„Gesellschaft“ oder „Soziales Leben“?

Renaissancen der Lebenssoziologie

Womit sich die Soziologie befasst und befassen sollte, ist in der Geschichte des Faches umstritten geblieben. Auf eine einhellig akzeptierte Definition ihres Gegenstandes wusste man sich bis auf den heutigen Tag nicht zu einigen. Noch die für Unruhe sorgende Gründung einer Akademie für Soziologie wirft ein Schlaglicht auf den augenscheinlich alles andere als selbstverständlichen Umstand, dass die Soziologie eine multiparadigmatische Disziplin ist. Sie spricht gewissermaßen mehrere Muttersprachen, was die fachinterne Kommunikation nicht immer erleichtert, um von der Verständigung mit Nachbardisziplinen oder der allgemeinen Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Doch müssen Streit, Zwist und Dissens an sich noch kein Nachteil sein. Vielmehr gibt es ernstzunehmende Wissenschaftstheoretiker und Philosophen, die überzeugt davon sind, die Fähigkeit zu Grundlagenkrisen sei ein verlässliches Indiz dafür, dass es sich bei Fächern, die von derartigen Erschütterungen betroffen sind, um wissenschaftliche Disziplinen handle. Und richtig genug, von Grundlagenkontroversen, in denen passionierter Streit stattfindet, wird etwa aus dem Feld zeitgenössischer Astrologie nicht berichtet.

Ob die Soziologie auf eine größere Krise zusteuert, weil ein alter Streit zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung neu entflammt ist, wird uns die Zukunft lehren. Dass er zu neuen und interessanten Einsichten führen könnte, ist im Augenblick eher unwahrscheinlich. Letztlich scheinen handfeste Interessen institutionalisierter Wissenschaft, also der gewünschte Zugriff auf Ressourcen welch attraktiver Art auch immer, eine größere Rolle zu spielen als besorgte Rückfragen an die nötige Qualitätssicherung wissenschaftlicher Analysen. Gewiss ist einstweilen nur, dass Auseinandersetzungen, die beginnen, indem die Antagonisten sich wechselseitig Sachkompetenz absprechen, in der Regel polemogene Potenziale freisetzen, die es in sich haben. Auch wenn Selbstzerfleischung hoffentlich ausgeschlossen werden darf, bleibt für den gegenwärtigen Zustand der deutschsprachigen Soziologie immerhin festzuhalten, dass sich Indifferenzen, die für friedliche Koexistenz zwischen konkurrierenden Paradigmen gesorgt hatten, offenbar herausgefordert finden.

Angesichts von Verunsicherungen dieses Typs könnte es nicht ganz ohne Belang sein, auf jüngere Aufbrüche in der Soziologie hinzuweisen, um den Charakter innerfachlicher Konfrontationen zu diversifizieren. Es wäre jedenfalls eine arge Verkürzung, anzunehmen, dass es nur die Kontroverse zwischen den „Quantis“ und „Qualis“ gäbe. Im Februar hatte „Soziopolis“ über die an der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltete Tagung „Lebensführung, Lebenskunst und Lebenssinn“ berichtet. Unter dem Eindruck der dort aufflammenden Diskussion um die Konsequenzen, die sich ergäben, sollte das Fach zukünftig nicht mehr „Gesellschaft“ beobachten, sondern „soziales Leben“, haben wir Robert Seyfert (Duisburg/Essen) gebeten, das Konzept einer Lebenssoziologie in den programmatischen Grundlinien vorzustellen. Seinem Aufschlag wird in der kommenden Woche ein weiterer Beitrag zum Thema von Heike Delitz (Bamberg/Bremen) folgen.

Nicht auszuschließen, dass sich nächste Stimmen und Zwischenrufe zu Wort melden werden. Darüber würde sich die Redaktion im Namen der prospektiven Leserinnen und Leser einer solchen Debatte freuen. - Die Red.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.