Wie geht es eigentlich der Literatursoziologie?

Ein Gespräch mit Sina Farzin

Redaktion: Hand aufs Herz – wie tot ist die Literatursoziologie im deutschsprachigen Raum?

Ich kenne den Tod bisher nicht als graduelles Konzept. Daher vermute ich, dass es ihr recht gut geht.

Trifft Ihre Vermutung auch auf die Situation in anderen Ländern zu?

Soweit ich es überblicke, ist die Lage überall ähnlich. Es gibt keine breit aufgestellte und institutionell verankerte Literatursoziologie innerhalb der Disziplin, doch erscheinen immer wieder spannende Einzelstudien. Manche dieser Arbeiten werden gar nicht unbedingt als Literatursoziologie rezipiert, weil sie sich im Rahmen von weiter gefassten gesellschaftstheoretischen Fragen mit Literatur beschäftigen. Ich denke beispielsweise an Luc Boltanskis Studie Rätsel und Komplotte, in der es um die gleichzeitige Genese von Soziologie und Kriminalliteratur im 19. Jahrhundert geht. Boltanski deutet diese Synchronie als Reaktion auf die zunehmende Kontingenzerfahrung der Gesellschaft, die selbstverständlich auch vor dem Wirklichkeitsverständnis der Zeitgenossen nicht Halt macht.

Im angloamerikanischen Raum ist es ähnlich, allerdings hat sich dort mit den „cultural studies“ ein Forschungsfeld auch institutionell etabliert, das bereits bei seiner Gründung an der Grenze zwischen Sozial- und Literaturwissenschaft angesiedelt wurde. Stuart Hall, Richard Hoggart und viele andere, die später sozialwissenschaftliche Lehrstühle innehatten, waren von Haus aus Literaturwissenschaftler. Aber die Leistung der „cultural studies“ besteht ja genau darin, Kultur weder auf bestimmte künstlerische Gattungen oder Disziplinen einzugrenzen noch entlang qualitativer Maßstäbe zu hierarchisieren. Insofern ist ein internationaler Forschungskontext entstanden, in dem es auch, aber eben nicht ausschließlich um das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft geht. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sowohl die Soziologie als auch die Literatur- und Kulturwissenschaft stark geprägt. Also wäre es irreführend, aus der Abwesenheit einer institutionalisierten Literatursoziologie auf die Abwesenheit literatursoziologischer Forschung zu schließen. Die findet sich vielmehr „Everywhere and Nowhere“ – so der Titel eines Textes von John F. English zur Lage der Literatursoziologie in der US-amerikanischen Wissenschaftslandschaft, in dem man mehr dazu lesen kann.

Welche Rolle spielen vor diesem Hintergrund die systemtheoretische Literaturwissenschaft und die Bourdieu’sche Theorie des literarischen Feldes, die in der jüngeren Forschung noch vergleichsweise breit rezipiert werden?

Bourdieu hat ein ambivalentes Erbe hinterlassen: Einerseits ist er unter den als klassisch geltenden Soziologen vermutlich derjenige, der wie kaum ein anderer auf die Literatur als Inspiration für die eigene Arbeit hingewiesen hat. In Interviews beschreibt er wiederholt, alles, was er in Die feinen Unterschiede in mühsamer soziologischer Kleinarbeit herausgearbeitet habe, stehe schon bei Flaubert. Es gibt also durchaus dieses Moment, literarisch vermitteltes Wissen anzuerkennen. Andererseits hat Bourdieu seine ganze Kraft darauf gerichtet, nachzuweisen, wie verstrickt die Literatur, die Literaten und alle anderen Künste in die Verschleierung der trägen Ungleichheitsordnung sind. Man muss ja nur seine bekannte Studie zu Flauberts Education sentimentale aufschlagen. Da gibt es beides, einen eher projektiven Blick, der die Literatur als Soziologie liest, und den soziologischen Anspruch, es doch besser als die Belletristik auf den Begriff bringen zu können. Hinzu kommt, dass Bourdieu viel weniger Kultursoziologe denn Ungleichheitssoziologe gewesen ist. Kunst und Literatur werden im Kontext einer sehr voraussetzungsreichen Gesellschaftstheorie – für die es bekanntlich Alternativen gibt – als Bereiche verstanden, in denen die Ungleichheit auch nur (re)produziert wird.. Zwar gesteht er dem literarischen Feld, seinen Akteuren und Praktiken, mehr Autonomie zu als orthodox materialistische Ansätze, doch bleibt unter dem Strich die Engführung auf eine letztlich ökonomisch begründete Ungleichheitsordnung vorausgesetzt.

