„Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“

Daniel Mertens über Privatverschuldung in Deutschland

Über Geld, so heißt es, spricht man nicht. Und erst recht nicht über Schulden. Doch spätestens mit der Finanzkrise 2008 ist die Verschuldung privater Haushalte und deren Einfluss auf das Wirtschaftswachstum in den Fokus der Kapitalismusforschung geraten – nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass im Jahre 2010 in westlichen Industrieländern die durchschnittliche Gesamtverschuldung von Staat, Unternehmen und Privathaushalten doppelt so hoch war wie noch 1980. Und auch wenn die Privatverschuldung in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts stagnierte – eine im internationalen Vergleich völlig untypische, weil „unerwartete und markante Trendumkehr“ (S. 17) – so darf nicht vergessen werden, dass in den Jahrzehnten zuvor und insbesondere in den 1990er-Jahren die Verschuldung privater Haushalte in einem Maße angestiegen war, das den globalen Trend mit überdurchschnittlichen Zuwächsen sogar übertraf.

Vor diesem Hintergrund nun entwirft Daniel Mertens in seiner Dissertationsschrift einen politökonomischen Analyserahmen zur Verschuldungsdynamik privater Haushalte und liefert zugleich eine komplexe Rekonstruktion der deutschen Entwicklung.

Mit dem Befund, dass sich „der private Kredit in den letzten Jahrzehnten zu einer elementaren Säule einiger nationaler Wachstumsregime“ (S. 12) entwickelt hat, spricht Mertens mit Colin Crouch von einer Übernahme des sogenannten privatisierten Keynesianismus – ein Policy-Regime, in welchem über die Privatverschuldung unterer und mittlerer Einkommensgruppen nicht nur den stagnierenden Löhnen und den seit den 1970er-Jahren zunehmenden sozialen und politischen Krisen entgegengewirkt wurde, sondern in dem seither auch ein Rückbau des Wohlfahrtsstaats zu beobachten ist. Die Privatverschuldung erzeugt hier nicht nur die notwendige Konsumnachfrage, sondern beschert auch der Finanzwirtschaft durch finanzielle Inklusion von Privathaushalten wachsende Gewinne – Mechanismen, die für den angelsächsische Raum vielfach aufgezeigt worden sind. Anderseits wurde das, was in Deutschland auf den ersten Blick nach einer aufholenden Entwicklung aussah, plötzlich wieder ausgebremst, und zwar bereits Jahre vor Krisenbeginn. Wie kam es zu dieser zweifachen Wende? Und mit welchem Regime hat man es seither eigentlich zu tun?

In einer breit angelegten qualitativen Prozessanalyse ordnet Mertens diese quantitativen Trends einer Finanzialisierung über Privatverschuldung in den Kontext sich wandelnder, aber eben zum Teil auch beständiger institutioneller und politischer Strukturen ein und nimmt dabei regelmäßig gesamtwirtschaftliche Trends von Leitzinsen über Leistungsbilanzsaldi bis hin zur Lohnentwicklung in den Blick. Die Rekonstruktion „jene[r] Mechanismen, die die Verschuldungsmöglichkeiten und die Verschuldungsbereitschaft privater Haushalte beeinflussen“ (S. 17), bildet das Forschungsziel. Der Analyserahmen basiert auf der Tradition der komparativen Kapitalismusanalyse: Varieties of Capitalism und die Regulationstheorie[1] werden zu einem ländervergleichenden und diachronen Blickwinkel verknüpft. Das klare Bekenntnis zum (modernisierten) historischen Institutionalismus rückt die länderspezifische ‚Verarbeitung‘ allgemeiner politisch-ökonomischer Trends – hier der (privatkreditbasierten) Finanzialisierung – und die langsam vonstattengehenden, sogenannten transformativen Wandlungsprozesse von Institutionen in den Mittelpunkt.

