Niklas Luhmann – Theorie als Passion

Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses (2015–2030)

Niklas Luhmann (1927–1998), der von 1968 bis 1993 an der Universität Bielefeld forschte und lehrte, ist neben Max Weber der berühmteste und wirkmächtigste deutsche Soziologe des 20. Jahrhunderts. Luhmanns funktionalistisch orientierte Systemtheorie stellt den konsequenten Versuch dar, auf der Basis der philosophischen Tradition einerseits und der Rezeption der unterschiedlichsten Konzepte der modernen Wissenschaften andererseits die Grenzen der Soziologie so zu erweitern, dass eine angemessene Beschreibung der modernen Gesellschaft möglich wird. Dokumentiert findet sich dieses Forschungsprogramm in einer singulären Publikationsleistung von annähernd 600 Veröffentlichungen, darunter über 40 Monografien, zu fast allen Bereichen der modernen Gesellschaft.

Der umfangreiche wissenschaftliche Nachlass Luhmanns lässt den Autor und sein Theoriegebäude diesseits seiner publizierten Werke sichtbar werden. Dieser Erkenntniswert gilt insbesondere für das Zentrum seiner Theoriearbeit, den circa 90.000 Notizzettel umfassenden Zettelkasten. Diese zwischen 1952 und 1997 entstandenen Aufzeichnungen dokumentieren die Theorieentwicklung Luhmanns auf eine einzigartige Weise, so dass man die Sammlung als seine intellektuelle Autobiografie verstehen kann. Darüber hinaus verfügt der Zettelkasten über eine spezifische Ordnungsstruktur, die ihn nicht nur zu der für Luhmann unverzichtbaren Theorieentwicklungs- und Publikationsmaschine werden ließ, sondern auch wissenschaftsgeschichtlich interessant macht. Daneben umfasst der Nachlass über 150 nichtpublizierte Manuskripte von teils erheblichem Umfang. Insbesondere die früh entstandenen Texte aus den 1950er- und 1960er-Jahren zu staats- und verwaltungswissenschaftlichen Themen sowie zu einer phänomenologischen Soziologie lassen die intellektuellen Wurzeln der Luhmannschen Theorie, die im veröffentlichten Werk häufig eher verdeckt worden sind, deutlich werden. Herausragend sind darüber hinaus die vier umfangreichen Fassungen der Gesellschaftstheorie, die Luhmann zwischen 1965 und 1990 erstellt hat. Anhand dieser Texte lässt sich die Entwicklung des Luhmannschen Denk- und Begriffskosmos bis zur tatsächlich veröffentlichten Version von 1997 auf exemplarische Weise nachzeichnen. Ähnliches gilt auch für die im Nachlass vorhandenen umfangreichen Vorlesungsskripte zu diversen Themen, die Luhmann nicht nur als Didaktiker sichtbar machen. Auch seine Art, sich einem neuen Forschungsfeld anzunähern, wird in ihnen anschaulich. Zudem dokumentiert eine große Zahl von Vortragsskripten seine rege Vortragstätigkeit. Daneben befindet sich im Nachlass Luhmanns Bibliothek sowie sein Schriftwechsel.

In dem von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaft und der Künste geförderten Langzeitprojekt „Niklas Luhmann – Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses“, das die Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld zusammen mit dem Cologne Center for eHumanities (CCeH) betreibt, wird der wissenschaftliche Nachlass Luhmanns seit 2015 erschlossen. Zu diesem Zweck werden die bewahrenswerten Teile des Nachlasses (Manuskripte, Zettelkasten, Korrespondenz, Bibliothek) zunächst archivarisch gesichert und in den Teilen, die wissenschaftlich erschlossen werden sollen, digitalisiert. Die daran anschließende Edition will den Luhmannschen Nachlass als geistesgeschichtliches Dokument der wissenschaftlichen Forschung sowie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Neben den Herausgaben nachgelassener Werke im Druck wird zu diesem Zweck ein Informationsportal aufgebaut, auf dem eine Präsentation aller wissenschaftlich relevanten Bestandteile des Luhmannschen Nachlasses erfolgt. Im Zentrum steht dabei der Luhmannsche Zettelkasten, der in einer transkribierten und digitalisierten Version ediert wird. Sie soll eine Lesbarkeit der Sammlung ermöglichen, die das analoge Material in dieser Form nicht bieten kann. Daneben werden ausgewählte Typoskripte in faksimilierter Form bereitgestellt. Ein Bestandsregister ermöglicht die Durchsuchbarkeit des gesamten Datenbestands, so dass Querverbindungen zwischen den einzelnen Nachlassbeständen hergestellt werden können. Darüber hinaus bietet das Portal durch die Präsentation von Audio- und Videodokumenten sowie eine umfassende Bibliografie weitergehende Informationen zum Werk und seinem Autor.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.