Glücklich ist, wer vergisst

Wie man mit einer multiparadigmatischen Disziplin umgeht, ohne zu verzweifeln

Wenn sich SoziologInnen auf etwas einigen können, dann darauf, dass sie unterschiedlicher Meinung sind. Es gehört zu den wenigen unbestrittenen soziologischen Fakten, dass es sich bei der Soziologie um eine multiparadigmatische Disziplin handelt.[1] Doch der Konsens über fehlenden Konsens ist dadurch erkauft, dass dieser Zustand innerhalb der Soziologie sehr unterschiedlich bewertet wird.

Als multiparadigmatisch ist die Struktur einer Disziplin bekanntermaßen dann zu bezeichnen, wenn fachliche Konflikte bis in die theoretischen und methodologischen Grundannahmen reichen und zur Herausbildung zeitlich, sachlich und sozial stabiler, jedoch wechselseitig inkompatibler Herangehensweisen führen.[2] Konflikte um Wahrheitsansprüche kommen zwar in allen wissenschaftlichen Disziplinen vor; sie sind Grundbaustein jeglicher wissenschaftlicher Kommunikation. Doch in multiparadigmatischen Disziplinen hat man es mit Konflikten unter besonders verschärften Bedingungen zu tun: der Existenz unvereinbarer wissenschaftlicher Bezugssysteme, die zudem in einem antagonistischen Verhältnis zueinander stehen. Man streitet also beispielsweise nicht nur um die Validität von Messergebnissen, sondern darum, ob die jeweils angewandte Methode überhaupt eine wissenschaftliche Methode ist; man streitet nicht nur um die Sachadäquatheit theoretischer Annahmen, sondern darum, ob der jeweiligen Theorie überhaupt ein legitimer Platz in der betreffenden Disziplin zusteht. Die Soziologie scheint ein Paradebeispiel einer solchen multiparadigmatischen Disziplin zu sein, was sich nicht zuletzt an zahlreichen institutionellen Spaltungen, wie vor kurzem der zwischen der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ und der neu gegründeten „Akademie für Soziologie“, ablesen lässt.[3]

Doch ist die soziologische ,Multiparadigmatase‘ überhaupt ein Problem? Viele SoziologInnen tendieren zu einer positiven Antwort. Schon für Thomas Kuhn war die Existenz mehrerer Paradigmen innerhalb ein- und desselben Faches eine pathologische Erscheinung.[4] Solche Disziplinen, so Kuhn, verhedderten sich in permanenten und letztlich unauflösbaren Grundsatzdebatten, was die Sedimentierung von Forschungsprogrammen in Richtung einer „normal science“ verunmögliche. Die Vorstellung einer multiparadigmatischen Disziplin ist aus dieser Perspektive nur ein Verlegenheitsbegriff, der ein strukturelles Defizit kaschieren soll. Eine Disziplin hat nämlich entweder ein und nur ein Paradigma, oder sie ist eben keine wissenschaftliche Disziplin, sondern allenfalls eine vorparadigmatische Diskussionsplattform. Die Gründung eigener Forschungsgesellschaften, innerhalb derer man sich zumindest in Grundsatzfragen nicht zu streiten braucht, scheint dann nur eine logische Konsequenz zu sein, wenn man als Disziplin an akademischer Reife gewinnen will.

Auf der anderen Seite schätzen viele SoziologInnen gerade die paradigmatische ,Buntheit‘ ihres Faches. Trotz deutlich erkennbarer Themen-, Theorie- und Methodenkonjunkturen konnte sich in der Soziologie bislang kein Paradigma als absolut dominanter Mainstream durchsetzen. AnhängerInnen einer pluralistischen Wissenschaftsauffassung sehen dies gerade nicht als Defizit, sondern als Ausweis einer Diskurskultur, die glücklicherweise eher einer parlamentarischen Demokratie ähnle als einem Einparteiensystem. In der Soziologie sei Platz für sehr unterschiedliche Positionen und nicht selten wird die positive Bewertung dieses Umstandes damit begründet, dass es innerhalb der modernen Gesellschaft keine privilegierte Beobachterposition auf diese Gesellschaft geben kann und die Soziologie in ihrer multiparadigmatischen Struktur lediglich die Struktur ihres Gegenstandbereiches adäquat widerspiegele.