Eine Alternative zur Gesellschaftstheorie Bourdieus liefert im deutschsprachigen Raum die Systemtheorie. Nicht ganz unähnlich der Feldtheorie fragt auch Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung nach dem Prozess der Ausdifferenzierung einer autonomen Kunst, zu der die Literatur gehört. Allerdings unter der Vorannahme einer horizontalen Differenzierung in Funktionssysteme, was zu einem ganz anders gearteten Verständnis von Gesellschaft führt, aus dem sich dann auch andere Fragen an das Verhältnis zwischen Literatur und Gesellschaft ergeben. Luhmann sondiert, wie es der Literatur gelingt, sich als autonome Sphäre auszudifferenzieren und welche ästhetischen Programme daraus resultieren. Generell ist mein Eindruck, dass Bourdieu stärker in der Soziologie rezipiert wird, während sich die Literatur- und Medienwissenschaft eher an dem Kommunikations- und Formtheoretiker Luhmann orientiert.

Ist die Beobachtung zutreffend, dass die klassischen Themen der Literatursoziologie inzwischen einerseits durch die Medien- und Kulturwissenschaft und andererseits durch die Literaturwissenschaft bearbeitet werden? Bleibt bei dieser Arbeitsteilung überhaupt noch etwas für die Soziologie zu tun?

Zur Beantwortung dieser Frage müsste man sich zunächst auf die klassischen Themen der Literatursoziologie einigen. Das finde ich gar nicht so einfach. Ist damit eine eher orthodoxe, kritisch beseelte, materialistische Lektürepraxis gemeint, stimmt die Diagnose. Diese Tradition wird tatsächlich in den Arbeiten von Literatur- und Kulturkritikern wie Frederic Jameson und vielen anderen weitergetragen. Sie präsentieren aufschlussreiche Lektüren, freilich stets unter der starken Prämisse, dass der Begriff einer kapitalistischen Gesellschaft unhintergehbar sei.

Doch gibt es viele andere Themen, für die sich die Medien- und Kulturwissenschaft, die Literaturwissenschaft und die Soziologie gleichermaßen interessieren, sowohl was die interpretative Deutung von Texten betrifft als auch in Bezug auf die Organisation, die Praktiken, Medien oder Institutionen der Literatur. Im ersten Fall bildet die Diskurstheorie und -analyse im Anschluss an Michel Foucault sicherlich eine wichtige interdisziplinäre Klammer. Sie erlaubt es, literarische Texte als Ereignisse innerhalb sehr viel weitreichender Diskurse zu untersuchen, um ihren Beitrag zu sozial ausgesprochen wirksamen Wissensordnungen zu reflektieren.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass sich die Soziologie als akademische und universitäre Disziplin mit Literaturfragen kaum noch befasst? Innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) existiert derzeit nicht einmal ein Arbeitskreis, geschweige denn eine ganze Sektion für Literatursoziologie. Da ist doch auffällig, dass die Musiksoziologie, Architektursoziologie und Soziologie der Künste durchaus mit eigenen Arbeitskreisen vertreten sind.

