Die Produktion von Unsichtbarkeit

Infrastrukturen als Herausforderung für die Soziologie

Wer 2014 das Glück hatte, auf der Architekturbiennale in Venedig zu sein, konnte eine Hauptausstellung besuchen, in der Stararchitekten aus London, Smart Cities für die Golfstaaten oder atmungsaktive Fassaden in Skandinavien kaum eine Rolle spielten. In deutlicher Abgrenzung von kuratorischen Trends der letzten Jahre wählte der niederländische Architekt und Kulturtheoretiker Rem Koolhaas keinen performativen oder politischen Zugang, sondern einen analytischen, und nannte seine Ausstellung ganz einfach Elements of Architecture. Begehen ließ sich die Schau, wie man ein aufwendig bebildertes Handbuch durchblättert. Raum für Raum und in ihre Einzelteile zerlegt wurden diejenigen fünfzehn architektonischen Elemente vorgestellt, die das Kurator*innenteam aus der Gesamtheit dokumentierter Baugeschichte als elementar herauspräpariert hatte: Gärten gehörten nicht dazu – dafür Keller, Treppe, Kochplatz, Dach oder auch der als gleichermaßen elementar verstandene Balkon.

Der erste Ausstellungsraum war naturgemäß der Tür gewidmet. Doch um in ihn hineinzugelangen, musste erst eine erstaunliche Installation durchquert werden, die gewissermaßen als Vorwort zur Ausstellung firmierte. Tief, fast bis auf Kopfhöhe heruntergehängt, schwebte unter der neoklassischen Kuppel des Biennale-Pavillons die aufgeschnittene Rasterdecke eines modernen Funktionalbaus, so dass der gewaltige Überbau an Schächten, Röhren und Kabeln in den Blick geriet, der herkömmlichen Gebäudenutzern ansonsten verborgen bleibt. Weniger als ein Editorial, das die folgenden Kapitel skizzenhaft vorwegnimmt, ließ sich dieser Auftakt als eine Mahnung begreifen: kein Bauen ohne die darunter-, darüber- und dazwischenliegenden Verteilungs- und Versorgungskanäle, keine Statik ohne Fluss und Zirkulation in den Leitungen, keine Architektur ohne Infrastruktur.

© David Levene/Guardian/eyevine/laif

 

Dass Infrastrukturen selbst auf architektonischen Radaren nur peripher aufblinken, verleiht solchen und ähnlichen[1] kuratorischen Interventionen einen geradezu epiphanischen Charakter. Wie oft Infrastrukturen übersehen oder missachtet werden, mag zum einen daran liegen, dass ihnen der Ruf nachhängt, "boring things"[2] zu sein, also anästhetische, unsoziale, rein technische Artefakte, die noch dazu von grauer Bürokratie ummantelt sind. Und zum anderen daran, dass sie immer dann am besten zu funktionieren scheinen, wenn sich ihre Apparatur möglichst diskret im Hintergrund hält.[3]

Demungeachtet hat es sich mittlerweile in nahezu allen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich der Beschreibung des Menschen widmen, herumgesprochen, dass Infrastruktur zur Schlüsselkategorie aktueller und künftiger Forschung avancieren sollte.[4] Auch die Soziologie konnte von einem solchen Sinneswandel nicht unberührt bleiben. Sichtbare Beispiele für ein schon länger schwelendes, sozialwissenschaftliches Erkenntnisinteresse sind Eva Barlösius' 2019 erschienenes Infrastrukturen-Buch,[5] Forschungsgruppen wie der SFB Medien der Kooperation an der Universität Siegen und ganz aktuell eine Ad-Hoc-Gruppe, die sich beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie unter der Überschrift Infrastruktur und Normativität virtuell zusammenfand.

