Ungehaltene Dialoge

Zur Fortentwicklung soziologischer Intradisziplinarität

[1] Konflikte haben ihre eigene Dynamik, sie saugen Themen an, sie mobilisieren Stereotype und sie polarisieren ihr Publikum, so gut sie eben können, in zwei Lager; und wenn sie produktiv sind, in solche, denen am Ende niemand mehr angehören möchte. Irgendwann haben Parteien wie Publikum genug und Einheitswünsche wachsen. In diesem Sinne hat der Call zu diesem Plenum die Soziologie zwischen Multiparadigmatik und Einheitswissenschaft gespannt. Dabei werden die meisten den bestehenden „fragmentierten Pluralismus“ für ein Problem halten, aber eine „Einheitswissenschaft“ auch nicht für die Lösung. Denn würde unser Fach anstreben, eine einheitliche Wissenschaft zu sein, ginge das nur unter Zahlung eines von drei hohen Preisen: entweder den Preis hegemonialer Ausschlussgesten oder Selbstexklusionen; oder die Beschwörung allerkleinster gemeinsamer Nenner mit zu geringem Distinktionswert gegenüber Nachbarfächern; oder aber die Priorisierung bestimmter Gegenstände und Fragestellungen unter Verzicht auf den Anspruch, die allgemeine Wissenschaft des Sozialen zu sein.

Was heißt das nochmal? Es bedeutet einen diskursiven Raum zu gestalten für die Erforschung aller Teilbereiche der Gesellschaft, für die es doch auch eigene Sozialwissenschaften gibt; für alle Ordnungsebenen von den kleinsten zu den größten Einheiten; und für eine Handvoll ernstzunehmender Paradigmen, also epistemischer Register, wo sich andere Fächer auf ein oder zwei beschränken. Das ist die Ambition und der Reichtum der Soziologie. Und ihr Problem. Die allgemeine Wissenschaft des Sozialen zahlt für ihren unbescheidenen Verzicht auf Spezialisierung, für die Größe ihres Geltungsbereichs und den Reichtum ihrer Register mit einem Verlust an disziplinärer Homogenität und Geschlossenheit.

 

I

Die erste Anschlussfrage scheint mir daher: Welche Art von Einheit lässt sich in einem derart heterogenen Fach herstellen? Ich meine, dass sich die Seiten des Konflikts, den wir erlebt haben, in einer internen Arbeitsteilung des Faches formiert haben, die ihrerseits auf dessen Lage zwischen externen Nachbarn bezogen, also von außen nach innen zu verstehen ist. Unser Fach hat starke Verbindungen zur Politik-, Bevölkerungs-, Rechts-, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaft, zu den Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften, zu den Science Studies und natürlich zur Geschichtswissenschaft und Ethnologie – den beiden Fächern, die auf ähnlich unspezialisierte Weise wie die Soziologie allgemeine Gesellschaftswissenschaften sind. Zur Gesellschaft hin seien nur drei andere Kontaktflächen genannt: der Austausch mit Politik, Medien und sozialen Bewegungen.

 

 

Die Soziologie und ihre Nachbarn

 

Die interne Selbststrukturierung des Faches macht sich zum einen an seinen Gegenständen fest: Mit den speziellen Soziologien (unserer Sektionen) sind es Felder der funktional differenzierten Gesellschaft, mit Unterscheidungen vom Typ Mikro/Meso/Makro sind es Ordnungsebenen. Zum anderen gibt es Differenzierungen der Arbeitsweise. Da ist der Reichtum oder der Wildwuchs unserer theoretischen und methodischen Ansätze, aber auch eine Differenzierung von drei professionellen Arbeitsfeldern, die ich als die Disziplinen des Faches verstehe. Es sind die eigensinnigen, selbstkontrollierten Arbeitsformen der theoretischen, quantitativen und qualitativen Grundlagenforschung. Hinzu kommen die zwei Randzonen der angewandten Forschung und der Public Sociology.