Das weiß ich nicht genau. Vielleicht ist das eher eine Frage für Zeitzeugen? Ich kann nur mutmaßen, dass es in Sachen Kunst, Musik, Architektur – und nicht zu vergessen: Film einfach mehr Nachholbedarf gibt. Zudem lässt sich zwischen Literatur und Soziologie keine so klare Grenze ziehen wie gegenüber anderen künstlerischen Formaten. Mit der Literatur fand sich die Soziologie ja immer wieder konfrontiert, einmal insofern sie zum Gegenstand soziologischer Analyse wurde, zum anderen aber doch auch, weil sie in Sachen Gesellschaftsbeschreibung und Zeitdiagnose eine Konkurrentin der Soziologie ist. Wolf Lepenies ist in seiner Studie Die drei Kulturen ja nicht zuletzt solchen Rivalitäten unter disziplinhistorischem Blickwinkel nachgegangen. Dieses Nahverhältnis wirkt aber über die historische Phase der Ausdifferenzierung der Soziologie als einer eigenständigen Disziplin hinaus. Ablesbar ist das an verschiedenen Phänomenen, einen deutlichen Hinweis liefert etwa die Tatsache, dass viele Studien, die Literatur als Quelle verwenden, gar nicht unbedingt als Beiträge zur Literatursoziologie wahrgenommen werden. Es kommt gewissermaßen zu einer soziologischen Einverleibung literarischer Gegenstandsbeschreibungen. Zumal wenn historische Zusammenhänge ausgeleuchtet werden sollen, über die keine soziologischen „Daten“ vorliegen, einfach weil es noch keine Soziologie gab, ist diese Praxis verbreitet und durchaus auch akzeptiert. Denken Sie an Die höfische Gesellschaft von Norbert Elias, an Niklas Luhmanns Liebe als Passion oder auch an Wolf Lepenies‘ Monografie über Melancholie und Gesellschaft. Vielleicht lebt es sich einfach besser in dieser stillen Komplizenschaft als in einer formalisierten Beziehung, die einen der Partner exklusiv zum Gegenstand des anderen machen würde.

Man kann den Begriff Literatursoziologie grob gesagt auf zwei unterschiedliche Weisen verstehen: Gemeint kann entweder eine Soziologie der Literaturproduktion, -distribution und -rezeption (zu der im weitesten Sinne auch Bourdieus Feldtheorie gehören würde ) sein oder eine Soziologie, die anhand literarischer Zeugnisse zu Rückschlüssen auf den Zustand von Gesellschaft kommen möchte. Literarische Texte dienen dann als Quellenmaterial, was implizit voraussetzt, dass sie ein halbwegs getreues Abbild der Welt liefern. Kann ein solcher Ansatz (für den Klassiker wie etwa Leo Löwenthal stehen) angesichts der Postmoderne überhaupt noch greifen?

Was Postmoderne, Poststrukturalismus aber auch die Systemtheorie sicherlich erschüttert haben, ist die naive Vorstellung, Literatur befände sich in einer Art Abbildungsverhältnis zu einer immer schon vorausgesetzten Realität im Singular. Auch wenn die klassische Literatursoziologie nie die These einer banalen Spiegelung vertreten hat, gab es doch eine eindeutige Gegenüberstellung von literarischem Werk auf der einen und der Gesellschaft als geschlossener Einheit auf der anderen Seite. Im Falle Löwenthals war diese Dichotomisierung materialistisch fundiert. Fällt eine solche Unterscheidungsgewohnheit weg, stellen sich die Dinge deutlich komplexer, aber vielleicht doch auch spannender dar: Nun lassen sich Literatur und Gesellschaft nicht mehr ohne weiteres entgegensetzen, vielmehr ist ein beständiger wechselseitiger Konstitutions- und Austauschprozess zu beobachten.

Können Ansätze von Forschern wie beispielsweise Axel Honneth, der – wenngleich eher in der Tradition von Georg Lukács – Romane von Jonathan Franzen und anderen als Beispiele für seine sozialphilosophischen Analysen nutzt, der Literatursoziologie neue Impulse geben?

Ich verstehe Axel Honneths Das Recht der Freiheit nicht so sehr als Literatursoziologie oder -„philosophie“. Vielmehr nutzt der Autor literarische Narrationen als Ressource für sein eigenes philosophisches Projekt. Daher würde ich sagen, dass das Buch nicht zum Vorbild einer Literatursoziologie im Sinne einer speziellen, gegenstandsbezogenen Teildisziplin taugt. Der Impuls wäre eher der, literarische Gesellschaftsbeschreibungen wieder stärker als Inspiration für soziologisches Denken zu begreifen – ohne der ästhetischen Erfahrung dadurch gleich ihren Eigenwert abzusprechen.

