Wie der Mensch die Welt erfand

Zwei Neuerscheinungen über Geschichte und Medien der „Globalität“ im Zeitalter des Klimawandels

Für Begriffshistoriker der „Globalität“ werden die Jahre 2016 und 2017 einmal eine wahre Fundgrube sein. Beispielsweise war der heute allgegenwärtige, pejorative Ausdruck „Globalist“ bis vor kurzem selten zu lesen. Und kaum jemand dürfte ernsthaft in der Wiederbelebung imperialer Handelsbeziehungen („Global Britain“) eine Kompensation für das Verlassen des EU-Binnenmarkts gesehen haben. Angesichts des Erstarkens des Chauvinismus, das sich in diesen Veränderungen abbildet, ist es bitter, dass die wissenschaftlichen Weltdachverbände und die UNESCO das Jahr 2016 zum „International Year of Global Understanding“ erklärt hatten.[1] Zugleich war es das Jahr, in dem eine Arbeitsgruppe von Geologen sich für die Anerkennung des „Anthropozäns“ als erdgeschichtliche Epoche aussprach. Wir leben also in einer Zeit, die auszeichnet, dass der Einfluss des Menschen auf Biodiversität und Atmosphäre des Planeten geochronologisch signifikant geworden ist. Wenn man den hier zu besprechenden – begrüßenswert interdisziplinären – Sammelbänden folgt, dann trägt allerdings die Absicht, internationale Übereinkünfte für den Schutz des „Heimatplaneten“ zu etablieren, zumindest eine Mitschuld daran, dass das Problem der anthropogenen Transformation der Natur geradezu ausweglos erscheint. Kernanliegen beider Bände ist es nämlich, die Widersprüchlichkeit der Idee zu beleuchten, die Menschheit könne sich „global“ begegnen, um dann wissenschaftliches Wissen in eine „nachhaltige“ Kontrolle ihrer natürlichen Existenzgrundlagen umzusetzen.

Der Politikwissenschaftler Rens van Munster und der Historiker Caspar Sylvest argumentieren in ihrer Einleitung zu „The Politics of Globality since 1945“, dass man Globalität weder teleologisch als Ergebnis eines Globalisierungsprozesses noch als bloßen Hintergrund menschlicher Aktivitäten verstehen sollte. Was als „global“ wahrgenommen werde, sei von verschiedensten Institutionen und Interessen geprägt. Umso wichtiger sei es, die „Ideen, Artefakte und Bilder“ zu analysieren, die seit dem Zweiten Weltkrieg jeweils spezifische „sense[s] of globality or oneness“ (S. 1) befördert hätten. Die Herausgeber identifizieren drei Faktoren, die es dabei zu berücksichtigen gelte: die „nukleare Revolution“, den „space race“ zwischen USA und UdSSR sowie das „globale Umweltbewusstsein“. Diese Faktoren seien untereinander oft durch neuartige Technologien verknüpft gewesen, wie sich wiederum an drei Qualitäten der Globalitäten (bewusst im Plural formuliert) des 20. Jahrhunderts zeige. Da sei die „Vertikalität“ zu nennen, jene Ausweitung der Geopolitik infolge des Luftkriegs, die sich im Kalten Krieg zur Überwachung der Erdatmosphäre auswuchs. Nur vordergründig paradox sei, dass es diese militärischen Strukturen waren, die auch eine neue ökologische Sensibilität entstehen ließen. Das Monitoring der Erde führte nämlich zweitens deren „Materialität“ – konkret: die Fragilität des Lebens auf der Erde – vor Augen. Das warf drittens Fragen der „Temporalität“ auf, die manche Fortschrittsgewissheit erschütterten: Das Bewusstsein der „deep time“, in der sich die Wirkungen umweltpolitischer Weichenstellungen entfalten würden, verstärkte den Eindruck einer globalen Krise.

