Was macht ein Luhmann-Editor eigentlich beruflich?

Johannes Schmidt im Gespräch mit Martin Bauer und Martin Weißmann

Heute wird das Online-Informationsportal des Niklas-Luhmann-Archivs freigeschaltet. Können Sie uns – zumindest in groben Zügen – eine Vorstellung davon vermitteln, welche editorischen und datentechnischen Vorarbeiten nötig waren, um einen Zugriff auf diese Materialien aus dem Nachlass zu ermöglichen? Anders gefragt: Was macht ein Luhmann-Editor eigentlich beruflich?

Was ein Luhmann-Editor beruflich macht, hängt stark davon ab, in welcher Phase der Erschließungs- und Editionsarbeit er sich gerade befindet. Wir haben 2015 mit der Nachlasserschließung begonnen. Trotzdem befinden wir uns noch in der Anfangsphase, die ganz andere Probleme stellt, als ein bereits etabliertes Nachlass- und Erschließungsprojekt. Als wir vor vier Jahren begonnen haben, war es zunächst wichtig, einen ersten Überblick über das vorhandene Material zu erhalten, denn Nachlässe sind ganz selten ordentlich, wenn sie beim Erschließer ankommen.

 

(Der Zettelkasten in Luhmanns Arbeitszimmer in Oerlinghausen, Foto: Oerlinghausen Uniarchiv)

 

Auf den ersten Blick vergleichsweise einfach war es beim Zettelkasten, der in einem geordneten Zustand vor uns stand. Die Herausforderung bestand darin, zum einen die Ordnungs- und Strukturprinzipien zu verstehen, nach denen Luhmann den Kasten aufgebaut hat – hier gab es Andeutungen Luhmanns in seinem Zettelkastenaufsatz von Anfang der 1980er-Jahre, an denen wir ansetzen konnten. Und zum anderen war natürlich die Menge der Notizzettel eine schon rein praktische Herausforderung: 90 000 Zettel blättert man nicht einfach mal so durch, und es gab von Luhmann keinerlei Inhaltsverzeichnis oder ähnliches, die Kästen waren ja noch nicht einmal von außen beschriftet. Um zu überprüfen, ob die Sammlung überhaupt vollständig ist und wie sie inhaltlich strukturiert ist, musste ich notgedrungen tatsächlich alle Zettel einmal in die Hand nehmen. Bei dieser Gelegenheit habe ich gleich eine Inhaltsübersicht erstellt. Sie hat sich im Wesentlichen einerseits an der Nummernsystematik orientiert, die allerdings gerade keine hierarchische Ordnung darstellt, und andererseits an den Luhmannschen Unterstreichungen auf den Zetteln. So ist am Ende eine Liste von etwa 150 DIN-A4-Seiten entstanden, die jetzt auch die Basis für eine Inhaltsübersicht im Portal liefern wird. In einem zweiten Schritt haben Mitarbeiter des Nachlassprojektes alle Zettel beidseitig gescannt, um sie archivarisch zu sichern und für die digitale Aufbereitung des Kastens vorzubereiten. Dabei musste nicht nur jeder Zettel in einer separaten Datei abgespeichert werden, sondern auch manuell mit der jeweiligen Nummer und einem Suffix versehen werden, der bereits eine Information über die Art des Zettels enthält. Allein diese Arbeit hat fast zwei Jahre in Anspruch genommen.

 

Ein Zettel über den Zettelkasten, kleine Lesehilfe:

"Zettelkasten
als kybernetisches System

Kombination von Unordnung und Ordnung,
von Klumpenbildung und unvorhersbarer,
im ad hoc Zugriff realisierter Kombination

Vorbedingung: Verzicht auf festgelegte Ordnung.
Die vorgeschaltete Differenzierung: Suchhilfen
vs. Inhalt; Register, Fragestellungen, Einfälle
vs. Vorhandenes überformt und macht z.T.
entbehrlich, das, was an innerer Ordnung
vorausgesetzt werden muss."

