"Wir haben Charlie Hebdo getötet!"

Konsequenzielle Dritte und die Erklärung fortgesetzter Gewalt

Der Anwesenheitsbias der mikrosoziologischen Gewaltforschung – Die Ausgangslage[*]

Neben der sogenannten Gewaltphänomenologie[1] hat insbesondere die Mikrosoziologie der Gewalt entscheidenden Anteil daran, dass sozialwissenschaftliche Ansätze, die Gewalthandeln ohne Rekurs auf die besonderen Umstände und das konkrete Tun der Beteiligten erklären wollen,[2] inzwischen selbst in Erklärungsnot geraten sind. Die soziologische Gewaltforschung hat mittlerweile einen theoretischen Stand erreicht, auf dem es nicht mehr plausibel ist, analytische Aussagen über Gewalthandlungen zu machen, ohne näher auf die spezifischen Merkmale der jeweiligen Situation einzugehen, in der sie sich ereignen. Methodologisch und theoretisch wegweisend sind dabei die Arbeiten von Jack Katz und Randall Collins.[3] Beide Autoren legen ihr besonderes Augenmerk primär auf die Interaktionsbeziehungen zwischen Angreifern, Angegriffenen und situationsbeteiligten Dritten.

Gleichwohl erweist sich gerade Collins’ Ansatz, der den weitreichenden Anspruch erhebt, im Grunde jedes Gewaltereignis erklären zu können, bei genauerer Betrachtung als zu „interaktionszentriert“.[4] Zwar gesteht Collins zu, dass auch „Meso- oder Makrobedingungen“ zu beachten seien,[5] um das Entstehen und den Ablauf von Gewaltprozessen zu erklären. Im Kern jedoch beruht seine Theorie auf der Annahme, dass alle explanatorisch relevanten Vorgänge, die es bei der Analyse von Gewaltprozessen zu beachten gilt, die Interaktion räumlich präsenter Individuen betreffen, sich also zwischen anwesenden Personen ereignen. Der Ansatz hat somit in theoretischer Hinsicht einen Anwesenheitsbias, weil er sich explanatorisch auf die Beantwortung der Frage beschränkt, wie die lokal Beteiligten in die Situation „verstrickt“ sind.[6] Die Erklärung dafür, dass Gewalt stattfindet oder eskaliert, wird grundsätzlich in der – mehr oder weniger bewussten – Orientierung der gewalttätigen Personen an anderen räumlich präsenten Personen gesucht und verortet. Zudem formuliert Collins ein Wendepunktargument: Er behauptet, dass potenzielle Angreiferinnen – zumindest für einen kurzen Moment – ein Gefühl emotionaler Dominanz über ihre Gegner beziehungsweise Opfer erleben müssen, um diese überhaupt attackieren zu können. Bleibe dieses Gefühl aus, komme es auch nicht zur Attacke.[7]

Collins’ mikrosoziologischer Zugriff hat zwar grundsätzlich das Potenzial dazu, auch die Perspektiven anderer Ansätze der Gewaltforschung zu integrieren. Sein Fokus auf das Geschehen vor Ort trägt jedoch mit dazu bei, dass die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung gegenwärtig eher einem „zerklüfteten Felsen“ gleicht,[8] dessen Bewohner sich in verschiedene Felsspalten zurückgezogen haben, von wo aus sie einander wechselseitig beobachten, aber nicht näherkommen. Vor allem aus Sicht einer an politisch motivierter Gewalt und Terrorismus interessierten Forschung muss der skizzierte Anwesenheitsbias der Mikrosoziologie der Gewalt irritierend wirken. Schließlich gilt es seit den inzwischen fast schon klassisch zu nennenden Studien von Eugene V. Walter, Alex P. Schmid und Janny De Graaf, Martha Crenshaw oder Donatella Della Porta als ausgemacht, dass terroristische Attacken sich in kommunikativer Hinsicht an Personenkreise richten, die bei den Anschlägen selbst nicht anwesend sind. Politisch motivierte oder terroristische Gewalt erscheint in dieser Perspektive als radikale Form strategischer Kommunikation, die die (medial verstärkte) öffentliche Wirkung ihrer Taten bewusst in deren Planung und Ausübung einkalkuliert, um auf diese Weise unterschiedliche Botschaften an unterschiedliche Adressaten zu senden. So soll die Öffentlichkeit (vor allem die sogenannte Zivilgesellschaft) in Angst und Schrecken versetzt, sollen Regierungen zu politischer Nachgiebigkeit gezwungen, potenzielle Sympathisanten zu materieller, personeller oder symbolischer Unterstützung motiviert oder konkurrierende Organisationen in Schach gehalten werden.[9]

Umgekehrt muss sich die Terrorismusforschung von mikrosoziologischer Seite den Vorwurf gefallen lassen, die konkreten Situationsbedingungen und deren Auswirkungen auf den Tatverlauf für gewöhnlich zu vernachlässigen oder gleich ganz außer Acht zu lassen. Ein zentraler Einwand gegen diese stiefmütterliche Behandlung der Situation lautet, dass die Deutung von Gewalt als Kommunikationsstrategie vornehmlich das Kalkül derjenigen beschreibt, die über die Durchführung von Anschlägen entscheiden, aber nur wenig bis nichts verrät über die Handlungsorientierung derer, die mit der Ausführung der Anschläge betraut sind.[10]

In meinem Beitrag möchte ich der Vermutung, dass abwesende Personen explanatorische Relevanz für den Verlauf von Gewalthandlungen haben, anhand einer detaillierten Fallkonstruktion des Anschlags auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und der sich anschließenden Gewalthandlungen im Januar 2015 in Paris nachgehen.[11] Mithilfe dieser Fallstudie will ich zunächst zeigen, dass mikrosoziologische Erklärungen von Gewalt zu kurz greifen, wenn sie sich zu sehr auf die Interaktion unter anwesenden Personen konzentrieren. Darauf aufbauend möchte ich die These vertreten, dass neben lokalen Verstrickungen der Gewaltakteure mit anwesenden Personen auch extralokale Verstrickungen mit abwesenden Personen bedeutsam sind, um das konkrete Gewaltgeschehen und dessen Verlauf in einer bestimmten Situation zu erklären. Das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ macht darauf aufmerksam, wie anwesende Akteure sich – zumindest momenthaft – an abwesenden Personen orientieren. In systematischer Hinsicht unterscheide ich dabei zwischen zwei Typen konsequenzieller Dritter. Zum einen konkrete Personen, die in bestimmten Momenten entscheidende Bedeutung für den spezifischen Fortgang der Ereignisse erlangen (Konsequenzialität), und zum anderen abstrakte Entitäten wie Recht oder Öffentlichkeit, denen eine eher allgemeine legitimierende beziehungsweise delegitimierende Funktion zukommt.