Das von Jonas Barth (Oldenburg) straff moderierte Panel startete mit einem umsichtigen Vortrag von Eva Barlösius (Oldenburg), in dem sie wichtige Sortierungs- und Definitionsarbeit leistete. Der Ausgangsdefinition ihres Buchs folgend beschrieb Barlösius Infrastrukturen als sozial-räumliche Ordnungsdienste, deren Hauptfunktion darin besteht, verlässliche und dauerhafte Daseinsvorsorge zu produzieren. Der anschließende Beitrag von Jörg Pohle (Berlin) und Martin Rost (Kiel) fragte nach den normativen Implikationen, die dem infrastrukturellen Umgang mit Daten und Datenschutz eingeschrieben sind, und danach, ob die zunehmende Macht der Datenmonopole entgegen der Hoffnung auf demokratiefördernde Horizontalisierung nicht doch eher den Rückfall in vormoderne soziale Stratifizierungsmuster zur Folge hat. Im empirischsten der insgesamt vier Vorträge stellte Tobias Röhl (Siegen) im Anschluss Ergebnisse aus seiner ethnografischen Beobachtung des Züricher Nahverkehrsbetriebs vor. Röhl demonstrierte, wie die unterschiedlichen Abteilungen Aushandlungsprozesse rund um Verantwortlichkeit und accountability führen – etwa um die Frage, welche Abteilung für welchen Anteil an den "summierten Verspätungsminuten" einer aufgeschobenen Zugfolge verantwortlich ist, um es mit unübersehbar schweizerischer Verfahrensprosa zu sagen. Röhl sprach hier also Probleme von Zuschreibungen und Verantwortlichkeit an, die angesichts der komplex vernetzten infrastrukturellen Apparaturen der Gegenwart immer drängender werden und folglich auch in den anderen Vorträgen permanent thematisiert wurden. Im letzten Vortrag plädierte Gesa Lindemann (Oldenburg) schließlich für ein originelles und zugleich begrenztes Verständnis von Infrastruktur. Demnach seien Infrastrukturen zu verstehen als die Betriebssysteme der zwei dominanten "Verfahrensordnungen" von Gewalt in modernen Gesellschaften: der Verfahrensordnung des Staates auf der einen Seite und der Verfahrensordnung der kreditgetriebenen Privatwirtschaft auf der anderen.

All diesen Bemühungen um das richtige begriffliche Grundverständnis war zweierlei abzulesen. Zum einen, dass die Arbeit am Infrastrukturbegriff eine gewisse definitorische Beweglichkeit erfordert; zum andern, dass, spätestens seit "Infrastruktur als geradezu beliebig dehnbarer und auslegbarer Begriff verwendet"[6] wird, immer mitzudenken ist, was im gegebenen Kontext gerade nicht als Infrastruktur begriffen werden sollte. Was unterscheidet etwa die soziale Ordnungslogik von Infrastrukturen von den Ordnungslogiken staatlicher und kommunaler Institutionen? Sind Infrastrukturen mit Medien zu vergleichen oder produzieren sie lediglich deren sachlich-technische Voraussetzungen? Sind Infrastrukturen einfach nur Netzwerke und sollten gesetzt den Fall wissenschaftliche Heuristiken nicht auf einen der beiden Begriffe verzichten?[7]

Wo auch immer das Erkenntnisinteresse einsetzen mag, man kann, um den exponiertesten Infrastrukturforscher des Landes, den Historiker Dirk van Laak, zu zitieren, "Infrastrukturen aus rechtlicher, politischer, technischer, ökonomischer, raumordnender, sozialer oder kultureller Perspektive definieren"[8], wodurch jedes Mal andere Aspekte von und an ihnen sichtbar werden. Dass sich sogar metaphysische Töne anschlagen lassen, zeigte sich in einer feinsinnigen Beobachtung von Gesa Lindemann. Die Attraktivität der Technik für Erlösungsfantasien von einer restlosen Ersetzung sozialer Normativität beruhe nicht zuletzt auf dem latenten Versprechen, dass Technik Gewalt und deren Verfahrensordnungen ganz einfach automatisieren und damit ein für allemal abschaffen könne. Versucht man im Ausgang von Lindemanns Beobachtung eine metaphysische Bestimmung von Infrastrukturen, ließe sich sagen: Infrastrukturen produzieren Unsichtbarkeiten für bewegte Oberflächen.