In diesem Zusammenhang wäre auch der Literaturwissenschaftler Franco Moretti zu nennen, der sich darum bemüht, Literatur mithilfe quantitativer Methoden zu analysieren. Was kann die Soziologie von ihm lernen?

Das ist eine kuriose Frage, da Moretti im Grunde ja umgekehrt will, dass die Literaturwissenschaft von der Sozialwissenschaft lernt. Sie soll quantitative Methoden anwenden und eine globale komparatistischen Perspektive gewinnen, indem sie sich Wallersteins Weltsystemtheorie zu eigen macht. Der seiner Ansicht nach in singulärer Textexegese verlorenen Zunft einer interpretativen Literaturwissenschaft, die er teilweise recht polemisch attackiert, stellt er sein Konzept des distant reading entgegen, das sich auf ein ganzes Arsenal quantitativer Methoden stützt. Ich kenne mich zu wenig in dieser Forschung aus, um Morettis Ergebnisse bewerten zu können. Allerdings hat er in Interviews immer wieder selbst betont, dass seine distant readings letzten Endes nur helfen können, aus bestimmten Mustern, die seine Art der Datenverarbeitung ermittelt, Fragen abzuleiten – die es dann interpretativ zu beantworten gilt. Am Ende klingt das recht versöhnlich, ähnliche Debatten sind Soziologinnen ja nicht unbekannt.

Wie steht es schließlich mit dem soziologischen Potenzial der Schriftsteller? Thomas Kron und Uwe Schimank haben dazu 2004 einen Band mit dem Titel Die Gesellschaft der Literatur herausgegeben.

Ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich im Januar 2003, erschien auch der Band Literatur als Soziologie von Gerald Mozetic und Helmut Kuzmics. Allein eine solche Koinzidenz dürfte Sie, was ein befürchtetes baldiges Ableben der Literatursoziologie angeht, vielleicht etwas beruhigen? Was beide Publikationen dokumentieren und was auch mich beschäftigt, ist ein soziologisches Interesse an Gesellschaftsbeschreibungen jenseits der Soziologie. Aus diesem Grund würde ich die gesellschaftsanalytischen Gehalte und Potenziale, die sich den Lektüren literarischer Werke entnehmen lassen, gerade nicht als soziologisch bezeichnen. Auch wenn Soziologinnen die Alleinstellung vermutlich gerne hätten, sind wir tatsächlich nicht die einzigen, die Gesellschaft beobachten – einmal ganz abgesehen davon, dass unsere Gesellschaftsbeschreibungen häufig noch nicht einmal die erfolgreichsten sind. Neben konkurrierenden wissenschaftlichen Gesellschaftsdeutungen und Zeitdiagnosen gibt es eben auch noch Literatur, Film und die Massenmedien. Wenn die Soziologie dieses Wissen nicht einfach nur zur Illustration eigener Thesen nutzt, sondern nach den Brüchen und Resonanzen zwischen diesen verschiedenen „Gesellschaften“ fahndet, eröffnen sich spannende Perspektiven.

Wie handhaben Sie und Ihre Projektpartner das schwierige Verhältnis von Fiktion und gesellschaftlicher Realität im Rahmen des Projekts „Fiction meets Science: The World of Science under the Literary Microscope“?

Im Rahmen dieses durch die VW-Stiftung geförderten Verbundes interessieren wir uns dafür, wie die Naturwissenschaften mit all ihren Aspekten in zeitgenössischen Romanen dargestellt werden. Wir nennen diese Romane science novels. Beispiele wären Ian McEwans Solar (2010), Richard Powers Generosity (2009) oder Allegra Goodmans Intuition (2006).1 Ich würde unsere Perspektive so beschreiben, dass wir die Literatur als einen Interdiskurs verstehen, in dem Themen und Elemente aus dem Spezialdiskurs Wissenschaft aufgegriffen werden, nicht zuletzt um sie einem anderen Adressatenkreis oder breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dieses Aufgreifen ist natürlich kein einfaches Kopieren. Es geschieht nach Regeln und Konventionen des literarischen Diskurses, also beispielsweise ohne irgendeinen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch in Bezug auf die thematisierten wissenschaftlichen Erkenntnisse oder die dargestellten Forschungspraktiken und -methoden. Dennoch sorgen die science novels nicht nur für die Popularisierung des in ihnen dargestellten Wissens. Sie vermitteln zudem Vorstellungen über Wissenschaftlerinnen, davon, woran und wie sie arbeiten, und selbstverständlich auch über die Gesellschaft, in der das alles stattfindet.