Während sich die mikrosoziologische Gewaltforschung im Anschluss an Collins bislang vor allem auf die situative Relevanz von anwesenden konsequenziellen Dritten kapriziert hat – für gewöhnlich Zuschauer, die durch Jubel oder Entsetzen an der Dramaturgie des Geschehens mitwirken –, zielt die hier vorgelegte Fallstudie zu den Pariser Ereignissen darauf ab, Licht auf die Rolle von abwesenden konsequenziellen Dritten zu werfen. Leitend ist dabei die Annahme, dass sich die Angreifer in neuralgischen Momenten, in denen sie sich mit physischen und emotionalen Widerständen konfrontiert sahen, immer wieder auch an abwesenden Dritten orientierten, die somit entscheidend dazu beitrugen, dass sich das Geschehen über insgesamt 26 Konfrontations- und Gewaltepisoden hinweg entwickeln und nahezu 54 Stunden andauern konnte.[12]

 

Paris, 7.- 9. Januar 2015 – Die Fallkonstruktion

Anfang 2015 töteten die Brüder Chérif und Saïd Kouachi und ihr Mitstreiter Amedy Coulibaly innerhalb eines Zeitraums von knapp 54 Stunden insgesamt 17 Menschen. Am Morgen des 7. Januar 2015, einem Mittwoch, drangen die beiden Brüder zunächst in die laufende Redaktionssitzung der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo ein. Sie erschossen dort elf Menschen und verletzen elf weitere zum Teil schwer. In den folgenden Minuten schossen sie auf einen herannahenden Polizeiwagen, tötete einer der beiden einen Streifenpolizisten und bedrohten sie einen Autofahrer, mit dessen Wagen es ihnen schließlich gelang, die Stadt zu verlassen. Am darauf folgenden Tag überfielen sie eine Tankstelle an der Nationalstraße N2, etwa 70 km Luftlinie vom Tatort entfernt. Am Freitagmorgen schließlich bedrohten sie eine Lehrerin und stahlen deren Wagen. Als es der Polizei kurz darauf gelingt, die direkte Verfolgung der Kouachis aufzunehmen, verschanzen sich die Brüder in einer kleinen Druckerei im Pariser Umland, deren Geschäftsführer sie zunächst als Geisel nehmen, nach einigen Stunden jedoch freilassen. Gegen 17:13 Uhr stürmen Polizeikräfte das Gebäude und töten die beiden.

Ebenfalls am 9. Januar 2015 und fast zur gleichen Zeit rennt Amedy Coulibaly in den Kugelhagel von Spezialkräften der Polizei, die Sekunden zuvor damit begonnen haben, den Supermarkt Hyper Cacher an der Porte de Vincennes in Paris zu stürmen, in dem Coulibaly bis dahin 17 Personen festgehalten hat. In den vorangegangenen beiden Tagen hatte auch er mehrere Gewalttaten verübt, in deren Verlauf drei Männer von ihm zum Teil schwer verletzt und fünf Menschen getötet worden waren. Am Abend des 7. Januar hatte er auf einen Jogger geschossen und diesen schwer verwundet, bevor er am Morgen des Folgetages eine Verkehrspolizistin tötete und deren Kollegen ebenfalls schwer verletzte. Am Freitag schließlich erschoss er zunächst vier Menschen, die im Hyper Cacher einkauften, und verletzte den flüchtenden Geschäftsführer des Ladens, bevor er 17 Personen als Geiseln nahm und diese bis zum Sturm der Polizei festhielt.

Für die soziologische Analyse der hier knapp zusammengefassten Ereignisse nähere ich mich dem Geschehen mithilfe einer Fallkonstruktion.[13] Kennzeichnend für dieses Verfahren ist der methodologische Kerngedanke, dass die Recherche eines Falls in Abhängigkeit vom Erkenntnisinteresse der forschenden Person erfolgt, die dem verfügbaren Material mit eigenen, unabhängig vom Datenkorpus gegebenen beziehungsweise entwickelten Kategorien begegnet und den Fall insofern gleichsam ,konstruiert‘. Die Erstellung des von mir verwendeten Datensatzes ist somit maßgeblich mitgeprägt durch ein mikrosoziologisches Erkenntnisinteresse an der Erklärung von Gewalt. Entstanden ist auf diese Weise eine Darstellung des Geschehens in tabellarischer Form, in der die Ereignisse schrittweise beschrieben sind und jedes Ereignis eine Tabellenzeile bildet.[14] Diese Tabelle erlaubt eine sequenzielle Betrachtungsweise, die dazu dient, das Geschehen prozessual zu analysieren und danach zu fragen, zu welchem Zeitpunkt räumlich abwesende Personen für das untersuchte Gewaltgeschehen relevant werden, indem ihnen von mindestens einer der in die Situation verstrickten Personen in verbaler, mimisch-gestischer oder praktischer Form – etwa durch den Gebrauch von Artefakten oder Symbolen – Bedeutung zugemessen wird. Pointiert ausgedrückt: Es geht um die Frage, ob beziehungsweise wann die Referenz auf abwesende Personen prägenden Einfluss auf den Ablauf der Ereignisse in einer Gewaltsituation gewinnt. Prozessual meint in diesem Zusammenhang, dass die spezifische zeitliche Verkettung von Ereignissen kausale Relevanz für den Geschehensverlauf hat.[15]

Die Darstellungsweise des Datensatzes orientiert sich an der chronologischen Reihenfolge der von den Kouachi-Brüdern und von Coulibaly unternommenen Handlungen. Die Fallkonstruktion erschließt die Sequenzialität des Geschehens ausgehend von der Frage nach dem jeweiligen Initiator der Gewalthandlungen in den verschiedenen Situationen, in deren Verlauf andere Personen dominiert, verletzt oder getötet werden. Aus der hier eingenommenen Perspektive betrachtet handelt es sich bei den Pariser Ereignissen nicht um eine einzige, nahezu ununterbrochene Sequenz von zusammenhängenden Gewalthandlungen. Vielmehr lassen sich über den Zeitraum von 54 Stunden hinweg insgesamt 26 verschiedene Konfrontations- und Angriffssequenzen identifizieren, die je für sich in der Regel nur wenige Minuten oder Sekunden dauern.[16] Sie sind immer wieder von alltäglichen Begegnungen mit anderen Personen unterbrochen sowie von mehrstündigen Phasen, in denen sich die Kouachi-Brüder und Coulibaly vor der Polizei und der Öffentlichkeit verbergen. Darüber hinaus gliedert sich das Geschehen in zwei Handlungslinien, da die Kouachi-Brüder und Coulibaly zwar im Wissen umeinander, aber räumlich getrennt voneinander agieren.[17]

 

Verstrickungen mit abwesenden Dritten – Der Deutungsrahmen

Der Gedanke, dass abwesenden Personen eine handlungsorientierende Funktion zukommt, ist keineswegs neu. Ich verweise hier nur auf Erving Goffman, der in seinem Frühwerk Wir alle spielen Theater erörtert hat, wie sich Menschen ein „nichtanwesendes Publikum“ ihrer Aktivitäten schaffen.[18] Es gebe Menschen, so Goffman, die sich aus Furcht vor den Sanktionen eines imaginären Publikums an Verhaltensmaßstäben orientierten, von denen sie selbst nicht überzeugt seien. Ebenso gebe es Ensembles mehrerer Menschen, deren Verhalten inszenierten Vorstellungen gleiche, mit denen sie ein vorgestelltes Publikum beeindrucken wollten.

Die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sind paradigmatische Beispiele für eine inszenatorische Praxis im Sinne Goffmans. Als die Kouachi-Brüder am 7. Januar 2015 gegen 11:35 Uhr das Haus verlassen, in dem sie kurz zuvor die Redaktion von Charlie Hebdo überfallen, elf Menschen getötet und weitere teils schwer verletzt haben [M60], werden sie dabei von zwei Personen auf dem Dach eines angrenzenden Gebäudes, Martin Boudot und Julien Beaupé, beobachtet. Boudot filmt die Szene mit der Kamera seines Mobiltelefons [M66]. So findet das Geschehen bereits in einem frühen Stadium Schaulustige, die den Ereignissen aus sicherer Distanz nicht nur zuschauen, sondern sie auch dokumentieren. Boudot und Beaupé sind nicht zufällig dort. Wenige Minuten zuvor, als die Kouachi-Brüder auf die Redaktionsmitglieder von Charlie Hebdo schossen, befanden sich die beiden etwa fünf bis sechs Meter entfernt in den Büros eines angrenzenden Nachbarhauses, durch dessen Wand sie Schüsse und Schreie hörten [M43]. Zusammen mit etwa 20 anderen Personen verließen sie daraufhin ihren Arbeitsplatz in Richtung Dach [M44]. Berücksichtigt man außerdem, dass es einem der Charlie Hebdo-Redakteure kurz nach den ersten Schüssen gelungen war, sich hinter einem Schreibtisch zu verschanzen und einen Notruf an einen Freund abzusetzen [M51], wird deutlich, wie schnell sich die Kouachi-Brüder im Tatverlauf mit Personen verstricken, die sich an der Grenze beziehungsweise außerhalb ihrer Wahrnehmung bewegen. Ihre Handlungen finden nahezu unmittelbar eine interessierte Öffentlichkeit, zu der schon nach kurzer Zeit auch die Polizei gehört [M76].