Bei aller Unterschiedlichkeit der gewählten Zugänge und Fallbeispiele sind zunächst vier Funktionen oder Eigenschaften von Infrastrukturen festzuhalten. Erstens: Infrastrukturen produzieren sachlich-materielle Bedingungen für soziale Verräumlichungsprozesse. Zweitens: Infrastrukturen produzieren Dauer oder zumindest das Versprechen auf Dauer – und sind darin technischen Objekten artverwandt. Drittens: Infrastrukturen beliefern Verfahrensordnungen der Gewalt, die in modernen Gesellschaften vor allem im spannungsgeladenen Wechselverhältnis zwischen staatlichen und privatwirtschaftlichen Interessen respektive Zuständigkeiten ausgehandelt werden. Und viertens, schließlich: Infrastrukturen produzieren Reibungslosigkeit und Unsichtbarkeit an und für Oberflächen, was zum Teil erklärt, warum sie in der Wissenschaft erst jetzt mit signifikanter Verspätung thematisiert und problematisiert werden.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Kopplung von Infrastruktur und Normativität als günstiger Ansatzpunkt zur gebotenen Begrenzung des Definitionsbereichs. Soziologisch relevant an Infrastrukturen ist demnach vor allem das, was im Zuge infrastruktureller Verräumlichungsprozesse die Kraft aufweist, gesellschaftlich relevante, normative Aushandlungsprozesse anzustoßen. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die Unterscheidung zwischen technischen und sozialen Normen. Unwiderstehlich griffig erläutert diese Differenz der von den Beitragenden der Ad-Hoc-Gruppe immer wieder herbeizitierte Soziologe Bernward Joerges: "Eine technische Norm des Lügens nimmt Bezug auf den galvanischen Hautwiderstand, eine nichttechnische auf rechtlich geeignet [sic!] definierte Glaubwürdigkeit."[9]

Dennoch sind technische Normen auf der einen Seite lediglich "andere soziale Normen",[10] wie es bei Joerges anspielungsreich heißt, also mehr als bloß technische Gebrauchsanweisungen. Auf der anderen Seite tendieren sie dazu, technisch normierte Abläufe und Zusammenhänge "sozial [zu] versiegel[n], [sie] mit Erfolg in schwarze Kästen zu verwandel[n]."[11] Die "Externalisierung sozialer Normen an sachtechnische Strukturen"[12] zeitigt erwartbar ambivalente Folgen: Zum einen wird das Alltagsbewusstsein der Bürger*innen entlastet von dem Druck, soziale Transaktionen durch Interpretation und Wertung permanent neu zu legitimieren (bzw. sie der Entscheidungs- und Gestaltungsgewalt traditioneller Autorität zu überlassen). Zum andern verschwinden die normativen Implikationen solcher Transaktionen nicht einfach, sobald sie in technisch reproduzierbare Abläufe übersetzt werden, sondern wirken im Verborgenen weiter und sind unter Umständen für den Einzelnen nicht mehr erreichbar, wenn ihre unvorhergesehenen Konsequenzen korrigiert werden müssen.

Um die Frage, welche gesellschaftlichen Transformationen und normativen Szenarien unter den Bedingungen umfassender Digitalisierung für die Zukunft der Infrastrukturen zu erwarten sind, ging es letztlich in allen Vorträgen der Ad-Hoc-Gruppe. So plädierte Eva Barlösius bereits in ihrem Buch für die aufmerksame Beobachtung eines infrastrukturellen Regimewandels: weg von den infrastrukturellen Paradigmen der Industrie- und Wohlfahrtsstaaten, hin zum infrastrukturellen Regime der digitalen Wissensgesellschaften. Jörg Pohle und Martin Rost spekulierten wagemutig, ob angesichts einer immer stärkeren sozialen Bedeutung algorithmischer Vorstrukturierungen nicht das habermasianische Spektrum der vier universalpragmatischen Kriterien herrschaftsfreier Rede erweitert werden müsste. Da demokratische Verständigung heute kaum noch analog, sondern immer schon digital vermittelt ablaufe, würden grundlegende diskursethische Entscheidungen bereits durch die technische Ordnung selbst getroffen. So werde der Zugang zu, das Wissen über und der gestalterische Einfluss auf solche Systeme eine immer heiklere Angelegenheit. Tobias Röhl wies darauf hin, dass sich Fragen der Zuständigkeit nicht bearbeiten ließen, solange man die technischen Systeme ganz sich selbst überlässt. Im infrastrukturellen Regime der Wissensgesellschaften wird das Prinzip Verantwortung demnach tendenziell durch das Prinzip Haftung ersetzt, an die Stelle personaler Zuschreibungen treten verteilte Zuständigkeiten.

