Engführung? Ergänzungen zu einem unerledigten Fall

Eine Replik auf Stefan Hirschauer

 

Die im Juli 2017 erfolgte Gründung der Akademie für Soziologie hat innerhalb der deutschsprachigen Soziologie lebhafte Diskussionen hervorgerufen. Die in den Grundsätzen der Akademie formulierte empirisch-analytische Ausrichtung sowie die inhaltliche Zielsetzung der neuen Organisation bedeuten nach Ansicht vieler Soziologinnen und Soziologen nicht nur eine Herausforderung für die bestehende wissenschaftliche Fachvertretung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, sondern auch für das methodische und theoretische Selbstverständnis der gesamten Disziplin. Auf die erste der beiden Herausforderungen hat die DGS im Frühjahr 2018 mit einer Stellungnahme öffentlich reagiert. Die offen geführte Auseinandersetzung mit der zweiten Herausforderung stand bislang noch aus. Auf Initiative und Einladung der Zeitschrift für Theoretische Soziologie (ZTS) haben sich nun Hartmut Esser und Stefan Hirschauer der Aufgabe gestellt, die fällige fachinterne Debatte zu eröffnen. Esser hat einen Beitrag verfasst, zu dem Hirschauer eine Entgegnung formuliert hat. Beide Texte sind im Heft 1/2018 der ZTS erschienen. Auf Hirschauers Entgegnung hat Esser inzwischen mit einer Replik reagiert, die zusammen mit weiteren Kommentaren und Stellungnahmen im nächsten Heft der ZTS erscheinen wird. Um der Debatte möglichst breite Aufmerksamkeit zu sichern und weitere Autorinnen und Autoren einzuladen, sich an ihrer Fortsetzung in der ZTS zu beteiligen (Zuschriften bitte an zts(at)wwu(dot)de; die eingesandten Beiträge werden vorbehaltlich eine redaktionellen Prüfung in einer der nächsten Ausgaben der Zeitschrift für Theoretische Soziologie erscheinen), dokumentiert Soziopolis die Beiträge von Esser und Hirschauer. Den beiden Autoren und den Kollegen der ZTS sei dafür an dieser Stelle herzlich gedankt. – Die Red.

 

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Die analytisch-empirische Soziologie stellt sich im Rahmen der verschiedenen anderen Disziplinen und Fächer der Sozialwissenschaften die Aufgabe, gesellschaftliche Prozesse und Gesellschaften in ihrer Gesamtheit in den Blick zu nehmen und nicht nur einzelne Aspekte davon. »Analytisch« bedeutet dabei, dass eine zunächst vielschichtig, ungeordnet, undurchsichtig, also: »komplex« erscheinende Konfiguration von sozialen Phänomenen und Zusammenhängen gedanklich in einzelne Aspekte aufgespalten, geordnet, ggf. nach abstrahierenden Gesichtspunkten neu und möglichst auch vereinfachend zusammengesetzt sowie mit sprachlichen Ausdrücken, Begriffen wie Aussagesätzen möglichst präzise bezeichnet wird (u.a. auch in mathematischen Modellen und Simulationen der Abläufe). »Empirisch« heißt, dass sich die analytisch unterschiedenen theoretischen Konstrukte und Aussagen in kontrollierten Beobachtungen intersubjektiv prüfen und bestätigen lassen. Die Orientierung an den Kriterien der analytischen Präzision sowie der empirischen Prüfbarkeit und Bewährung wird gerade auch vor dem Hintergrund der Annahme betont, dass es zu den Naturwissenschaften einen grundlegenden Unterschied gibt: Die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesses sind das Ergebnis interaktiv erzeugter Konstruktionen durch kulturell geprägte und sinnhaft handelnde Subjekte, die ggf. auch auf die Aussagen der Sozialwissenschaften selbst reagieren können. Theorien werden in der analytisch-empirischen Soziologie als Systeme aufeinander bezogener Konstrukte, Begriffe, Annahmen und Hypothesen verstanden. Sie müssen an mindestens einer Stelle eine Aussage über einen systematischen und über den Einzelfall hinausweisenden, kausalen Zusammenhang enthalten. Es wird angenommen, dass es solche kausalen Zusammenhänge auch für das sinnhafte, kulturell geprägte Handeln menschlicher Akteure und darüber dann auch für Vorgänge der sozialen Konstruktion der gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse gibt. In epistemologischer Hinsicht versteht sich die ana- lytisch-empirische Soziologie als Realwissenschaft. Sie geht davon aus, dass Vorstellungen der Korrespondenz und Annäherung wissenschaftlicher Aussagen an eine wie auch immer verstandene Wirklichkeit und Wahrheit eine sinnvolle Orientierung für die Bemühungen um Präzision und Überprüfbarkeit bilden, auch angesichts dessen, dass es hier, wie allgemein, keinerlei objektive Begründung oder Sicherheit geben kann. Das gilt nicht zuletzt vor dem Hintergrund auch der Annahme, dass sich Theorien zur Erklärung und Lösung alltagspraktischer Fragen und Probleme verwenden lassen und dass sich speziell daraus die gesellschaftliche Funktion der (Sozial-)Wissenschaften ergibt. Die Kriterien der Präzision, des logischen Gehaltes und der empirischen Bewährung sind zentrale Voraussetzungen für diese Funktion. Vor diesem allgemeinen Hintergrund gibt es weiter keinerlei Einschränkungen in den untersuchten Inhalten, den beigezogenen Ergebnissen und Annahmen oder den verwendeten Methoden. Der beständige Blick auf Traditionen, Entwicklungen und Ergebnisse innerhalb und außerhalb der Soziologie gehört zu den unerlässlichen Voraussetzungen für die Erfüllung ihrer Aufgaben in Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik.

In der »Stellungnahme der DGS zur Gründung der »Akademie für Soziologie««, heißt es u.a., dass »[…] die DGS den allgemeinen Vertretungsanspruch für die Disziplin, den die »Akademie« durch die – falsche – Verallgemeinerung eines letztlich spezifischen epistemologischen und methodologischen Programms formuliert, zurück[weist]« (Vorstand der DGS 2018: 315). Und weiter (ebd.: 315f.; Hervorhebung HE): »Mit ihrem epistemologischen Bekenntnis zu einem spezifischen Verständnis der empirisch-analytischen Soziologie geht seitens der »Akademie« eine Engführung des Faches und der Sozialwissenschaften einher, die dem pluralen wissenschaftlichen Verständnis der DGS nicht entspricht.« (Hervorhebung HE)

Das setzt fort, was in der Causa der Akademiegründung auch vorher schon zu lesen war. Im ersten Beitrag »Zwei Seelen, ach in meiner Brust« (ZTS 1/2018) war versucht worden, den erkennbaren Reaktionen speziell aus den Reihen der interpretativ-phänomenologischen Varianten der Soziologie mit dem Konzept begegnen, wie es u.a. gerade Alfred Schütz in einer ganzen Serie von epistemologisch-methodologischen Beiträgen formuliert hatte: Gewiss beruhten alle sozialen Vorgänge auf den »Konstruktionen erster Ordnung« und dem dadurch definierten subjektiven Sinn des Handelns der Menschen und das konstituiere in der Tat einen grundlegenden Unterschied zu den Objekten und Vorgehensweisen der Naturwissenschaften. Aber das hieße in keiner Weise, dass damit die epistemologisch-methodologischen Prinzipien der Wissenschaften allgemein außer Kraft gesetzt wären: Die Konstruktionen zweiter Ordnung, die Theorien und Modelle der Sozialwissenschaften, hätten wie in allen Wissenschaften analytisch präzise, empirisch prüfbar und nach Möglichkeit empirisch belegt zu sein, natürlich auch, wenn in den Konstruktionen der zweiten die Konstruktionen der ersten Ordnung enthalten sein müssten.

Das stand etwa so am Ende des ersten Beitrags. Geplant war die Eröffnung einer inhaltlichen Diskussion. Das ist – nicht gänzlich unerwartet – ziemlich schiefgegangen, warum auch immer. Manche der erkennbaren Reaktionen waren derart, dass man sie getrost, wie es in Bayern heißt, »ned amal ignorier’n« kann. Wir versuchen es gleichwohl einfach in der Sache weiter, diesmal nicht inhaltlich, denn das hatten wir ja schon, sondern epistemologisch-methodologisch und mit Blick auf den Vorhalt der unangemessenen Engführung. Wieder lautet die Arbeitshypothese: Es gibt keinerlei Grund für die Einwände und Vorhaltungen, im Gegenteil. Acht Punkte werden behandelt: Theoriebegriff und Begriffstheorie, Theoriebildung, Abduktion, Reduktion, Rekursivität und Re- flexivität, Wertung und Verwertung, Wirklichkeit und Wahrheit sowie Praxistauglichkeit. Wieder wird es ein kontrastiver Fallvergleich sein, wobei der Bezug zu erweitern ist, denn er umfasst epistemologisch-methodologisch eine deutlich breitere Palette an Varianten einer, wie wir sie dann zusammenfassend nennen wollen, kreativ-konstruktivistischen Soziologie, weit über die inhaltlichen Aspekte aus dem ersten Beitrag hinaus. Dabei stützen wir uns, auch der Übersichtlichkeit und Überprüfbarkeit wegen, aufei nige kürzlich erschienene Publikationen, die sich auch als Neu-Grundlegungen der Soziologie, allgemein wie speziell, verstehen,[1] und, hier und da, auch auf das, was man in aktuelleren Hand- und Lehrbüchern etwa der interpretativ-qualitativen Soziologie zu bestimmten epistemologisch-methodologischen Punkten der Unterscheidung zu anderen Ansätzen findet, speziell zu jenem, dem der Vorhalt der Engführung insbesondere gilt, dem einer deduktiv-nomologisch ausgerichteten Soziologie. An manchen Stellen wird es auch wieder recht elementar, denn nicht überall kann man offenbar (mehr) darauf setzen, dass gewisse Grundlagen der (analytischen) Wissenschaftslehre bekannt sind. Also dann.