Die öffentliche Aufmerksamkeit, die die Kouachi-Brüder erregen, ist von diesen gewollt und bewusst in ihr Handeln einkalkuliert. Dafür spricht – neben dem Anschlag selbst – die „dramatische Gestaltung“[19] ihres Auftritts. Erstens tragen sie, wie später auch Coulibaly, militärisch anmutende Kleidung. Dazu zählen in erster Linie dunkle Kleidungsstücke, über denen sie schusssichere Westen tragen [M69+vi2a; D07; F06; F48]. Nach Aussage von Sigolène Vinson, einer der Überlebenden des Angriffs auf die Redaktion von Charlie Hebdo, habe Saïd Kouachi ausgesehen wie ein Angehöriger des GIGN[20] [M52]. Einer anderen Zeugenaussage zufolge soll Chérif Kouachi schon am Morgen des 7. Januar ganz in schwarz gekleidet gewesen sein, als sein Bruder Saïd bei ihm eintraf [M07]. Darüber hinaus traten die Brüder sowohl bei ihrem Überfall auf die Redaktion als auch während ihrer Flucht aus Paris „vermummt“ auf, wie der Augenzeuge Laurent Léger berichtet [M36].[21]

Zweitens hatten sowohl die Kouachi-Brüder als auch Coulibaly während ihrer verschiedenen Angriffe viel mehr Waffen bei sich, als sie tatsächlich benutzten. Die Brüder verwendeten bei ihrem Anschlag jeweils Maschinenpistolen, die sie an einem Schulterriemen mitführten. In ihrem ersten Fluchtwagen wurden zusätzlich zehn Molotow-Cocktails sichergestellt [M82]. Außerdem fand man nach ihrem Tod noch andere Waffen bei ihnen als die bei dem Angriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo eingesetzten Maschinenpistolen.[22] Diese Waffen müssen die Kouachi-Brüder also entweder schon bei sich gehabt haben, als sie während ihrer Flucht auf der Rue de Meaux einen Mann zwangen, ihnen seinen Kleinwagen zu überlassen [M83], oder sie müssen sich im Anschluss daran aus einem Depot versorgt haben.

In mikrosoziologischer Perspektive sind Verkleidungen und Maskierungen für Angreifer – das wissen wir insbesondere von Amokläufen[23] – zwei elementare Optionen, um emotionale Distanz zwischen sich und die angegriffenen Personen zu bringen. Beides dient ihnen dazu, das Problem der Konfrontationsanspannung zu bearbeiten oder zu umgehen, „die kräftezehrende Spannung, die es so schwer macht, Gewalt anzuwenden“[24]. Während es in einer fokussierten Interaktion normal ist, dass die Interaktionspartner nicht nur sprachlich, sondern auch emotional aufeinander reagieren und sich wechselseitig aneinander orientieren,[25] erfordert die Ausübung von Gewalt, diesen Grundmechanismus interaktiver Solidarität zu durchbrechen beziehungsweise gar nicht erst entstehen zu lassen.[26] Ein umfangreiches Waffenarsenal hat dagegen eine Doppelfunktion für die Angreifer. Einerseits dient es dazu, die übrigen Anwesenden einzuschüchtern und die Situation zu dominieren, andererseits versetzt es sie in die Lage sich jederzeit ihrer eigenen Stärke vergewissern zu können.[27]

Drittens sprangen die Kouachi-Brüder nach der Tat nicht direkt in ihr nahe dem Redaktionsgebäude geparktes Auto, sondern legten einen weiteren ,Auftritt‘ hin. Die von Boudot mit seinem Handy aufgenommene Filmsequenz setzt damit ein, dass einer der beiden Brüder „Allahu Akbar“ schreit, während einer oder beide ohne konkretes Ziel in die Luft schießen [M66+v1]. Als sie den Fluchtwagen bereits erreicht haben, wendet sich einer der beiden noch einmal ab, läuft auf eine nahegelegene Straßenkreuzung, gestikuliert mit erhobenem Arm und schreit laut Augenzeugenberichten: „Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Wir haben Charlie Hebdo getötet!“ [M66+v1] Ein zweites Handyvideo, das ein anderer Augenzeuge zeitgleich von einem gegenüberliegenden Dach aus gemacht hat, lässt diesen Ablauf zwar nicht erkennen, aber doch zumindest erahnen [M69+vi2a].

Vordergründig betrachtet dienen der militärische Kleidungsstil, die exzessive Bewaffnung, das ziellose Schießen sowie das auffällige Gestikulieren und laute Schreien in erster Linie dazu, lokal anwesende Personen auf sich aufmerksam zu machen und zu beeindrucken. Die Kouachi-Brüder zwingen die Menschen in ihrer nächsten Umgebung förmlich zum Hinschauen, indem sie alles dafür tun, dass sich das Geschehen nicht als alltäglich abtun und „normalisieren“ lässt.[28] Teile des lokalen Publikums sorgen sodann für extralokale Verstrickungen, zum Beispiel durch Telefonanrufe bei Freunden und Verwandten oder durch Videos, die sie via Handy versenden oder direkt online stellen. Die Angreifer erreichen auf diese Weise innerhalb kurzer Zeit ein breites, räumlich entferntes Publikum. Der Effekt potenziert sich, als zahlreiche Radio- und Fernsehsender beginnen, ‚in Echtzeit‘ über das Geschehen zu berichten.

Die situativen Kopplungen von Kleidung, Bewaffnung und Verhalten sind jedoch nicht allein von lokaler Relevanz. Das tödliche Drama, das die beiden Angreifer inszenieren, ist von Anfang an für ein sehr viel größeres Publikum bestimmt. Mit ihren Bezügen auf „Allah“ (siehe oben), auf „den Propheten Mohammed“ [66+v1], auf „Al-Qaïda au Yémen“ [M83], oder auf „alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden“ [F83+ tg2], stilisieren sie sich als Angehörige einer weltweiten Bewegung zur Verteidigung des Islam.[29] Während die Kouachi-Brüder sich dabei allerdings Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel zurechnen, sagt Coulibaly, dass er im Auftrag des Islamischen Staats handele. Zusammengenommen lassen sowohl ihr Kleidungsstil als auch ihr Waffenarsenal sowie etliche der von ihnen während des Geschehens gemachten Äußerungen eine planvoll herbeigeführte extralokale Verstrickung der drei Angreifer mit für sie relevanten Dritten erkennen. Für diese imaginierten Dritten, die in der Situation selbst nicht anwesend sind, inszenieren sie sich als opferbereite Krieger, als Märtyrer.