Erst kommen die Infrastrukturen, dann die Moral? Man war sich letztlich uneins über das genaue Begründungsverhältnis zwischen Infrastruktur, Normativität und sozialer Interaktion. Dialektisch sollte es jedenfalls nicht bestimmt werden, wie Gesa Lindemann in einer akrobatisch argumentierten Schlussskizze andeutete, sondern in höchstem Maße rekursiv – auch wenn natürlich immer mitbedacht werden muss, dass Infrastrukturen nicht nur als "Ermöglichungsgrundlagen" agieren, sondern immer auch als "Verhinderungsstrukturen".[13] Dies gilt insbesondere für das Verhältnis von Infrastruktur und Zeit, denn als gebaute und verkabelte Vorsorgeleistungen sind Infrastrukturen Investitionen in die Zukunft, aber auch deren Hypothek, sie erschließen neue Möglichkeiten von Verräumlichung und Vergesellschaftung, erzeugen aber auch "Pfadabhängigkeiten"[14] und einen gewaltigen Standardisierungsdruck (um nicht zu sagen: -sog). Der Vorteil einer solchen Artikulation besteht schon darin, dass man nicht kulturpessimistisch vor den Gefahren der Technik und dem Triumph der instrumentellen Vernunft warnen muss, sondern nüchtern beschreiben kann, welche (auch technisch) negativen Folgen von einer restlosen Durchtechnisierung sozialer Normen zu erwarten sind. Gefahr für die Gesellschaft geht nicht von der technischen Norm als solcher aus, sondern von der Ersetzung sozialer Eigenlogiken durch den technischen Primat des Funktionierens.[15]

Zum Schluss landete die Ad-Hoc-Gruppe dann wieder dort, wo sie angefangen hatte: bei Definitions- und Begriffsfragen. Gesa Lindemann versuchte durchzusetzen, dass von Infrastruktur nur dann sinnvoll gesprochen werden sollte, wenn mindestens eine der beiden modernen Verfahrensordnungen der Gewalt (Staat oder Privatwirtschaft) maßgeblich an ihrer Implementierung beteiligt ist. Dem ist insofern zuzustimmen, als dass der fast bis zur Beliebigkeit dehnbare Begriff der Infrastruktur für eine wissenschaftlich brauchbare Betrachtung heuristisch eingegrenzt und spezifiziert werden muss. Dennoch scheint hier das Vorgehen von Barlösius vielversprechender. Sie nimmt den weit gefächerten Alltagsgebrauch pragmatisch ernst, ohne ihm analytisch blind zu gehorchen, und sieht so auch in zivilgesellschaftlichen, gemeinschaftlichen und genossenschaftlichen Zusammenschlüssen systemrelevante Infrastrukturen am Werk. Infrastrukturen sind demnach relational und prozessual[16] zu definieren, als das, was sich zu einer jeweiligen Oberfläche als deren Ermöglichungsgrundlage kontinuierlich herausbildet und bewährt.