 

1 Theoriebegriff und Begriffstheorie

 

Die Frage nach dem Theoriebegriff ist der Ausgangspunkt für alles, denn sonst wüsste man ja nicht, worauf sich die epistemologisch-methodologischen Kriterien der analytisch-empirischen Soziologie zu beziehen hätten und was es mit dem Vorhalt der Engführung auf sich haben könnte. Die Soziologie kennt viele verschiedene Varianten des Theoriebegriffs: »Große Theorien« der Gesellschaft, bei denen unter einem griffigen label ein Grundzug des Typs einer Gesellschaft zusammengefasst wird; Theorien als Sammlung und Ausarbeitung gewisser Grundannahmen über das Soziale, etwa, dass allem Sozialen ein Sinn anhafte und interaktiv konstruiert werde; Theorien als am empirischen Material entwickelte Verallgemeinerungen, die sich auf ähnliche Fälle und typische Bedingungen der betreffenden Kategorien stützen; schließlich Theorien als Vorgaben für eigene gesellschaftliche Prozesse, etwa von öffentlichen Diskursen, die selbst auf die Gesellschaft zurückwirken.

Ohne Zweifel kann man das alles als »Theorie« verstehen und versuchen, damit zurecht zu kommen. Es gibt ja keine Behörde, die den Begriff zertifiziert, ebenso wenig wie eine sich selbst für sakrosankt deklarierende Kongregation darüber befinden kann, was denn die wahre Soziologie wäre und wer sie repräsentiert. Eine erste Engführung der analytisch-empirischen Soziologie gibt es hier aber schon, in der Tat, und wir hatten sie schon im ersten Beitrag: Nach den Vorstellungen der analytisch-empirischen Soziologie kommt es bei Theorien notwendig darauf an, dass an irgendeiner Stelle des jeweiligen Aussagesystems ein über den Fall hinausweisender Zusammenhang benannt ist, der das infrage stehende Phänomen aus gewissen (Rand-)Bedingungen heraus erklärt, ggf. auch kausal und nach dem Muster des Hempel-Oppenheim-Schemas. Das aber kommt in den Theoriebegriffen der kreativ-konstruktivistischen Soziologie nicht nur nicht vor, es wird als eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale kategorisch abgewiesen: Kausalität, allgemeine »Gesetze« und die deduktiv-nomologische Erklärung seien dem Wesen des Sozialen zutiefst unangemessene Kategorien, ebenso wie die damit verbundenen naturalistischen Vorgaben, für die die Kriterien der Präzision, Überprüfbarkeit und empirischen Bewährung schon durchaus sinnvoll seien, nicht aber hier.

Das korrespondiert mit der noch allgemeineren Vorstellung, u.a. aus der der sog. Grounded Theory, wonach Begriffe schon die gesuchten theoretischen Erklärungen für beobachtete Phänomene liefern könnten und dass Theoriebildung aus einer »Konstitutionslogik« der Konstruktion konsistenter Begriffssysteme bestünde (vgl. Knoblauch 2017: 10). Wir wollen für solche Vorstellungen von Begriffs-Theorie nicht annehmen, dass, längst überholte, begriffsrealistische Vorstellungen dahinterstehen oder ungewollt mitgeschleppt werden. Gemeint ist wohl, dass Begriffe so etwas wie gedankliche Perspektiven bilden, die für bestimmte Beobachtungen sensibilisieren und sie leiten und die ggf. durch nachfolgende Eindrücke und Deutungen bestätigt werden – oder auch nicht. Das kann natürlich Sinn machen, gerade auch im Rahmen eines analytisch-empirischen Verständnisses: Bestimmte empirische Phänomene werden begrifflich explizit gemacht und bezeichnet, und wenn sich zeigt, dass es auch noch andere oder neue Phänomene gibt, dann werden die auch entsprechend anders oder neu bezeichnet – bis es womöglich eine Systematik von begrifflich geordneten Phänomenen gibt, etwa wie bei Orchideen in einer botanischen Sammlung nachdem man mit der phänomenologischen Botanisiertrommel durch die Buntheit der sozialen Welt gestreift ist. Das gehört zu jeder Theoriebildung dazu, es ist nachgerade eine Voraussetzung, eine analytisch-empirische sogar.

Aber das alles ist nach den Vorstellungen der analytisch-empirischen Soziologie noch keine »Theorie«. Noch lange nicht. Es fehlt der Kern gegenüber den Beschreibungen und begrifflichen Etiketten: die Angabe eines übergreifenden kausalen Zusammenhangs über einen »generierenden Mechanismus«, etwa dazu wie die Unterschiede zwischen den typisierten Exemplaren zustande kommen, bei Orchideen wie bei, sagen wir, Lebensstilen oder Esping-Andersen’s drei Typen von kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten. Begriffliche Sortierungen allein liefern die gesuchte Aufdeckung der dahinterstehenden generierenden Vorgänge jedenfalls nicht. Sie bilden allenfalls sprachlich-nominale Kürzel für theoretisch abstrahierende, deskriptiv gesättigte und in den kausalen Zusammenhängen auch unabhängig oder ggfs. auch nur in Einzelteilen bestätigte Er- klärungsmuster. »Idealtypen« also, ganze Komplexe von »Sinnzusammenhängen« und historischen Entwicklungen, etwa, wie das bei Max Weber so exemplarisch vorgeführt wurde. Das aber setzt ein langes Programm gerade der analytisch-empirischen Theorieentwicklung voraus, dem Max Weber bekanntlich besonders stark verpflichtet war, der fortwährenden Interaktion der Beschreibung gewisser Phänomene, der abstrahierenden Systematisierung von Begriffen, der Benennung kausaler Zusammenhänge, empirischer Prüfungen und daran orientierter Theorieentwicklung. Nicht immer muss in solchen Modellen alles ganz an kausal-analytischer Erklärung ausdekliniert sein, aber wenigstens in den Ansätzen erkennbar.

Wie das analytisch-empirisch für die verschiedenen Theoriebegriffe, die großen Gesellschaftstheorien, die theoretischen Paradigmen, die Verallgemeinerungen empirischer Beobachtungen und auch für die Rückbezüglichkeit von soziologischen Theorien und Konzepten auf die Gesellschaft hinzukriegen wäre, ist natürlich eine jeweils spezielle und allein daher noch ganz andere Frage. Die analytisch-empirische Soziologie schließt jedenfalls keines solcher Vorhaben aus. Ganz im Gegenteil: Es gibt genügend Beispiele dafür, etwa historische eher gebundene Konzepte wie die Typen der Herrschaft oder der Prozess der Zivilisation oder auch überhistorisch und übersituativ generalisierend abstrahierende Modelle wie das von den kulturellen Zielen und den institutionalisierten Mitteln oder des Zusammenhangs von Exit, Voice and Loyalty beim Verfall von Organisationen durch den stillen Auszug der Mitglieder, die sie einstmals gerne trugen – auch wenn die jeweiligen Verfasser das vielleicht so gar nicht gesehen haben mögen. Niemand würde bestreiten können, dass das wirkliche Glanzstücke der Soziologie sind, aber auch nicht, dass sie nicht, soweit das jeweils gegangen ist, präzise, überprüfbar und mit zutreffenden Annahmen gesättigt gewesen wären. Und wenn (noch) nicht: Dass man daran zu arbeiten hätte. Was dann eine wichtige Aufgabe der Klassikerrezeption in der analytisch-empirischen Soziologie wäre. Und nicht allein das Aufrichten oder Abbrechen von Monumenten der Vergangenheit.

Die analytisch-empirische Soziologie geht also in der Tat davon aus, dass für solche Analysen der kreativ-konstruktivistische Theoriebegriff, wonach die Begriffe schon die Theorie bilden, unzureichend ist, um das Wenigste zu sagen. Das wäre eine selbsterzeugte Engführung, vor der sich eine der wichtigsten Aufgaben der Soziologie staut: Die Beantwortung von Fragen kausaler Zusammenhänge bei der Entstehung bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen und der Information über Möglichkeiten, ggf. etwas zu tun. Das aber nicht in der Form feuilletonistischer Essays, wo man kaum unterscheiden kann, was empirischer Sachverhalt, begriffliche Assoziation oder andeutende Spekulation ist und was nicht, nur mühsam überdeckt von der Behauptung, es ginge gar nicht anders, weil die Komplexität des Gegenstandes es erfordere, dass die Begrifflichkeiten die Dinge nicht analytisch vereinfachen, kausalistisch verengen und »reduzieren« dürften, sondern selbst der komplexen Sache entsprechend komplex sein müssten – was ungefähr so sinnvoll wäre wie zu meinen, dass der Begriff des Kreises rund zu sein hätte.

 

2 Theoriebildung

 

Die Verfahren der kreativ-interpretativen Soziologie verstehen sich vor dem Hintergrund der Grounded Theory, jenes manchmal auch etwas arg ominös und geheimnisvoll umschriebenen allgemeinen Rahmens aus den Vorzeiten des philosophischen Pragmatismus, als solche der Theoriebildung, möglichst unvoreingenommen das jeweilige Feld erkundend, immer wieder neu reflektierend, ob das, was man annimmt und findet, den möglichst fantasievollen Hypothesen über alternative Möglichkeiten in nachfolgenden Deutungen standhält. Die »Kontingenzsensibilität« dafür etwa, dass alles bei den Akteuren wie bei den theoretischen Überlegungen auch anders sein könnte. Also: Die grundlegende Offenheit und Sensitivität für bestimmte forschungsleitende begriffliche Konzepte seien gerade das, was den Kern und den Vorzug ausmache.

Dem kann man erneut gut folgen, und so würde man gewiss auch im Rahmen der analytisch-empirischen Soziologie vorgehen (müssen), ganz bestimmt, wenn das Feld noch wenig bearbeitet ist oder man Grund für die Annahme hat, dass andere etwas übersehen haben. Soweit Konsens eigentlich, immer schon. Aber irgendwann, so sollte man meinen, geht es allein mit Offenheit, Sensibilität und Sensitivität nicht weiter: Die Befunde wiederholen sich, es tritt eine Sättigung der Eindrücke ein, die Beobachtungen konvergieren auch aus verschiedenen Perspektiven und verschiedenen Verfahren und auch die gezielten Tests mit der Methode des theoretischen Samplings gehen nicht mehr schief. Was jetzt? Weiter so, unverdrossen, immer wieder das Gleiche? Oder doch: Gedankliche Verallgemeinerung des Vorgangs? Und seine Etikettierung unter einem neuen, vielleicht auch abstrahierenden Begriff? Der Begriff »Kulturelles Kapital« etwa für die Verfügbarkeit über Gewohnheiten, den Besitz von Kunstgegenständen, Titeln und Berechtigungen, die Virtuosität auf einem Musikinstrument oder die Fähigkeit, feine Unterschiede zu sehen und mit ihnen strategisch geschickt umzugehen. Oder die verallgemeinernde Bezeichnung »totale Institution« für Einrichtungen verschiedenster Art, in denen die Subjekte ihrer Individualität entkleidet werden, wie in Gefängnissen, Kasernen, Klöstern, Krankenhäusern und, wie man hört, offenbar auch an manchen Lehrstühlen der Soziologie – aller Art im Übrigen.