Der Begriff der „Verstrickung“, der sich bereits bei Émile Durkheim findet,[30] hat keinen systematischen Platz in der Soziologie. In Collins‘ Studie über „Tunnel der Gewalt“[31] dient der Begriff vor allem dazu, die emotionale Mitgerissenheit von Personen in Gewaltsituationen zu bezeichnen. Das ist jedoch ein recht enges Verständnis, das zwei Probleme mit sich bringt: Zum einen zementiert es den Anwesenheitsbias des mikrosoziologischen Ansatzes, anstatt ihn konzeptuell zu lockern, zum anderen vermittelt die Rede von „emotionaler Mitgerissenheit“ zu sehr den Eindruck, dass sich die Situation über die Beteiligten hinweg oder durch sie hindurch entwickelt – so als würden sie selbst gar nicht aktiv an der Gestaltung der Situation mitwirken, sondern seien unsichtbaren Kräften oder Automatismen unterworfen, die sich ihrer bemächtigen.[32]

Mein theoretischer Vorschlag zur Lösung dieser beiden Probleme besteht darin, den Begriff der „Verstrickung“ als ein sensibilisierendes Konzept zu nutzen, das den Blick auf die konkreten sozialen Beziehungen lenkt, die Personen während eines untersuchten Geschehens – mehr oder weniger bewusst – miteinander unterhalten.[33] Als „extralokale Verstrickungen“ möchte ich somit einen spezifischen Typ sozialer Beziehungen bezeichnen, die Situationsteilnehmerinnen, die lokal in die Interaktion mit anderen kopräsenten Personen verstrickt, das heißt involviert sind, gleichzeitig zu abwesenden Personen haben. Der Kerngedanke ist, dass diese Beziehungen in bestimmten Momenten eines Geschehens handlungsrelevant werden und den Interaktionsverlauf mitprägen können, wenn lokal Anwesende für oder während ihres Handelns abwesende Personen und Personenkreise voraussetzen. Das kann sowohl synchron, zum Beispiel im Rahmen eines Telefonats, als auch zeitversetzt geschehen.[34] Diachron gesehen lebt und handelt die lokal verstrickte Person in der Erwartung, das eine oder mehrere abwesende Personen ihr lokales Handeln erwarten oder zumindest wahrnehmen. Das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ ist dabei empirisch recht offen angelegt. Es bezeichnet nicht nur soziale Beziehungen zu natürlichen Personen, sondern schließt ein (räumlich) „distanziertes Publikum“ ohne klare Kontur[35] und nicht näher bestimmte[36] „imaginierte Gemeinschaften“[37] ebenso ein wie abstrakte (institutionalisierte) Dritte[38] oder „rationalisierte Andere“[39].

„Verstrickung“, ob lokal oder extralokal, bezeichnet mithin ein relationales Konzept, kein deterministisches oder voluntaristisches. Darin ähnelt es Mark Granovetters[40] Konzept der „Einbettung“, das sich ja vor allem gegen „übersozialisierte“ und „untersozialisierte“ Vorstellungen sozialen Handelns wendet. Als „übersozialisiert“ erachtet Granovetter eine Perspektive, die zur Erklärung von sozialem Handeln „einfach eine kausale Wirkung von Makrostrukturen geltend macht“,[41] den Beteiligten also im Grunde gar keine situativen Freiheitsgrade zugesteht. Als „untersozialisiert“ gilt ihm hingegen eine Sichtweise, die Handelnde als voneinander isolierte Individuen betrachtet, die gleichsam unbeeindruckt vom Verhalten anderer nur ihrem eigenen Willen folgen. Beide Denkweisen, so die Kritik, seien im Kern atemporal, die Zukunft stehe im einen wie im anderen Fall bereits fest.

Das hier skizzierte Konzept der „Verstrickung“ rechnet demgegenüber mit der zeitlichen Kontingenz von Ereignissen, die in den Begegnungen zwischen Situationsteilnehmern gleichermaßen entsteht und bearbeitet wird. Zugespitzt formuliert erarbeiten sie mit- und gegeneinander im Handlungsvollzug – im „un-/doing things together“[42] – die Optionen, wie sich das Geschehen fortsetzen könnte, wobei sie schrittweise jeweils nur eine dieser Alternativen realisieren können. „Extralokale Verstrickung“ meint in dieser Perspektive, dass situative Kontingenz nicht nur aus der wechselseitigen Orientierung zwischen anwesenden Personen entsteht und von diesen bearbeitet wird, sondern auch aus der Orientierung von Anwesenden an räumlich Abwesenden. Die Situationsteilnehmer sind demnach doppelt verstrickt: lokal und extralokal.

 

Das Rätsel fortgesetzter Gewalt – Mikrosoziologische Erklärungsansätze

Die Unterscheidung zwischen lokalen und extralokalen Formen der Verstrickung soll zunächst einmal nur dazu dienen, neben sozialen Beziehungen von Situationsteilnehmern auch deren Beziehungen zu abwesenden Personen identifizieren und beschreiben zu können. Ich möchte jedoch noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass das Konzept nicht nur deskriptives, sondern auch explanatorisches Potenzial besitzt. Es eröffnet meines Erachtens eine vielversprechende theoretische Möglichkeit, den Anwesenheitsbias der mikrosoziologischen Gewaltanalyse nicht nur zu problematisieren, sondern auch zu überwinden. Zur Untermauerung dieser These möchte ich noch einmal auf die in dieser Hinsicht ausgesprochen aufschlussreichen Ereignisse von Paris zurückkommen.

Die auf Anwesende bezogene Theorieanlage der Mikrosoziologie der Gewalt stößt bei der Beschreibung und Erklärung des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo und der sich anschließenden Gewalthandlungen an ihre Grenzen. Es fehlen ihr die theoretischen Mittel, um schlüssig erklären zu können, wie sich das Gewaltgeschehen nach der ersten Attacke der Kouachi-Brüder mit mehr oder weniger großen zeitlichen Unterbrechungen fortsetzen und über mehrere Tage andauern konnte. In der Mikrosoziologie der Gewalt finden sich gegenwärtig zwar ein impliziter und drei explizite Ansatzpunkte, um derartige Ereignisverkettungen zu erklären.[43] Das Problem ist nur, dass keiner der Ansätze eine überzeugende Erklärung der Pariser Vorfälle erlaubt.

Explizit unterscheidet Collins[44] drei idealtypische Mechanismen, um ein über mehrere Tage oder sogar mehrere Wochen andauerndes Gewaltgeschehen zu erklären:

(a) Selbstverstrickung mit den eigenen körperlichen Rhythmen – Die Person, die eine andere attackiert, wird von der Intensität der eigenen körperlichen Erfahrung mitgerissen und gerät in einen besonderen Modus sensorischer Aufmerksamkeit, dessen Rhythmus seine Opfer nicht zu unterbrechen vermögen. Collins zufolge ist dieser Mechanismus typisch für Massaker von Armeeeinheiten an Zivilisten oder für Amokläufe, die jeweils nur wenige Stunden dauern. Mit Blick auf das sich über 54 Stunden erstreckende Geschehen von Paris vermag dieser Ansatz schon deshalb nicht zu überzeugen, weil zwischen den diversen Konfrontations- und Gewaltsituationen oftmals Intervalle von mehreren Stunden liegen, in denen die Täter um Unauffälligkeit bemüht sind, pausieren oder schlafen.[45] Das von ihnen gezeigte Verhalten, nicht zuletzt das fast schon servile Auftreten der Kouachi-Brüder gegenüber dem Besitzer der Druckerei, in der sie sich schließlich verschanzen [F11], passt nicht zur These der andauernden körperlichen und emotionalen Mitgerissenheit.

(b) Wechselseitige Mikrokoordination zwischen Angreifer und Opfer – Einem anderen mikrosoziologischen Erklärungsansatz zufolge kommt es zur Fortsetzung von Gewalthandlungen, weil der oder die Täter sich durch das Verhalten der angegriffenen Person(en) emotional ermutigt fühlt beziehungsweise fühlen. Dieser Ansatz, der von einer reziproken emotionalen Verstrickung von Täter(n) und Opfer(n) ausgeht, bietet sich – wie der vorige – eher zur Erklärung von zeitlich begrenzten Gewalthandlungen an, die nicht länger als wenige Stunden andauern. Für ein besseres Verständnis der miteinander verketteten Ereignisse von Paris erweist auch er sich indes als untauglich.