Im Kontext ihrer Nachbarfächer ist die Soziologie wegen ihrer Vielschichtigkeit eine enorm integrationsfähige Wissenschaft. Ihre Segmente haben aber ganz verschiedene Wahlverwandtschaften und Handelsbilanzen mit den Nachbarn: Während die an Ökonomie, Demografie und Sozialpsychologie orientierte standardisierte Forschung von dort Denkstile importiert und empirische Daten an staatliche Stellen exportiert, sind andere Segmente viel stärker durch den Import empirischen Wissens und durch einen Exportüberschuss von Theorie- und Methodenkompetenz bestimmt. Auch die Beziehung zur Politik ist mal enger, mal distanzierter. Große Bereiche der Soziologie verstehen sich als Grundlagenforschung. Die Public Sociology ist stärker politisch geladen. Die analytisch-empirische Soziologie liegt weit im Feld der angewandten Sozialforschung und zielt auf Politikberatung, für die Grundlagenfragen eher hinderlich sind.

Die breite Aufstellung des Faches impliziert also, dass seine Segmente nicht dieselben Nachbarn haben, sich damit unterschiedlich identifizieren und distinguieren, und dass die enormen Differenzen zwischen seinen Nachbarn (man denke nur an Science Studies und Demografie) im Rahmen unseres Faches als interne Spannungen wirken. Deswegen sind wir füreinander so anstrengend. Und deshalb kommen Soziolog:nnen an intellektueller Streitlust nur in dem Maße vorbei, wie sie sich aus der Soziologie zurückziehen. Ein polyzentrisches Fach wie die Soziologie kann seine Einheit nur im Gravitationsfeld seiner spannungsreichen Nachbarschaften haben: als Intradisziplinarität, das heißt in Form einer dynamischen Integration, die fachlichen Dissens explizit sucht und aushält.

 

II

Meine zweite Frage ist: Welche diskursiven Bedingungen braucht intradisziplinäre Integration? Konflikte sind im Wissenschaftssystem insofern normalisiert, als Kritik der weithin akzeptierte Betriebsmodus der Kommunikation ist. Deshalb arbeitet das Peer-Review-Verfahren mit einer durch Anonymität gesicherten Enthemmung von Kritik. Die wird dann lästig, wenn sie das Dissensniveau allmählich steigert: vom Optimierungsvorschlag der fachlich nahen Kollegin über die Intervention des Konkurrenten in den Grundgedanken bis zum ärgerlichen Versuch des Reviewers, die Autorin auf die Seite der Argumentationsgegner zu ziehen. Man kann dieser aufgezwungenen Lernsituation und unbequemen kritischen Beobachtung durch Fachkolleg:nnen nur durch kommunikativen Rückzug entgehen: entweder in Sammelbände, mit denen kleine Gemeinschaften ihre Fähnchen in den Diskurs pflanzen, oder in immer stärker spezialisierte Zeitschriften, die kaum noch Leser:nnen haben. Ohne fachübergreifende Zeitschriften oder ohne Plenarveranstaltungen wie dieser würde ein Mechanismus der Gehörerzwingung fehlen, der dafür sorgt, dass auch grundlegende Kritik zu selbstbewussten Ohren von gut geschulter Schwerhörigkeit noch durchdringen kann.

Solche Sachkonflikte wie in der Wissenschaft sind nun, wie Heinz Messmer vorgeschlagen hat, von Beziehungs- und Machtkonflikten zu unterscheiden.[2] In Beziehungskonflikten stehen Fragen von Schuld und Anerkennung im Vordergrund, in Machtkonflikten der Ressourceneinsatz für Drohungen. Die Frage ist, wie sich ein Konflikttypus auf seinem ureigenen Niveau stabilisieren kann, sodass gesteigerte Sachkonflikte nicht in Beziehungskonflikte kippen, und diese nicht in Machtkonflikte. Betrachtet man den professionspolitischen Streit in unserem Fach in dieser Perspektive, so besteht ein erster Schritt zur Intradisziplinarität darin, grundlegende Sachkonflikte aus Macht- und Anerkennungskonflikten heraus zu präparieren – also ungehaltene Äußerungen durch noch nicht gehaltene Dialoge zu ersetzen.