(Foto: Uni Bielefeld)

 

Bei den Manuskripten war die Situation weniger einfach. Es gab eine große Menge von Texten – wir zählen heute, nach gut anderthalb Jahren Erschließungsarbeit, nahezu 3.000 Manuskriptbestandteile –, die in einem ziemlich ungeordneten Zustand vorlagen. Also musste zunächst erst einmal erfasst werden, was überhaupt da war: Welche Publikationsvorhaben? Welche Fassungen? Das war alles sorgfältig und sauber, das heißt mit einer kurzen Beschreibung in eine Liste einzutragen, damit am Ende die verschiedenen Fassungen physisch zusammengeführt und korrekt archiviert werden können. Für die Feinerschließung, die sich jetzt anschließt, wollten wir sie gleich beisammen zur Hand haben.

Die andere große Herausforderung eines solchen Editionsprojekts in der Startphase ist natürlich konzeptioneller Art: Wie soll der Nachlass eigentlich ediert werden? Dabei ist heute eine Printpublikation allein keine Option mehr, bei den Forschungsförderinstitutionen, die ja die Finanzierungen übernehmen, ist das mittlerweile eine Standarderwartung. Abgesehen von der prinzipiellen Frage, in welchem Verhältnis beide Editionsformen stehen sollten, wirft eine Onlineedition ganz andere Probleme auf als eine Printedition, die vergleichsweise trivial ist. Bei Printeditionen stellt sich vielleicht die Frage: kritische Edition oder doch eine primär auf die Lesbarkeit der Texte hin orientierte Edition – wir optieren bei den Manuskripten für das Letztere und überlassen die kritische Edition einer Luhmann-Gesamtausgabe, die später vielleicht einmal kommen wird –, aber die Kriterien und Anforderungen sind hier doch klar und etabliert. Schwieriger ist das bei der Onlineedition, nicht nur, weil es schlicht noch keine große Editionstradition und damit auch keine lehrreichen Erfahrungen gibt, sondern auch, weil die Technik weitaus mehr Möglichkeiten bietet. Da muss nicht nur entschieden werden: Faksimiles oder Transkription – bei den Manuskripten, die in der Regel maschinenschriftlich sind, wird es größtenteils Ersteres sein, beim Zettelkasten mit seinen handbeschriebenen Zetteln wird es beides sein –, sondern auch: Wie organisiert und vernetzt man eigentlich die Bestände, wenn sie ins Netz gestellt werden?

 

Da kommt jetzt Köln ins Spiel, oder?

Ja, genau. In enger Abstimmung mit den Kolleginnen und Kollegen am Cologne Center for eHumanities (CCeH) haben wir festgelegt, wie wir die Dokumente erfassen, damit nicht nur eine funktionierende editorische Bearbeitung möglich ist, sondern auch die nutzerfreundliche Präsentation auf dem Portal. Sie müssen sich einmal vorstellen, mit welch ungeheuren Datenmengen wir beim Zettelkasten arbeiten. Da sind Fragen der Arbeits- wie der Datenorganisation essenziell, um einerseits einen funktionierenden Editionsalltag sicherzustellen und andererseits mit den erzeugten Daten nicht im Chaos zu versinken. Das sind alles eminent wichtige Dinge, die auf der Hinterbühne der Edition stattfinden. Keine Nutzerin wird sie jemals zu Gesicht bekommen: Es muss festgelegt werden, wie die verschiedenen Datenbestände organisiert und miteinander verbunden werden. Wenn man wie wir beim digitalen Zettelkasten mit einer unglaublich großen Menge von Relationierungen einzelner Daten in Gestalt von Verweisen auf andere Notizzettel oder andere bibliografische Zettel zu tun hat, wenn man mit der von uns vorgenommenen, editorischen Verbindung einzelner Zettel zu ganzen Zettelsträngen arbeitet, dann müssen von vorneherein Vorkehrungen getroffen werden, damit eine systematische Fehlerkontrolle möglich wird etc. Und selbstverständlich stellt sich die ganz zentrale Frage, wie die Bestände im Internet präsentiert werden können, also wie die grundlegende Struktur der Seite angelegt sein soll und wie man den digitalen Kasten so „designt“, um es neudeutsch zu sagen, dass die Präsentation dem Original gerecht wird. Gleichzeitig will man aber die zusätzlichen Möglichkeiten des Digitalen so ausgeschöpft sehen, dass schlussendlich eine weitgehend intuitiv bedienbare und technisch funktionierende Seite entsteht. Für das alles haben wir einen Vorlauf von drei Jahren benötigt. Diese Arbeit war nötig, damit wir jetzt online gehen können.