(c) Verstrickung mit einem Publikum oder einer Gruppe – Diesem Ansatz zufolge resultiert anhaltende Gewalt aus dem emotionalen Halt, den die angreifende(n) Person(en) bei einem anwesenden Publikum oder bei anderen Angreifern findet beziehungsweise finden, die sich ihrerseits in die Gewaltausübung verstricken. Nach Collins ist der Mechanismus charakteristisch für Fälle, in denen die Menge der Angreiferinnen die Zahl der angegriffenen Personen deutlich übersteigt (in der Regel in einem Verhältnis von 3:1 bis 6:1[46]) und/oder anwesende Zuschauer den oder die Angreiferinnen anfeuern und dadurch einen emotionalen Aufmerksamkeitsraum rund um die ausgeübte Gewalt erzeugen. Allerdings ist auch dieser Ansatz an die Bedingung der Anwesenheit gekoppelt. Collins beschränkt die Begriffe Publikum und Gruppe nur auf solche Personen, die sich zusammen mit Täter(n) und Opfer(n) am Ort des Gewaltgeschehens befinden und von diesen wahrgenommen werden. Daher läuft auch dieser Mechanismus in zweierlei Hinsicht an einer stichhaltigen Erklärung der Pariser Vorkommnisse vorbei: Zum einen greifen die Kouachi-Brüder und Coulibaly in der Regel Personenkreise an, die ihnen zahlenmäßig überlegen oder zumindest quantitativ ebenbürtig sind, zum anderen gehen sie zwar koordiniert vor, befinden sich aber während des gesamten Zeitraums stets an verschiedenen Orten. In ihrem Fall fehlt somit schlicht die kritische Masse, die notwendig ist, um aus einer mikrosoziologischen Perspektive von Effekten der Gruppenverstrickung sprechen zu können. Abgesehen davon kommt es kein einziges Mal zu Sympathiebekundungen oder anderen Formen der Unterstützung durch anwesende Personen.

Der implizite Ansatz thematisiert demgegenüber die Zugehörigkeit der Gewalttätigen zu einem sozialen Kreis, der bereits vor der interessierenden Situation existiert und dessen Mitglieder über ein symbolisch vermitteltes Bewusstsein ihrer rituellen oder formal geregelten Zusammengehörigkeit verfügen.[47] In den von Collins betrachteten Fällen ritualisierter Gewalt,[48] die ihren Ausgangspunkt maßgeblich in der „Grenzaktivierung“[49] der kollektiven Identitäten von bereits feindlich gesinnten Gruppen haben,[50] nimmt die überwiegende Mehrheit der (männlichen) Gruppenmitglieder auch an der gewalttätigen Auseinandersetzung teil. In Fällen formaler Gewaltorganisationen kämpfen, töten und sterben die Mitglieder oftmals füreinander – und das heißt in erster Linie: für die ebenfalls anwesenden Kameraden und unter wechselseitiger Beobachtung, was vor allem ihrer relativ festen Einteilung in Kleingruppen geschuldet ist.[51] Ebenfalls in unmittelbarer Nähe anwesende (und oftmals körperlich eindrucksvolle) Unteroffiziere oder Militärpolizeieinheiten kurz hinter der Front tun ein Übriges, um die einfachen Mannschaften im Kampfgeschehen zu halten.[52]

Mit Blick auf den hier diskutierten Fall greift jedoch auch der hier skizzierte implizite Ansatz aus mindestens zwei Gründen zu kurz. Der erste Grund liegt auf der Hand: Es fehlt schlicht am Kreis der Kameraden. Die Kouachi-Brüder sind nur zu zweit unterwegs, Coulibaly sogar ganz allein. Aus mikrosoziologischer Perspektive betrachtet sind hier keine Gruppen involviert, die als Gemeinschaften auftreten beziehungsweise gegeneinander antreten. Auch Rangunterschiede zwischen den Beteiligten spielen keine Rolle. Der zweite Grund betrifft den Theoretisierungsgrad der mikrosoziologischen Gewaltforschung. Konkret geht es um die Frage, „wie großräumig und langfristig angelegte Strukturen Gewalt hervorbringen“[53] und „sowohl das relationale Setting auf der einen Seite als auch entscheidende Aspekte der mikrosituativen Dynamik auf der anderen Seite“[54] miteinander verknüpft sind. Situationistische Analysen kollektiver Gewalt schließen keinesfalls aus, dass symbolisch-rituelle Grenzaktivierung oder hierarchische Koordination fortgesetzte Gewalt erklären können. Es fehlt jedoch aktuell an empirisch fundierten Argumenten, um diesen Zusammenhang genauer nachzuvollziehen.[55]

 

Riskante Initiativen und lautstarke Selbstermächtigung – Zur Bedeutung extralokaler Verstrickungen

Das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ bietet eine theoretische Alternative zu den von Collins entwickelten Vorschlägen zur Erklärung des Phänomens fortgesetzter Gewalt. Dafür ist es jedoch nötig, das Konzept anders als bisher nicht an das Gesamtgeschehen anzulegen (und die extralokale Verstrickung der Angreifer zu erörtern), sondern es prozessual zu nutzen. Der Leitgedanke, der den nachfolgenden Ausführungen zugrunde liegt, besteht in der Annahme, dass die Angreifer den Verlauf des grundsätzlich kontingenten Geschehens nicht allein bestimmen, sondern den Fortgang der Ereignisse aufgrund ihrer lokalen und extralokalen Verstrickungen nur schrittweise und gemeinsam mit anderen steuern – Stichwort „un-/doing together“.[56] Man kann im Pariser Fall zwar den Eindruck gewinnen, dass sich die Angreifer im Vorfeld auf eine bestimmte Handlungslinie festgelegt haben, an der sie festhalten und zu deren Umsetzung sie immer wieder die Initiative ergreifen. So betrachtet, markiert bereits der Angriff auf die Redaktion für die beiden Kouachi-Brüder einen „point of no return“.[57] Sie betrachten die betreffende Tat mutmaßlich selbst als einen solchen beziehungsweise beginnen sie als solchen zu betrachten.[58] Die Orientierung der Täter an einem derartigen ,Skript‘ bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auch alle anderen Situationsteilnehmerinnen sich diesem gemäß verhalten. Mikrosoziologisch betrachtet stellt sich in jeder der aufeinander folgenden Konfrontations- und Angriffssituationen erneut die Frage, wie Opfer und Täter in diesen Momenten daran mitwirken, dass sich die Angreifer immer wieder durchsetzen, bis sie schließlich am Ende im Kugelhagel der Polizei sterben.

Ausgehend von diesen Vorüberlegungen lautet meine prozessuale These zur Erklärung der Pariser Ereignisse zwischen dem 7. und 9. Januar 2015, dass sich die Angreifer nicht zuletzt aufgrund ihrer extralokalen Verstrickung mit abwesenden Dritten gegen Opponenten durchsetzen und ihr Gewalthandeln fürs Erste fortsetzen konnten. Gestützt wird die These meines Erachtens durch eine Reihe von Ereignissequenzen, in deren Verlauf sich zwei Mikrovorgänge beobachten lassen, in denen die handlungspraktische Relevanz extralokaler Verstrickungen der Angreifer deutlich zutage tritt.

(1) Riskante Initiativen – Im Datensatz stößt man wiederholt auf ein besonderes Bewegungsmuster der Angreifer. Anstatt ängstlich oder entmutigt zu reagieren, wenn sie auf Polizisten oder Spezialkräfte treffen, verhalten sich vor allem die Kouachi-Brüder, schließlich aber auch Coulibaly, außerordentlich riskant.[59] Im Kern besteht das riskante Verhalten aus zwei miteinander verknüpften Bewegungsabläufen:

(a)    Die Angreifer verhalten sich nicht abwartend, sondern rennen den mutmaßlich bewaffneten Widersachern entgegen.