Ein gut erkennbares sachliches Kommunikationshemmnis war die Kopplung mit dem Machtkonflikt einer verbandspolitischen Konkurrenz. Das vergiftet den Meinungsstreit mit Ressourcenfragen und macht ihn unlösbar. Ferner zeigte sich eine Kopplung von sachlichem Dissens mit Konflikten um Anerkennung. So vernahm man von der einen Seite die Klage von der fehlenden Repräsentation in den Gremien der DGS und das heißt auch von der fehlenden Zustimmung ihrer Wählerschaft. Auf der anderen Seite hat Jörg Strübing an das 70-jährige Anerkennungsgefälle zwischen den Methodenparadigmen erinnert.[3]

Was meint Anerkennung? Ein fachlicher Pluralismus in Disziplinen braucht mehr als ein ethnischer Pluralismus in Nationalstaaten. Dieser kann sich auf die Tolerierung kulturell anderer Lebensformen beschränken (Indifferenz reicht). Jener muss erstens die fachliche Kritik der Prämissen anderer Ansätze betreiben und sie sich umgekehrt zu Herzen nehmen (sich also einer professionellen Konkurrenz aussetzen). Zweitens muss er auf der Prämisse der wissenschaftlichen Rationalität anderer Ansätze aufbauen, indem er gute soziologische Gründe unterstellt, diesen Gegenstand und jene Fragestellung mit diesem Denkstil und jener Methode zu untersuchen. In der Sozialdimension beruht die prekäre Einheit der Soziologie auf dem stillschweigenden Konsens, eigene Kompetenzgrenzen zu kennen und fremde Kompetenzen anzuerkennen. Insofern beruht die Einheit unseres Faches in erster Linie auf dem Respekt vor den Wissensvorsprüngen anderer Ansätze, und darauf, wie viel von der eigenen Ahnungslosigkeit man noch zu verstehen in der Lage ist.

Um aber etwas nicht der eigenen Forschungspraxis Entsprechendes als Wissenschaft anerkennen zu können, braucht es bereits eine fachliche Grundkompetenz. Denn natürlich gibt es in allen Fächern im Zuge der unvermeidlichen Spezialisierungen erhebliche Verstehensprobleme. In der Medizin etwa werden die Verstehenschancen durch die Grundausbildung zum Allgemeinmediziner gewährleistet, auf deren Basis Hausärzte zu Fachärzten überweisen; und eine Onkologin oder ein Psychiater würden die allermeisten Krankheiten – zum Wohle ihrer Patienten – nicht selbst behandeln. In der Soziologie haben wir eine solche Respekt verbürgende Grundausbildung nicht. Die Fragmentierung der Studiengänge lässt inzwischen an vielen Standorten halbgebildete Spezialisten ohne breites Basiswissen entstehen. Damit fehlt eine weitere Voraussetzung für gelingende fachliche Auseinandersetzung: theoretische und methodische Mehrsprachigkeit.

Viele Soziolog:nnen sind theoretisch mehrsprachig sozialisiert, an einigen Standorten geht es aber recht schmalspurig zu. Alle Soziolog:nnen haben eine solide quantitative Ausbildung, aber nur eine knappe Hälfte bekommt auch Grundzüge qualitativer Methoden vermittelt. Der sogenannte Methodenstreit in unserem Fach besteht bis heute in Verständigungsproblemen Bilingualer mit Monolingualen.

Hinzu kommt, dass sich die Paradigmen unseres Faches unterschiedlich zu dessen Pluralismus positionieren. Wie alle Minderheiten unterstützen ihn die schwächer repräsentierten Ansätze und wünschen sich ihn bisweilen ganz kritik- und kriterienlos. Das Fachsegment, das seit drei Jahren seine organisatorische Verselbständigung betreibt, kritisiert die Pluralität dagegen als Beliebigkeit und sortiert sie mit der ‚ambitionierten‘ Unterscheidung von professionell und unprofessionell. Für diese Rhetorik gibt es zwei systematische Gründe.

Der erste ist ein forschungsorganisatorischer. Eine Stärke der analytisch-empirischen Soziologie ist ihre Kumulativität. Diese beruht auf einer sehr starken internen Arbeitsteilung. Der Aussagensinn numerischer Daten stützt sich auf ständige Vergleiche von Studien und ganze Forschungsinstrumente werden arbeitsteilig fortentwickelt. Der Preis für diese starke soziale Binnenorientierung des Ansatzes ist, dass die disziplinäre Arbeitsteilung außerhalb seiner selbst aus dem Blick gerät. Die Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit verengt den Horizont und es entstehen Anschlussprobleme an die gewachsene Vielsprachigkeit des Faches.