 

Welche Inhalte sind schon jetzt auf dem Onlineportal abrufbar und welche Inhalte werden Sie in den kommenden Monaten und Jahren Ihrer Arbeit noch ergänzen?

Unsere Seite ist in drei Rubriken gegliedert, wobei ich jetzt die online verfügbaren Informationen zum Projekt selbst nicht mitzähle. Also gibt es: Informationen zu Person und Theorie, zum Nachlass und – als zentralen Bereich – den Online-Bestand, das heißt die digitale Präsentation von Nachlassmaterialien.

Dieser Onlinebestand wird von uns schrittweise auf dem Portal veröffentlicht. Was es seit heute gibt, ist die transkribierte und vollverlinkte Fassung des ersten Auszugs des ersten Kastens. Dabei handelt es sich immerhin um gut 3.300 Zettel, die man sich jetzt im Netz anschauen kann.

 

Ein ziemlich stattliches Konvolut, oder?

Ja, aber weniger als 5 Prozent der Sammlung! Außerdem sind auch schon die beiden bibliografischen Abteilungen und das Schlagwortregister dieser Sammlung transkribiert, die, wenn Sie es ganz genau wissen wollen, im physischen Kasten, mit dem Luhmann selbst gearbeitet hat, im Auszug 17 der zweiten Sammlung stehen. Für die weitere Bearbeitung benötigen meine Mitarbeiter jeweils ungefähr ein halbes Jahr pro Auszug, so dass die erste Sammlung mit ihren sieben Auszügen in etwa drei Jahren komplett ediert sein dürfte. Es ist nicht die schnöde Transkription des Textes, die so viel Zeit in Anspruch nimmt. Das ist vergleichsweise trivial, auch wenn wir manchmal über bestimmten Wörtern grübeln. Die wesentliche Arbeit liegt vielmehr in der zusätzlichen Auszeichnung von Textmerkmalen und den Luhmannschen Verweisungen, den von uns zusätzlich erstellten Zettelverknüpfungen und der Erstellung bibliografischer Einträge. Die kann ziemlich zeitraubend werden, etwa wenn sich Luhmann auf dem jeweiligen Zettel nur kryptische Kurzbelege notiert hat, für die es keine Entsprechungen in der Bibliografie gibt. Worauf es uns vor allem ankommt, ist die sorgfältige Verlinkung von Zetteln zu Lesewegen und die Erstellung eines Textbildes, das die Merkmale des Originals weitgehend reproduziert.

Schon vor der Onlinepräsentation der transkribierten und edierten Auszüge kann man aber die Bilddigitalisate der Zettel abrufen. Im Augenblick sind das alle Zettel der ersten Sammlung und ein Teil der zweiten. Die dort noch ausstehenden Auszüge kommen dann im Laufe dieses und des nächsten Jahres hinzu. Wenn man sich mit Luhmanns Handschrift vertraut gemacht hat und sie lesen kann – was übrigens mit ein bisschen Eingewöhnung auf den meisten Zetteln kein Problem ist – , so lassen sich für diese Zettelkastenbereiche die digitalen Möglichkeiten zwar noch nicht nutzen, doch kann man den Zettelkasten auf seinem Computer in etwa so durchblättern, wie Luhmann es in seinem Arbeitszimmer analog auch getan hat. Im Moment ist dieses Vorgehen noch etwas mühsamer, aber wir versuchen zukünftig Hilfestellung zu geben, indem auch beim zweiten Kasten (wie jetzt schon beim ersten) die ausführliche Inhaltsübersicht bald bereitgestellt sein wird. Von der ausgehend kann man dann ganz einfach auf die jeweiligen Abteilungen springen. Hinzukommen soll 2019 schließlich auch die digitale Fassung des Luhmannschen Schlagwortverzeichnisses des ersten Auszuges – für ihn war dieses Verzeichnis ja das zentrale Einstiegsinstrument in den Kasten. Ein editorisch bearbeitetes, also erweitertes und bereits in sich vernetztes Schlagwortregister, das den Umgang mit dem Kasten noch weiter erleichtern dürfte, wird und kann es allerdings erst nach Abschluss der Transkription der ersten Sammlung geben.