(b)   Sie suchen keine Deckung, sondern setzen sich möglichen Gegenangriffen relativ schutzlos aus.

Riskant sind die gezeigten Verhaltensweisen unter der Voraussetzung, dass die Angreifer auf (mutmaßlich) bewaffnete Personen treffen. Die Tatsache, dass sie den möglichen Gelegenheiten, bei denen dies der Fall sein könnte, nicht aus dem Weg gehen, deutet darauf hin, dass sowohl die Kouachi-Brüder als auch Coulibaly entsprechende Situationen bewusst suchen, um sie als Bühne zu nutzen, auf der sie sich ihrem imaginären Publikum präsentieren können.[60] Die lokale Verstrickung mit bewaffneten Kontrahenten eröffnet ihnen also zumindest momenthaft die Chance zur extralokalen Verstrickung in Form der positiven Selbstdarstellung gegenüber abwesenden Dritten. Glaubt man den betreffenden Aussagen der drei Akteure, dann umfasst das imaginäre Publikum, das sie mit ihrem Auftreten beeindrucken wollen, im Wesentlichen zwei Zuschauergruppen, nämlich einerseits die große Gemeinschaft der gläubigen Muslime, und andererseits die kleinere Gemeinschaft der Dschihadisten. Vor diesen beiden Zuschauergruppen inszenieren sie sich als entschlossene Gotteskrieger, die furchtlos ihr eigenes Martyrium anstreben, in der Hoffnung, dafür nach ihrem Tod von anderen Ehre und Anerkennung zu erfahren.[61] Selbst am Ende, in auswegloser Situation, warten die drei auf den dramaturgisch richtigen Moment, nämlich bis zum Sturm der Sicherheitskräfte, denen sie sich dann ein letztes Mal entgegenwerfen [F87-88; F94]. Letztlich sind somit nicht ihre Taten „das letzte, überwältigende symbolische Ereignis [ihres Lebens]“,[62] sondern ihr eigener Tod, dem sie mit ihrer letzten Initiative eine besondere Dramatik und Bedeutung zu geben suchen.

Bis zu diesem nahezu synchronen Abschluss beider Handlungslinien hat das riskante Auftreten der Angreifer allerdings einen beinahe paradoxen Effekt: Anstatt selbst verletzt oder getötet zu werden, setzen sie sich in mehreren Situationen gegen ihre Opponenten durch, die entweder zurückweichen oder im Zuge der bewaffneten Auseinandersetzung verletzt beziehungsweise getötet werden. Das Geschehen setzt sich als auch deshalb weiter fort, weil es den Angreifern wiederholt gelingt, die Initiative zu behalten.

(2) Lautstarke Selbstermächtigung – Die Kouachi-Brüder schreien die Formel „Allahu Akbar“, während sie in die Redaktionskonferenz von Charlie Hebdo stürmen und das Feuer auf die anwesenden Mitarbeiterinnen eröffnen [M36]. Das gleiche Muster findet sich bei Coulibaly, als er schießend in den Supermarkt an der Porte de Vincennes rennt [F49-F53]. Wie bereits erwähnt, lässt sich die lautstarke Verwendung der Formel als Ausdruck ihrer emotionalen Verbundenheit mit den beiden Gemeinschaften der gläubigen Muslime und der Dschihadisten als abwesenden Dritten begreifen. Mikrosoziologisch betrachtet sticht jedoch vor allem der Zeitpunkt hervor, zu dem die Angreifer die Formel ausrufen, nämlich stets kurz bevor sie das Feuer eröffnen. Der zeitliche Abstand beträgt jeweils kaum mehr als ein paar Sekunden.

Die enge zeitliche Verknüpfung zwischen Rufen und Angriffen erinnert an ein Argument, das Collins fallübergreifend entwickelt, um idealtypische „Wege in die Gewalt“ unter lokal verstrickten Anwesenden zu differenzieren.[63] Jeder dieser Wege ist Collins zufolge dadurch gekennzeichnet, dass die Angreifer ihre Aufmerksamkeit kurz vor ihrer Attacke auf ein bestimmtes Situationselement richten. Diese Fokussierung der Aufmerksamkeit erlaube es ihnen, die eigene „physiologische Programmierung“ zum solidarischen Umgang mit anderen kurzfristig zu suspendieren.[64] Als solidarisch kennzeichnet Collins dabei ein Verhalten, bei dem die Situationsteilnehmerinnen mit anderen Anwesenden einen positiv gestimmten Interaktionsrhythmus entwickeln und bestrebt sind, auch im Fall kurzzeitiger Dissonanzen wieder zu einem solchen Rhythmus zurückzukehren.[65] Demgegenüber hängt die Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt nach Collins maßgeblich davon ab, dass die Angreifer situative Foki entwickeln, die es ihnen zumindest für einen Moment erlauben, ihrem jeweiligen Gegenüber antisolidarisch zu begegnen.

Während Collins Lautäußerungen und Sprechakte zwar im Zuge der ethnografischen Beschreibung von Gewaltsituationen zur Kenntnis nimmt, ihnen aber keinen erklärenden Stellenwert beimisst, legt es die hier vorgenommene mikrosoziologische Rekonstruktion der Attacken von Chérif und Saïd Kouachi sowie von Amedy Coulibaly nahe, den jeweils im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Attacken geäußerten Ausrufen „Allahu Akbar“ durchaus explanatorische Relevanz zuzuschreiben. Als instruktiv erweist sich in diesem Zusammenhang ein Blick auf das von Jack Katz symbolisch-interaktionistisch analysierte Phänomen „ausrastender Autofahrer“.[66] Katz, der für gewöhnlich ebenfalls zu den Vertretern einer Mikrosoziologie der Gewalt gezählt wird, besitzt im Gegensatz zu Collins ein wesentlich feineres Gespür für die Bedeutung dessen, was Menschen in Gewaltsituationen äußern. In der hier interessierenden Studie argumentiert er, dass Beschimpfungen im Straßenverkehr keineswegs nur der „Spannungsentladung“ emotional aufgewühlter Personen dienen.[67] Ihm zufolge handelt es sich bei den oftmals kunstvoll gebauten und gestenreich geäußerten Tiraden, die sich in der Regel nicht in einfachen verbalen Entgleisungen erschöpfen, um Elemente eines szenischen Spiels, das die ausrastende Person vor sich selbst in ihrer Fahrerkabine aufführt.[68] Durch dieses Spiel drücke sie nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich die von ihr empfundene moralische Überlegenheit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern aus, die aus ihrer Sicht gegen eine als „selbstverständlich angesehene […] Grundlage des Handelns“ verstoßen haben.[69] Folgt man Katz, gerieren sie sich dadurch zugleich als „rächende Helden“ einer „heiligen Gemeinschaft“ all derjenigen, die ,richtig‘ Autofahren können und das auch ungestört tun möchten.[70] Ausrastende Autofahrer sind nach Katz also doppelt verstrickt: lokal in ärgerliche Interaktionen mit anderen Fahrern (die womöglich noch nicht einmal erkennen, dass sie sich falsch verhalten haben, geschweige denn sehen, dass sich andere über sie ärgern), und extralokal mit der imaginierten Gemeinschaft der guten Verkehrsteilnehmerinnen als einer abstrakten Entität.

