Was ist Wissenssoziologie?

Zur Orientierung in einem unübersichtlichen Forschungsgebiet

 

Nur durch Wissen wirken wir

Wie beispielsweise auch die Kultursoziologie ist die Wissenssoziologie keine echte Spezialsoziologie. Das liegt daran, dass das mit der Disziplinbezeichnung „Soziologie“ verbundene Kompositum „Wissen“ nicht als gesondertes gesellschaftliches Handlungsfeld oder sozialstrukturelles Merkmal gilt, wie dies bei vielen anderen Bindestrichsoziologien (etwa der Familiensoziologie oder der Soziologie sozialer Ungleichheit) der Fall ist. Wissen ist – nomen est omen – nicht nur konstitutiv für Wissenschaft, sondern eigentlich für das Leben schlechthin. Sobald man über etwas nachzudenken beginnt, bekommt man es mit Wissen zu tun, ob es sich nun um ein Forschungsproblem handelt oder die Alltagsfrage, wo es um diese Zeit noch etwas zu essen gibt. Wissen ist nicht allein das, was wir ‚im Kopf haben‘. Es ist auch das, worüber unser Körper verfügt, etwa wenn er Fahrrad fährt, ein Ei aufschlägt oder ein Gegenüber küsst. Wissen ist wohl bereits das, was uns erlaubt, eine Situation, in der wir uns gerade befinden, als Situation hier und jetzt, in dieser oder jener Weise zu erleben: als Arbeitsgespräch, als Flirt, als Mittagessen – und manchmal als all das zusammen. Wissen ermöglicht uns darüber hinaus die Definition der Situation und damit das Handeln. Gleichwohl ist nicht ausgeschlossen, dass wir uns ganz gewaltig irren können oder etwas ganz anders wahrnehmen als alle anderen.

Geht man spezifischer davon aus, dass das, was wir als Wissen bezeichnen, von einer bestimmten Gruppe, einem Kollektiv oder ein paar miteinander in Beziehung stehenden Menschen in besonderen historischen Kontexten erst hervorgebracht wurde, lohnt es sich, darüber nachzudenken, wo Wissen wann, warum, worüber und auf welche Weise geschaffen wurde – und was wir selbst damit zu tun haben. Insofern stehen Fragen nach der Geschichte des Wissens und seiner sich je nach Blickwinkel ständig verändernden Systematik, aber auch nach seiner Wirkweise im Alltagsleben, in Organisationen und Kollektiven im Mittelpunkt. Da Wissen nicht etwas ist, was ein einzelnes Bewusstsein mit sich selbst ausmacht, sondern in den Beziehungen zwischen Individuen nach bestimmten Regeln entsteht, eignet es sich als Gegenstand soziologischen Nachdenkens.

Im Folgenden sehen wir uns den Wissensbegriff etwas näher an und gehen genauer auf die Facetten der soziologischen Beschäftigung mit diesem Gegenstand ein. Danach betrachten wir kurz die Eigendynamik, die die ‚professionelle‘ Auseinandersetzung mit Wissen auf dem Gebiet der Soziologie hervorgebracht hat, was mit einer kleinen Geschichte der Wissenssoziologie verbunden ist. Den Schluss bildet die Frage, welcher Zukunft diese Subdisziplin entgegensieht.

 

Wozu eine Soziologie des Wissens?

Es ist bemerkenswert, dass über die Bedeutung des Wortes „Wissen“ unter Soziolog_inn_en kein Konsens besteht. Der Blick in soziologische Wörterbücher zeigt, dass Wissen einerseits als Information verstanden wird, die von Personen oder Gruppen wahrgenommen, verarbeitet, reproduziert oder genutzt werden kann.[1] Andererseits wird Wissen mit Handlungsvermögen gleichgesetzt oder als „Gesamtheit von Orientierungen, über die die Handelnden verfügen, um handeln zu können“,[2] begriffen, wobei zu ergänzen ist, dass nicht nur originäre und in Erfahrung überführte Erlebnisse, sondern auch über andere „vermittelte“ Kenntnisse gemeint sind. Letzteres bezieht sich auf philosophische Überlegungen zu einer engen Verbindung von Wissen und (intersubjektiv erzeugter) Wahrheit beziehungsweise von Wissen und Macht (im Sinne der Fähigkeit, etwas tun zu können). Wieder an anderen Stellen ist die Rede von implizitem Wissen, habitualisiertem Wissen, tacit knowledge, von Religionen oder politischen Ideologien als Wissensformen, von Diskursen als Wissenspolitiken. Berücksichtigt man zudem die Summe dessen, was ein Organismus irgendwann einmal in der Weise erlebt hat, dass Spuren zurückgeblieben sind, sollte man unter Wissen außerdem all das begreifen, was sein gegenwärtiges und zukünftiges Verhalten beeinflusst.[3] Das betrifft auch die Situation, in die wir zwar möglicherweise ohne unser Zutun hineingeraten sind, in der wir uns aber nur mithilfe unseres Wissens orientieren und bewegen können. Schließlich wissen wir viel mehr, als wir zu wissen meinen, und wir wirken in unsere Umwelt stärker hinein, als uns bewusst ist.