Der historische Dreischritt der Herausgeber überrascht, erwecken doch Reihentitel und Vorwort zu „The Politics of Globality“ den Eindruck, das Buch solle in erster Linie die politikwissenschaftliche Subdisziplin der „International Relations“ für das Anthropozän interessieren. Tatsächlich geschieht das nur in Campbell Craigs Aufsatz, der den Neorealismus Hans J. Morgenthaus zu rehabilitieren versucht, indem er ihn – und das ist für den Band insgesamt bezeichnend – in einen mehr als nur dogmengeschichtlichen Kontext einbettet: Die epistemologischen Effekte des Atomzeitalters erschöpften sich nicht in geostrategischen Spieltheorien. So rekonstruiert Joseph Masco, wie der radioaktive „Fallout“ die Erforschung der Biosphäre vorantrieb. Ein Netz an Messstationen zum Nachweis unterirdischer Kernwaffentests bildete auch die „experimentelle Linse“ der naturwissenschaftlichen Erdbeobachtung. Der globale Charakter des Kalten Kriegs führte also die planetarische Reichweite der Risiken menschlichen Agierens vor Augen – nicht zuletzt mithilfe visuell-kartografischer Repräsentationen, die in den Warnbroschüren für den atomaren Erstschlag abgedruckt waren und so in den Alltag Einzug hielten. Die „planetary optic“ (S. 63) prägt allerdings auch gegenwärtige Hoffnungen, dem Klimawandel durch „geo-engineering“ entgegenzuwirken, denen Masco eine ko-evolutionäre Auffassung des Verhältnisses zwischen dem Menschen und der Erde entgegensetzen will.

Dass ein ähnlicher „Planetarisierungs“-Prozess auch das internationale Recht prägte, zeigen Tanja Aalberts und Wouter Werner anhand von Souveränitäts-, Allmende- und Menschheitskonzepten seit dem Zeitalter der Entdeckungen. Durften „unbeherrschte“ Räume zunächst territorial angeeignet werden, ging es beim „mare librum“-Ideal, das sich im 16. Jahrhundert durchsetzte, um die Nutzung der Meere durch alle Mächte. Im späten 20. Jahrhundert kam der Auftrag hinzu, unerschlossene Räume (auch den Mond) als „gemeinsames Erbe“ und materielle Entwicklungsressourcen für künftige Generationen zu schützen. Analog zeigen Jenny Andersson und Sibylle Duhautois, dass die geradezu axiomatische Antizipation einer „gemeinsamen Zukunft“ durch die Futurologie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Konstruktion der Menschheit als Kollektivsubjekt beitrug. Das resultierte in Bemühungen etwa Robert Jungks, eine globale Öffentlichkeit in die Zukunftsdebatte zu involvieren. Die Futurologen sahen sich jedoch bald mit dem Vorwurf konfrontiert, die „World Problematique“, die erst der synoptische Blick auf Interdependenzen zwischen Übervölkerung, Automatisierung, atomarer Aufrüstung usw. hatte erkennen lassen, stelle sich aus lokaler Perspektive alles andere als universell dar.

Leider treffen Andersson und Duhautois keine Aussage dazu, ob sich heutige „Globalitäten“ grundsätzlich von denen des späten 20. Jahrhunderts unterscheiden. Dabei wäre das ein Einwand gegen das Argument des Humangeographen Nigel Clark, es seien anthropozentrische Nachkriegstropen wie „Interdependenz“ oder „Gegenseitigkeit“, die der Einsicht im Weg stünden, dass die Menschheit nur „durch“ die Erde zu denken sei. Clark veranschaulicht die Dimension der Zeiträume, innerhalb derer sich von Menschen angestoßene Dynamiken abspielen; zugleich verdeutlicht er das bei aller Signifikanz geringe stratigraphische Ausmaß der Hinterlassenschaften der Menschheit und stößt diese so vom Thron des Weltgestalters. Das System Erde habe viele mögliche Zustände, die Lebensbedingungen der Menschen seien aber an einen einzigen davon geknüpft. Dieser Zustand dürfe daher nicht als Objekt menschlicher Intervention konzipiert, sondern müsse geradezu als Teil der evolutionären Ausstattung der Spezies betrachtet werden. Expliziter schreibt Samuel Randalls gegen die Idee an, zur Verwaltung des „global environment“ müssten lediglich „global political tools and policies“ (S. 145) ins Leben gerufen werden. Emissionshandel, Nudging-Strategien zur Förderung von Klimaverantwortlichkeit oder die Versicherheitlichung des Klimarisikos legten unvereinbare Verhaltensweisen nahe; das mache die „Versammlung“ der Menschheit unwahrscheinlich, weshalb Randalls der „One World“-Rhetorik mit Skepsis begegnet. Columba Peoples schließlich arbeitet konkreter die Partikularität der Interessen heraus, die durch Ansichten des „blauen Planeten“ aus dem All übertüncht werden. Wenn diese Bilder in den Imagefilmen und Broschüren von US-Verteidigungsagenturen, aber auch des „Copernicus“-Erdbeobachtungsprogramms der EU auftauchten, markierten sie nicht Ganzheit oder Verbundenheit, sondern geostrategische Dominanz (S. 184).