In Anlehnung an Katz‘ Analyse deute ich die „Allahu Akbar“-Rufe der Kouachi-Brüder und Coulibalys als Versuche, sich unmittelbar vor ihren Angriffen in eine emotionale, für sie selbst körperlich erfahrbare Beziehung zur großen Gemeinschaft der gläubigen Muslime und zur kleineren Gemeinschaft der Dschihadisten zu setzen, von denen sie hoffen, dass sie den Gebrauch der Formel als Schlachtruf und die Ausübung der Tat als Akt des Dschihad anerkennen werden. Auf diese Weise suchen sie nicht nur ihre moralische Überlegenheit gegenüber dem ins Auge gefassten Opfer sowie anderen anwesenden Personen zum Ausdruck zu bringen. Die Anrufung Allahs dient ihnen ebenso zur mikrosituativen Aufmerksamkeitsregulierung und Dominanzgewinnung. Indem sie ihre Aufmerksamkeit für einen kurzen, aber entscheidenden Moment auf die Gemeinschaft der gläubigen Muslime und die kleinere Gruppe der Gotteskrieger richten, vor deren Auge sie sich als Dschihadisten bewähren wollen, generieren sie aktiv jenes Maß an emotionaler Dominanz über die Anwesenden, das es ihnen erlaubt, diese körperlich zu attackieren. Sie sind in diesem Augenblick doppelt verstrickt: extralokal mit Abwesenden, denen sie sich verbunden fühlen und mit denen sie solidarisch sind, und lokal mit Anwesenden, die sie verachten und denen gegenüber sie sich antisolidarisch zeigen, bis hin zur tödlichen Attacke. Zum Verständnis des zusammenhängenden, aber zwischenzeitlich immer wieder unterbrochenen Gewaltgeschehens ist diese Bedeutungsdimension unerlässlich. Mit der wiederholten Anrufung Allahs gelingt es den Angreifern immer wieder, ihr Tun als Dschihad zu rahmen und sich so wiederholt in den emotionalen Zustand zu versetzen, der es ihnen erlaubt, die Initiative zu behalten und ihr Handeln fortzusetzen.

 

Konsequenzielle Dritte – Fazit und Forschungsperspektiven

Der Anwesenheitsbias der mikrosoziologischen Gewaltforschung ist kein Grund, sich von diesem Ansatz abzuwenden. Das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ erlaubt es, auch aus einer mikrosoziologischen Perspektive heraus die situative Relevanz von abwesenden Personen beziehungsweise Personenkreisen in den Blick zu bekommen. Die vorstehende Fallstudie zum Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die anschließenden Gewalthandlungen zeigt nicht nur, dass die drei Angreifer während des gesamten Zeitraums immer wieder auch mit handlungsrelevanten Dritten verstrickt sind. Die prozessuale Analyse belegt darüber hinaus auch, dass diese Dritten zu bestimmten Zeitpunkten verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken, und es den Angreifern so erlauben, Augenblicke emotionaler Dominanz zu generieren, in denen sie zumindest kurzfristig Kontrolle über die Situation und die anderen Anwesenden gewinnen. Sie dienen im Kern sowohl zur Sinnstiftung und Handlungslegitimierung als auch zur unmittelbaren Situationsbewältigung. Zudem tragen sie zur Herstellung und Aufrechterhaltung der emotionalen Dispositionen bei, die den Angreifern die Fortsetzung beziehungsweise Wiederaufnahme ihres Gewalthandelns ermöglichen.

Die Unterscheidung von lokalen und extralokalen Verstrickungen eröffnet somit eine Perspektive, die es gestattet, Gewalt sowohl interaktionsorientiert als auch interaktionsübergreifend zu analysieren. Es handelt sich dabei einerseits um eine temporale Betrachtungsweise (1), andererseits um eine sachlich-soziale (2).

(1) Zeitlich gesehen ermöglicht es die Unterscheidung, Gewalt nicht nur situationsorientiert und momentbezogen, sondern prozessual zu erklären, das heißt eingebettet in einen Zusammenhang zeitlich und räumlich weiter ausgreifender Ereignissequenzen.[71] Während Collins das Konzept der „Gewaltsituation“ nur auf die Interaktion unter Anwesenden begrenzt,[72] eröffnet das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ die theoretische Option, Anfang und Ende solcher Situationen nicht ausschließlich interaktionszentriert zu begreifen. Die Alternative liegt darin, im Zuge der Deutung von konkreten physischen Attacken auch danach zu fragen, inwiefern deren konkrete Ausführung, die Wahl der Opfer oder das von den Angreifern im Zuge ihres Handelns verwendete Vokabular im Hinblick auf die Rolle abwesender Dritter und ihnen zugeschriebener Einstellungen und Erwartungen verstanden werden muss. Sequenziell betrachtet entstehen Gewaltsituationen dann bereits zu einem Zeitpunkt, an dem diese zugeschriebenen Einstellungen und Erwartungen von den prospektiven Akteuren antizipiert werden und Relevanz für deren weiteres Planen und Handeln gewinnen.

(2) Sachlich und sozial gesehen ist es mit der Unterscheidung möglich, unabhängig von der konkreten Angriffssequenz existierende, aber diese prägende soziale Tatbestände und Ordnungszusammenhänge wie etwa Institutionen oder Organisationen systematisch zu berücksichtigen. In Paris verweisen die Angreifer wiederholt auf ihre Verstrickung mit „organisierten Dritten“,[73] so Coulibaly auf den Islamischen Staat und die Kouachi-Brüder auf Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Die genannten Organisationen sind gleichermaßen als Adressaten wie als symbolische Referenzpunkte sprachlicher Äußerungen und körperlicher Darstellungen in das Geschehen involviert. Und obwohl keine weiteren Mitglieder unmittelbar anwesend sind, spielen die betreffenden Organisationen – vermittelt über die extralokalen Verstrickungen der Angreifer und deren Selbststilisierung zu Dschihadisten – eine nicht unerhebliche Rolle für die Rahmung der Situation durch die Akteure und für deren Selbstverständnis. In dieser Perspektive unterläuft die Unterscheidung von lokalen und extralokalen Verstrickungen somit das „Mikro-Makro-Problem“ soziologischen Erklärens, das maßgeblich auf der Vorstellung beruht, zwei oder mehrere Ebenen des Sozialen wirkten kausal aufeinander beziehungsweise entfalteten sich getrennt voneinander.[74] Die extralokalen Verstrickungen von Beteiligten deuten demgegenüber darauf hin, dass in Gewaltsituationen neben den konkreten Interaktionen der anwesenden Akteure auch die Einflüsse „mitgliedschaftsbasierter Sozialsysteme“ (wie Organisationen, Gruppen, Bewegungen oder Familien)[75] wirksam sind. Eine kausalistische Ebenenvorstellung des Sozialen ist an dieser Stelle überflüssig,[76] ebenso die abstrakte Rede von „Meso- oder Makrobedingungen“[77] von Gewalt. Der analytische Fokus kann auf dem Geschehen bleiben, im Zuge dessen sich Gewalt ereignet, und gleichzeitig sensibel für die gesellschaftlichen Kontexte sein, die für das Geschehen relevant sind.[78]

Ein letzter Punkt. In der situationistischen Gewaltforschung gewinnen Dritte zunehmend an analytischem Stellenwert, in der Forschung zu politischer Gewalt und insbesondere in der Terrorismusforschung haben sie diesen schon länger.[79] Mit der Unterscheidung zwischen lokalen und extralokalen Verstrickungen situierter Akteure zeichnet sich ein Beitrag zur generellen „Rolle von Dritten“ für das Antun und Erleiden von Gewalt ab, die Peter Imbusch jüngst als „unterbelichtete Dimension von Gewalt“ problematisiert hat.[80] Da Imbusch im Zuge seiner Erörterungen gleich eine Reihe der in diesem Zusammenhang theoretisch einschlägigen Studien außer Acht gelassen hat,[81] darf man zwar Zweifel an der Triftigkeit seiner Diagnose anmelden. Gleichwohl skizziert er eindrücklich, dass die soziologische (Gewalt-)Forschung im Wesentlichen mit zwei Typen situationsrelevanter Dritter rechnet. Demnach handelt es sich hierbei entweder um abstrakte Entitäten wie beispielsweise Recht oder Öffentlichkeit, die Gewaltsituationen normativ rahmen. Sie haben im Kern eine legitimierende beziehungsweise delegitimierende Funktion. Oder sie beleuchtet Personen, die in der Situation anwesend sind und neben den attackierenden und attackierten Personen – für gewöhnlich Täter und Opfer genannt – daran mitwirken, dass und wie Gewalt stattfindet und endet. Je nach Situation gibt es vielfältige Arten der Beteiligung.[82] So können die betreffenden Personen etwa helfen, zuarbeiten, retten, einschreiten, zuschauen, anfeuern oder kommentieren – und damit, prozessual gesehen, als konsequenzielle Dritte in Erscheinung treten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf unterschiedliche Weise Einfluss auf den weiteren Ablauf des Situationsgeschehens nehmen. Als solche sind sie nicht einfach nur präsent, sondern machen einen Unterschied.