 

Bis jetzt haben Sie nur von Texten und Zetteln gesprochen. Bleibt das Ganze derart buchstabenlastig?

Nein, nein. Im Augenblick wirkt es wohl eher noch wie ein Appetizer, aber im Online-Bestand finden sich bereits ein paar Audio- und Videoaufnahmen von Vorträgen und Interviews. Wir werden kontinuierlich weitere Aufnahmen online stellen, insbesondere auch von Vorlesungen aus den 1990er-Jahren, die uns freundlicherweise Kollegen und teilweise auch Medienanstalten zur Verfügung gestellt haben. So werden sich diejenigen, die Luhmann nicht mehr in personam erlebt haben, einen Eindruck davon verschaffen können, wie er bei Vorlesungen und Vorträgen aufgetreten ist. Es gibt ja eine bemerkenswerte Differenz zwischen dem Autor und dem Lehrenden, gerade was die Verständlich- und Zugänglichkeit seiner Aussagen angeht.

 

Also ein paar Horsd'œuvres für die Augen gibt es schon, ohne dass damit die Gewichte verschoben würden. In Kern bleibt es bei der Edition von Zetteln, Texten und Büchern…

Richtig. Aber wir stellen als kleine Dienstleistung zusätzlich auch noch eine Luhmann-Gesamtbibliografie ins Netz, die alle mittlerweile 2.100 Publikationen Luhmanns, inklusive aller Erst- und Nachdrucke sowie der vielen Übersetzungen versammelt. Es ist ein Sonderprojekt, das nicht direkt zum Nachlass gehört. Glücklicherweise konnten wir auf einem Datenbestand von Klaus Dammann aufbauen, den er seit den 1990er-Jahren hier in Bielefeld aufgebaut hat. Ihn erweitern und aktualisieren wir. Diese ganze Literatur ist über die Datenbank im Bestandsregister recherchierbar, so dass man relativ komfortabel und extrem schnell einen Überblick darüber gewinnt, welche Bücher, Aufsätze, Texte etc. wo wiedergedruckt oder übersetzt worden sind.

 

Droht angesichts einer solchen Fülle an Information nicht die finale Überversorgung?

Nein. Es gibt durchaus noch Lücken und schmerzhafte Defizite. Noch gar nicht befüllt, und das wird manche vielleicht enttäuschen, ist die Rubrik „Manuskripte“. Dafür sind primär bearbeitungstechnische Gründe verantwortlich. Unsere personellen Kapazitäten sind mit vier Mitarbeitern und drei wissenschaftlichen Hilfskräften beschränkt. Und außerdem waren wir durch die Vorarbeiten für die Zettelkastenedition, die Manuskripterfassung selbst und natürlich auch durch die erste Publikation, die wir aus dem Nachlass vorgenommen haben, das heißt durch die Edition von Luhmanns „Systemtheorie der Gesellschaft“, die ja vor zwei Jahren bei Suhrkamp erschienen ist, einfach ausgelastet. So können wir erst in diesem Jahr damit beginnen, erste Faksimiles von Manuskripten einzustellen. Aber auch damit nicht genug. Tatsächlich gibt es im Nachlass eine beeindruckende Menge von über 500 Vortragsskizzen Luhmanns aus den Jahren 1966 bis 1996. Auch die wollen wir im Netz zugänglich machen. Und im nächsten Jahr kommen dann noch die Digitalisate von erstaunlich umfangreichen Vorlesungsskripten sowie Faksimiles einiger Manuskripte hinzu.