In ganz unterschiedlichen Teilprojekten gehen wir mehreren Forschungsfragen nach, ohne dass eine einheitliche Vorgabe definieren würde, wie das Verhältnis von Fiktion, literarischen Wirklichkeitsbezügen und wissenschaftlichem Wahrheitsanspruch in den Projekten zu behandeln sei. Um einen gemeinsamen Problemhorizont abstecken zu können, diskutieren wir allerdings im gesamten Verbund unterschiedliche Optionen, diese verschiedenen Ebenen zu thematisieren: So beschäftigt uns beispielsweise die Unterscheidung zwischen „accuracy“ (also der nach wissenschaftlichen Kriterien korrekten Darstellung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse oder Arbeitsabläufe) und „authenticity“ (der innerhalb eines fiktiven Werks plausiblen und nachvollziehbaren Darstellung von Wissenschaft).

‚Die Realität‘ im Singular ist immer dann von Interesse, wenn sie als Deutungsressource in den Werken selbst oder in ihrer Rezeption aufgerufen wird. In dem von mir geleiteten Teilprojekt thematisieren beispielsweise relativ viele Romane den Klimawandel. Sie imaginieren eine durch Klimaveränderungen drastisch gewandelte Welt. Gerade weil wir es mit einem hochspekulativen Thema zu tun haben, an dem sich der fiktive und brüchige Gehalt naturwissenschaftlicher Zukunftsszenarien zeigt, weisen die Autorinnen in den Vor- und Nachworten oder anderen Begleittexten häufig die wissenschaftlichen Quellen nach, auf die sie sich bei ihren Recherchen gestützt haben. Der interdiskursive Ort des literarischen Sprechens wird nachdrücklich ausgeflaggt, um so eine Art Verankerung der Imagination zu belegen. Das hat natürlich mit dem sozialkritischen Anspruch dieser speziellen Gruppe von Literatur zu tun. In anderen Projekten wird beispielsweise die Rezeption der science novels durch verschiedene Publika, etwa durch private Lesegruppen, aber auch durch Zeitungen und Wissenschaftsjournale untersucht. Auch dort ist der Abgleich des dargestellten Wissens mit dem, was Leserinnen oder Rezensenten an eigenen Wirklichkeitskonzepten mitbringen, häufig ein Kriterium.

Ist die oft beschworene, freilich nicht immer fruchtbare interdisziplinäre Zusammenarbeit bei einem solchen Thema von Vorteil?

Ich wüsste gar nicht, wie man einen solchen Forschungsverbund nicht interdisziplinär gestalten sollte, ohne Gefahr zu laufen, wesentliche Forschungslinien auszublenden. Wir umkreisen, wenn auch auf sehr verschiedenen Flugbahnen, ja alle das Verhältnis von Literatur, Naturwissenschaft und Gesellschaft. Daher liegt die Zusammenarbeit von Literaturwissenschaften und Soziologie auf der Hand. Unsere Arbeitsteilung verläuft freilich nicht entlang der Genregrenze, also etwa so, dass die Literaturwissenschaftlerinnen literarische Texte deuten, während die Soziologinnen soziale Praktiken der Lektüre und Aneignung beleuchten oder gesellschaftsanalytisches „Abgleichswissen“ zur Verfügung stellen. Vielmehr gibt es sowohl literaturwissenschaftliche Rezeptionsforschung als auch sozialwissenschaftliche Textanalysen, die sich mit dem Wandel von Wissenschaftlerstereotypen beschäftigen. Neben dieser Zusammenarbeit von Literaturwissenschaft und Soziologie beziehen wir auf unseren Veranstaltungen aber auch Naturwissenschaftlerinnen und Autoren in die Diskussionen ein. Außerdem vergeben wir in der Kooperation mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst Stipendien an Schriftsteller, die an einer science novel arbeiten. Da können durchaus schon mal grundverschiedene Arten der Weltaneignung aufeinanderprallen. Doch erlaubt es eine solche Interdisziplinarität, die Vielschichtigkeit eines Themas mitlaufen zu lassen, ohne sich allzu große Integrationslasten aufzubürden.