Wir hatten schon gesehen, dass das enorm wichtige und auch einzigartige Beiträge der Soziologie sind, auf jeden Fall auch als Eigenprodukte und ohne jeden weiteren Erklärungs- oder Verwendungszwang. Allein aus diesem Grund muss jede Variante der Soziologie solche Beiträge in sich aufnehmen: in Lehre und in Forschung. Dazu gehört nicht zuletzt die Lektüre und Beachtung auch der Klassiker der Soziologie und zwar aus allen Richtungen. In den Grundsätzen der analytisch-empirischen Soziologie ist das ausdrücklich niedergelegt und, wenn man sich etwas umsehen würde, auch durch Institutionen und Personen repräsentiert, die das unterstützen und betreiben, mindestens jedenfalls als Programm und Grundsatz und auch gegen eine andere, unfruchtbar-ignorante normalwissenschaftliche Routine, die sich natürlich auch hier immer wieder einzuschlei- chen vermag.

Aber alles das wäre noch nicht das, was man von der Soziologie insbesondere erwarten kann: erklärende Theorie. Das aber gerade ist ja offenbar die Grenze und die Grundlage für den Vorhalt der Engführung: Die mit dem Hempel-Oppenheim-Schema verbundene deduktiv-nomologische Erklärung sei schon aus logischen Gründen unangemessen. Man könne damit nur analytische Wahrheiten aus einer für sicher gültig angenommenen Prämisse des allgemeinen Gesetzes ableiten, also nichts gewinnen, was man nicht schon wisse. Und das in einer Welt obendrein, deren einzig stabiles Merkmal der fortwährende Wandel, die stete Emergenz des Neuen und die Änderung aller Gesetze und Begriffe der Gesellschaft wären.

Das ist in einer Hinsicht durchaus zutreffend: Es gibt keine (Letzt-)Begründungen für allgemeine Gesetze (wie für Beschreibungen) und daher stehen auch alle Hempel-Oppenheim-Erklärungen unter dem Vorbehalt, dass ihre deduktive Grundlage kein sicheres Axiom, sondern eine stets unsichere, auf empirischen Umständen beruhende Hypothese bleibt, auch wenn sie bislang immer wieder bestätigt werden konnte. Aus dieser grundlegenden Unsicherheit heraus gibt es in der Tat keinen wirklich zufriedenstellenden Ausweg: Nach dem sog. Münchhausen-Trilemma droht bei allen Versuchen der (Letzt-)Begründung der deduktiv erklärenden Gesetze die Wahl zwischen logischem Zirkel, unendlichem Regress und dogmatischem Abbruch.

Was aber dann? Induktion? Das umgekehrte Verfahren der Theoriebildung, nicht der Schluss von einem für sicher erklärten Axiom auf etwas, was sein müsste, wenn das Axiom zutrifft, aber empirisch ganz anders sein kann, sondern umgekehrt von den Einzelbeobachtungen auf eine allgemeine Aussage? Könnte man meinen und bei vielen Beiträgen der kreativ-konstruktivistischen Soziologie scheint das auch so gesehen zu werden. Von der analytisch-empirischen Soziologie würde man sich darin zunächst nicht unterscheiden: Es gibt auch induktive, statistische Erklärungen und daraus entstehen die Fragen nach der Repräsentativität und der statistischen Signifikanz, bei analytisch-empirischen Experimenten wie bei dem theoretisch gezielten Sampling der qualitativen Methoden. Aber wir wissen spätestens seit der Kritik von Karl R. Popper am »Positivismus« des logischen Empirismus, dass die Induktion kein Weg zur Begründung von allgemeinen Theorien ist: Sie setzt ein sog. Induktionsprinzip voraus, das wieder zu begründen wäre. Und so weiter. Man brauchte also, ganz wie bei der Deduktion und der Voraussetzung eines sicheren Axioms, ein begründetes allgemeines Prinzip für den Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine, für das sich auch wieder das sog. Münchhausen-Trilemma stellt. Man kann das Problem auch so zusammenfassen: Die Deduktion ist sicher, fügt aber an Wissen nichts hinzu, die Induktion enthält neues Wissen, ist aber unsicher. Am besten also, auch weil nicht viel übrigbleibt: Theorieentwicklung im beständigen und nicht abschließbaren Wechsel von Beobachtung und Generalisierung, von Lernbereitschaft und Festlegung, von theoretischer Erwartung und empirischem Test.

Daraus ist dann für die analytisch-empirische Soziologie die Vorstellung entstanden, dass die Entwicklung von Theorien über tentative Konzepte, Lösungsskizzen und präzise theoretische Hypothesen, die explizit gemachte Verbindung der theoretischen Konstrukte mit empirisch beobachtbaren Sachverhalten, den empirischen Test und dann, je nachdem, die vorläufige Bestätigung oder aber Widerlegung vollzogen werde, und alles in jedem Stadium möglichst offen, nachvollziehbar und intersubjektiv prüfbar, lernbereit und revidierbar. Oder etwas kürzer gesagt: Theoriebildung bestehe aus einer Art ständiger Pendelbewegung zwischen Entschiedenheit und Offenheit von theoretischen Konzepten und empirischen Korrekturen, die möglichst intersubjektiv nachvollziehbar und transparent zu machen wären.

Der erste Satz des Absatzes oben beschreibt das Konzept des Kritischen Rationalismus unseres, in den meisten Beiträgen der kreativ-konstruktivistischen Soziologie reflexartig abgelehnten Karl R. Popper, der zweite folgt einem ganz aktuellen Beitrag aus dem Umfeld der kreativ konstruktivistischen Soziologie, der sich, wie der ganze Band, schon erstaunlicher- und dankenswerterweise einmal etwas genauer überlegt und angesehen hat, wie man es denn machen sollte mit dem Verhältnis von Theorie und Empirie in der Soziologie, der kreativ-konstruktivistischen wohlgemerkt (Böcker et al. 2018: 29ff.). Und in den Hand- und Lehrbüchern der kreativ-konstruktivistischen Soziologie steht es ganz ähnlich: Offenheit und Sättigung im interaktiven Prozess der Deutungsanalyse, bis etwas konvergiert und man das dann im nächsten Begriff zusammenfasst. Aber immer gleich auch: dass das mit dem deduktiv-nomologischen Ansatz, mit Popper und dem Kritischen Rationalismus und den daran orientierten Kriterien der analytisch-empirischen Soziologie nichts zu tun habe. Und ganz und gar der falsche, enggeführte Weg wäre.

 

3 Abduktion

 

Also eigentlich letztlich doch das Gleiche und die Unterschiede alles nur Konstruktionen von Abgrenzungen, die allenfalls darin bestehen, wie genau, präzise, überprüfbar und empirisch belegt es denn sein soll oder müsste? Nein keineswegs, jedenfalls auf den ersten Blick nicht und schon gar nicht, wenn man sich die aktuelleren Lehrbuch-Kanonisierungen ansieht. Die Deduktion gilt sowieso als indiskutabel und mit ihr, wie gesehen, auch gleich die deduktiv-nomologische Erklärung. Aber auch die Induktion kommt nicht gut weg, obwohl gerade die qualitativen Verfahren und das, was man dort Theoriebildung nennt, dem schon sehr nahekommen: Die begriffliche Generalisierung von Typen im sukzessiv-interaktiven Verlauf von Offenheit, Vorschlag, Deutung und Festlegung. Mit einigem Nachdruck jedoch wird die Idee einer »qualitativen Induktion«, wie sie in manchen Varianten der Grounded Theory bzw. des philosophischen Pragmatismus wohl vertreten wurden, abgewehrt. Stattdessen wird ein anderes Verfahren stark gemacht: Die Abduktion.

Was ist das? Dargestellt wird die Abduktion als eine Art von Systematik der Kreativität, des gezielten Findens von neuen Gedanken, also das, um was es der kreativ-konstruktivistischen Soziologie im Kern geht. Es besteht, so kann man es vielleicht sagen, in der Projektion von Vorstellungen, was mit der Rekonstruktion eines Falls bis hin zu einer veritablen (Begriffs-)Theorie wäre, wenn eine bisher nicht beachtete, aber mögliche Bedingung vorgelegen hätte. Theoriebildung nimmt so den Charakter der Einstellung und Tätigkeit eines Detektives an, der beständig unterschiedliche »Theorien« über die Täterschaft erwägt und je nach Vermutung gezielt danach sucht, ob er Hinweise, nein: »Beweise«, dafür findet, dass eine davon passt. Etwa: Wer hätte den Nutzen und die Möglichkeit? Und kein Alibi. Für wen also wären, anders gefragt, Wert und Erfolgserwartung für die Tat im Vergleich am höchsten gewesen und hätte es auch die Opportunitäten dazu gegeben, ganz ähnlich übrigens wie in der DBO-Theorie von Hedström, einer etwas verbogenen light-Variante der Rational-Choice-Theorie.

Keine schlechte Idee, sollte man meinen, gerade dann, wenn es bei aller Offenheit und Kontingenzsensibilität doch auch mal Überraschungen gibt: Woran könnte es gelegen haben, dass die vorgeschlagene Deutung doch nicht konvergierte oder das Experiment mit dem theoretischen Sampling anders ausging als gedacht? So fragt jeder, der sich theoretisch wenigstens ein wenig festgelegt hat, dann von dem Experiment oder der Fallanalyse ein bestimmtes Ergebnis erwartet, aber es kommt etwas Anderes heraus. Wo es also, anders gesagt, eine »Anomalie« gibt – und es dann in der Tat auf viel Einfallsreichtum ankommt, woran das denn gelegen haben könnte. Aber die kreative Fantasie ist es bei der Abduktion nicht allein. Jetzt kommt es darauf an, gesondert zu prüfen, ob die kreative ad-hoc-Hypothese eigentlich wirklich stimmt. Und nicht nur eine zwar kreative, aber leider falsche Idee gewesen ist. Also: Nachsehen, neues Experiment. Und dann zeigt sich: Tatsächlich, das war’s. Oder: Geht wieder schief und u.U. auch mit einem ganz anderen Ergebnis. Und alles geht von vorne los.