Aus soziologischer Sicht möchte man herausfinden, welches Wissen unter welchen Umständen entsteht oder wie es interaktiv und kollektiv verfestigt wird, indem es etwa zu Institutionen und sozialen Rollen gerinnt. Außerdem ist zu ergründen, ob es eine Hierarchie des Wissens gibt – ob manches Wissen also in spezifischen Situationen, bei bestimmten Gruppen oder Kulturen relevanter ist als anderes Wissen. Nicht nur muss erforscht werden, auf welche Weise Wissen in sozialen Beziehungen angewandt und weitergegeben wird, sondern auch, wie spezifische ‚Wissensordnungen‘ der Welt zum Gegenstand von Konflikten, kleineren Veränderungen und größeren Wandlungen werden. Im Blickpunkt soziologischer Ansätze steht dabei in erster Linie die soziale Beziehung, innerhalb derer Wissen erzeugt, weiterbenutzt, dargeboten, vermittelt und angewendet wird. Dabei sind sowohl die Art des Wissens als auch der jeweiligen Beziehung zu berücksichtigen. Hinzu kommt, dass Wissen mit Sinn beziehungsweise Bedeutung zu tun hat: Wissen erschließt uns die Welt in dieser oder jener Weise als mehr oder weniger geordnete Wirklichkeit, auf andere Weise hingegen nicht – was Vorzüge und Probleme mit sich bringt.

 

Wissenssoziologie als Subdisziplin? Zur Geschichte der Wissenssoziologie

Maßgeblich geprägt wird der Begriff „Wissenssoziologie“ in den 1920er-Jahren von dem deutschen Philosophen und Soziologen Max Scheler, der damit ein neues Forschungsgebiet der Soziologie skizziert.[4] Doch das wissenschaftliche Interesse am Wissen ist wesentlich älter. Üblicherweise beginnt die Ahnengalerie der Neuzeit mit Philosophen wie Giambattista Vico oder Francis Bacon und hebt dann Karl Marx und Friedrich Engels hervor, die sich in der Deutschen Ideologie (1845–1846) mit der Frage auseinandersetzen, wie die vergesellschaftete Arbeitstätigkeit Formen von Bewusstsein (Ideen, Recht, Wirtschaftsweisen usw.) hervorbringt.[5] Seit der Aufklärung wird Ideologie als falsches Bewusstsein und damit falsches Wissen gebrandmarkt – ein Motiv, das sich über Karl Marx und Friedrich Engels bis in die Kulturkritik der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer fortsetzt.[6] Zuvor schon hatten der französische Sozialphilosoph August Comte in seinem Cours de philosophie positive (1826–1842) oder der bereits erwähnte Giambattista Vico in seiner Scienza Nuova (1725) die Menschheitsgeschichte in unterschiedliche Etappen entlang von ‚dominierenden Wissensformen‘ unterteilt.[7] Auch Friedrich Nietzsches Überlegungen zur Historisierung und Empirisierung des philosophischen Denkens stellen einen ganz eigenständigen Beitrag zu dieser Diskussion dar. Anfang des 20. Jahrhunderts unternimmt schließlich der französische Soziologe Émile Durkheim einen umfassenden Versuch zur Analyse der Sozialgeschichte des menschlichen Wissens entlang der Religionsbildungen.[8]

