung aus geradezu diametralen Blickwinkeln. Selbst Sherrena erscheint gefangen im Widerspruch zwischen humanitärem Anspruch an ihr eigenes Handeln und den durch ihre berufliche Position bedingten Sachzwängen. Das mag dem Begriff der Charaktermaske genügen, Baustein einer Klassentheorie ist es dennoch nicht. Einer Analyse von 'ursprünglicher Akkumulation' und Landnahmen geht Desmond nur folgerichtig aus dem Weg: „Regardless of how landlords came to own property – sweat, intelligence or ingenuity for some; inheritance, luck, or fraud for others – rising rents mean more money for landlords and less for tenants.“ (S. 307) Am Ende können dann bei ihm alle etwas verlieren – und bloß Unrecht hat er damit nicht, denn soziale Abstiege sind gerade im Mittleren Westen der USA in Zeiten des Postfordismus häufiger als Aufstiege. Doch auch wenn Evicted uns lehrt, dass sogar Landlords schnell bankrottgehen können, bedeutet doch Sherrenas Null auf dem Konto nicht dasselbe wie die chronische Leere auf den Konten ihrer Mieter und Mieterinnen. Das zeigt sich nach dem Feuer im Hinterhaus der Familie Hinkston: Während alle dort Wohnenden über Nacht obdachlos werden und sogar ein Baby im oberen Stockwerk des Hauses verbrennt, kauft Sherrena – die keine funktionierenden Feuerlöscher angebracht hatte – von der Versicherungssumme gleich zwei neue Doppelhäuser. Das Problem der nervenaufreibenden Zwangsräumung, welche sie mit Blick auf dieses heruntergekommene Gebäude schon länger im Sinn gehabt hatte, war dank des Feuers für sie gelöst.

Was lernt man, von diesen Kritikpunkten einmal abgesehen, aus Desmonds hervorragendem Buch? Man lernt, dass nicht nur der Verlust der Arbeit auch den Verlust des Wohnraums nach sich ziehen kann, sondern dass allzu häufig auch die Zwangsräumung beziehungsweise allein das Eintreffen der Räumungsklage so starke Auswirkungen auf Alltag und Psyche der Betroffenen hat, dass die Kündigung im Job schnell folgen kann. Man lernt, dass Sozialhilfezahlungen eingestellt werden können, wenn die Betroffenen Termine beim Amt verpasst haben, weil die entsprechenden Briefe noch an Adressen geschickt wurden, an denen man nach einer Räumung plötzlich nicht mehr wohnt. Man lernt, dass Zwangsräumungen „ansteckend“ sein können, insbesondere dann, wenn Leute nach dem Verlust ihres Wohnraums bei Freunden oder Bekannten unterkommen und deren Vermieter daraufhin aufgrund von Überbelegung eine Räumungsklage einreichen. Man lernt, dass eine Zwangsräumung nie nur einen Umzug nach sich zieht, sondern mindestens zwei, da die Übergangslösung eben nur für den Übergang taugt – und meist inhuman ist. Man lernt auch, dass Menschen nach einem Eintrag im Führungszeugnis die Erfahrung machen müssen, dass sie bei kaum einem privaten Vermieter und nicht einmal im staatlichen Sozialwohnungsprogramm noch eine Chance haben. Evicted lehrt uns, dass Zwangsräumung auf lange Sicht dazu führen kann, dass Menschen nie wieder irgendwo 'ankommen'. Und dass Wohnungslosigkeit kein Zustand und schon gar keine Eigenschaft von Personen ist, sondern ein Prozess, der aus der Interaktion verschiedener Akteure (darunter auch und vor allem staatliche Institutionen) erwächst. Das Mittel der Zwangsräumung wirkt hierbei als Scharnier zwischen Wohnen und Wohnungslosigkeit. Desmonds Buch stellt Menschen und sogar ganze Familien vor, die ihr gesamtes Leben in diesem Schwebezustand verbracht haben und deren Alltagshandeln sich ständig um die Abwehr von Räumungsklagen dreht.

Fußnoten

[1] Die Hälfte der Haushalte zog aufgrund einer informellen Zwangsräumung um, ein weiteres Viertel wegen formeller Räumungsklagen und das verbleibende Viertel wegen Zwangsvollstreckungen gegenüber dem 'Landlord'.

[2] Unter der Bezeichnung „subprime“ wurden in den USA Hypothekenkredite zur Finanzierung eines Eigenheims an Schuldner mit schlechter Bonität vergeben. Aus dem Fakt, dass die Kreditvergabe an diese Klientel risikoreicher ist als jene an erstklassige „prime“-Kunden, resultiert nicht nur die Bezeichnung „subprime“, sondern auch, dass Ersteren höhere Zinsen auferlegt wurden. Da sich die US-amerikanische Krise auf weitere Industrieländer ausbreitete, gilt sie als Auslöser der weltweiten Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008/9.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.