Diese Idee ist u.a. im Zusammenhang des sog. Konventionalismus aufgekommen, gelegentlich später auch als »Konstruktivismus« bezeichnet, wo es darum ging, eine für a priori gültig gehaltene Theorie dadurch vor Widerlegungen zu schützen, dass man allerlei Argumente dafür (er-)findet, dass es bei der »Realisierung« der Theorie, etwa in Experimenten, zu Fehlern gekommen sein müsse. Das wird dort »Exhaustion« genannt. Es war, so gesehen, nichts weiter als eine der vielen Strategien, seine Theorien gegen Widerlegung zu immunisieren bzw. erst einmal am Leben zu erhalten. Aber das kann ja nicht das Ziel sein, gewiss auch nicht für die kreativ-konstruktivistische Soziologie. Und tatsächlich: Die kreative Erfindung von ad-hoc-Hypothesen wäre ja auch hier nur erst die halbe Story. Es kommt dann darauf an, dass die Vermutungen in den abduktiven ad-hoc-Hypothesen auch wirklich zutreffen, dass es also »Beweise« für die vielleicht schon etwas arg waghalsig-kreative Theorie gibt – des Detektivs wie des Wissenschaftlers. Und dass die Beobachtungen, die man dann macht, eine nicht nur »konstruierte« Wirklichkeit repräsentieren.

Die Abduktion ist also nichts Geheimnisvolles und auch nichts, was es nicht auch im Repertoire der analytisch-empirischen Soziologie gäbe. Formal handelt es sich um eine spezielle Anwendung der HO-Erklärung, der so heruntergeputzten: Man hat ein Explanandum und eine Theorie, aber die Erklärung stimmt offenbar nicht und nun sucht man nach Umständen, nach (Rand-)Bedingungen, warum es empirisch nicht funktioniert: Fragen falsch gestellt? Ein übersehenes Motiv? Nicht richtig spezifiziertes statistisches Modell? Falsche Theorie sogar? In die Vergangenheit gewendet heißt die Abduktion auch Retrodiktion: Was wäre, wenn? Historiker verwenden sie gerne wie Detektive, in der Tat, um durchzuspielen, was hätte sonst noch sein können, um ein (rätselhaftes) Ereignis zu erklären – um dann gezielt auf die Quellensuche zu gehen. Etwa eine vielleicht übersehene Konkubine eines Kurfürsten, der einen situationslogisch eigentlich klar angesagten Krieg doch nicht geführt hat, weil jemand ihm das, nach allem, was man bis dahin vermuten kann, ausgeredet haben müsste. Aber dazu muss man erst einmal eine Theorie und eine deduktive Erklärung für den nicht erklärten Krieg haben, etwa eine, die die Logik der Situation des Kurfürsten rekonstruiert und zusammen mit einer Theorie des situationsgerechten Handelns befindet, dass er den Krieg hätte erklären sollen, weil es viele »gute Gründe« dafür gab. Und es müsste sich dann bestätigen lassen, dass die kreative ad-hoc-Vermutung mit der Konkubine auch wirklich stimmt. Alleine für sich läuft die Abduktion – kreativ – ins Leere und wenn man die vermutete Bedingung wieder und wieder nicht findet, wird die Luft immer dünner für entsprechende Theorie und Erklärung.

So ähnlich liest sich das auch in Lehrbüchern für Fallrekonstruktionen: in der kreativ-konstruktivistischen Soziologie bzw. der – mehr oder weniger – »objektiven« Hermeneutik der interpretativen Verfahren. Und es ist auch ein Grundwerkzeug der Theorieentwicklung in der analytisch-empirischen Soziologie.

Einen besonders sichtbar gewordenen, systematischen Platz hat die Abduktion, ohne dass es so genannt wurde, in der analytisch-empirischen Soziologie im Konzept des »raffinierten« Falsifikationismus bzw. der Entwicklung von Forschungsprogrammen bei Imre Lakatos gefunden: Die kreative Suche nach Erklärungen, wenn etwas schiefgeht, mit der möglichen Folge, dass sich Theorien progressiv oder degenerativ entwickeln, je nachdem ob sich die diversen ad-hoc-Hypothesen zur Rettung einer eigentlich schon falsifizierten Theorie als haltbar erweisen oder nicht. Und man fragt sich schon: Wieso ist niemand in der kreativ-konstruktivistischen Soziologie bisher darauf gekommen? Und warum macht man ein derartiges Theater darum, sodass es sogar ganze Lehrbücher zur Abduktion und ständig neue turns dazu geben muss, die den Eindruck hinterlassen als lägen Welten zwischen ihr und der analytisch-empirischen Soziologie mit dem Hempel-Oppenheim-Schema?

 

4 Reduktion

 

Die Sache geht noch weiter. Die nach abduktiven Versuchen gelungene Erklärung von Fehlschlägen etablierter Theorien und deren Integration in ein übergreifendes Konzept gehören eigentlich zu den ganz großen Zielen der (analytisch-empirischen) Wissenschaften insgesamt. Es bedeutet das Finden einer sog. korrigierenden Erklärung für disparate Theorien und ganze, scheinbar sich ausschließender Paradigmen gar. Korrigierende Erklärungen bestehen aus einem übergreifendem Modell, das für verschiedene konkurrierende Theorien mit ihren jeweils eigenen Lösungen und Anomalien angeben kann, unter welchen Bedingungen die eine oder die andere Theorie zutrifft, sodass es, im Idealfall, insgesamt keine blinden Flecke mehr gibt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Geltungsbereich der erfolgreichen Erklärungen wird enorm ausgeweitet und man weiß, warum es die Fehlschläge gab – mit allen Folgen auch für die Verwendbarkeit und Alltagstauglichkeit. Im Auftaktbeitrag war das für das Modell der Frame-Selektion gezeigt worden. Jenes integriert nicht nur die Rational-Choice-Theorie und die Theorie der Symbolischen Interaktion zu einem Konzept, sondern erklärt auch, was wir in der Tat beobachten können: Dass es bei den gleichen Personen manchmal ganz rational, bedacht und den Axiomen der Rational-Choice-Theorie entsprechend zugeht, manchmal aber auch – von Symbolen, Kommunikationen, Gesten und Handlungen als Zeichen gesteuert – ganz anders. Und dass man damit eine einheitliche Theorie hätte, die das Handeln in der Moderne wie in Stammesgesellschaften oder in der Eifel wie in Düsseldorf ebenso er- fassen kann wie den Wechsel von Dr. Jekyll zu Mister Hyde bei der gleichen Person von einer Sekunde auf die andere, je nachdem welches, auch sehr subtile, signifikante Symbol sich gerade gezeigt hat und auf welches inhaltliche Detail einer bestimmten Kultur die Praxeologie des Alltags passt. Etwa die zerdrückte Zahnpastatube, die eigentlich materiell vollkommen unbedeutend wäre, aber plötzlich und unwiderstehlich anzeigt, dass es nun wirklich reicht und man besser gehen sollte.

Die Entwicklung derartiger übergreifender Modelle der korrigierenden Erklärung über die Integration von Theorien, die sich vorher zu widersprechen schienen, wird in der (analytischen) Wissenschaftstheorie als Reduktion bezeichnet: Die »Zurückführung« von verschiedenen speziellen Theorien auf eine allgemeinere, die nicht nur die Anomalien beseitigt, sondern auch erklärt, warum die speziellen Theorien manchmal funktionieren und manchmal eben nicht.

Korrigierende Erklärungen lösen also ein Problem, das gerade die Sozialwissenschaften und dann die Soziologie noch einmal ganz besonders plagt, wie man ja an dieser Debatte hier sieht: Jeder Ansatz hat seinen eigenen »homo«, den homo sociologicus, den homo oeconomicus, den homo culturalis zum Beispiel, der für bestimmte Umstände auch seine gute theoretische Funktion hat und empirisch zum Vorschein kommt, aber für andere eben nicht. Abgesehen von einer ganz allgemeinen Idee der »Einheit der Gesellschaftswissenschaften« als Zielsetzung, die man nicht unbedingt teilen muss, wäre die Integration der verschiedenen Menschenmodelle in eines allerdings allein schon deshalb eine mehr als angesagte Orientierung, als davon auszugehen ist, dass es in der »Realität« ja nur einen »homo« geben dürfte, zu dem zwar jeder Ansatz etwas zu sagen hätte, der sich aber als real existierendes bio-neuro-psycho-anthropologisches Wesen nicht schon damit in seiner empirischen conditio humana verändert, dass die Paradigmen und ihre Menschenmodelle immer nur ein Stück davon hervorheben und mit dieser Einseitigkeit ihre Spezialtheorien konstruieren.

Reduktionen sind also nachgerade das Gegenteil von Engführungen: Sie öffnen den Bereich der erfolgreichen Erklärungen. Es ist kein Schrumpfen, wie sich das mancher wohl so denkt, und es ist auch nichts, was mit dem autonomen Subjekt, einer einfachen Aggregatsoziologie oder zwergenhaft-dumpfen Sozialstatistik zu tun hätte. Ganz im Gegenteil, wie man sieht. »Reduktion« in diesem Sinne wäre also eigentlich eine Lobpreisung.