Eine weitere einflussreiche Entwicklung, die sich in unterschiedliche Stränge aufspaltet, verdankt sich der Phänomenologie Edmund Husserls: Eine Linie beginnt mit seinem Schüler Max Scheler und dessen Soziologie des Wissens,[9] der die Einsicht zu verdanken ist, dass Wissen immer als standortgebunden – also aus der Sicht einer bestimmten in Raum und Zeit festgelegten Gruppe – begriffen werden muss, damit niemals absolut sein kann und in jeder Gesellschaft in bestimmten Ordnungen und Formen vorliegt. Ausgebaut wird diese Position in der Wissens- oder Denksoziologie Karl Mannheims,[10] der in den 1920er-Jahren den Marx‘schen Ideologiebegriff für eine allgemeine wissenssoziologische Analyse der „Seinsgebundenheit des Denkens“ nutzt und unter anderem den Begriff des „Denkstils“ prägt. Kurze Zeit darauf zeigt auch Ludwik Fleck,[11]inwiefern selbst das vermeintlich ‚objektive‘ wissenschaftliche Wissen soziokulturellen Logiken folgt. Mannheims Mitarbeiter Norbert Elias entwickelt später eine eigenständige Theorie der prozessorientierten Konfiguration gesellschaftlichen Wissens, indem er der von kontextabhängigen sowie historisch gewachsenen Beziehungsarrangements abhängigen Entstehung des Wissens Rechnung trägt.[12]

Die zweite Linie nimmt ihren Ausgang bei dem ebenfalls von Husserl (und Max Weber) beeinflussten Sozialphänomenologen Alfred Schütz, der sich in den 1930er-Jahren mit dem „sinnhaften Aufbau der sozialen Welt“ beschäftigt und später die herausragende Rolle gesellschaftlicher Wissensvorräte betont.[13] Sein Werk prägt vor allem die Wissenssoziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, aber auch die Ethnomethodologie von Harold Garfinkel, der sich für die Herstellung von Situationen im zwischenmenschlichen Tun (‚Doing‘) der Akteure interessiert.[14] In den USA entwickelt die aus dem Pragmatismus entfaltete Soziologie (etwa des symbolischen Interaktionismus), die Anfang des 20. Jahrhunderts noch in engem Kontakt mit den Debatten im deutschen Sprachraum steht, ein starkes Interesse an den interaktiven Prozessen und Folgen von „meaning making“. Sie befasst sich also mit der gesellschaftlichen Herstellung des Sinns und der Bedeutung von Situationen – sowie deren sozialen oder politischen Folgen. Peter L. Berger und Thomas Luckmann schließen mit ihrer These von der „gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit“ eine phänomenologisch interessierte Wissenssoziologie an die Allgemeine Soziologie an und verbinden dabei US-amerikanische, französische und deutsche Traditionen.[15] Hans-Georg Soeffner ergänzt diese Theorielinie durch Reflexionen zur (hermeneutischen) Methodologie der Forschung,[16] die zur Grundlage einer hermeneutischen Wissenssoziologie werden.[17]

In der Folgezeit werden die erwähnten Ansätze einerseits ausgebaut, andererseits kommen neue Perspektiven hinzu, die bereits bestehende Befunde und Konzepte variieren.[18] Zu nennen ist etwa die struktur- beziehungsweise systemtheoretische Wissenssoziologie nach Niklas Luhmann mit ihrem Interesse am Zusammenhang von sozialer Differenzierung und der Entstehung von Semantiken.[19] Im angloamerikanischen Raum entfaltet sich, angestoßen durch Forschungen Robert K. Mertons, eine weit aufgefächerte Soziologie des wissenschaftlichen Wissens und der Technologien sowie dessen und deren Herstellung. Viele Autor_innen grenzen sich aber auch von den funktionalistischen Positionen Mertons ab, um an die Ethnomethodologie,[20] den Symbolischen Interaktionismus[21] oder die Wissenschaftsgeschichte von Thomas S. Kuhns Structure of Scientific Revolutions (1966) anzuknüpfen.[22] Im französischen Sprachraum hingegen verschwindet die Wissenssoziologie als explizite Subdisziplin völlig. Gleichwohl spielen Klassifikationen beziehungsweise die Ordnung der Dinge in der eher historisch orientierten Wissenssoziologie und Diskursforschung Michel Foucaults eine große Rolle, wenn er zum Beispiel nach der kontingenten Geschichte gesellschaftlicher Bestimmungen von Vernunft und Wahnsinn fragt.[23] Auch Pierre Bourdieus Untersuchungen zum Zusammenhang von Klassen und Klassifikationen oder zum akademischen Feld können als wissenssoziologische Beiträge gelesen werden.[24] Im deutschen Sprachraum wurde indes die Perspektive von Berger und Luckmann über längere Zeit zum dominierenden Paradigma.