Indem er aus dem anglophonen Forschungstand die institutionellen Grundlagen des Privatkredites herauspräpariert, zieht Mertens „eine implizit vergleichende Ebene in das fallorientierte Forschungsdesign [ein]“ (S. 24) und analysiert, ausgehend davon, die Ursachen und Mechanismen kreditbasierter Finanzialisierung des deutschen Wachstumsmodells über fünf institutionelle Bereiche: Dabei unterscheidet er angebotsseitig 1. das „Finanzsystem und Bankwesen“ sowie 2. das „währungs- und wirtschaftspolitische Regime“, während 3. der Arbeitsmarkt, 4. der Wohlfahrtsstaat und 5. der Wohnungsmarkt als Quelle nachfrageseitiger Einflüsse verstanden werden.

Für Deutschland zeigt Mertens auf, dass vor dem Fall der Mauer vor allem institutionelle Beschränkungen einer weitreichenden Finanzialisierung im Wege standen. Dabei spielten zum einen die wirtschafts- und währungspolitische Grundausrichtung an Stabilität sowie die Unterbewertung der D-Mark eine wichtige Rolle, zum anderen machte die dominante Strategie, zugunsten der Exportwirtschaft die Lohn- und Preisentwicklung im Vergleich zu anderen Ländern einzudämmen, eine stetige Drosselung der Kreditschöpfung erforderlich. Die nicht ausschließlich profitorientierten Genossenschaftsbanken und Sparkassen sorgten in Verbindung mit einer sehr vorsichtigen Vergabepraxis dafür, dass das Geschäft mit der Privatverschuldung für das Finanzwesen keine sonderlich hohen Margen bereithielt. Sozialstaatliche Standards, korporatistische Arbeitsmarktinstitutionen und eine Wohnungspolitik, die das (Ver-)Mieten beidseitig attraktiv machte, trugen zu einer geringen Kreditnachfrage bei.

Im Rahmen der umfassenderen, teilweise EU-induzierten Liberalisierungsprozesse der 1990er-Jahre wurden die Kreditvergabevorschriften gesetzlich gelockert und die KreditnehmerInnen durch den Verbraucherschutz gestärkt. Überdies ergaben sich im Zuge der deutschen Einheit für die westdeutschen Geschäftsbanken Expansionsmöglichkeiten in den neuen Bundesländern, deren Entwicklung mit relativ niedrigen Leitzinsen und einer vergleichsweise intensiven Konjunkturpolitik unterstützt wurde. Diese Faktoren erwiesen sich zwar als förderlich, eine gewisse Skepsis gegenüber dem „Massenkreditgeschäft als Wachstumsmarkt“ (S. 382) hielt gleichwohl auch seitens der Banken an. Relevant hinsichtlich der Kompensationsmechanismen war im gleichen Zeitraum ein Wandel der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wohnungspolitik. Der Schwenk zur Eigenheimförderung und Privatisierung, auch zu Zwecken der Altersvorsorge bei sinkenden Rentenniveaus, ging mit einer deutlichen Zunahme von Immobilienkrediten einher. Durch die schrittweise Legalisierung atypischer Beschäftigung (erleichterte Befristung von Arbeitsverträgen, Zulassung von „geringfügiger“ Beschäftigung und Leiharbeit) und die Erosion tarifpartnerschaftlicher Arrangements zog die Einkommensungleichheit an. Doch während die Auswirkungen marktliberaler Reformen in angelsächsischen Ländern durch Privatverschuldung kompensiert wurden, zeitigte in Deutschland die „inkrementelle Schwächung der Arbeitnehmersituation“ (S. 332) andere Effekte: Die unteren und mittleren Einkommensgruppen reagierten eher mit ‚Entsparen‘ und Konsumzurückhaltung.