Übersehen wird bei der Abqualifikation der Reduktion auch, dass die in der kreativ- konstruktivistischen Soziologie so hoch gejazzte Abduktion genau das Verfahren ist, das am Anfang und im Kern der Entwicklung hin zu einer korrigierenden Erklärung steht: Woran könnte es denn liegen, dass es manchmal nicht so ist wie erwartet und manchmal eben doch? Denn man muss schon sehr einfallsreich sein in der Suche nach Möglichkeiten, wie man die Theorieintegration hinbekommt und zwar so, dass sie sich dann auch in eigenen Tests bewährt und nicht nur eine zwar kreative, aber auch reichlich fixe Idee war. Meist ist der Weg zu einer solchen integrierenden, gehaltserweiternden Reduktion freilich ein langer Prozess, der oft auch nicht zum Ziel führt und meist früh schon stecken bleibt. Die Dual-Process-Theorien der kognitiven Sozialpsychologie waren ein Fall, wo es gelungen ist, am klarsten im MODE-Modell nach Fazio. Ihre Entwicklung dauerte Jahrzehnte und sie lösten u.a. den Dualismus zwischen den behavioristischen S-R und den mentalistischen S-O-R-Theorien der Sozialpsychologie und darüber auch das sog. Attitude-Behavior-Problem. Das Modell von Fazio integrierte etwa die Einstellungstheorie – nach Allport eine Einheit von Affekt, Kognition und Verhalten, spontan und unreflektiert ausgelöst durch einen (symbolischen) Stimulus – und die Theorie des geplanten Verhaltens nach Ajzen und Fishbein, die eine verkappte Form der Rational-Choice-Theorie war, wonach sich die Menschen mit einer bestimmten Einstellung – unter Umständen! – noch einmal überlegen, was sie tun sollen. Etwa ein Hotelbesitzer, der eigentlich etwas gegen Asiaten hat, einem chinesischen Ehepaar aber das Hotelzimmer doch vermietet, weil es so nett ist, perfekt die Landessprache spricht und man das Geld schon brauchen könnte. Alfred Schütz hat seine Theorie des Alltagshandelns darauf aufgebaut und Harold Garfinkel die Bedeutung von störenden Umständen im sonst unbewussten Hintergrund bei der Unterbrechung von Routinen gezeigt. Der Sozialbehaviorist und auch eine der Großfiguren des interpretativen Paradigmas, George H. Mead, hatte eine solche Idee ebenfalls schon und hat sie sogar, in einer Frühform der transhumanen Soziologie offenkundig, im Vergleich zu einem Hund angewandt, der vor einem etwas ungewohnt breiten Graben steht, zögert und in gewisser Weise sogar vielleicht überlegt: soll ich oder soll ich nicht? Und dann springt oder nicht. Der Mensch macht es ganz ähnlich: Stutzen, anhalten, überlegen, aber er imaginiert, weil bei ihm mit seinem ganzen »Geist« die möglichen Reflexionsschleifen der Deliberation aus physiologischen Gründen länger sein können, die Folgen ausführlicher. Es sei denn, ihm fehlt die Gelegenheit dazu, vielleicht weil ein Jungbulle hinter ihm her ist. Dann geht es wie beim Hund – kurzes Zögern, dann hinüber. Vielleicht auch in den Graben hinein. Oder abdrehen und – panisch – eine andere Stelle suchen (Mead 1973, S. 164). Aber es gibt auch Beispiele in der Soziologie, etwa die Reduktion verschiedener Theorien des abweichenden Verhaltens auf eine übergreifende Erklärung durch die Theorie des rationalen Handelns: Anomie-Theorie, Opportunitäten-Theorie und Subkultur-Theorie etwa, alle erklären die Abweichung von Normen über bestimmte Kombinationen von Motiv, Erfolgserwartung und Gelegenheit, die Grundlage auch jeder Detektivarbeit, bezogen auf jeweils unterschiedliche soziale (Rand-)Bedingungen und Logiken der Situation. Das war schon was! Da gerade aber ist dann auch noch ein für die zunächst so universell scheinende Rational-Choice-Theorie sehr lästiger Rest geblieben: Der Labeling-Approach aus der interaktionistischen Devianztheorie, wonach sich abweichendes Verhalten auch aus Zuschreibungsprozessen der »Definition« von Abweichungen und der Übernahme in die eigene Identität ergeben kann. Und jetzt darf man dreimal raten, wie man das auch noch unter ein gemeinsames Dach der Erklärung nach den Grundsätzen der analytisch-empirischen Soziologie bekommen könnte.

 

5 Rekursivität und Reflexivität

 

Ein durchgängig erkennbarer Hintergrund für den Vorhalt der Engführung ist das Stereotyp, dass die analytisch-empirische Soziologie nur als standardisierte Sozialforschung von der soziologischen Tiefenschärfe etwa des Politbarometers möglich sei, Meinungsforschung also bloß nach Art der Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim etwa. Die Komplexitäten des sozialen Geschehens seien damit in keiner Weise zu erfassen, so heißt es, vor allem auch weil damit die Rückbezüglichkeiten der Soziologie auf ihren Gegenstand, die Gesellschaft und ihre Diskurse weder erfasst, noch reflektiert werden könnten.

Um zwei Aspekte insbesondere scheint es dabei zu gehen: Die Rückwirkungen soziologischer Analysen auf die im Gegenstand geführten Diskurse und darüber auf die Strukturen der Gesellschaft selbst sowie deren Einflüsse auch wieder auf die soziologischen Analysen selbst, gerade auch bei der Konstruktion der Daten, auf die sich die empirischen Befunde stützen. Im Fall des Politbarometers also ungefähr so: Das Absinken einer Partei bei der Sonntagsfrage verändert die Wahrnehmung der Wahlchancen bei Teilen des Elektorats und führt – unter Umständen – zu einem weiteren Absinken in den Umfragen, was es ohne das ZDF und die Forschungsgruppe Wahlen nicht gegeben hätte. Und dann kann es zu überraschenden Abweichungen später bei den wirklichen Wahlen kommen, die es erst durch das Politbarometer geben konnte. Was dann ggf. wieder in den politischen Diskursen zu Fragen führt, ob man Wahlprognosen nicht besser lassen sollen müsse. Und so weiter.

Solche Rückbezüglichkeiten gibt es ohne Zweifel keineswegs nur in den Sozialwissenschaften und rasch ist auch der Verweis auf die Heisenberg’schen Unschärferelation bei der Hand – manchmal von Autoren, die ein Summenzeichen nicht lesen können –, wonach nämlich einer Materiewelle nie gleichzeitig ein Ort und ein Impuls mit beliebiger Genauigkeit zugeordnet werden kann: Jede Steigerung der Genauigkeit bei der Ortsbestimmung eines Teilchens geht zu Lasten der Genauigkeit der Impulsbestimmung und umgekehrt, dass sich also Messung und Gegenstand gegenseitig beeinflussen. Für unseren Fall der Rekursivität von Soziologie und Gesellschaft also etwa so: Wie und worüber hat Habermas mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns die (westdeutsche) Gesellschaft verändert? Und was hatte das für einen Einfluss auf Habermas und seine Arbeiten, die Rezeption seiner Theorie in der Soziologie und die dadurch ausgelösten gesellschaftlichen Diskurse? Man könnte statt Habermas auch Precht oder Bude nehmen, um anzudeuten, dass vielleicht nicht jedes Buch zu soziologischen Fragen gesellschaftlich die gleiche Wirkung wie Habermas haben könnte. Und statt Wahlprognosen wären etwa Lebensstilanalysen zu nennen, die womöglich die Milieus erst schaffen, wie sie mit hübsch zu lesenden Einzelfallbeschreibungen in die Welt gesetzt wurden, sich aber womöglich erst einmal nur auf Kleinstumwelten oder gar Fantasien beschränkt haben – etwa von Studierenden in Forschungsseminaren der kreativ-konstruktivistischen Soziologie – und anschließend den Weg in das Feuilleton einer überregionalen Tageszeitung gefunden haben, die es nach einem Aneignungsprozess der Rezipienten nun jedoch wirklich gibt.

Solche Rekursivitäten von Theorie, Messung und Objekt bilden, wie auch immer schon auch für die Naturwissenschaften, gewiss eine große Herausforderung und ein Problem, und zwar für jede Art der soziologischen Theorie und Empirie. Einfache Antworten gibt es in keinem Fall, zumal angesichts der Möglichkeit eines unendlichen Regresses der immer weiter getriebenen Rekursivität auch der reflexiven Reaktionen wieder auf die Rekursivität und so weiter.

Aber wieso sollte die analytisch-empirische Soziologie hier nichts zu sagen haben? Und sei es auch nur: Ja, stimmt, wenigstens im Prinzip, muss man beachten, ist aber normalerweise eigentlich kein sonderliches Problem bzw. eines, das sich kaum wirklich systematisch untersuchen lässt, was allein schon eher zur Vorsicht rät – statt den Mund zu voll nehmen. Für den Fall der Rückbezüglichkeit von Soziologie und Gesellschaft wäre etwa zu fragen: Wer hat eigentlich Habermas gelesen, verstanden, in die eigenen Handlungsmaximen übernommen? Und dann auch etwas danach gemacht, was die Gesellschaft verändert hat? Willy Brandt vielleicht? Und deshalb auch seine Politik der Öffnung nach innen und nach außen? Man weiß es nicht, aber es ist auch nicht ausgeschlossen.

Oder Helmut Schmidt danach? Der hat Popper verehrt, das weiß man. Folgt daraus aber wirklich, dass sich deshalb die Politik nach Brandt geändert hat – mit Helmut Kohl schließlich als Ergebnis, der wohl schon dieses oder jenes hat lesen und verstehen können, aber sicher keine Soziologie? Und was (an Soziologie) liest Angela Merkel? Oder Sarrazin, Gauland oder Höcke? Oder: Wäre das, was womöglich mit Habermas geschehen ist, nicht vielleicht auch ohnehin eingetreten, etwa weil die Kraft des (Spät-)Kapitalismus strukturell so stark ist, dass sich ihr niemand entziehen kann, auch wenn man es mit aller Macht des gesellschaftlichen Diskurses möchte? Und schließlich auch: Wie könnte man das alles theoretisch modellieren und empirisch untersuchen, wenigstens ansatzweise, etwa indem man Gesellschaften mit ähnlicher Struktur vergleicht, in denen es aber keinen vergleichbaren Diskurs gegeben hat: die Niederlande vielleicht oder auch Schweden. Aber wie soll man dann die Unterschiede zwischen den Ländern kontrollieren, wenn es nur drei Fälle sind, die so ganz gleich auch wieder nicht sind? Für den Fall der Rekursivität von sozialwissenschaftlichen Daten und gesellschaftlich verbreiteten Normen und Referenzpunkten der sozialen Erwünschtheit wäre es ganz analog: Wie kann man die Vorgänge theoretisch und empirisch erfassen, etwa im Sinne der sog. Schweigespirale oder einer Theorie des Befragtenverhaltens, in den Reaktionen etwa die soziale Erwünschtheit von Antworten in die betreffenden Instrumententheorien der Befragung einzubauen und bei der Korrektur der Schätzungen und der Dateninterpretation zu berücksichtigen?

Man sieht gleich: Schwierig, sehr schwierig! Die Rekursivität und Reflexivität muss sicher immer mit bedacht werden. Aber mit welchen praktischen Folgen für die konkrete Arbeit? Und wirklich an jedem normalwissenschaftlichen Tag?