Die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen lassen sich ihrerseits verschiedenen turns zuordnen, die die jüngere Geschichte der Sozial- und Geisteswissenschaften weltweit beeinflussen. Dem so genannten linguistic turn verdankt sich eine Perspektive, die von einer sprachlich-kommunikativen Grundlegung der Wirklichkeitserfahrung ausgeht. Für die Soziologie steht dabei der Zirkelschluss Bergers und Luckmanns im Mittelpunkt,[25] demzufolge die Gesellschaft ein menschliches Produkt und als solches objektive Wirklichkeit sowie der Mensch wiederum ein gesellschaftliches Produkt sei. Die sozialphänomenologische Wissenssoziologie und vor allem Thomas Luckmann hat diese These im Zusammenhang mit Sprache, Kommunikation und Konversation in erster Linie auf die Ebene des kognitiven Bewusstseins bezogen und ausgebaut. Dagegen eignet sich die in der Tradition Schütz‘ und Mannheims stehende Ethnomethodologie dazu, vor allem auch das nicht- oder vorbewusste Wissen, den praktischen Vollzug von Handlungen und die dadurch hergestellten Ordnungen in den Blick zu bekommen. Sie erfasst damit einen Aspekt sozialen Wissens, der im Zuge einer allzu kognitiv ausgerichteten Kommunikationsforschung aus dem Blick geraten ist. Eine Zusammenführung dieser divergierenden Perspektiven strebt insbesondere die in der Tradition des französischen Poststrukturalismus stehende Forschungslinie der wissenssoziologischen Diskursanalyse an, die der historischen Gewordenheit und Komplexität von Wissensstrukturen, deren diskursiver Prozessierung wie auch deren gesellschaftlichen Folgen Rechnung trägt.[26]

Mit weiteren turns erweitert sich das Spektrum der als wissenssoziologisch ausgewiesenen Forschungsprojekte und -arbeiten. Der practical turn integriert in weit höherem Maße als dies im Rahmen ethnomethodologischer Arbeiten der Fall war den Bereich impliziten Wissens (tacit knowledge). Der iconic oder visual turn adressiert die umfassenden Orientierungsqualitäten visueller Daten oder Eindrücke. Der material turn schließlich lenkt den Blick auf das Wissen, das der Welt der Dinge beziehungsweise Objekte erwächst. Strukturtheoretische Ansätze wie die Theorie sozialer Systeme beanspruchen den wissenssoziologischen Zugang für sich, nachdem sie sich zunächst des sozialphänomenologischen Erbes entledigt hatten,[27] und selbst utilitaristische Handlungstheorien integrieren wissenssoziologische Reflexionen in ihre Annahmen und Modellbildungen.[28]

All das führt zu einer fortschreitenden Differenzierung der Wissenssoziologie in ihren Theoriegrundlagen wie in ihren empirischen Forschungsinteressen. Neben der wissenssoziologischen Diskursforschung markieren etwa die lebensweltanalytische Ethnographie[29] oder aktuelle Beiträge zum Kommunikativen Konstruktivismus[30] entsprechende Entwicklungen. Als Ausdruck dieser Vielfalt und auch Lebendigkeit mag die große Zahl der Arbeitskreise und Interessengruppen gelten, die sich in der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie konstituiert haben und unter anderem zu Diskursforschung, Ethnographie, Expertenwissen, Gedächtnissoziologie, Interaktions- und Organisationsforschung, Phänomenologie, Theoriebildung, Visualität sowie zu Metaphern oder Wissenskulturen forschen. Vor diesem Hintergrund wurde auf dem ersten Kongress der deutschen Wissenssoziologie im Jahr 2015 auch die Frage aufgeworfen, was alles zur Wissenssoziologie gehört und was nicht.[31]

 