Der zweite Grund ist, dass sich die analytisch-empirische Soziologie nicht einfach als Paradigma wie andere versteht, sondern als Garant der Wissenschaftlichkeit der Soziologie. Dies hat Gründe in ihrer präferierten Wissenschaftstheorie. Die Position, es gebe „für die Soziologie – aller Schattierungen – eine einheitliche, für alle Wissenschaften gültige Methodologie“[4] wirft zwei Probleme auf. In der Sachdimension ist sie durch vierzig Jahre empirische Wissenschaftsforschung überholt. Man weiß aus der Forschung über die Praxis, den Technikeinsatz und die Diskursgeschichte von Disziplinen von der großen Vielfalt, mit der sie sich als Wissenschaften professionalisieren. Die analytisch-empirische Soziologie begegnet diesem empirischen Wissen mit epistemologischer Normativität, mit einer kontrafaktischen, nicht nur die Vielfalt des eigenen Fachs, auch die anderer Wissenschaften verleugnenden Doxa. Da steht man dann und kann nicht anders.

Das andere Problem entsteht in der Sozialdimension. Eine Einheit der Soziologie lässt sich nicht herstellen, wenn eines ihrer Paradigmen die Einheit der Wissenschaft in einer bestimmten Forschungspraxis sucht (anstatt in sozialen Formen). Das positivistische Credo, es gebe nur eine Art, eine Wissenschaft zu sein, beendet jeden Dialog durch eine vorausgeschickte Anerkennungsverweigerung. Aus der Vorstellung einer Einheit der Wissenschaft folgt eine konstitutive Toleranzschwäche, ähnlich wie im Monotheismus: Wenn es nur einen Gott gibt – eine Wirklichkeit, eine Wahrheit, eine wissenschaftliche Methode – wie ist dann mit den Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften umzugehen? Der Traum von der Einheit der Wissenschaften ist zu einem Sprengsatz für die Einheit der Soziologie geworden. – So viel zu den Diskurshemmnissen.

 

III

Meine dritte Frage ist, wie die Soziologie ihre fachlichen Strukturen nutzen kann, um Sachkonflikte im Sinne von Intradisziplinarität zu organisieren? Thomas Scheffer hat hierzu festgestellt, dass unser Fach mit seinem Pluralismus ein sehr anspruchsvolles Wissensregime geschaffen hat, das dazu zwingt, eine Sache stets in verschiedenen Hinsichten zu vertreten.[5] Wer Mikro sagt, muss auch Makro sagen, wer Struktur sagt, muss auch Kultur im Blick behalten. Die allgemeine Wissenschaft des Sozialen stellt ständig neue Ansprüche und zieht ihre Vertreter:nnen immer wieder aus ihren spezialisierten Filterblasen zurück auf kontroverses Terrain.

Begreift man Professionalisierung als eine gemeinsame, unabschließbare Daueraufgabe der Ausdifferenzierung der Soziologie aus der Gesellschaft, so ist festzustellen, dass ihre Segmente konkurrierende Projekte der Professionalisierung verfolgen. Die theoretische, qualitative, quantitative und Public Sociology haben divergierende Vorstellungen von wissenschaftlicher Güte und von Professionalitätsmängeln. Aus ihrer gegenseitigen Beobachtung kann und sollte daher ein allseitiger Professionalisierungsdruck auf die Schwächen der je anderen Segmente folgen: Mängel der Kumulation von Wissen in der qualitativen Forschung, empirische Sterilität in mancher Theoriebildung, ein überpolitisiertes Rollenverständnis und milieuorientiertes Publikationsverhalten in der Public Sociology, theoretische Diversitätsmängel und epistemische Orthodoxie in der analytisch-empirischen Soziologie.

Zu den ungehaltenen Dialogen, in denen dieser wechselseitige Professionalisierungsdruck sich entfalten müsste, gehört die Frage der Gütekriterien. Wo die analytisch-empirische Soziologie ‚methodisch kontrollierte, theoretisch präzise‘ Forschung sucht, wird in der qualitativen Forschung ‚methodisch feinsinnige und erfindungsreiche‘ Forschung prämiert, in der soziologischen Theoriebildung eher ‚fantasievolles und horizonterweiterndes‘ Denken. Auch würde das Mandat an die Ausübung von Kontrolle epistemologisch gegenläufig vergeben: Der methodischen Kontrolliertheit der quantitativen Forschung würde die Theoriebildung die Frage nach ihrer theoretischen Führung entgegenhalten, während sich die qualitative Forschung mit ihrem Gütekriterium der Gegenstandsangemessenheit primär als empirisch kontrolliert versteht. Erst wenn man Gütekriterien der Forschung aus engen messtheoretischen Relevanzen löst und mit Standards anderer Fachsegmente vergleicht, wird man sehen können, wie breit angelegt fachuniversell gedachte Gütekriterien sein müssten.