Lassen Sie mich – und damit soll es dann auch genug sein – noch ein paar Sätze über weitere Materialien verlieren, die online gehen werden. Als ein Ergebnis unserer Transkriptionsarbeit ist eine Bestandsbibliografie entstanden, in der wir in einer durchsuchbaren Datenbank alle bibliografischen Angaben, die von uns im Zuge der Nachlassarbeit erfasst wurden, versammeln. Das sind im Augenblick – neben der Luhmann-Gesamtbibliografie, die ich gerade erwähnt hatte – die Angaben aus den beiden bibliografischen Abteilungen des ersten Zettelkastens sowie die dort nicht aufgeführten aus dem ersten Auszug, soweit wir sie bis dato erfasst haben. Ich rede von insgesamt 2.800 zusätzlichen Einträgen. Diese Datensätze sind auch deshalb nützlich und interessant, weil sie einen autorenbezogenen Einstieg in den Zettelkasten gestatten. Luhmann selbst hatte diesen Zugriff auf seine Notate geplant, doch nur in Ansätzen umgesetzt. Durch die Möglichkeiten digitaler Technik haben wir es da viel leichter: Wenn wir auf dem Notizzettel einen Link auf den bibliografischen Eintrag setzen, so wird dort automatisch die Zettelnummer eingetragen; man kann dann beim Aufrufen dieses Eintrags nicht nur mit einem Blick sehen, wo diese Literatur im Kasten verarbeitet wurde, sondern von dort aus auch auf die entsprechenden Zettel springen.

Neben diesem Onlinebestand bietet das Portal, ich hatte es eingangs angetippt, noch einige, ziemliche basale Informationen zu Person und Theorie. Diese Basisversorgung werden wir im Laufe dieses und des nächsten Jahres noch deutlich aufstocken. Schon jetzt gibt es – aufbauend auf der Gesamtbibliografie, die wegen ihres Umfangs kaum mehr in Listenform handhabbar ist – ein Werkverzeichnis, das alle Erstdrucke Luhmannscher Publikationen auflistet. In den nächsten Jahren wird es noch durch die Liste der Manuskripte ergänzt. Und dann findet man unter der Rubrik „Über den Nachlass“ schließlich Angaben zur Orientierung im gesamten Nachlassmaterial. Im Augenblick bieten wir eine erste, noch ziemlich kursorische Übersicht. Im Sommer stellen wir dann das Findbuch unseres Archivars dazu, so dass man nachsehen kann, wie der Nachlass im Detail aussieht. Hier werden wir dann auch eine Datenbank einstellen, die alle Titel von Luhmanns Arbeitsbibliothek aufführt. An derselben Stelle sind auch detailliertere Erläuterungen zum Zettelkasten greifbar. Und sobald wir die angesprochene Feinerschließung der Manuskripte abgeschlossen haben werden, kann man sich in dieser Rubrik auch über deren Eigen- und Besonderheiten informieren.

 

 (Foto: Uni Bielefeld)

 

Sie betonen, dass im Zentrum von Luhmanns Theoriearbeit über vierzig Jahre lang die Verfertigung von Notizzetteln für den Zettelkasten und der Ausbau des Ordnungssystems stand, das den Kasten zu einer – mit Ihrem Wort – „Theoriebildungs- und Publikationsmaschine“ gemacht hat. Wenn Sie diese Maschine nun der Öffentlichkeit zugänglich machen, schwebt Ihnen da das Bild einer idealen Nutzerin vor?

Nein, ein solches Bild habe ich nicht – und das wäre editorisch vermutlich auch nicht ganz unproblematisch, weil wir dann eine bestimmte Lesart des Zettelkastens in unsere digitale Umsetzung hineinlegen würden. Bei unseren konzeptionellen Entscheidungen haben wir uns an drei Leitgesichtspunkten orientiert: Wir wollten den Zettelkasten ‚nur‘ digitalisieren, das heißt mit den Möglichkeiten, die diese Technik bietet, zunächst einmal dessen Benutzbarkeit optimieren. Denn letztlich ist der Zettelkasten genau so gebaut, wie man heute anspruchsvolle digitale Datenbanken konstruiert – mit dem erheblichen Schönheitsfehler, dass das Material eben analog war, so dass er zu Luhmanns Zeiten seine ganze Funktionalität vermutlich überhaupt nicht ausspielen konnte. Zumindest kann ich mir kaum vorstellen, wie Luhmann den Kasten überhaupt zum flüssigen Sprechen bringen konnte, wenn man sich den Aufwand des Suchens und Findens von Zetteln in den dicht gepackten Auszügen vergegenwärtigt.