Ausblick

Nach diesem stark verkürzenden Parforceritt durch Geschichte und Themen wissenssoziologischen Nachdenkens bleibt am Schluss die alte, bereits von Friedrich Schiller in Bezug auf die Universalgeschichte gestellte Frage offen: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Wissen? Wissenssoziologie zu treiben bedeutet in erster Linie, Herkunft und Wirkung unseres Wissens zu hinterfragen. Insofern jede Form des Wissens als irgendwie ‚gewachsen‘ oder ‚gesellschaftlich konstruiert‘ angesehen wird, muss jede Behauptung ‚letzter Wahrheiten‘ unter Generalverdacht gestellt werden. Wissenssoziologie ist Ideologiekritik, weil sie weiß, dass Wissen nur eine zwischenmenschliche Kategorie und jede Form von Wahrheit stets nur ‚kontingent‘ sein kann. Klar ist damit auch, dass der Anspruch auf Wahrheit immer auch mit der Macht verbunden ist, die Geltung dieses Anspruches einfordern zu können. Die Analyse von Formen und Herkünften des Wissens ist unter diesem Aspekt so etwas wie ein ‚Machtsichtgerät‘,[32] das Licht in das Zwielicht des künstlich Verdunkelten fallen lässt. Gerade in Zeiten, in denen der Anbruch einer postfaktischen Epoche behauptet wird, kann an den alten und genuin wissenssoziologischen Weckruf Karl Mannheims erinnert werden, den er auf dem Zürcher Soziologentag im Jahr 1928 und im Angesicht der sich langsam formierenden NS-Diktatur in Deutschland vorgebracht hat: Es „soll nicht behauptet werden, daß Geist, Denken nichts anderes sei als Ausdruck, Reflexion sozialer Lagerungen, daß es nur kalkulierbare Bedingtheiten und keine im Geiste verankerte Möglichkeit zur ‚Freiheit‘ gäbe, sondern nur, daß es auch hier im Gebiete des Geistigen durch Rationalisierung erfaßbare Prozesse gibt und daß es eine falsche Mystik ist, dort, wo noch Erkennbares vorliegt, romantische Verdunkelung walten zu lassen. Wer das Irrationale schon dort haben möchte, wo de jure noch Klarheit und Herbheit des Verstandes walten muß, der hat Angst, dem Geheimnis an seinem wahren Ort ins Auge zu sehen.“[33]

Fußnoten

[1] Sabine Maasen, Art. „Wissen“, in: Sina Farzin/Stefan Jordan (Hg.): Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2015, S. 328–330.

[2] Uwe Schimank, Art. „Wissen“, in: Werner Fuchs-Heinritz u.a. (Hg.), Lexikon zur Soziologie, 5. Aufl., Wiesbaden 2011, S. 759–760, hier S. 759.

[3] Oliver Dimbath/Michael Heinlein, Gedächtnissoziologie, Paderborn 2015.

[4] Eine umfassende Einführung in die und Überblicksarbeit über die Wissenssoziologie liegt vor von Hubert Knoblauch, Wissenssoziologie, 3. Aufl., Konstanz 2014.

[5] Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: dies., Werke, Band 3, Berlin (Ost) 1969, S. 9–530.

[6] Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, 22. Aufl., Frankfurt am Main 2016.

[7] Auguste Comte, Cours de philosophie positive, Paris 1998 (dt.: Die Soziologie. Die positive Soziologie im Auszug, hg. v. Friedrich Blaschke, 2. Aufl., Stuttgart 1974); Giambattista Vico, La scienza nuova. Le tre edizioni del 1725, 1730 e 1744, hg. v. Manuela Sanna u. Vincenzo Vitiello, Milano 2012 (dt.: Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, übers. u. hg. v. Vittorio Hösle u. Christoph Jerman, Hamburg 1990).

[8] Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, Stuttgart 1988; Émile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse. Paris 2013 (dt.: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt am Main 2007).

[9] Max Scheler, Die Soziologie des Wissens, in: Manfred S. Frings (Hg.), Max Scheler. Von der Ganzheit des Menschen. Ausgewählte Schriften, Bonn 1991, S. 229–245.

[10] Karl Mannheim, Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, eingeleitet und herausgegeben von Kurt H. Wolff, Berlin/Neuwied 1964.

[11] Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv, m. e. Einl. hg. v. Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, Frankfurt am Main 1980.

[12] Vgl. zum Beispiel Norbert Elias, Arbeiten zur Wissenssoziologie. Zwei Bände, Frankfurt am Main 1988, 1990.