In Ihrem Teilprojekt geht es um eine soziologische Perspektive auf utopische und dystopische Narrative. Auf welche literatursoziologischen Theorien oder Vorarbeiten stützen Sie sich dabei?

Utopien und Dystopien sind Genre, die von Anfang an die Grenzen zwischen literarischer Fiktion und Sozialkritik besetzen. Thomas Morus‘ Utopia (1516) etwa schildert nicht nur die Insel Utopia, auf der das gesamte Gemeinwesen nach rationalen Kriterien organisiert wird. Das Buch präsentiert darüber hinaus die weniger bekannte Rahmenhandlung eines kritischen Gelehrtendialogs, der die Verelendung der europäischen Städte durch die Agrarreformen des 16. Jahrhunderts behandelt. Uns Soziologinnen ist dieser historische Kontext eher aus den Texten von Karl Marx zur ursprünglichen Akkumulation geläufig. Die Imagination der fiktiven Inselgesellschaft stellt in Wahrheit also einen direkten Kommentar zu einer sozialkritischen Zeitdiagnose dar.

Noch H.G. Wells, der zunächst Soziologe und nicht Schriftsteller hätte werden wollen, konnte in den Gründungsjahren der englischen Soziologie die Utopie zur eigentlichen soziologischen Methode ausrufen. Das hat sich natürlich nicht durchgesetzt, dennoch bleibt dieser Kern einer sozialkritischen Gegenwartsdiagnose Grundlage des literarischen Genres. Zudem kennen wir aktuelle Utopien und Dystopien fast ausschließlich als Projektionen in die Zukunft – es sind Schilderungen befürchteter oder (seltener) erhoffter Entwicklungen, deren Ursprünge unmissverständlich auf die Gegenwart verweisen. Die Spekulation über die gesellschaftlichen Auswirkungen naturwissenschaftlicher Forschung hat offenkundig eine lange Tradition. Da finden sich Klassiker wie Aldous Huxleys Brave New World (1932) oder die aktuell wieder vielzitierte Kurzgeschichte The Machine Stops von E.M. Forster, in der bereits 1909 die Dystopie einer technologisch vernetzten Menschheit ohne direkten Zugang zu sozialen Interaktionen oder sinnlichen Erfahrungen imaginiert wird.

Um mehr über das zeitdiagnostische Potenzial aktueller Wissenschaftsdystopien zu erfahren, kombinieren wir diskursanalytische Lektüren mit den Erkenntnissen aus der klassischen Utopieforschung. Als gesellschaftstheoretische Rahmung verwende ich für meine Analysen die funktionale Differenzierungstheorie. Dadurch bekommt man die verschiedenen Beobachtungsverhältnisse genauer in den Blick. Dabei geht es einerseits um die Frage, was in den science novels überhaupt thematisiert wird, also etwa die Genetik und der Klimawandel, und welche gesellschaftlichen Entwicklungen anlässlich solcher Themen projiziert werden. Zum anderen untersuchen wir, wie die Autorinnen das zeitdiagnostische Potenzial ihrer Arbeit selbst explizieren und bewerten. Im Fall der Klimawandelliteratur macht sich etwa das wiederkehrende Motiv bemerkbar, eine Art literarisch begründete „preparedness“ für kommende Veränderungen hervorzurufen. Sich einer solchen Mission zu verschreiben, mag die Literatur überfordern, doch motiviert sie anscheinend viele Menschen dazu, solche Texte zu verfassen und zu lesen. Dass diese Literatur dann gerade von Aktivistinnen auch sehr gezielt gefördert wird, ist keine Überraschung.

Dieser Beitrag ist Teil eines Soziopolis-Schwerpunkts zum Thema "Literatur/Soziologie". Weitere Texte erscheinen in Kürze.

Fußnoten

1 Auf der Website des Projekts findet man eine Datenbank mit vielen weiteren Titeln. 

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.