Für den Fall der Gesellschaftsanalysen scheint es eigentlich gar nicht möglich zu sein und alles bleibt notgedrungen wohl Spekulation – interessant und für andere Dinge auch fruchtbar, vielleicht. Aber dabei will und soll die Soziologie es ja nicht belassen. Und dann aber auch noch: Wie das mit den Mitteln der kreativ-konstruktivistischen Soziologie gehen könnte und woher sie die Selbstgewissheit nimmt, dass sie diese Probleme lösen könne, andere aber nicht, würde man auch gerne noch erfahren. Einfach zu sagen, wir sind doch programmatisch die Soziologie der Offenheit und Reflexion, wäre gewiss keine Antwort, mit der man weiterkommen könnte. Das Benennen eines Problems und die Äußerung eines Anspruchs sind noch keine Lösung. Hochstapelei auch nicht. Und so weit zu sehen ist, gibt es solche Analysen auch allenfalls als jene, inzwischen zahllosen Spekulationen und Gesellschaftsanalysen, die sich – uneingestanden notgedrungen meist – an die Engführungen nicht halten, die die analytisch-empirische Soziologie dafür einfordern würde, wenngleich angesichts der Komplikationen auch mit einer gewissen Nachsicht. Nur eines aber kann man verlangen: Dass dann wenigstens die einzelnen empirischen Behauptungen stimmen, auf die man sich stützt, etwa über die Wirkung der von der Soziologie erzeugten Narrative über die Beschleunigungsgesellschaft auf die Erzeugung derselben. Und die Kriterien der Präzision, Überprüfbarkeit und Bewährung nicht als unangemessene Engführung denunziert.

Für den Fall der Rekursivitäten bei der Datenkonstruktion ist es ohnehin anders. Hier gibt es seit Langem gerade in der analytisch-empirischen Soziologie eine gut ausgebaute Theorie und Methodologie der Erklärung und der technisch umgesetzten Kontrolle von »Fehlern« bei der Datenerhebung, etwa, wie gesagt, zum Befragtenverhalten, zu kognitiven Prozessen der Erinnerung, zur Korrektur von Einflüssen etwa der sozialen Erwünschtheit oder zu Ausfällen durch Verweigerung oder Nichterreichbarkeit und der Ersetzung von fehlenden Fällen. Das ist alles andere als eine naive, unreflektierte positivistische Engführung: Alles beruht auf der zentralen wissenschaftstheoretischen Einsicht aus längeren Debatten über das Verhältnis von Dispositionsbegriffen und empirischen Indikatoren, die – analog wenigstens zur Unschärferelation – darin besteht, dass Messung, Theorie und die Verbindung zwischen theoretischen Konstrukten und empiri- schen Referenzen, zwischen theoretischer und empirischer Sprache, über die sog. auxiliary assumptions immer eine letztlich unauflösliche Einheit bilden, die nur insgesamt empirisch getestet werden kann. Aber dazu muss man die Aspekte von Theorie, Indikatoren und Korrespondenzregeln erst einmal analytisch trennen und theoretisch vorhersagen, was man denn empirisch für diese Kombination insgesamt erwartet. Und das heißt: Explizit machen, festlegen, prüfen.

Der Vorhalt der Engführung auf eine Art positivistischem Sensualismus ist daher eine besonders unverständliche Anlastung: Bei dem iterativen Verfahren der Theorieentwicklung des verfeinerten Kritischen Rationalismus bzw. dann auch der analytisch-empirischen Soziologie sind die Beachtung einer unauflöslichen Kombination von Theorie, empirischen Indikatoren und deren Verbindung über vorläufig gesetzte Konventionen zentrale Annahmen. Sie verbieten jede Art des frohgemuten Positivismus, auch jenen, wonach man einfach nur offen und unvoreingenommen die Phänomene wahrnehmen und kommunikativ konstruieren könnte und wo sich die Reflexion über die Grundlagen der Datenkonstruktion darin erschöpft, dass man darüber noch mal nachgedacht und kommuniziert hat. Und sie verbieten damit aber erst recht auch den in der Tat gottverbotenen simplen Empirismus einer standardisierten Variablen-Soziologie, die meint, dass die empirischen Indikatoren in den vielen Datensätzen der gesellschaftlichen Dauerbeobachtung schon allein für sich und kontextfrei etwas von Bedeutung seien, ohne zu beachten, dass »Bedeutungen«, etwa von Fragen im Interview, eben nicht fixiert sind und sich für immer in Skalenhandbüchern oder dergleichen kanonisieren ließen, sondern sich historisch verändern und je nach »Definition der Situation« etwas ganz Anderes anzeigen können. Mit den Grundsätzen der analytisch-empirischen Soziologie hätte eine solche positivistische Engführung jedenfalls auch nichts zu tun.

 

6 Wertung und Verwertung

 

Rekursivität und Reflexivität gibt es also wohl, aber sie sind schwer zu bearbeiten. Gerade hier wären die Vorgaben der analytisch-empirischen Soziologie von Nutzen: Als Bremse wenigstens für allzu lockere Spekulationen, die dann in den Feuilletons und Diskursen erscheinen und das öffentliche Bild von der Soziologie als entbehrliches »Laberfach« bestärken mögen. Oder aber gar als eine Angelegenheit, der man wissenschaftlich nicht viel zutraut, auch weil sie sich nicht als das präsentiert, was sie eigentlich sein sollte: Eine neutrale, verlässliche und auch eher zurückhaltende Stimme, die nicht danach urteilt, wer was wie politisch ansteuert oder für korrekt hält und was nicht.

Dazu gibt es Beispiele genug. Eines davon ist einmal ganz präsent gewesen, dann etwas in Vergessenheit geraten, scheint aber neuerdings wieder aufgelebt zu sein. Es verbindet, interessant genug, die Rekursivität von Gesellschaft und soziologischer Methodologie und geht so: Im Positivismusstreit von 1968 hatte der noch recht junge Habermas einen Kernpunkt des Kritischen Rationalismus in dessen Kritik am Positivismus aufgegriffen, nämlich wonach alle empirischen Daten das Ergebnis von Konventionen der Wissenschaftler über die Geltung der sog. Basisätze seien, den Übereinkünften also, dass man einen bestimmten empirischen Indikator als Grundlage für die Bestätigung oder Widerlegung einer Theorie nehmen könne. Wir waren oben schon darauf gekommen. Der Hinweis stammte von Karl R. Popper selbst und war, was Habermas wohl nicht ge- merkt hatte, gerade gegen einen naiven Sensualismus bzw. Induktivismus vorgebracht worden: Es gebe wie bei den Theorien auch bei den Beobachtungen und den Aussagesätzen über diese, bei den Basissätzen also, keinerlei Sicherheit, anders als das der – wirklich positivistische – Positivismus angenommen hatte. Alle Beobachtungen seien vielmehr »theoriegetränkt« und die Geltung der entsprechenden Beschlüsse und Aussagen immer nur vorläufig.

Daraus wurde dann – reflexiv und rekursiv – der Schluss gezogen, dass sich »hinter dem Rücken« jenes »Positivismus« schließlich doch nur die Verwertungslogik des (Spät-) Kapitalismus durchsetzen könne. Dass also im Verblendungszusammenhang des Kritischen Rationalismus nur das als wahr gelten könne, was, aus heutiger Sicht etwas aktualisiert, dem Neoliberalismus, der Globalisierung und dem Vordringen des rationalen Egoismus nutzt. Und dass es daher keine Wertfreiheit der Sozialwissenschaften geben könne, also die Vorstellung, wonach die Wünschbarkeit von Theorien und Befunden über die analytische Stimmigkeit und empirische Belegbarkeit nichts besagt und dass man sich daher zu bemühen habe, dass nicht, unbemerkt oder nicht, mehr oder weniger versteckte Wertungen in die Analysen und Befunde einfließen. Etwa bei Gutachten zum Klimawandel für die rheinische Braunkohleindustrie oder zur Zukunft des Gymnasiums für den Philologenverband. Das hieße auf den aktuellen Fall bezogen, dass die analytisch-empirische Methodologie unvermeidlich zutiefst parteiisch sei – gerade auch mit ihrer Forderung nach der Kontrolle von Wertungen in den wissenschaftlichen Aussagen über Präzision, Überprüfbarkeit und empirischer Bewährung: Unter dem Anspruch der Wertfreiheit werde nur das Geschäft der Verwertungsgesellschaft des Spätkapitalismus und der technokratischen Rationalität betrieben.

Eine interessante Hypothese gewiss. Sie würde besagen, dass man zur Wahrheit nur durchdringen könne, wenn Neoliberalismus, Globalisierung und rationaler Egoismus beseitigt seien – und dass dem die analytisch-empirische Soziologie entgegenstehe. Bis dahin wäre es ein weiter Weg. Was also dann? Vielleicht erst Folgendes einmal: Weg mit den bürokratischen Evaluationen all überall, besonders den lästigen Rankings, zuerst dann auch in der Soziologie. Und Finger weg von den Anmutungen der Kontrolle der verwendeten Methoden und der publizierten Ergebnisse etwa in Replikationen, die es ja sowieso nicht geben könne, weil immer alles neu sei unter der Sonne, was man entsprechend nur mit einem Ansatz erfassen kann, der auch immer wieder neu anfängt, so als wäre nichts gewesen.

Dem würde die analytisch-empirische Soziologie zwei Fragen entgegenzusetzen haben. Die erste: Ja, schon möglich, aber stimmt das denn alles so mit dieser Vermutung einer Rekursivität von analytisch-empirischer Soziologie und neoliberal-bürokratischen Verwertungsinteressen? Die zweite: Sicher kann man seine Bedenken haben, ob die Rankings wirklich in der Lage sind, das standing des Fachs an verschiedenen Orten und Einrichtungen zu bewerten, und auch ob Replikationen oder gar Meta-Analysen, eine Art von Abstimmung über die Wahrheit und Wirklichkeit also, unbesehen etwas dazu sagen können, was wirklich der Fall ist. Aber muss man denn unbedingt jeden Ausstieg aus dem CHE-Ranking nahezu erleichtert und fast wie einen Triumpf bei der Ernteschlacht feiern und Replikationen für eine Angelegenheit allein einer nach Evidenzbasierung gierenden Bürokratie erklären? Man versteht so allmählich schon, warum man gewisse Engführungen nicht mag.