Der zweite Leitgesichtspunkt war, dass wir den Kasten als ein historisches Dokument verstehen: Von Rudolf Stichweh, dem direkten Lehrstuhlnachfolger Luhmanns, stammt die schöne und treffende Formulierung, die ich deshalb auch gerne selbst benutze, dass der Kasten die intellektuelle Autobiografie Luhmanns sei. Es ist das Dokument einer Theoriegenese, wobei sowohl die Theorie wie das Dokument ihresgleichen suchen, und das nicht nur in der Soziologie. Wir versuchen bei der Edition, diese Genese etwas transparenter zu machen, indem wir editorische Lesewege vorschlagen, die zugleich die historische Einstellpraxis zumindest in Ansätzen berücksichtigen. Allerdings macht es Luhmann uns nicht leicht, da alle Zettel undatiert sind und er sich, zumindest im ersten Kasten, auch nicht sklavisch an sein eigenes Nummerierungsprinzip hält.

Und drittens schließlich haben wir uns natürlich gefragt: Wer wird das überhaupt alles lesen (wollen)? Die Antwort lautet schlicht: Wir wissen es nicht. Natürlich rechnen wir mit Fachkolleginnen, aber da fängt die Unsicherheit schon an: Werden es mit der Theorie Vertraute sein? Und natürlich werden es nicht nur Soziologinnen sein, sondern zum Beispiel auch Philosophen. Es wird Nutzer geben, die sich nur für ein bestimmtes Thema interessieren, andere für die Theoriegenese, dritte für das technische Design etc. etc. Für alle diese ganz verschiedenen Forschungs- und Lektüreinteressen muss unsere Version offen und nutzbar sein. Wir hatten bei der Konzeption also mit uns unbekannten und auch unvorstellbaren Fragestellungen zu rechnen – klar, das ist ein Paradox, das sich nicht auflösen lässt. Man kann es allenfalls mindern, indem möglichst viele unterschiedliche Zugänge und Lesemöglichkeiten offeriert werden – oder wie Luhmann vielleicht gesagt hätte, indem Kontingenz nicht voreilig ausgeschlossen wird. Denn genauso hat er seinen Kasten ja verstanden, nämlich als einen Überraschungsgenerator.

  

Luhmann ist, was schon die Lektüre eines einzigen Aufsatzes verdeutlicht, ein ebenso extensiver wie intensiver Leser der Fachliteratur gewesen. Darf man deshalb erwarten, dass die Arbeit am und mit dem Zettelkasten zugleich mindestens vier Jahrzehnte internationaler soziologischer Forschung zutage treten lässt? Und wenn, um ein prominentes Beispiel aus der jüngeren Editionsgeschichte heranzuziehen, etwa der Nachlass Nietzsches das Europa des Fin de Siècle auf ganz eigene Weise erkennbar macht, was wäre nach Ihrem Eindruck die Zeit und Welt, die uns in Luhmanns Zettelkasten noch einmal entgegentritt?

Da muss man differenzieren. Im ersten Kasten (1952–1963) ist mit Händen zu greifen, dass Luhmann intensivst die damals aktuelle Forschung gelesen und rezipiert hat. Seine Lesefrüchte dokumentiert er in diesem Kasten häufig sogar fließtextartig. Doch waren seine Interessen während dieser Jahrzehnte keineswegs auf die Soziologie beschränkt. Vielmehr kommt er als gelernter Jurist vom Staatsrecht erst über die Verwaltungs- und Organisationswissenschaft zur Soziologie (und damit insbesondere zum Funktionalismus sowie zu Parsons). Außerdem geht er in diesen Jahren seinen massiven Interessen an der Phänomenologie nach, setzt sich insbesondere mit Husserl auseinander. Natürlich dokumentieren die zigtausend Literaturbelege die ungeheure Belesenheit Luhmanns, aber eben nicht nur in der soziologischen Literatur. Im zweiten Kasten finden die Lektüreergebnisse dann schon einen deutlicher verfremdeten Niederschlag. Jetzt schließen sie in aller Regel an das an, was bereits im Kasten verzettelt wurde oder von Luhmann bereits bedacht war. Die Notizen sind deutlich eigenständiger, thesenfreundlicher und die Frage, was rezipiert wurde, lässt sich in vielen Fällen nur noch anhand der bibliografischen Einträge feststellen, aber nicht zwingend aus den Inhalten erschließen, die auf dem Zettel festgehalten sind.