Dazu passt, dass auf Peoples’ Beitrag ein Schlusswort von Paul N. Edwards folgt, der die Wissensgeschichte der computergestützt kontrollierten, „geschlossenen Welten“ des Kalten Kriegs erforscht hat. Edwards fordert allerdings, sich verstärkt materiellen Phänomenen wie der „Technosphäre“ zuzuwenden: Infrastrukturen seien Zirkulationssysteme der menschlichen Sozialität, was sie zu Beschleunigern des für die Menschen katastrophalen Klimawandels mache. Er schlägt zudem vor, den Menschen und seine Geschichte entlang des Paradigmas des Stoffwechsels, nicht der Macht oder der Bedeutung zu denken. Damit gerät er allerdings in die Nähe jener „New Earth“-Metaphern, die Daniel H. Deudney und Elizabeth Mendenhall zu Anfang des Bandes skizzieren – was historiografisch nicht überzeugt, weil die beiden Autoren Globalitäts-Tropen wie „One World“, „Lifeboat Earth“, „Gaia“, „Spaceship Earth“, „Whole Earth“ oder „Global Village“ zunächst hinsichtlich ihrer präskriptiven Implikationen analysieren, um dann jedoch ihren Wahrheitsgehalt mit Blick auf die tatsächlichen Eigenschaften des Planeten zu beurteilen. Dieses typologisierende Vorgehen ist für Chronologie, Überlappungen und Reichweite solcher Formeln wenig empfänglich. Vor allem aber sagen Deudney und Mendenhall wenig zu den Bildmedien, die die Suggestivkraft des bildhaften Sprechens über Globalität verstärkt haben dürften. Überhaupt ist es der einzige echte Mangel des Bandes, dass sich außer Peoples kein Autor und keine Autorin explizit mit der visuellen Kultur der Globalität befasst. Dabei betont die Einleitung die Wichtigkeit des Sehsinns für die Geschichte der Globalitäten; sie beginnt sogar mit dem „Overview Effect“, den die Astronauten der Apollo-Missionen verspürten, womit implizit Fotografien wie „Earthrise“ (1968) angesprochen sind, die zu den meistpublizierten des 20. Jahrhunderts gehören.

So ist zu begrüßen, dass „Imagining Earth“ – der zweite hier vorzustellende Sammelband – dezidiert die kulturellen Kontexte von „Blue Marble“ ausleuchtet, jener auf der letzten bemannten NASA-Mondreise im Dezember 1972 entstandenen Fotografie des „ganzen Planeten“, die rasch zur Ikone (nicht nur) der Umweltbewegung wurde. Dieses Foto bildet den Ausgangspunkt für Analysen von „Weltbildern“ im doppelten Sinn – visuelle Repräsentationen der Erde und Ganzheitsvorstellungen im gesellschaftlichen Imaginären. Ähnlich wie van Munster und Sylvest, die mit dem Assemblage-Begriff arbeiten, interessieren sich die Herausgeber dieses Bandes für Kulturtechniken des „Zusammenziehens“ insbesondere wissenschaftlicher Befunde zu einem (planetarischen) Ganzen. Die Einleitung der Literaturwissenschaftler Solvejg Nitzke und Nicolas Pethes stellt den Beiträgen Fragen nach den Eigenlogiken und Widersprüchen der medialen Repräsentation der ganzen Erde, nach dem Verhältnis von wissenschaftlichen Fakten und (literarischen) Fiktionen bei ihrer Signifikation sowie schließlich nach den dabei wirksamen Bildtraditionen voran. Es ist allerdings eher die Reverenz an James Lovelocks „Gaia-Hypothese“, die den Zusammenhang stiftet, sowie der Bezug auf Dennis Cosgroves Arbeiten zur Imaginationsgeschichte des „apollinischen“, objektivierenden Außenblicks auf den Planeten.[2]