Unabhängig davon, wie man diesen Zustand bewertet, schafft die multiparadigmatische Struktur der Soziologie für die alltägliche Forschungspraxis Probleme, die irgendwie gelöst oder zumindest für den praktischen Vollzug wissenschaftlicher Forschung unschädlich gemacht werden müssen. Neben der schier unüberschaubaren Themenvielfalt in der Sachdimension und fehlendem Konsens in Grundsatzfragen in der Sozialdimension ist in der Zeitdimension ein drängendes Problem vor allem das Fehlen eines disziplinenweit anerkannten Forschungsstandes, der veraltete Wissensbestände klar als solche markiert. In Diskussionen über die disziplinären Alleinstellungsmerkmale der Soziologie wurde vielfach darauf hingewiesen, dass es hier nur sehr wenige Beispiele für zumindest bis auf Weiteres ,gelöste‘ Fragen gibt. Insofern ist es in Bezug auf das ganze Fach schlechterdings unmöglich, von wissenschaftlichem Fortschritt zu reden. Fortschritt gibt es allenfalls innerhalb dessen, was Andrew Abbott „generationale Paradigmen“ nennt.[5] Eine Generation von ForscherInnen kann das jeweils präferierte Paradigma konzeptionell und begrifflich verfeinern, entsprechende Methoden perfektionieren und auf einen immer größeren Pool an Forschungsobjekten ausweiten. Doch ein Blick in die Geschichte des Faches zeigt, dass nachfolgende Generationen bislang grosso modo dazu tendieren, die Fragen ihrer VorgängerInnen nicht weiter zu verfolgen, sondern versuchen, sich gänzlich davon unabhängig zu machen. Was der einen Generation als sukzessive Lösung von Problemen erschien, war für die darauffolgende irrelevant, irreführend oder trivial.

Das vermutlich spektakulärste Beispiel für diesen Prozess ist der extrem schnelle Niedergang des Strukturfunktionalismus, der bis Ende der 1960er-Jahre tatsächlich einer Art disziplinenweitem Mainstream entsprach, um dann innerhalb weniger Jahre fast vollständig aus soziologischen Debatten zu verschwinden. Doch handelte es sich dabei nicht um einen Paradigmenwechsel im Kuhn’schen Sinne: der Strukturfunktionalismus wurde nicht durch ein neues Paradigma ersetzt. Vielmehr mussten sich SoziologInnen nun darauf einstellen, dass der Forschungsstand zu einem Thema maßgeblich davon bestimmt wird, durch welche der vielen paradigmatischen Brillen man es betrachtet. Es gibt seit damals nicht den einen Forschungsstand beispielsweise zu Jugendkriminalität, sondern einen funktionalistischen, einen marxistischen, einen ethnomethodologischen, einen sozialkonstruktivistischen, einen diskurstheoretischen, einen postkolonialen, einen feministischen, einen netzwerktheoretischen, einen sozialstrukturanalytischen, einen praxistheoretischen etc. Zudem ermöglicht das Fehlen eines disziplinenweit konsentierten Forschungsstandes, längst als inaktuell markierte Ansätze wiederzubeleben. Man denke nur an die Revitalisierung des Marxismus in den 1970er-Jahren, die Wiederentdeckung von Gabriel Tarde durch Bruno Latour oder die bis heute andauernde Faszination vieler deutscher SoziologInnen für Georg Simmel, Max Weber oder Émile Durkheim oder vieler amerikanischer für C. Wright Mills, W. E. B. Du Bois, Thorstein Veblen oder Alexis de Tocqueville. Hinzu kommen die bekanntermaßen fließenden disziplinären Grenzen der Soziologie. ‚Revivals’ können sich hier also sogar auf altes Wissen fremder Disziplinen beziehen und nicht wenige SoziologInnen behandeln die Ansätze von zum Beispiel Karl Polanyi, John Dewey oder Helmuth Plessner als relevante Beiträge zu aktueller Forschung.