Dieser Verfremdungsaspekt bestätigt, wenn ich das sagen darf, im Übrigen meine etwas deprimierende Erfahrung als Student. Wenn man im Zuge einer Hausarbeit die Luhmannschen Fußnoten in einem seiner Texte studierte und die dort herangezogene Literatur konsultierte, fand man häufig partout das nicht, für was Luhmann sie zitierte. Vielleicht lag es ja an der Abstraktheit seines Zugriffs, vielleicht aber auch daran, dass die Referenz einen mehrfachen Transformationsprozess durchlaufen hatte: Luhmann notierte nämlich nicht nur bei der Lektüre bereits extrem selektiv, was an den Exzerpten auf den Rückseiten von Bibliografiezetteln sofort sichtbar wird, sondern bereits dort nicht nur mit Blick auf aktuelle Forschungsfragen, sondern auch schon mit dem Blick auf potenzielle Anschlüsse im Kasten. Und ein solches Exzerpt wurde ja nicht als Notizzettel in den Kasten eingestellt, vielmehr wird ausgehend von einem Exzerpt eine Verzettelung in Gang gebracht, die den Prozess der Exzerpierung in gewisser Weise vergisst, da für Luhmann jetzt die Anschlussfähigkeit im Zettelkasten im Vordergrund steht. Und wird dieser Zettel irgendwann (viel) später im Kontext einer ganz anderen Forschungsfrage zu Rate gezogen, so kommen wieder andere Relationierungen ins Spiel: kein Wunder, dass von dem Text, der am Anfang des ganzen Vorganges stand, nicht mehr viel übriggeblieben sein kann!

Abgesehen davon ist der Kasten natürlich auch ein Zeitzeuge jeweils gerade gegenwärtiger gesellschaftlicher Debatten und Fragen. Wohlgemerkt greift er nicht in aktuelle Debatten ein oder kommentiert sie direkt, vielmehr legt Luhmann seine Notate immer aus einer theoretischen Perspektive an. Interessant – und erwartbar konsequent – fand ich zum Beispiel die Beobachtung, die ich gerade beim Korrekturlesen der transkribierten letzten Zettel des ersten Auszugs anstellen konnte, dass nämlich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bei Luhmann genau hier stattfindet, das heißt auf einer theoretischen Ebene, wo Gemeinschaftskonzepte und die Frage reflektiert werden, inwieweit solche Vorstellungen wissenschaftlicher Analyse und Begründung zugänglich seien. Und im Abschnitt zur Weltgesellschaft findet man Zettel, die ganz offensichtlich von der Erfahrung der Ölkrise und der Club of Rome-Studie Anfang der 1970er-Jahre beeinflusst sind. „Die Planierung des Planeten steht bevor“, notiert er einmal im zweiten Kasten. Dort tauchen auch bissige Bemerkungen zu den Studentenunruhen der 1968er auf. Insofern harrt vieles noch der Entdeckung. Allerdings bin ich ziemlich skeptisch angesichts der Vermutung, man könne den Kasten als Zeitzeugen einer Epoche ausrufen. Ich sehe nicht, welche das sein sollte.

 

Wie alles begann: Lieferschein für den Zettelkastenblock (Foto: Uni Bielefeld)

 

Klammern wir für einen Moment alle philologischen und historisierenden Fragen ein! Inwiefern hat sich durch Ihre Arbeit am Nachlass Luhmanns der Blick auf das publizierte Werk des Autors verändert? Und was könnten vor diesem Hintergrund Ihrer Vermutung nach oder auch Ihrer Hoffnung zufolge Impulse für die zeitgenössische Soziologie sein, die eine Beschäftigung mit Luhmanns wissenschaftlichem Nachlass freisetzt?