So zeigt Hania Siebenpfeiffer, dass literarische Raumfahrten der Science Fiction des 17. Jahrhunderts mit ihrer Erhabenheitssemantik, ihrer Aura der Zeugenschaft und ihrer Einbeziehung astronomischen Wissens die berühmten Fotografien des 20. Jahrhunderts vorwegnahmen. Gabriele Gramelsberger und Angela Krewani argumentieren umgekehrt, dass auch heutige wissenschaftliche Repräsentationen der Erdoberfläche Ergebnisse ästhetischer Entscheidungen seien. Gramelsberger befasst sich mit den bildgebenden Verfahren des „remote sensing“ durch Satelliten, die auf elaborierten Dekodierungen von Spektrometerdaten basieren, was Bilder wie die von atmosphärischen Phänomenen bereinigte planetarische Draufsicht „Blue Marble: Next Generation“ (2012) zu „mathematischen Narrationen“ macht. Krewani zeigt, dass Geobrowsing-Plattformen wie „Google Earth“, die Daten von Geoinformationssystemen mit nutzergenerierten Inhalten verknüpfen, zwar die „apollinische“ Distanzperspektive beerben, aber um Verfahren des Films (Zooms) und des Computerspiels (Street View) ergänzen, was fragmentierte Erfahrungen „der“ Erde ermögliche, ohne aber zum Hinterfragen der Objektivität dieser Applikationen anzuregen, die ihre eigentliche Funktion verbergen – das Data Mining durch ihre Anbieter.

Auch Bruce Clarks Rekonstruktion der kulturellen Appropriationen der „Gaia-Hypothese“ Lovelocks, die der Geophysiologe Mitte der 1960er-Jahre für die NASA entwickelt hatte, befasst sich letztlich mit Effekten der neuen Fernerkundungstechnologien. Auf der Suche nach einer Methode, die Existenz von Lebewesen anhand anti-entropischer Phänomene in der Atmosphäre anderer Planeten nachzuweisen, entwickelte Lovelock ein Verständnis der Erde als eines selbstregulierenden Systems. Indem er seiner Hypothese den der griechischen Götterwelt entlehnten Namen „Gaia“ gab, schien er die Erde als Superorganismus zu divinisieren, und das unterfütterte bald manchen Öko-Moralismus. Er half aber auch, die Gaia-Hypothese in die kalifornische Gegenkultur einsickern zu lassen, die stark zu ihrer Verbreitung beitrug. Auch Timothy Mortons Essay ist von Lovelock inspiriert. Ähnlich wie Nigel Clark in „The Politics of Globality“ begrüßt Morton die Theorie des Anthropozän, weil sie die Bewusstseinsdefizite der „agrilogistischen“ Zivilisation offenlege. Diese habe keinen Begriff davon, dass sich die spezifische Form der menschlichen Vergesellschaftung, die erst zur Veränderung der Erde geführt habe, selbst den ungewöhnlich stabilen klimatischen Verhältnissen des Holozän verdanke – für Morton eine tragische „Schleife“, denn der nächste „tipping point“ komme sicher. Solche Diskontinuitäten betonen auch die Aufsätze der beiden Herausgeber. Pethes untersucht das Motiv des in den Sonnenschatten rotierenden Erdkörpers in W. G. Sebalds Roman „Die Ringe des Saturn“ (1995), dessen Erzähler die Globalisierung nicht als einigenden Fortschrittsprozess, sondern als zunehmende Verdunkelung interpretiert. Nitzke wiederum zeigt, dass Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ (2008) mit seiner Fabel von der Rückkehr einer Zukunftsspezies auf die von aller Evolutionsdynamik befreite, ja musealisierte Erde als Reflex auf den Gaia-Romantizismus des 20. Jahrhunderts gelesen werden kann.