Kurzum: SoziologInnen haben es zu Beginn eines jeden Forschungsprozesses mit unüberschaubar großen Bücherbergen zu tun, angesichts derer sie eigentlich verzweifeln müssten. Sie müssen sich darauf einstellen, dass ihrer Forschungsarbeit aus der Perspektive eines konkurrierenden oder längst vergessenen Paradigmas stets der Prozess gemacht werden kann. Wie ist es also möglich, dass dies den Forschungsprozess nicht gänzlich lähmt? Eine mögliche Antwort ist, dass sich in der Soziologie zahlreiche Formen des aktiven Vergessensmanagements institutionalisiert haben, die ForscherInnen dabei helfen, hochgradig selektiv auf den Forschungsstand zu den von ihnen bearbeiteten Fragen zuzugreifen. Im Folgenden sollen einige dieser Strategien nachgezeichnet werden – wobei der Begriff „Strategie“ in den meisten Fällen etwas unpräzise ist, da er einen absichtsvollen Plan unterstellt. Es handelt sich jedoch vielmehr um latente coping-Mechanismen, die ihre Funktion gerade dadurch erfüllen, dass sie unausgesprochen und in uneingestandener Weise praktiziert werden. Strategien aktiven Vergessensmanagements sind ein disziplinäres Äquivalent zu organisationalen Formen „brauchbarer Illegalität“: nützlich, aber nicht öffentlich darstellbar.[6] Das ist nicht zuletzt deshalb so, weil sie alle gegen einen wichtigen Aspekt der legitimen Selbstdarstellung moderner Wissenschaften verstoßen – die möglichst vollständige Sichtung vorhandener Forschung.

 

Strategie 1: Das betrifft mich nicht…

Die vermutlich am häufigsten gewählte Strategie des aktiven Vergessensmanagements besteht darin, sich zu Paradigmenstreitigkeiten schlicht nicht zu äußern und sie als esoterische und für den Forschungsprozess unfruchtbare Begriffsklauberei zu behandeln, die einen selbst nicht betrifft. So machen sich große Teile der empirischen Sozialforschung von theoretisch-exegetischen Fragen und entsprechenden Rezeptionsproblemen nahezu gänzlich unabhängig. Insbesondere in der quantitativ orientierten Sozialstrukturanalyse (und angrenzenden Forschungsfeldern) erfolgt Vergessen, der Praxis der Naturwissenschaften nicht unähnlich, in routinisierter Weise als methodologisch standardisierte Analyse permanent aktualisierter Daten. Zwar bezieht sich diese Art der Forschung auch auf Theorien, aber damit sind gerade keine exegetischen Zugriffe auf alte Texte oder der Rückbezug zu paradigmatischen Frontstellungen gemeint, sondern die Überprüfung und gegebenenfalls Korrektur vormals festgestellter, generalisierbarer statistischer Zusammenhänge. ,Alte‘ Daten interessieren lediglich dann, wenn sie mit aktuellen in einer methodologisch kontrollierten Weise vergleichbar gemacht werden können und werden ansonsten dem disziplinären Vergessen überantwortet. Das Problem des potenziellen Übermaßes an Erinnerung wird hier primär durch das Veralten von Daten aufgelöst. Auch die Perfektionierung statistischer Analyseverfahren lässt es zu, das eigene Feld als in methodologischer Hinsicht fortschreitend zu erleben. Während die theoretische Soziologie oft um die richtige Interpretation beispielsweise von Max Weber ringt, arbeiten quantitative SozialstrukturanalytikerInnen selten mit Adolphe Quetelet.