Dies hängt damit zusammen, dass die wirtschaftliche Unsicherheit in Deutschland während der 2000er mutmaßlich größer war als zum Beispiel in den USA der Great Moderation, einer bereits in den 1980er-Jahren einsetzenden Phase soliden Wirtschaftswachstums, geringer Inflation und relativ hoher Finanzstabilität. Durch gewachsene „Ängste vor dem sozialen Abstieg“ bis in die „bürgerliche Mitte“ (S. 247) hinein fehlten hierzulande schlicht jene positiven Zukunftserwartungen, die eine Kreditaufnahme wahrscheinlicher machen.[2] Insgesamt war dann in den ersten Jahren der Europäischen Währungsunion die Geldpolitik der EZB zu restriktiv für die damals stagnierende Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik. Die deutschen Großbanken legten ihr Kapital über den Interbankenhandel vermehrt in anderen Mitgliedsländern an, wo die einheitliche Währung  zu einem Kreditboom führte,[3] während in Deutschland „der Wohnungsmarkt infolge des Wiedervereinigungsbooms nur wenig ökonomische Dynamik [bot und] kaum mehr kreditrelevanten förderpolitischen Zuspruch“ erhielt (S. 31). In der Summe „übertrumpften die institutionellen, politischen und ökonomischen Schranken der Kreditexpansion zuletzt die ebenfalls vorhandenen Triebkräfte der Verschuldung“ (ebd.). Gewisse Spuren des privatisierten Keynesianismus sind in der Transformation des deutschen Export-Spar-Regimes also durchaus erkennbar (insofern als vor allem die institutionelle Förderung des privaten Sparens aufgegeben wurde), sie verlieren sich aber bis auf weiteres in einer „gedämpften Finanzialisierung“.

Mertens‘ exakte Aufarbeitung der überaus vielschichtigen Entwicklung ist zweifelsohne ein Lehrstück politischer Ökonomie in historisch-institutionalistischer Perspektive. Bemerkenswert ist, wie der Autor die sich gegenseitig „filternden“ Tendenzen immer wieder zu übergreifenden Linien bündelt und wie überzeugend er damit demonstriert, dass sich Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nur durch die Zusammenschau unterschiedlichster Ereignisketten nachvollziehen lassen. Ein Beispiel hierfür ist der Effekt der Einkommensentwicklung: Steigende Löhne können, wenn sie mit positiven Zukunftserwartungen einhergehen, ebenso die Nachfrage nach privaten Krediten erhöhen wie Lohneinbußen, wenn diese dazu führen, dass durch Verschuldung das individuelle Versorgungsniveau aufrechterhalten wird. Es ist aussichtslos, hier eine allgemeine Kausalität vom politisch-institutionellen und sozioökonomischen Kontext abstrahieren zu wollen.

Soziologisch interessierten LeserInnen mögen die Ausführungen zur Forschungsmethodik einigermaßen knapp erscheinen, doch ist der Umgang des Autors mit den Daten gewissenhaft. Offen thematisiert er die Aussagekraft gerade des statistischen Materials, welches neben Experteninterviews, bank- und immobilienwirtschaftlicher Fachliteratur, Behördenberichten etc. herangezogen wird. Die gemessen an der Komplexität der Beschreibung kompakte Darstellung bietet vielerlei Anknüpfungspunkte für eingehendere Untersuchungen normativen Wandels, etwa bezüglich der sich verändernden Haltung von Banken zu Verbraucherkrediten, die Mertens anhand von Sparkassen-Lehrbüchern skizziert (S. 190–195). An dieser stellenweise angesprochenen Transformation der „moralischen Ökonomie“ (S. 78) ließe sich auch ansetzen, um die Motive der Akteure, zum Beispiel von KreditnehmerInnen, stärker in den Blick zu nehmen. In diesem Zusammenhang scheint bisher die volumenmäßig bedeutsame ‚Kreditpraxis‘ höherer Einkommensgruppen besonders unterbelichtet zu sein.