Unsere ungehaltenen Dialoge werden die Bezugspunkte, Relevanzen und Routinen einzelner Fachsegmente nicht länger routiniert voraussetzen können, sie müssen sie zum Thema machen. Wenn dies gelingt, dürfte es die Konfliktlinien so verschieben, dass das tradierte Selbstverständnis der Parteien nicht länger aufrechterhalten werden kann. Betrachten wir hierfür exemplarisch die epistemologische Spaltung, die die Reflexionstheorien des Realismus und Konstruktivismus zu Kampfbegriffen gemacht hat. Zu ihrer Überbrückung seien drei Vorschläge gemacht und damit einer der Dialoge eröffnet:

Erstens bietet es sich meines Erachtens an, zwei Realismen zu unterscheiden: den Primärrealismus der analytisch-empirischen Soziologie vom Sekundärrealismus der Wissenssoziologie. Eine Primärrealistin fasst das Alltagswissen in Durkheim’scher Manier als subjektiv verzerrtes, vorurteilsbeladenes Wissen auf, das durch soziologisches Wissen über die wirklichen Tatbestände zu überwinden ist. Ein Sekundärrealist nimmt sich gesellschaftliche Wissensordnungen dagegen zum Gegenstand, um das Handeln der Leute im Rahmen der von ihnen unterstellten Wirklichkeiten zu verstehen. Sekundärrealisten beanspruchen nicht, objektiv zu sein, sondern jene kulturellen Kategorien, Muster und stillen Prämissen zu objektivieren, also zu vergegenständlichen, die objektive Sozialforscher einfach voraussetzen und zielstrebig in Gebrauch nehmen.

Dabei gibt es zweitens auf der Ebene der Wertorientierung der Forschung klare Konvergenzen. Alle Wissenschaft bemüht sich darum, eine möglichst intersubjektiv teilbare Beschreibung von Wirklichkeit zu schaffen. Sogenannte Realisten gehen davon aus, dass es diese eine Wirklichkeit schon gibt und dass die Wissenschaft mit der Evidenz ihrer Daten und der Autorität ihrer Methoden öffentlich sagen soll, was der Fall ist. Sogenannte Konstruktivisten meinen, dass die eine Wirklichkeit gegen die multiplen Realitätsentwürfe in der Gesellschaft erst zu gewinnen ist und dass die Stimme der Wissenschaft um Zustimmung zu werben hat. Sie sagt nicht einfach, was der Fall ist, sondern welche guten Gründe sie hat, eher dieses als jenes für möglich zu halten. Aber für beide Seiten bleibt die eine Wirklichkeit eine konstitutive Fiktion: Für die einen gibt es sie schon wie ein höheres Wesen am Anfang unserer wissenschaftlichen Schöpfungen, für die anderen entsteht sie eher als mögliches Ergebnis dieser Schöpfungen.

Drittens scheint es mir zur Verabschiedung von epistemologischen Lebenslügen empfehlenswert, einmal die Präferenzen der Gegenseite auszuprobieren und die Vokabularien zu übersetzen. Der Tradition des ethnografischen Naturalismus liegt eine durch und durch realistische Epistemologie zugrunde, die nur noch übertroffen wird vom Bemühen der Interaktionsforschung mittels Audio- und Videoaufzeichnungen ein datenförmiges Duplikat eines Realitätsausschnittes herzustellen. Umgekehrt beruht die Leistungsfähigkeit der analytisch-empirischen Forschung (genau wie die der Laborwissenschaften) sicher nicht auf Realitätsnähe, sondern auf der Maximierung von Artifizialität: der analytischen Aufspaltung komplex verwobener Phänomene in Aspekte und Faktoren und ihre Umsetzung in technische Operationen. Die Stärke dieser Forschung liegt in ihrer geradezu ingenieurwissenschaftlichen Konstruktivität. Ihre modelltheoretischen Annahmen und ihr operatives Vorgehen formatieren die Wirklichkeit mithilfe zuhandener kultureller Kategorien zu simulationsfähigen Prozessen. Der härteste Realismus in der Datenproduktion findet sich also in der sozialkonstruktivistischen Forschung, die radikalste Konstruktivität in der sogenannten Realwissenschaft der analytisch-empirischen Soziologie.