 

7 Wirklichkeit und Wahrheit

 

Mit Grounded Theory, Abduktion und der Betonung von Rekursivität und Reflexivität stellt die kreativ-konstruktivistische Soziologie den Aspekt der Offenheit, der Fantasie und der Loslösung von vorgefassten Vorstellungen und einfach-unilinearen Kausalvorstellungen in den Mittelpunkt. Bei Lakatos und der Idee von u.U. auch degenerativen Problemverschiebung kommt die mit der Abduktion verbundene Systematik hinzu, die das freie Spiel der Fanatasie wieder einfängt: Stimmt das eigentlich, was ich mir da ausgedacht habe, wenn meine schon etwas stärker gesättigten Erwartungen jetzt auf einmal doch nicht eingetroffen sind? Spätestens hier sind wir bei dem anderen Aspekt der kreativ-konstruktivistischen Soziologie: Gibt es eine »objektive« Wirklichkeit, die sich auch gegen die Konstruktionen der Theorien sträuben kann? Und folglich: Können – empirische wie theoretische – Aussagen einer »Wahrheit« entsprechen oder näherkommen, selbst wenn man weiß, dass man nie sicher wissen kann, ob das der Fall ist? Oder sind das alles ganz und gar sinnlose und längst überholte Vorstellungen und Engführungen, die nur zeigen, dass man die letzten turns des Kreativ-Konstruktivismus noch nicht so alle mitbekommen hat?

In der analytisch-empirischen Soziologie mit ihrem Hintergrund im Kritischen Rationalismus wird das mit Karl R. Popper und seiner Kritik am empiristischen Positivismus und an der Vorstellung von unvoreingenommenen, objektiv richtigen Beobachtungen eigentlich ganz unaufgeregt folgendermaßen gesehen: Alle Beobachtungen seien, wie oben schon erwähnt, über mehr oder weniger explizit gemachte theoretische Annahmen gesteuert und es gebe keine voraussetzungsfreie Wahrnehmung. Allein schon, dass die Basissätze, über die die empirischen Tests vollzogen werden, Konventionen seien, verbiete den naiven Positivismus der Selbstevidenz empirischer Befunde. Und gerade deshalb müsse man die theoretischen Annahmen immer offen auf den Tisch legen, schon damit jeder sehen kann, was angenommen und erwartet wird. Und nie wisse man, was wirklich der Fall ist. Man könne die Annahme, dass es eine objektive Wirklichkeit wirklich gebe oder nicht, weder beweisen noch widerlegen. Aber es wäre psychologisch schon hilfreicher, als Wissenschaftler wie als Privatperson, doch eine wirkliche Wirklichkeit anzunehmen, auch wenn man nichts begründen oder beweisen könne, weil man sonst ja kaum erklären könne, sich selbst und anderen, was man da tue mit der doch schon sehr asketischen Bemühung um das rechte Verhältnis von Theorie und Empirie. In der Debatte um den Radikalen Konstruktivismus vergangener Tage ist das alles schon einmal durchdekliniert worden und es gab eigentlich nur stille Rückzüge der freien Radikalen: Die Wirklichkeit zeige sich schon, meint man dann schließlich doch, aber erst im Ergebnis, dass etwas überlebt, warum auch immer. Reicht ja, würde man nach diesen langen Debatten sagen. Mehr kann man sowieso nicht verlangen.

Das gilt entsprechend für die Frage nach einer »objektiven« Wahrheit: Nichts, sagt die analytisch-empirische Soziologie wieder im Einklang mit dem Kritischen Rationalismus, kann wirklich als »wahr« oder »falsch« begründet werden, alle unsere Beobachtungen, Beschreibungen, Hypothesen, Aussagesätze, Theorien und Erklärungen stehen auf schwankendem Boden und wir können allenfalls hoffen oder uns einbilden, der Wahrheit mit unserem wissenschaftlichen, analytisch-empirischen Tun etwas näher zu kommen. Aber solange es keinen spürbaren Widerstand gegen riskante Hypothesen in möglichst strengen Tests nach viel theoretischer Reflexion und auch technischer Vorbereitung und Kontrolle gibt: Warum sollte man nicht annehmen dürfen, dass etwas dran ist an den Theorien, die so offensichtlich nicht scheitern? Mehr jedenfalls als dort, wo entweder manche oder gar jede Hypothese schiefgeht und sie nur über viel an abduktiver Fantasie und ad-hoc-Annahmen zu retten wäre. Oder wo alles ohnehin immer schon stimmt, weil man sich nicht festgelegt hat, unter anderem, um offen zu bleiben und um alles zuzulassen, weil man das für die methodologische Haupttugend der Soziologie hält, der kreativ-konstruktivistischen.

Das klingt eigentlich doch ganz naheliegend, reflektiert und selbstkritisch und man versteht kaum, warum in den Fremdstereotypen des Kritischen Rationalismus, entsprechend auch denen für die analytisch-empirischen Soziologie, dafür in manchen kreativ-konstruktivistischen Varianten die Vorstellung einer selbstgewissen Sicherheit und gottvertrauenden Bequemlichkeit zelebriert wird. Es hat wohl damit zu tun, dass die Rede von der »gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit« zwei sehr verschiedene Bezüge hat, wir haben das im ersten Beitrag auch schon erwähnt. Einmal: Alles Soziale ist natürlich »konstruiert«, als (oft: unintendiertes) Ergebnis des Handelns und Interagierens der menschlichen Akteure mit ihren subjektiven Vorstellungen. Aber diese Konst- ruktionen bilden dann eine objektive Wirklichkeit, die man im Prinzip und im Rahmen der Vorsichtsregeln aller wissenschaftlichen Erkenntnisse auch valide beschreiben und erklären kann. Über diesen »Konstruktivismus« (á la Berger & Luckmann) gibt es keinerlei Dissens. Die Auffassungen scheinen vielmehr bei anderen Aspekten des Verhältnisses von Theorie und Empirie auseinander zu gehen. Etwa: Nur die kreativ-konstruktivistische Soziologie sei in der Lage, die Komplexitäten der (modernen) Welt und der Daten- produktion im sozialen Feld zu sehen und zu bewältigen. Das deduktiv-nomologische Modell setze die Fixierung auf als objektiv wahr nachgewiesene Zusammenhänge voraus und sei nicht in der Lage, kreativ und offen komplexe und besonders neue Gesichtspunkte und Vorgänge auch nur zu erkennen. Die damit vollzogene Forschung sei, so die Grundklage über die Grundlagen der analytisch-empirischen Soziologie, nichts weiter als eine buchhalterisch standardisierte Vermessung der sozialen Welt, eingezwängt in die Fesseln von nur formaler Präzision. Und manches mehr.

Dazu gäbe es viel zu sagen, auch über das hinaus, was oben schon dazu steht. Man kann es im Ergebnis so zusammenfassen: Was für ein Unfug! Was für eine Ignoranz! Was für eine Verzweiflung eigentlich! Aber man kann sich beruhigen: Auch, wenn die schrillen Stimmen manchmal lauter werden – so ist die kreativ-konstruktivistische Soziologie nur in ihren extremeren Varianten, die es freilich auch gibt, und manche Sektion und Arbeitsgruppe der DGS scheint sich dem in der Tat zunehmend verschreiben zu wollen. Es gibt die anderen Entwicklungen, gottlob, gerade auch in den neueren Bemühungen um eine Neujustierung der interpretativ-kultursoziologischen Ansätze wie sie, eher unabsichtlich wohl, Knoblauch (2017: 72ff.) in einer Art materieller Tieferlegung des Sinns über den Einbezug u.a. der vorsprachlich schon geprägten Gesten und der Körperlichkeit vorschlägt, damit die allein sprachlich-symbolischen Formen der Definition von Situationen auf auch biologisch vererbte und neuronal verdrahtete Vorgänge erweitert und so, sozusagen, das interpretative Paradigma vom (Kehl-)Kopf auf die Füße stellt. So kann man auch die zunächst etwas skurril anmutenden Vorstellungen einer transhumanen Soziologie sehen: Hin auch zu Nichthuman-Subjekten, wie Hund und Katze etwa, mit weniger an erhabenem »Geist« als ihn der homo sapiens sein Eigen nennen darf, aber gleichwohl doch oft überraschend viel an Intelligenz und Reflexionsfähigkeit, um etwa zu studieren, wie sich die Sozialität gestaltet und ändert in Mischformen einer variablen Rationalität, wie sie auch das humane Alltagsleben kennzeichnet. Oder wie sie in dem Band zum Verhältnis von Theorie und Empirie in der kulturwissenschaftlichen For- schung etwa im Beitrag von Christine Neubert zu den objektiven Barrieren der Architektur für die schöne bunte Kreativität nicht nur von Künstlern oder, besonders prägnant, in den sieben Thesen von Monika Wohlrab-Sahr erkennbar werden (Böcker et al. 2018: 35ff.). Der Weg erscheint gewiss noch weit. Aber man erkennt schon einigermaßen, wo es langgehen könnte. Und dass eigentlich, wenn man den Theaterdonner der aktuellen Vorgänge einmal überhört, vieles schon da ist, was man nur zusammenfügen müsste.

 

8 Praxistauglichkeit

 

Sobald man einmal wenigstens als Arbeitshypothese anerkannt hat, dass Wirklichkeit und Wahrheit vielleicht doch nicht nur auf Konventionen und Konstruktionen beruhen, wird klar: Man tut sich, der Sache und seinem Fach, nichts Gutes, wenn man alles zulässt und darin vielleicht sogar – als Alleinstellungsmerkmal womöglich – eine Tugend sieht. »Anything Goes« und ein »radikaler« Konstruktivismus sind aber selbst, nein: gerade in der Grounded Theory, der wohl in der kreativ-konstruktivistischen Soziologie am weitesten verbreiteten und auch kaum einmal umstrittenen theoretischen Grundlage, nicht vorgesehen. Natürlich ist hier alles erst mal auf Neuheit, Kreativität, abduktive Fantasie abgestellt, eine Art von asketischer Libertinage: Die schon etwas verbiesterte Forderung nach Offenheit, Vielfalt und Reflexion (und zwar mehr als gesund ist). Aber der (ameri- kanische) Pragmatismus, auf dem die Grounded Theory aufruht, hatte mit Charles S. Peirce einen ganz anderen Hintergrund, einen eigentlich kritisch-rationalen – horribile dictu: Die Verankerung der Wissenschaft in der Pragmatik des Alltags als Mittel zur Bewältigung ganz handgreiflicher praktischer Probleme. »Grounded« heißt ja wohl nicht ohne Grund wörtlich übersetzt: »geerdet«. Und deshalb kann es auch nicht verwundern, dass die Grounded Theory einen Begriff von Wirklichkeit und Wahrheit hat, der alles andere als nur kreativ-konstruktivistisch ist: Die »Praxistauglichkeit«, verstanden als Erklärung und Vorhersage von Ereignissen, die Verbesserung der Handlungsfähigkeit der Alltagsmenschen über die erfolgreiche Anwendung von wissenschaftlichen Theorien in der alltäglichen Praxis – und diese Praxis auch als eigener empirischer Test und Validierung der jeweils angenommenen Hypothesen.