Viele offene Fragen also, allerdings auch schon viele brauchbare Antworten. Was den Diskussionen insgesamt fehlte, war ein Blick auf infrastrukturell unterversorgte Lebensräume, wie sie sich prominent – wenn auch nicht ausschließlich – im Globalen Süden vorfinden lassen. Die infrastrukturellen Versorgungssysteme sind dort häufig der staatlichen Vernachlässigung und wirtschaftlichen Zerstörung anheimgegeben,[17] worauf die zivilgesellschaftlichen Akteure notgedrungen mit der Schaffung von selbstorganisierten Infrastrukturen zu kompensieren versuchen. Solche alternativen Infrastrukturen sind in höchstem Maße fragil, improvisiert und volatil. Darin liegt oft ihr ästhetischer Reiz und ihr soziales Versprechen, aber gewissermaßen auch ihre Tragik. Denn ersetzen können sie auf Dauer nicht, was Staat und Privatwirtschaft ihnen vorenthalten oder gar wegnehmen,[18] und nur selten erreichen ihre Vorsorgeleistungen den kritischen Punkt, ab dem sie sich als haltbare Infrastruktur gegen Staat und Privatwirtschaft dauerhaft bewähren könnten. Die Bereitstellung von Zukunft scheitert nicht zuletzt daran, dass die gesamte Vernetzungsenergie für die Herstellung einer gerade noch leb- und bewohnbaren Gegenwart verbraucht wird. Am der Normativität entgegengesetzten Ende des infrastrukturellen Spektrums tauchen so lebendige Körper auf, die auch unter den widrigsten Bedingungen zu immer neuen Improvisationen und Kooperationen fähig sind. Verdient hätten diese Zusammenhänge zwischen Infrastruktur, Normativität und Improvisation die reflektierte Beobachtung durch mindestens einen soziologischen Sonderforschungsbereich und mindestens eine Architekturbiennale.

Fußnoten

[1] Siehe die Ausstellung Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise, die vom 25. April bis 9. September 2019 am Architekturzentrum Wien gezeigt wurde, und die dazugehörige, von den Kuratorinnen herausgegebene Sammelpublikation: Angelika Fitz, Elke Krasny (Hrsg.), Critical Care. Architecture and Urbanism for a Broken Planet, Cambridge, MA 2019. Im Ganzen bleiben dort aber sowohl das Konzept Infrastruktur als auch der mit vergleichbarer Signalwirkung ausgestattete Care-Begriff analytisch unscharf und dienen eher als rhetorische Verstärkung von Transformationsappellen.

[2] Susan Leigh Star, The Ethnography of Infrastructure, in: American Behavioral Scientist 43, 1999, S. 377–391, hier: S. 377.

[3] Verfahrenstechnisch gesehen, trifft diese Beschreibung freilich zu. Ohne Weiteres verallgemeinern lässt sie sich allerdings nicht, denn die Unsichtbarkeit von Infrastrukturen ist abhängig von Perspektive und "Position [der Akteure] im Machtgefüge der sozialen Felder" (Eva Barlösius, Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste. Ein Beitrag zur Gesellschaftsdiagnose, Frankfurt am Main 2019, S. 52). Dazu Susan Leigh Star bündig: "One person's infrastructure is another's topic, or difficulty" (The Ethnography of Infrastructure, S. 380). Zudem lässt sich fragen, ob das Verbergen infrastruktureller Apparaturen durch Konstruktion und Design nicht vor allem als Ausdruck kultureller und ideologischer Präferenzen im infrastrukturellen Regime der Industrialisierung aufzufassen ist. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Zukunft der Wissensgesellschaft ökologisch auf dem Spiel steht, wenn es ihr weiterhin nur um die technische Optimierung der Reibungslosigkeit von glänzenden Oberflächen geht. Ein infrastruktursensibler Blick auf Digitalität kehrt die Absurdität hervor, digitale Prozesse als entmaterialisierte zu beschreiben, nur weil sich die Oberflächenphänomene materialbefreit und reibungslos anfühlen. Und er zeigt, welch gewaltiger materieller Aufwand nötig ist, um Illusionen ungetrübter Interfaces dauerhaft zu produzieren. Siehe Nicole Starosielski, The Undersea Network: Sign, Storage, Transmission, Durham, NC 2015.