Bei der Beschäftigung mit der Raumkategorie „Globalität“ stoßen beide Bände also immer wieder auf die Zeit. Das liegt im Trend intellektueller Interventionen. Bruno Latour etwa, der wohl prominenteste Gegner moderner Natur-/Kultur-Unterscheidungen, will die Erdgeschichte in seinem neuesten (stark auf Lovelock gestützten) Buch gleich als DIE Geschichte schlechthin verstanden wissen.[3] Historiker sollten das transdisziplinäre Interesse an Prozessen langer Dauer ernstnehmen und den kritischen Dialog etwa mit Paläoklimatologen und Genetikern suchen, was Global- und mehr noch Umwelthistoriker ja schon tun. Aus Sicht einer Zeitgeschichte jedoch, die sich als Geschichte gegenwärtiger Problemlagen begreift, irritiert die gattungsgeschichtliche Perspektive des Anthropozän, weil sie die Beschäftigung mit Sinnstiftung und Erfahrungen „Mitlebender“ nachrangig erscheinen lässt – auch wenn manche Zäsuren sich gleichen. Aber wenn die Beiträge der Geographen und Philosophen die Gegenwartsprobleme mit der Industrialisierung und mehr noch mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen sehen, dann nicht, weil dies per se erforschenswert erscheint, sondern weil in der Folge signifikante Mengen an Ruß oder Strahlung freigesetzt worden sind. Es geht um andere Spuren – nämlich diejenigen der Menschheit insgesamt – in der Geschichte, denn die Spurensuche selbst steht im Dienst einer Ökodidaktik, die gewissermaßen den verantwortlichen Anthropos des Anthropozän zu wecken versucht.

Damit gehen aber erstens die Nuancen verloren, die den Herausgebern ja gerade wichtig sind. Vor allem die Humangeografen betrachten die „High Globality“ (Nigel Clark, S. 141) der Nachkriegszeit mit ihrem ökologisch problematischen, objektivierenden Verhältnis zur Erde als unverändert dominant. Dass dieses Verhältnis jedoch historisch lokalisierbar ist, deuten sie allenfalls an. (Beide Bände befassen sich überwiegend mit Äußerungen von Eliten des „Westens“.) Zweitens ermutigt der „strategische Essentialismus“ (Latour) dieser Aufsätze weder dazu, die Historizität und Heterogenität des naturwissenschaftlichen Wissens selbst zu reflektieren, auf das er sich stützt, noch regt er zum Nachdenken darüber an, ob dieses Wissen sich nicht in naher Zukunft als ebenso ungenau und kontraproduktiv erweisen könnte wie ältere „New Earth“-Tropen. Die Leerstelle mag daher rühren, dass rezeptionsgeschichtliche Aspekte in beiden Büchern keine Rolle spielen. Dabei haben Versuche, Individuen – insbesondere Konsumenten – ihren eigenen Beitrag zur aggregierten Destruktivität der Menschheit begreiflich zu machen, selbst eine Geschichte.

Anders als Edwards argumentiert, der mit dem Anthropozän das Ende des Konstruktivismus gekommen sieht, bedarf es also weiterer Analysen von Globalitätsvorstellungen und zugleich ihrer materiellen Wirkungen. Das Thema „Temporalität“ erscheint dafür vielversprechend, auch dahingehend, dass, wie zuletzt für die Geschichte des Kapitalismus angeregt, die transformierende Wirkung von Erwartungen weltweiter Prozesse untersucht wird. Das könnte besonders bei der Erforschung der Globalisierung als normativer Idee fruchten.[4] Eine solche, der „Global Intellectual History“ nahestehende Historische Semantik der Globalität darf sich aber, anders als einige Beiträge in „The Politics of Globality“, nicht damit begnügen, die Globalitätsrede als Ideologie zu enttarnen, sondern muss deren gesellschaftliche Resonanzräume ausleuchten. Und die Mediengeschichte, zu der „Imagining Earth“ anregt, sollte nicht nur die Neutralität bildgebender Verfahren in Zweifel ziehen, sondern auch die Reichweite jeweiliger „Weltbilder“ ausloten. Nur so lassen sich Klimawandel und Co. weniger als „anthropogene“ denn als „soziogene“ Phänomene[5] sichtbar machen – und damit als politische Probleme.