Joculator boguszae

Über "heterogene Kooperationen" am Beispiel von Meeresbiologie und Soziologie

Im Jahr 2012 begleitete die Soziologin Tanja Bogusz eine Gruppe von Taxonomen des Pariser Naturkundemuseums auf eine meeresbiologische Expedition nach Papua-Neuguinea. Die am Naturkundemuseum Paris beheimateten Forscher beschäftigten sich mit maritimer Biodiversität und waren auf wirbellose Meerestiere spezialisiert. In einem unlängst veröffentlichten Papier stellten nun Alberto Cecalupo und Ivan Perugia eine neue Spezies vor, die auf dieser Expedition entdeckt wurde. Es handelt sich um eine zierliche Seeschnecke, die jetzt den Namen der deutschen Soziologin trägt: joculator boguszae.[1]


(Quelle und Copyright: Alberto Cecalupo und Ivan Perugia)

 

Bogusz ist Gastprofessorin für die Soziologie sozialer Disparitäten an der Universität Kassel. Ihre ethnografische Begleitung der meeresbiologischen Expedition nach Papua-Neuguinea war ein zentraler Baustein in der Entwicklung des „Soziologischen Experimentalismus“, wie sie ihn in einer kürzlich erschienenen Monografie vorstellt.[2]

Ein wichtiger Fluchtpunkt dieser Arbeit ist die Notwendigkeit der Entwicklung kooperativer Forschungspraktiken: Stärker solle sich die Soziologie, so Bogusz, in Prozesse der Bearbeitung drängender gesellschaftlicher Probleme einbringen, und zwar indem sie die spezifischen Kompetenzen der Disziplin in „heterogenen Kooperationen“ mit VertreterInnen anderer Disziplinen und auch mit AkteurInnen aus der Praxis in Anschlag bringt.

Ganz in diesem Sinne wurde Bogusz auf dieser Expedition mehr als nur die Rolle einer sozialwissenschaftlichen Beobachterin zuteil. Für die Expeditionsteilnehmer wurde sie – allerdings ohne dass dies vorher geplant gewesen wäre – zu einer wichtigen Gesprächspartnerin, und zwar immer dann, wenn die Praxis der Expedition mit den sozialen Strukturen vor Ort in Konflikt geriet. Die Anlässe hierfür waren vielfältig. Denn die Praxis der Biodiversitätsforschung ist mit dem Umstand konfrontiert, dass die „Natur“, die sie erforschen will, in spezifische soziale  Zusammenhänge eingebunden ist und nur über diese erreicht werden kann. In einem  postkolonialen Kontext, dessen Bevölkerung mit der Expansion transnationaler  Fischfangunternehmen konfrontiert ist, erzeugte die in ihren Erscheinungsformen der Fischerei nicht unähnliche meeresbiologische Forschungsarbeit Erklärungs- und Rechtfertigungsnotwendigkeiten.

Dass die Taxonomen nun eine neuentdeckte Art nach der Soziologin benannt haben, lässt sich deshalb auch als bemerkenswertes Bekenntnis zu dieser Art der Kooperation lesen.

Fußnoten

[1] Alberto Cecalupo / Ivan Perugia, New species of Cerithiopsidae (Gastropoda: Triphoroidea) from Papua New Guinea (Pacific Ocean), in: Visaya, Supplement 11, S. 1187.

[2] Tanja Bogusz, Experimentalismus und Soziologie. Von der Krisen- zur Erfahrungswissenschaft, Frankfurt am Main / New York 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.