[4] Angeführt sei eine kleine Auswahl relevanter Publikationen aus Disziplinen, die nicht – wie etwa die Politikwissenschaft, die Humangeographie oder die Urbanistik – gewissermaßen von Haus nicht an dem Thema vorbeikommen. Für die Geschichtswissenschaft: Dirk van Laak, Alles im Fluss: die Lebensadern unserer Gesellschaft – Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt am Main 2018. Für die Philosophie: Petra Gehring, Wie unsichtbar sind Infrastrukturen? "Infrastrukturalismus" als Begriffsmetapher, in: Das Unsichtbare, hg. von Petra Gehring, Kurt Röggers und Monika Schmitz-Emans, Essen 2018, S. 23–29. Für die Medienwissenschaft: Erhard Schüttpelz, Infrastrukturelle Medien und öffentliche Medien, in: Media in Action 0, 2016 (Pre-Publication), S. 1–21. Für die Kulturwissenschaften: Wiebke Porombka, Heinz Reif und Erhard Schütz (Hrsg.), Versorgung und Entsorgung der Moderne. Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre, Frankfurt am Main 2011. Für die Germanistik: Steffen Richter, Infrastruktur. Ein Schlüsselkonzept der Moderne und die deutsche Literatur 1848–1914, Berlin 2018. Aus transdisziplinär ausgerichteter ethnographischer bzw. anthropologischer Perspektive bereits seit den 1980er Jahren: Star, The Ethnography of Infrastructure; Brian Larkin, The Politics and Poetics of Infrastructure, in: Annual Review of Anthropology 42, 2013, S. 327–43.

[5] Barlösius, Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste.

[6] A. a. O., S. 9.

[7] Eine weitere aufschlussreiche Kontrastierung ergibt sich zwischen Infrastrukturen und Experimenten. Während bei Experimenten die Apparaturen (technische, epistemische etc.) so eingerichtet werden, dass sich an ihnen Neues und bisher Ungesehenes zeigen kann, dienen sie im infrastrukturellen Setting primär dazu, Bewährtes und Bekanntes zu reproduzieren und verfügbar zu halten. Siehe Gesa Lindemann, "Lebendiger Körper – Technik – Gesellschaft", in: Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, 2 Bde., hg. von Karl-Siegbert Rehberg, Frankfurt am Main 2006, S. 689–704, hier: S. 691 ff.

[8] Dirk van Laak, Infrastruktur, in: Handbuch Staat, hg. von Rüdiger Voigt, Wiesbaden 2018, S. 1019–1027, hier: S. 1020.

[9] Bernward Joerges, Technische Normen sind soziale Normen. Zum Beispiel eine Sprudelflasche, in: ders., Technik – Körper der Gesellschaft. Arbeiten zur Techniksoziologie, Frankfurt am Main 1996, S. 103–127, hier: S. 112. Siehe auch: Bernward Jorges, Technische Normen – Soziale Normen?, in: Soziale Welt, 40 (1/2), 1989, S. 242–58.

[10] Joerges, Technische Normen sind soziale Normen, S. 106.

[11] A. a. O., S. 116.

[12] A. a. O., S. 104.

[13] Barlösius, Infrastrukturen als soziale Ordnungsdienste, S. 38 f.

[14] Van Laak, Infrastruktur, S. 1022.

[15] Und von der Nicht-Berücksichtigung technischer Normen und ihren technischen wie nicht-technischen Auswirkungen.

[16] Damit wäre auch noch einmal zu fragen, ob der für Barlösius eher zweitrangige Faktor Zeit nicht doch stärker in den Vordergrund rückt, und zwar nicht nur im Hinblick darauf, was Infrastrukturen produzieren, sondern auch auf der Ebene ihrer internen Verfasstheit. Welche bedeutende Rolle strukturinterne zeitliche Prozessierungen (Rechenzeit) für die viel bemühten digitalen Infrastrukturen spielen, zeigt sich nicht nur bei den finanzkapitalistischen Krisenbeschleunigern des high-frequency trading, sondern auch aktuell im Infrastrukturkrieg um 5G, den die USA gegen China und Huawei schüren. Zur Rede vom Infrastrukturkrieg siehe Anthony H Rowley, Foundations of the Future: The Global Battle for Infrastructure, Singapur 2020.

[17] Von den irreparablen infrastrukturellen Folgeschäden fünf kolonialer Jahrhunderte ganz zu schweigen.

[18] Siehe Filip De Boeck, Inhabiting Ocular Ground: Kinshasa's Future in the Light of Congo's Spectral Urban Politics, in: Cultural Anthropology 26 (2), 2011, S. 263–86; Elizabeth Povinelli: Economies of Abandonment: Social Belonging and Endurance in Late Liberalism, Durham, NC 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Hannah Schmidt-Ott.