Doch hat diese Strategie auch ihre Grenzen. Wo sich, wie in der Soziologie, Paradigmenstreitigkeiten oft am Wissenschaftsverständnis entzünden, erscheint der Verzicht auf paradigmatische Selbsteinordnung rein deklamatorischer Natur zu sein. Wer meint, theoretisch-exegetische Debatten beträfen ihn oder sie nicht, ist de facto auch AnhängerIn einer paradigmatischen Strömung: der empiristischen oder positivistischen. Ein Umschiffen paradigmatischer Kämpfe ist durch den Verweis auf veraltete Daten und Methoden allein also nicht zu bewerkstelligen und erfordert in sachlicher Hinsicht auch einen aktiven Verzicht auf entsprechende Debatten und in sozialer einen Verzicht auf Austausch mit epistemologisch anders ,gepolten‘ KollegInnen.

 

Strategie 2: Die anderen gelten nicht…

Am anderen Ende des Spektrums, also bei stark theoriegetriebener Forschung, wird aktives Vergessensmanagement dadurch betrieben, dass konkurrierende Paradigmen, oft in pauschaler Weise, als in zentralen Fragen unzulänglich aufgefasst werden. Das wird dann als Argument für die weitere Nichtbeachtung dieser Ansätze in Stellung gebracht: die anderen Paradigmen gelten nicht oder werden allenfalls als Kontrastfolie herangezogen. Man könnte dies auch als Strategie der DogmatikerInnen bezeichnen. Denn während die erste Strategie darin besteht, sich möglichst von exegetischen Debatten unabhängig zu machen, reduziert man in der zweiten Strategie Bücherberge durch konsequentes Setzen auf eine oder einige wenige paradigmatische Strömungen, die in wichtigen Fragen anderen Ansätzen als überlegen erlebt werden. Das ist eine mögliche, aber äußerst riskante Strategie, denn das jeweils präferierte Paradigma kann sich als generationales Paradigma erweisen, das den Zenit seiner Wirkmächtigkeit überschritten hat: Fachzeitschriften publizieren immer weniger Texte der entsprechenden Strömung, immer weniger KollegInnen interessieren sich für den Ansatz und der wissenschaftliche Nachwuchs orientiert sich immer mehr an anderen Paradigmen. Tragischer Weise bemerken gerade die dogmatischen AnhängerInnen eines Paradigmas seinen Niedergang in der Regel als letzte, denn man bevorzugt in Debatten den Kontakt mit KollegInnen, mit denen man zumindest in Grundsatzfragen einer Meinung ist: ein Einfallstor für groupthink. Zudem verläuft gerade in der deutschsprachigen theoretischen Soziologie die akademische Sozialisation nicht über die Orientierung an der aktuellen Mehrheitsmeinung, sondern an der (oft sehr idiosynkratischen) Position der DissertationsbetreuerInnen. Die Frage, die Promotionsstudierenden in Deutschland am häufigsten gestellt wird, ist nicht, worüber sie schreiben, sondern bei wem[7]. In dieser Weise konsequent auf ein Paradigma und seine oft wenigen VertreterInnen zu setzen (beziehungsweise die Erwartung, dass man das tut), kann also durchaus bedeuten, sich trotz bester Absichten künftige Chancen auf dem akademischen Arbeitsmarkt zu verbauen oder sich gezwungen zu sehen, im Laufe der Karriere paradigmatisch ,umzusatteln‘ – ehemals ignorierte Bücherberge verspätet also doch noch besteigen zu müssen.

 