Für mich selbst hat sich ein neuer Blick auf die Wurzeln des ganzen Theorieprojekts eingestellt. Zumal die besondere Bedeutung Husserls ist mir aufgegangen, die im ‚offiziellen‘ Werk natürlich nicht verborgen oder versteckt ist, aber doch, um es zurückhaltend zu formulieren, auch nicht übermäßig betont wird. Klar wird einem, wie Luhmann Husserls erkenntnistheoretische Problemstellungen soziologisiert, ohne dass diese Soziologisierung das Geringste mit dem zu tun hätte, was uns als soziologische Phänomenologie geläufig ist. Die Arbeit mit dem ersten Zettelkasten bestätigt letztlich eine Erfahrung, die ich bei der Edition der 1975er-Fassung von Luhmanns Gesellschaftstheorie gemacht habe. Das von uns unter dem Titel „Systemtheorie der Gesellschaft“ edierte Manuskript hat bei mir den Eindruck hinterlassen, dass die theoretische Brillanz und Finesse, trotz der Tatsache, dass in dem Text vieles noch nicht zu Ende gedacht ist, während dieser Jahre unverstellt zum Ausdruck kommt. Luhmanns Kreativität wird noch nicht durch die starken Begriffsinteressen überdeckt und reglementiert, wie sie für seine Theoriebildung seit den 1980er-Jahren maßgeblich waren. Aber das ist zweifelsohne eine subjektive Interpretation, die vermutlich auch dadurch mitbegründet ist, dass ich wie viele „Luhmannianer“ meiner Generation den typischen Rezeptionsweg vom Spät- zum Frühwerk durchlaufen habe.

Was die Frage nach der Anschlussfähigkeit für die aktuelle soziologische Forschung angeht, so würde ich auf keinen Fall erwarten, dass sich in dem Kasten direkte Antworten auf aktuelle Fragen ausfindig machen lassen. Darin kann man sogar einen – allerdings etwas merkwürdigen – Einwand sehen, folgt man dem Urteil eines Gutachters, der angesichts des ersten Forschungsförderungsantrages, den wir bei der DFG eingereicht hatten, die Sinnhaftigkeit des gesamten Editionsunternehmens in Zweifel zog. In Wahrheit stecken aber derart viele Konzepte und derart überraschende empirische Beobachtungen, die Luhmann nie zu eigenen Veröffentlichungen weiterverarbeitet hätte, in dem Kasten, dass man ihn selbst als eine Art von Publikation verstehen kann – die Luhmann seinerseits natürlich auch nie geplant oder in Erwägung gezogen hat.

Aber vielleicht darf man mit Blick auf die Rezeption der Luhmannschen Theorie zwei Forschungsinteressen herausheben, die mit der Edition des Nachlasses vitalisiert werden. Das ist zum einen selbstverständlich die theoriehistorische Forschung. Sie geht der Ideengeschichte der Theorie selbst nach, die ein heute wohl nicht mehr mögliches intellektuelles Wagnis war, und wird mit Sicherheit noch so manchen aufschlussreichen Fund zutage fördern. Weil man einen unverstellten Blick auf die Hinterbühne der Theorieproduktion werfen, Luhmann gewissermaßen bei der Theoriearbeit über die Schulter schauen kann, werden solche Entdeckungen im Zweifelsfall sogar den Selbstbeschreibungen der Theoriegeschichte widersprechen. Zum anderen bietet der Kasten aber auch Anregungen dafür, wie systemtheoretische (Sekundär-)Forschung funktioniert. Man lernt dort, wie sich die Entwicklung von Konzepten und empirischen Beobachtungen miteinander verschränken lassen. Man lernt ganz generell, was es heißt, systemtheoretisch zu arbeiten und funktionalistisch zu denken. Man lernt, um es knapp und nochmals mit anderen Worten zu sagen, ausgetretene Pfade zu verlassen und vermeintlich Bekanntes anders zu sehen. Gerade der Vergleich mit den späten Veröffentlichungen Luhmanns offenbart, dass der Kasten viel mehr Flexibilität und die Bereitschaft ausstrahlt, sich durch das eigene Denken überraschen zu lassen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.