Auch in anderen Hinsichten dürften die anstehenden Sachkonflikte eine Überarbeitung liebgewordener Selbstbeschreibungen erfordern. So drängen Nina Baur und Hubert Knoblauch darauf, dass sich die standardisierte Forschung viel stärker als interpretative Forschung würdigt und kontrolliert.[6] Aber auch das Selbstverständnis der Ethnografie, die sich stets als methodologischen Situationismus begriff, ist bei Licht betrachtet nicht haltbar. Sie beruht auf einem theoretischen Situationismus, methodisch geht keine Forschungsstrategie individualistischer vor als die Ethnografie mit ihrer Grundidee, sich selbst sozialen Situationen auszusetzen. Umgekehrt ist das Label ‚methodologischer Individualismus‘ auch nicht viel mehr als eine alte Sprechgewohnheit. Denn diese Forschung arbeitet vor allem mit einem theoretischen Individualismus, methodisch rekurriert sie zwar auf individualisierte Forschungsobjekte, auf Seiten des Forschungssubjekts findet sich aber ein ausgeprägter methodologischer Instrumentalismus von Formularen, Formeln und Rechenmaschinen.

Macht man sich klar, wie grundverschieden der Begriff des „Empirischen“ in den Paradigmen der empirischen Sozialforschung ist, wie erfahrungsfern und abstrakt auf der einen Seite, wie erfahrungsnah, dicht und konkret auf der anderen, scheint mir die unscheinbare Umbenennung der empirisch-analytischen Soziologie in die analytisch-empirische ganz folgerichtig. Sie lädt dazu ein, die drei Disziplinen des Faches neu zu benennen und ihre Arbeitsteilung neu zu bestimmen. Dabei sollte in einem Fach, dessen Segmente sich wechselseitig professionalisieren, empirische Forschung primär dazu da sein, die Theoriebildung voranzubringen, theoretische Forschung primär dazu da sein, die Empiriebildung voranzubringen.[7]

 

Die Disziplinen der Soziologie

 

In dieser wechselseitigen Bedingtheit überprüft die analytisch-empirische Sozialforschung Hypothesen aus Middle Range Theories und kumuliert so empirisches Wissen. Die empirisch-explorative Sozialforschung beliefert einen anderen Teil des Zusammenhangs, indem sie Konzepte entwickelt – als Situationsanalyse für die Sozialtheorie, als historische Forschung für die Gesellschaftstheorie. Es sind also unterschiedliche Segmente theoretischer Forschung, an denen sich die Paradigmen empirischer Forschung orientieren und es sind unterschiedliche Zeitpunkte eines Theorie/Empirie-Zyklus, an denen sie ihre Einsatzpunkte haben.

So oder so ähnlich könnten unsere ungehaltenen Dialoge verlaufen. Ich meine, sie lohnen sich, weil jede Seite sich sonst auch selbst nicht gut versteht.

Fußnoten

[1] Der folgende Text ist das Manuskript eines Vortrags, gehalten im Plenum "Un_Ordnung oder Um_Ordnung. Die Soziologie zwischen Multiparadigmatik und Einheitswissenschaft" auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2020.

[2] Heinz Messmer, Der soziale Konflikt. Kommunikative Emergenz und systemische Reproduktion, Stuttgart 2003.

[3] Jörg Strübing, Soziologie in kriegerischen Zeiten, in: Soziologie 48 (2019), 2, S. 143–152.

[4] Hartmut Esser, Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust? Nicht nur eine „Stellungnahme“ aus „gegebenem Anlass“, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie 7 (2018), 1, S. 132–152, hier S. 133.

[5] Thomas Scheffer, Für eine multiparadigmatische Soziologie in Forschung und Lehre [17.9.2020], in: Soziologiemagazin, 21.12.2017.

[6] Nina Baur / Hubert Knoblauch, Die Interpretativität des Quantitativen, in: Soziologie 47 (2018), 4, S. 439–461

[7] Stefan Hirschauer, (2008): Die Empiriegeladenheit von Theorien und der Erfindungsreichtum der Praxis, in: Herbert Kalthoff / Stefan Hirschauer / Gesa Lindemann (Hg.), Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Frankfurt am Main 2008, S. 169–187.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.