Strategie 3: Heute ist alles anders als früher…

Wem Dogmatismus zu riskant ist, der kann auf eine dritte Strategie setzen: soziologische Zeitdiagnosen.[8] Zeitdiagnosen sind, um eine relativ breite Definition zu verwenden, ein Genre der Soziologie, in welchem für die Gegenwart Epochenbrüche konstatiert werden. Typischerweise werden diese Epochenbrüche mit Verweis auf neue Phänomene mit angeblich durchdringender gesellschaftlicher Relevanz plausibilisiert. Die Bandbreite der in diesem Sinne als ‚epochal‘ dargestellten, neuartigen Phänomene ist sehr groß. Big Data, die wachsende Bedeutung akademischen Wissens, des Internets oder anderer Großtechnologien mit hohem Gefährdungs- oder Transformationspotential, der Relevanz- beziehungsweise Trennschärfeverlust von Schichtungskategorien, neue Charaktertypen, Milieus oder Generationen usw. Kennzeichnend für solche Beschreibungen ist stets die Behauptung eines scharfen Kontinuitätsbruchs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das geschieht durch die Verwendung eines argumentativen Stilmittels, das als „retrospektiver Realismus“ bezeichnet werden kann.[9] Die Vergangenheit wird dabei auf einen Formentypus reduziert, von dem sich die Gegenwart dann angeblich radikal unterscheidet: früher Industriegesellschaft, heute post-industrielle Gesellschaft; früher Klassengesellschaft, heute Risikogesellschaft; früher analoge Gesellschaft, heute digitalisierte Gesellschaft usw. Die Kernthesen älterer Gesellschaftstheorien (etwa „Klassengesellschaft“, „funktionale Differenzierung“, „okzidentaler Rationalismus“ usw.) werden dabei realistisch beschrieben, so als seien sie bis vor kurzem noch angemessene Beschreibungen gewesen, die aber vor dem Hintergrund neuer Phänomene an Aktualitätsbezug verlören oder schon verloren hätten. In diesem Sinne sind Zeitdiagnosen explizite Einladungen zum Vergessen älterer Ansätze und versprechen somit eine drastische Reduktion der für weitere Forschung als anschlussfähig geltenden disziplinären Wissensbestände. Zeitdiagnosen präsentieren sich somit als neue Instrumente zur Erfassung einer veränderten sozialen Welt, die aufgrund ihrer Veränderung ältere Theorien obsolet macht und diese aus dem Bereich potentiell rezipierbarer Forschung in die Fachgeschichte überführt.

Dadurch kann sich die so verfahrende Forschung als die Neuartigkeit des Gegenstands in den Vordergrund rückende Grundlagenforschung präsentieren, die zugleich aufgrund ihres geringen Bedarfs an fachlichen Vorkenntnissen für mehrere inner- wie außerwissenschaftliche Publika attraktiv ist: für die Massenmedien und ihr Laienpublikum, für Studierende, für die nachwachsende Forschergeneration innerhalb der Wissenschaft sowie für alle Akteure mit Laienstatus, denen die Relevanz einer solchen Forschung in Kontexten der Evaluation und Kooperation plausibel gemacht werden muss (wie etwa Universitätspräsidien, Politikern, außerwissenschaftlichen Geldgebern, fremddisziplinären KollegInnen in inter- beziehungsweise transdisziplinären Forschungsverbünden). Doch auch Zeitdiagnosen bilden kein zeitlich stabiles Mittel des Vergessensmanagements. Zum einen veralten gerade Zeitdiagnosen so schnell, dass man im Laufe einer akademischen Karriere sehr viele von ihnen rezipieren muss, um auf dem Laufenden zu bleiben. Zum anderen werden Zeitdiagnosen von vielen VertreterInnen der theoretischen Soziologie als fachliche Beiträge nicht ernst genommen. Ihre Funktion besteht darum vorranging darin, empirischer Forschung einen theoretischen Überbau zu geben, ohne zu tief in die Fachgeschichte eintauchen zu müssen. Sie sind eine Art Abkürzung für diejenigen, die es in theoretischer Hinsicht eilig haben.

 