Das Buch ist darüber hinaus lesenswert, weil eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Pfadabhängigkeiten und Wandlungsmöglichkeiten des deutschen, nun „hybridisierten Export-Spar-Modells“ unumgänglich ist. Nicht nur in der Eurozone erregen die zurückhaltende Lohnentwicklung und geringen öffentlichen Investitionen des Hochproduktivlands Deutschland bekanntlich seit längerem Unmut. Mit Mertens lässt sich die Problematik nun auch auf die Frage der Ressourcen privater Haushalte rückbeziehen. Dabei handelt es sich keinesfalls „nur“ um eine „soziale Frage“. Zur Debatte steht, wie und wo die Nachfrage und damit die Absatzfähigkeit der Produktion nationaler Ökonomien generiert werden kann. Ist das deutsche Modell auf andere Länder, etwa der Eurozone, übertragbar oder lebt es vielmehr gerade davon, dass diese es in puncto Löhne und (Privat-)Verschuldung anders machen? Was müsste, was kann sich ändern?[4] Mertens’ unvoreingenommene Studie jedenfalls gehört zu den Grundlagen einer solchen Diskussion und dürfte der vergleichenden Finanzialisierungsforschung hierzu die Türen geöffnet haben.

Fußnoten

[1] Der Varieties of Capitalism-Ansatz zielt auf den Vergleich nationaler Wirtschaftsordnungen vor allem mit Blick auf das Zusammenwirken ihrer einzelnen institutionellen Regelungsbereiche aus Sicht der Unternehmen (die Beziehungen zu anderen Unternehmen und zu den Mitarbeitern, die Arbeitsmarktbeziehungen sowie die Unternehmenskontrolle und -finanzierung,). Die Regulationstheorie beschäftigt sich stärker mit unterschiedlichen Formen der Stabilisierung, d.h. der gesellschaftlich-politischen ‚Einbettung‘ einzelner kapitalistischer Wachstumsregime im Zeitverlauf und thematisiert hierbei umfassende, gesamtökonomische Umbrüche wie den vom Fordismus zum Finanzkapitalismus. Für eine kritische Einführung und Gegenüberstellung vgl. Hans-Jürgen Bieling, Varieties of Capitalism. Regulationstheorie und neogramscianische IPÖ – komplementäre oder gegensätzliche Perspektiven des globalisierten Kapitalismus?, Discussion Paper – Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien, Hamburg 2011

[2] Das bestätigen soziologische Untersuchungen aus den 1990er-Jahren, die eine erhöhte Zukunftsunsicherheit als Reaktion auf den Vertrauensverlust gegenüber dem deutschen Wohlfahrtsstaat betonen. Vgl. Thomas Schwinn, „Staatliche Ordnung und moderne Sozialintegration“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 53 (2001), 2, S. 211–232.

[3] Im sehr heterogenen Währungsraum der Eurozone bewirkte der einheitliche Leitzins, dass der Realzins in Mitgliedsstaaten mit hohen Wachstumsraten und damit starkem Preisauftrieb zu der Zeit sehr niedrig oder sogar negativ war. Anstatt durch höhere Zinsen eine Überhitzung zu vermeiden, wurde dadurch prozyklisch die Wachstums- und Verschuldungsdynamik noch gesteigert. In Deutschland (sowie in Frankreich) hätte zu gleichen Zeit der geldpolitische Leitzins und damit der Realzins niedriger sein müssen, um Kreditaufnahmen zu begünstigen und die konjunkturelle Entwicklung zu beleben. Vgl. Waltraud Schelkle, „Geldpolitik und Schuldendynamik in Europa“, in: Bernard Emunds/Wolf-Gero Reichert (Hg.), Den Geldschleier lüften! Perspektiven auf die monetäre Ordnung in der Krise, Marburg 2013, S. 79–97.

[4] Vgl. Jörg Bibow, „On the Franco-German Euro Contradiction and Ultimate Euro Battleground“, in: Contributions to Political Economy 32 (2013), 1, S. 127–149; Fritz W. Scharpf, „Vom asymmetrischen Euro-Regime in die Transfer-Union – und was die deutsche Politik dagegen tun könnte“, in: Leviathan 45 (2017), 3, S. 286–308.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Baran Korkmaz.