[13] Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie, Frankfurt am Main 1974.

[14] Harold Garfinkel, Studies in Ethnomethodology, Cambridge/Malden, MA 1984.

[15] Peter L. Berger/Thomas Luckmann, The Social Construction of Reality. A Treatise in the Sociology of Knowledge, New York et al. 1989 (dt.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, m. e. Einl. zur dt. Ausg. v. Helmuth Plessner, übers. v. Monika Plessner, 26. Aufl., Frankfurt am Main 2016); vgl. zu Ähnlichkeiten und Unterschieden der erwähnten Traditionen: Reiner Keller, Das Interpretative Paradigma, Wiesbaden 2012.

[16] Hans-Georg Soeffner, Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Zur wissenssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik, Konstanz 2004.

[17] Ronald Hitzler/Jo Reichertz/Norbert Schröer (Hg.), Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation, Konstanz 1999.

[18] Für einen Überblick vgl. Rainer Schützeichel (Hg.), Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung, Konstanz 2007.

[19] Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bände 1-4, Frankfurt am Main 1993ff.

[20] Hier zum Beispiel Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft, Frankfurt am Main 1984.

[21] Z. B. Joseph Gusfield, The Culture of Public Problems. Drinking-Driving and the Social Order, Chicago, IL 1981; Adele Clarke, Disciplining Reproduction: Modernity, American Life Sciences and the Problems of Sex, Berkeley, CA 1998.

[22] Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, 4. Aufl., Chicago, IL 2012 (dt.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, übers. v. Kurt Simon u. rev. von Hermann Vetter, 24. Aufl., Frankfurt am Main 2014). Vgl. zur Wissensforschung als Wissenschaftsforschung insgesamt auch Schützeichel (Hg.), Handbuch Wissenssoziologie und Wissenschaftsforschung.

[23] Michel Foucault, Les mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines, Paris 1966 (dt.: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, übers. von Ulrich Köppen, 23. Aufl., Berlin 2015); ders., Histoire de la folie à l’âge classique. Folie et déraison, Paris 1961 (Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, übers. von Ulrich Köppen, 11. Aufl., Frankfurt am Main 1995).

[24] Pierre Bourdieu, Homo academicus, Paris 1984 (dt.: Homo academicus, übers. v. Bernd Schwibs, Frankfurt am Main 1992); ders., La distinction. Critique social du jugement, Paris 1979 (dt.: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, übers. v. Bernd Schwibs u. Achim Russer, 11. Aufl., Frankfurt am Main 1999).

[25] Berger/Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 65.

[26] Reiner Keller, Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms, 3. Aufl. Wiesbaden 2011.

[27] Niklas Luhmann, der anfangs noch intensiv die Arbeiten von Schütz zitiert, akzentuiert später eher das Werk Husserls, um dann nur noch gelegentlich auf (sozial-)phänomenologische Motive seiner Theorie hinzuweisen.

[28] Zum Beispiel Hartmut Esser, Die Rationalität des Alltagshandelns. Eine Rekonstruktion der Handlungstheorie von Alfred Schütz, in: Zeitschrift für Soziologie 20 (1991), 6, S. 430–445.

[29] Ronald Hitzler/Paul Eisewicht, Lebensweltanalytische Ethnographie: Im Anschluss an Anne Honer, Weinheim 2016.

[30] Reiner Keller/Hubert Knoblauch/Jo Reichertz (Hg.), Kommunikativer Konstruktivismus. Wiesbaden 2013; Jo Reichertz, Kommunikationsmacht: Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Wiesbaden 2009; Hubert Knoblauch, Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit, Wiesbaden 2016.

[31] Zur eindrucksvollen Breite des Spektrums vgl. Jürgen Raab/Reiner Keller (Hg.), Wissensforschung – Forschungswissen. Beiträge und Debatten zum 1. Sektionskongress der Wissenssoziologie, Weinheim/Basel 2016.

[32] Vgl. zu diesem Neologismus auch Oliver Dimbath, Einführung in die Soziologie, Paderborn 2016, S. 291.

[33] Karl Mannheim, Die Bedeutung der Konkurrenz im Gebiete des Geistigen, in: ders.,  Wissenssoziologie, eingel. u. hg. v. Kurt H. Wolff, Berlin/Neuwied 1964, S. 566-623, hier S. 613.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tilman Reitz.