Strategie 4: Alle ignorieren etwas…

Während Zeitdiagnosen Vergessensmanagement durch den Verweis auf sachliche Neuheiten betreiben, besteht alternativ die Möglichkeit, sein Lesepensum auch dadurch zu reduzieren, dass möglichst vielen bestehenden Ansätzen theorieimmanente und bislang unbemerkte ,blinde Flecken‘ unterstellt werden. Diese Leistung erbringen intellektuelle „turns“ (wie „linguistic turn“, „spatial turn“, „new materialism“, „practice turn“ usw.). Anders als Zeitdiagnosen, die den Blick nach außen richten und Neuigkeiten in der Gesellschaft entdecken, die etabliertes Wissen als veraltet erscheinen lassen, wenden „turns“ den Blick nach innen und behaupten die Inadäquatheit der bestehenden Deutungsangebote. Das geschieht jedoch gerade nicht in exegetischer Manier oder durch datengestützte Falsifikationsversuche, sondern durch die Hervorhebung eines als besonders wichtig markierten Aspekts des Sozialen, um den sich viele bisherige Theorien nicht gekümmert hätten (zum Beispiel Sprache, Raum, Praktiken, Zeit, Geschlecht usw.). Theorien, die das entsprechende Phänomen vermeintlich nicht genug würdigen, werden aus der Perspektive der AnhängerInnen des „turns“ als sachlich unangemessen und somit als vergessenswürdig eingestuft. „Turns“ behaupten dabei nicht nur die Irrelevanz anderer Ansätze für die eigene Subdisziplin oder Subcommunity, sondern die generelle Irrelevanz von Ansätzen, die sich nicht explizit mit den von ihnen hervorgehobenen Phänomen beschäftigen. In diesem Sinne sind „turns“ Paradigmenwechsel in spe. Ob „turns“ tatsächlich in der Lage sind, ein effektives Vergessensmanagement zu initiieren, hängt dementsprechend wesentlich davon ab, dass die sachlichen Defizitdiagnosen von möglichst großen Teilen der fachlichen Community auch rezipiert und angenommen werden. In dem Maße, in dem das gelingt, entwickeln sich „turns“ von einem intellektuellen Minderheiten- oder Oppositionsprogramm zu einem generationalen Paradigma. Doch schon der Begriff „generational“ verdeutlicht hierbei, dass auch unter Rezeptionsgesichtspunkten erfolgreiche „turns“ bestenfalls nur für wenige Jahrzehnte einen intellektuell dominanten Status innehaben. Von nachfolgenden ForscherInnengenerationen können sie, wiederum zum Zwecke einer intellektuellen Flurbereinigung und eines expliziten Vergessensmanagements, durch die Ausrufung neuer „turns“ der disziplinären Obsoleszenz überantwortet werden.

 

Junge Wilde

All die genannten Strategien des Vergessensmanagements haben ihre Tücken und ihnen allen ist gemein, dass sie zwar häufig praktiziert, aber nicht offen als legitime Mittel der Komplexitätsreduktion verteidigt werden können. Und sie sind, gerade in ihrem latenten Gebrauch, hochgradig funktional für eine Disziplin, die, plakativ ausgedrückt, nicht vergessen kann.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach möglichen weiteren Entwicklungen. Die Tatsache, dass alle aktiv betriebenen Vereinheitlichungsversuche in der Soziologie bislang gescheitert sind, hängt, unter anderem, auch mit der Struktur des akademischen Arbeitsmarktes in der Soziologie zusammen. So argumentieren Autoren wie etwa Turner,[10] dass eine Ursache für die zunehmende paradigmatische ,Buntheit‘ des Faches seit den 1970er-Jahren darin zu suchen sei, dass damals Universitäten in sehr kurzer Zeit sehr schnell expandierten. Die Soziologie der damaligen Zeit bewegte sich in einem „seller’s market“ mit einer großen Nachfrage seitens Studierender und nicht-akademischer EntscheidungsträgerInnen und einem entsprechend großen Angebot an Stellen, auf denen sich oft sehr junge ProfessorInnen abseits des paradigmatischen Mainstreams austoben konnten – sei es durch die Wiederentdeckung alter Ansätze oder TheoretikerInnen (wie beispielsweise Karl Marx), durch intellektuelle Importe aus anderen Disziplinen (zum Beispiel Michel Foucault) oder, ganz generell, durch eine sehr selbstbewusste Frontstellung gegen ihre akademischen Zieheltern (man denke nur an die fast vollständige Beseitigung der Merton’schen Wissenschaftssoziologie durch die Science and Technology Studies). Mit dem Mainstream zu brechen wurde also durch einen demografischen Faktor erleichtert: relativ wenigen etablierten ProfessorInnen standen sehr viele neu eingestellte junge ForscherInnen gegenüber – ‚junge Wilde’, die sich gerade aufgrund der Expansion des Systems intellektuell nonkonformistisch geben konnten – was nicht selten bedeutete, Ansätze wiederzuentdecken, die älter waren, als der damalige Mainstream.