Eine solche Praxistauglichkeit aber setzt was voraus? Genau: Präzision, Informationsgehalt, systematische empirische Bewährung, möglichst ausnahmslos und ohne »Reibungen«. So steht es jedenfalls in aktuellen Lehrbüchern zur Grounded Theory und zur kreativ-konstruktivistischen Soziologie insgesamt. Und genauso schon immer in denen der analytisch-empirischen Soziologie und den Konzepten des Kritischen Rationalismus von Karl R. Popper. Und das speziell in dessen »raffinierter« Differenzierung durch Imre Lakatos: Die durchaus kreative Suche nach Erklärungen, wenn etwas schiefgeht, mit der möglichen Folge, dass sich Theorien progressiv oder degenerativ entwickeln, je nachdem ob sich die diversen ad-hoc-Hypothesen zur Rettung einer schon falsifizierten Theorie als haltbar erweisen oder nicht.

Analytisch-empirischer Informationsgehalt und praxeologische Praxistauglichkeit könnten so gewiss auch Teile eines politischen Bezugs der analytisch-empirischen Soziologie sein, der in die erste Fassung der »Grundsätze« der »Akademie für Soziologie« noch etwas arg ungelenk und im Modus einer Mormonensekte so hineingeschrieben wurde: »Making the world a better place to live by strict analytical reasoning and solid empirical research«. Das ist in einer bestimmten Hinsicht auch nicht weit weg von dem, womit man mit dem frühen Habermas im Positivismusstreit und dem daran anknüpfenden Alt-68er-Konzept einer ganz offenbar auch parteiisch auszurichtenden »Aktionsforschung« oder heute mit einer auch politisch verstandenen »Public Sociology« genervt hat.

Politische Absichten, Wertungen und Parteilichkeiten ändern an der Sache selbst nichts, denn die Etikettierung einer Aussage als wahr oder falsch ist, das wollen wir doch noch einmal in Erinnerung rufen, unabhängig von der Frage, ob man das gerne so hätte oder nicht. Aber sie hindern auch nicht bei der Wahrheitssuche: Die vielen Verfahren der formalen und empirischen Prüfung und Kontrolle von Theorien und Befunden sind ja gerade dazu erfunden worden, die versteckten und offenen Werthaltungen möglichst transparent zu machen, insbesondere auch die Forderung nach Präzision und intersubjektiver Kontrolle. Also kann man das auch lassen mit der Parteilichkeit und den guten Vorsätzen der Weltverbesserung. Oder aber auch nicht, wenn es denn unbedingt sein muss. Denn helfen kann die Soziologie ohnehin nicht viel, wenn ihre Empfehlungen nicht präzise und wirksam sind.

Auf jeden Fall aber lässt sich festhalten, dass es eine gemeinsame »pragmatische« Grundlage der beiden Ansätze gibt, die nicht ohne die Vorstellung auskommt, dass sich die Verhältnisse nicht allen Konstruktionen, Fiktionen und kreativen Fantasien fügen und dass es manchmal Reibereien, Widerstände, »Falsifikationen« gar tatsächlich  gibt. »Atomkraft, nein danke!« hat wohl doch eine objektive Grundlage und die Gefahr von Altersarmut ist auch keine bloße Propaganda der Sozialverbände. Sollte man annehmen, wenn man das in seine Bücher schreibt und Konsequenzen gezogen haben will. Dann aber sollte man der Wissenschaft ihre Ergebnisse auch als – im Rahmen der Erkennbarkeit ganz allgemein, versteht sich – »wahr« abnehmen können. Denn wozu sollte man sie sonst gesellschaftlich unterstützen, die Wissenschaft, wenn auch die nur eine andere Art der Konstruktion von Wirklichkeit und Wahrheit und des Prozessierens der gesellschaftlichen Teilsysteme wäre?

                                                          ***

Vieles gäbe es noch zu sagen, keine Frage. Das hier aber sollte genügen, vorerst wenigstens: Es gibt keinen wirklichen Grund für die Vorhaltungen, die in der Diskussion gegenüber der analytisch-empirischen Soziologie gemacht worden sind, keinen inhaltlichen, nämlich dass Sinn, Kultur und Verstehen damit nicht erfassbar wären, und keinen epistemologisch-methodologischen der Engführung auf eine theoretisch blind-reduktionistische, empirisch naive standardisierte Sozialforschung. Die einzige Engführung, die verlangt wird, ist jene auf die Kriterien der Präzision, der empirischen Überprüfbarkeit und Bewährung oder Praxistauglichkeit von Anwendungen, wie sie in allen Wissenschaften gelten und wie sie, es sei wiederholt, von vielen, wenngleich gewiss auch nicht von allen Gründerpersonen gerade auch der verstehenden, interpretativen, interaktionistischen, phänomenologischen und pragmatistisch-praxeologischen Soziologie, auch im Kontakt nicht nur mit Grenzgängern aus Nachbarwissenschaften wie der Sozial-Anthropologie, der Ethnographie, der Ökonomie oder der (Sozial-)Psychologie, bei allen inhaltlichen Differenzen wie selbstverständlich vorausgesetzt, eingefordert und beachtet wurden. Vielleicht hilft es ja, dass man sich daran einmal etwas mehr zu erinnern vermöchte.

Damit das etwas leichter wird, hier noch jeweils zwei Zitate von zwei, man sollte denken, unbedenklichen Klassikern der Soziologie, einer der phänomenologisch-interpretativen, der andere der analytisch-erklärenden verpflichtet und jeweils anerkannt, Alfred Schütz und Raymond Boudon, letzterer gar als einer der Hauptvertreter der nicht erst in der Debatte jetzt ebenfalls stets so reflexartig angegangenen Rational-Choice-Theorie (bzw. des sog. Weber-Paradigmas) und Gründungspräsident der European Academy of Sociology, einer in ihren Grundsätzen ähnlich angelegten Vereinigung wie die Akademie für Soziologie. Eines der Zitate von Alfred Schütz, das dritte unten, hatten wir schon im ersten Beitrag (und die Aussage darin auch eingangs hier), und den Verweis auf Raymond Boudon und die European Academy of Sociology auch. Hier die Äußerungen dann alle zusammen: präzise und unmissverständlich.

Einerseits:

»Für eine Theorie der Handlung muss jedoch der subjektive Standpunkt mit aller Strenge erhalten bleiben, wenn anders eine solche Theorie ihre Begründung verlieren würde, vor allem muss der Bezug auf sie die subjektiven Vorstellungen der menschlichen Akteure erhalten bleiben. Die Sicherung dieses subjektiven Standpunktes ist die einzige genügende Garantie, dass die Welt der sozialen Wirklichkeit nicht durch eine fiktive, nicht existierende Welt ersetzt wird, die der wissenschaftliche Beobachter konstruiert.« (Schütz 1972: 9; Hervorhebungen HE)

»[…] hat der Soziologe es mit einer Kategorie von Phänomenen zu tun, die niemals im Beobachtungsfeld des Physikers oder Chemikers vorkommen. Seinem Wesen nach impliziert der Handlungsbegriff das fundamentale Phänomen der Empathie zwischen Beobachter und Beobachteten. Als Folge davon beinhaltet die Aufgabe des Soziologen immer eine interpretative Dimension, zu der die Naturwissenschaften kein Äquivalent aufbauen können.« (Boudon 1980: 181; Hervorhebungen HE)

Und andererseits:

»[…] dass jedes empirische Wissen Entdeckung in Prozessen kontrollierten Schließens impliziert, dass es in Aussagesätzen formulierbar und durch jeden verifizierbar sein muss«, sowie »[…] dass »Theorie« in allen Wissenschaften die explizite Formulierung bestimmter Beziehungen in einer Variablenmenge bedeutet, in deren Rahmen eine ausgedehnte Klasse empirisch bestimmter Regelmäßigkeiten erklärt werden kann.« (Schütz 1971, S. 59; Hervorhebungen HE)

»[…] die Existenz einer interpretativen Dimension steht keineswegs im Widerspruch zu der unbestreitbaren Tatsache, dass der Soziologe nur hoffen kann, seine Kollegen überzeugen zu können, wenn er sich Prinzipien der Beweisführung unterwirft, die analog zu den in den Naturwissenschaften geltenden sind.« (Boudon: 1980: 184; Hervorhebungen HE)

Noch Fragen?

Literatur

 

Böcker, Julia, Lena Dreier, Melanie Eulitz, Anna Frank, Maria Jakob, Alexander Leistner, (Hg.) (2018): Zum Verhältnis von Empirie und kultursoziologischer Theoriebildung. Stand und Perspektiven. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Boudon, Raymond, (1980): Die Logik des gesellschaftlichen Handelns. Eine Einführung in die soziologische Denk- und Arbeitsweise. Darmstadt/Neuwied: Luchterhand.

Knoblauch, Hubert (2017): Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit. Wiesbaden: Springer VS. Mead,  George  H.  (1973):  Geist,  Identität  und  Gesellschaft  aus  der  Sicht  des Sozialbehaviorismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Schütz, Alfred, (1971): »Begriffs- und Theoriebildung in den Sozialwissenschaften«. In: Ders.: Gesam- melte Aufsätze. Band 1: Das Problem der sozialen Wirklichkeit. Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 55-76. Schütz, Alfred, (1972): »Die soziale Welt und die Theorie der sozialen Handlung«. In: Ders.: Gesammelte

Aufsätze, Band 1: Das Problem der sozialen Wirklichkeit. Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 3-21.

Vorstand der DGS (2018): »Stellungnahme der DGS zur Gründung einer »Akademie für Soziologie««. Soziologie 47(3), S. 315-317.

 

Anschrift:

Prof. Dr. Hartmut Esser

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