 

Konformismus und Vereinheitlichung?

Die aktuelle Situation des soziologischen Arbeitsmarktes in den USA und in Westeuropa entspricht einem spiegelverkehrten Bild dieser Ausgangslage: Es handelt sich um einen „buyer’s market“ mit tendenziell zu vielen AnbieterInnen soziologischen Wissens, die um tendenziell zu wenige Stellen konkurrieren. Während es immer mehr Studierende und DoktorandInnen gibt, stagniert die Zahl der akademischen Spitzenpositionen – in den USA spricht man gar von einem ‚Zusammenbruch’ des akademischen Arbeitsmarktes in der Soziologie. Die ehemalige Überzahl junger ProfessorInnen ist einer relativen Gleichverteilung zwischen Etablierten und Neulingen gewichen und teilweise sogar in eine zahlenmäßige Übermacht der ‚Silberrücken’ (die früher ‚junge Wilde’ waren) umgeschlagen. In Deutschland wurde dieser Prozess durch eine gezielte Ausdünnung entfristeter Stellen im akademischen ‚Mittelbau‘ noch verstärkt. Ein Nebeneffekt dieser veränderten Situation könnte darin bestehen, dass der soziologische Nachwuchs unter derart verschärften Wettbewerbsbedingungen auf Themen und Paradigmen zu setzen beginnt, mit denen man möglichst wenig aneckt, um seine Arbeitsmarktchancen nicht zu gefährden.

Zwei entsprechende Strategien scheinen sich bereits gegenwärtig abzuzeichnen: Zum einen die Fokussierung auf Themen, die auch soziologische Laien als gesellschaftlich relevant und mithin als ,nützlich‘ erachten (in Deutschland: soziale Ungleichheit, Migration, Nachhaltigkeit, Digitalisierung etc.). Mit einer entsprechenden Orientierung kann man hoffen, leichter an Drittmittel zu gelangen und auf der Basis dieser Ressourcen, unabhängig von paradigmatischen Präferenzen des professoralen Establishments, für Spitzenpositionen infrage zu kommen. Drittmittelstärke kann also dabei helfen, intellektuell vermintes Gelände und paradigmatische Gräben unbeschadet zu überqueren. Zum anderen ist es möglich, sich in der Wahl theoretischer und methodischer Präferenzen hochgradig strategisch zu verhalten. Eine dabei weit verbreitete Strategie ist die des paradigmatischen Eklektizismus, die in der Vermeidung von eindeutigen Festlegungen besteht: Man flirtet mit den etablierten Ansätzen und signalisiert, dass man, wenn auch ungelenk, auf allen intellektuellen Hochzeiten tanzen kann. Oder aber man setzt auf einen Ansatz, der eine Vielzahl paradigmatischer Strömungen theorieintern abbildet, und der insofern ebenfalls geeignet ist, relativ wenige Irritationen zu provozieren, wenn man sich auf ihn beruft. Ein gutes Beispiel dafür ist nach meinem Eindruck der Ansatz von Pierre Bourdieu, der als Gewährsmann für qualitative und quantitative Sozialforschung sowie für Differenzierungstheorien und Schichtungstheorien zu Rate gezogen werden kann. Die Verknappung von Nachwuchsstellen könnte somit als unbeabsichtigten Nebeneffekt eine paradigmatische Vereinheitlichung des Faches nach sich ziehen. Doch auch wenn es verfrüht wäre, hier schon jetzt Prognosen anstellen zu wollen, so dürfte doch unter den  gegenwärtigen Bedingungen eines nicht expandierenden Arbeitsmarktes mit einer starken Veto-Position etablierter ProfessorInnen ein kämpferischer Nonkonformismus vermutlich keine besonders erfolgversprechende Strategie bei der Erlangung von Spitzenpositionen sein.

 

Paradise lost?

Unter dieser Perspektive betrachtet handelt es sich bei der ,Multiparadigmatase‘ der Soziologie also im Prinzip um ein Luxusproblem, das maßgeblich durch das rasche Wachstum des Faches bei gleichzeitigem Fehlen eines dominanten Ansatzes verursacht wurde. Die schnelle Beseitigung des Strukturfunktionalismus war ja nur möglich, weil selbst in der Zeit seiner relativen intellektuellen Vorherrschaft bereits alternative Deutungen in der Soziologie existierten. Die Ethnomethodologie, der Sozialkonstruktivismus, neo-marxistische Ansätze, Konflikttheorien, die Theorie rationaler Wahl – sie alle wurden durch die Bildungs- und Stellenexpansion der 1970er-Jahre selbstredend nicht erst erschaffen, sondern verließen bloß den intellektuellen Halbschatten und erblühten. Sollte sich der hier skizzierte Zusammenhang von Stellenknappheit und paradigmatischer Vereinheitlichung bestätigen, fiele dessen Bilanz zweideutig aus: So würde die Soziologie mit weniger Stimmen und insofern verständlicher sprechen, aber ihre Vereinheitlichung wäre Folge eines abgewürgten institutionellen Wachstumsprozesses. Ob man diese Entwicklung als Vertreibung aus einem inklusiven Garten Eden oder als überfälliges Ende einer babylonischen Sprachverwirrung versteht, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob das eigene Paradigma dabei unter die Räder der Fachgeschichte gerät oder nicht.

Fußnoten

[1] Andreas Balog / Johann August Schülein (Hg.), Soziologie, eine multiparadigmatische Wissenschaft: Erkenntnisnotwendigkeit oder Übergangsstadium?, Wiesbaden 2008.

[2] Vgl. Stephan Kornmesser / Gerhard Schulz (Hg.), Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften, Wiesbaden 2014.

[3] Vgl. zu diesem Streit um das Selbstverständnis und den Vertretungsanspruch der Disziplin u. a. den Gründungsaufruf und die Grundsätze der „Akademie für Soziologie“ sowie die in Reaktion darauf verfasste Stellungnahme der DGS zur Gründung einer „Akademie für Soziologie“.

[4] Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, übers. v. Hermann Vetter, 2., rev. und um das Postskriptum von 1969 erw. Aufl., Frankfurt am Main 2012 (Orig.: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago, IL 1962).

[5] Andrew Abbott, Chaos of Disciplines, Chicago, IL 2001.

[6] Siehe Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation. Mit einem Epilog 1994, 4. Aufl., Berlin 1995.

[7] Die sogar für soziologische Verhältnisse starke paradigmatische Zersplitterung der deutschsprachigen Soziologie hat hauptsächlich zwei strukturelle Ursachen. Zum einen das Lehrstuhlsystem mit seiner starken Betonung der institutionellen Autonomie der ProfessorInnen gegenüber Instituten, Universitäten und Fachgesellschaften. Zum anderen das wenig stratifizierte deutsche Universitätssystem in welchem es, anders als zum Beispiel im amerikanischen, keine eindeutige universitäre ‚Oberliga’ gibt, die in theoretischen und methodischen Fragen den Takt für das gesamte System vorgibt. Ob neue Anreizsysteme wie die ‚Exzellenzinitiative’ das deutsche Universitätssystem maßgeblich transformieren werden, bleibt abzuwarten.

[8] Vgl. Fran Osrecki, Die Diagnosegesellschaft: Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität, Bielefeld 2011; ders., Constructing Epochs: The Argumentative Structures of Sociological Epochalisms, in: Cultural Sociology 9 (2015), S. 131–146.

[9] Fran Osrecki, Diagnosegesellschaft, S. 200–249; ders., Constructing Epochs, S. 137–141.

[10] Stephen P. Turner, American Sociology: From Pre-Disciplinary to Post-Normal, New York 2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.