Kurzum, die Forschung rechnet also entweder mit normierenden oder mit konsequenziellen Dritten, wobei – Stichwort Anwesenheitsbias – die Konsequenzialität der betreffenden Personen für den Situationsverlauf bisher vorrangig an ihrer physischen Präsenz festgemacht wurde. Das Konzept der „extralokalen Verstrickung“ bietet dagegen die Möglichkeit, auch abwesende Personen als konsequenzielle Dritte zu begreifen. Die beiden oben skizzierten Mikrovorgänge sind dafür exemplarisch.

Einiges spricht für die Annahme, dass die jeweils besonderen abwesenden Dritten, mit denen die Akteure einer Gewaltsituation verstrickt sind, dazu beitragen können, unterschiedliche Situationsverläufe und Gewaltdynamiken zu erklären. Polizistinnen, die im Rahmen der Gesetze agieren und sich im Zweifelsfall vor staatlichen Instanzen für ihr Handeln verantworten müssen, stehen weniger Gewaltoptionen offen als religiös motivierten Attentätern oder den kriminellen Mitgliedern eines Mafiaclans, die ihr Tun durch ganz andere Bezugsgruppen anerkannt oder gebilligt sehen wollen. Welche bestimmten lokalen oder extralokalen Verstrickungen in einer Situation den Ausschlag geben, dürfte von Fall zu Fall variieren. So zeigt die soziologische Signaling-Theorie, wie das Antun und Erleiden körperlichen Schmerzes insbesondere in extralegalen Milieus häufig dazu dient, soziale Beziehungen zu initiieren, Mitglied eines sozialen Kreises zu werden oder in der internen Anerkennungshierarchie dieser Kreise Statusgewinne zu verbuchen.[83] Gesa Lindemanns Konzept der „Verfahrensordnungen“[84] und Jan Philipp Reemtsmas Unterscheidung zwischen Zonen erlaubter, verbotener und gebotener Gewalt[85] adressieren beide in ähnlicher Form eine konstitutive Funktion des Dritten,[86] ohne allerdings mikroskopisch nachzuzeichnen, wie diese Dritten konsequenziell in ein Gewaltgeschehen involviert sind. Das Konzept der extralokalen Verstrickung bietet hierfür einen geeigneten Ansatzpunkt.

Fußnoten

[*] Dieser Beitrag ist eine um den wissenschaftlichen Apparat (Anhang 1 "Methodisches Vorgehen"Anhang 2 "Sequenzielle Ereignisrekonstruktion der 'Anschläge auf Charlie Hebdo'"; Anhang 3 "Konfrontations- und Angriffssequenzen in Paris und ihre zeitlichen Abstände") erweiterte Parallelveröffentlichung des gleichnamigen Aufsatzes in der heute erschienenen Ausgabe des Mittelweg 36: Thomas Hoebel, "Wir haben Charlie Hebdo getötet!", in: Mittelweg 36 28 (2019), 1–2, S. 99–123.

[1] Für einen instruktiven Überblick siehe Teresa Koloma Beck / Klaus Schlichte, Theorien der Gewalt zur Einführung, Hamburg 2014, S. 122–132.

[2] Trutz von Trotha, „Zur Soziologie der Gewalt“, in: ders. (Hg.), Soziologie der Gewalt, Opladen 1997, S. 9–56, hier S. 26.

[3] Siehe etwa Jack Katz, Seductions of Crime, New York 1988; ders., How Emotions Work, Chicago, IL 1999; Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, übers. von Richard Barth und Gennaro Ghirardelli, Hamburg 2011; ders., „Einfahrten und Ausfahrten des Tunnels der Gewalt. Mikrosoziologische Dynamiken der emotionalen Verstrickung in gewaltsame Interaktionen“, in: Claudia Equit / Axel Groenemeyer / Holger Schmidt (Hg.), Situationen der Gewalt, Weinheim/München, S. 14–39.

[4] Tobias Hauffe / Thomas Hoebel, „Dynamiken soziologischer Gewaltforschung“, in: Soziologische Revue 40 (2017), S. 369–384, hier S. 375–376.

[5] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 58.

[6] Ebd., S. 35, 128. Siehe dazu auch Collins, „Einfahrten und Ausfahrten des Tunnels der Gewalt“. Verstrickung ist hier im Sinn einer emotionalen Mitgerissenheit der aktiv am Situationsgeschehen beteiligten Personen gemeint.

[7] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 58.

[8] Ich übernehme diese aus meiner Sicht außerordentlich instruktive Metapher von W. Richard Scott, “Reflections on a Half-Century of Organizational Sociology”, in: Annual Review of Sociology 30 (2004), S. 1–21. Scott beschreibt mit ihrer Hilfe den Zustand der Organisationssoziologie seiner Zeit.

[9] Eugene V. Walter, Terror and Resistance, London / New York 1972, insbesondere S. 5; Axel P. Schmid / Janny De Graaf, Violence as Communication, London 1982; Martha Crenshaw, “The Logic of Terrorism. Terrorist Behavior as a Product of Strategic Choice”, in: Walter Reich (Hg.), Origins of Terrorism, Cambridge / New York 1990, S. 7–24; dies., “Theories of Terrorism. Instrumental and Organizational Approaches”, in: David C. Rapoport (Hg.), Inside Terrorist Organizations, London / Portland, OR 2001, S. 13–31; Donatella Della Porta, Social Movements, Political Violence, and the State, Cambridge, MA 1995, insbesondere Kap. 5. Einschlägig für die deutschsprachige Diskussion sind Herfried Münkler, „Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Die Botschaft des 11. September“, in: Internationale Politik 12 (2001), S. 11–18 und Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, Hamburg 2005. Für einen Überblick siehe Liane Rothenberger, „Terrorism as Strategic Communication“, in: Derina Holtzhausen / Ansgar Zerfass (Hg.), The Routledge Handbook of Strategic Communication, London 2014, S. 481–496.

[10] Die Angreifer sehen sich in der Regel vor die Aufgabe gestellt, sich soweit ,im Griff‘ zu haben, dass sie sich nicht vorzeitig verdächtig machen, wobei ihnen vermutlich (auch) Gedanken an oder Gefühle für nicht anwesende Personen helfen. Berücksichtigt man, dass sich die Mikrosoziologie der Gewalt sozialtheoretisch in der Tradition des interpretativen Paradigmas bewegt, dann scheint es nicht abwegig, in diesem Zusammenhang auf Überlegungen zur Handlungsrelevanz „nichtanwesender Publika“ von Erving Goffman oder auf das Konzept der (Selbst-)Verpflichtung gegenüber Dritten von Howard S. Becker zurückzugreifen. Vgl. Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag [1969], übers. von Peter Weber-Schäfer, München/Zürich 2003, S. 76–77; Howard S. Becker, “Notes on the Concept of Commitment”, in: American Journal of Sociology 66 (1960), S. 32–40. Systematische Studien dazu sucht man jedoch bislang vergebens.

[11] Aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit, die der Anschlag und die sich daran anschließenden Ereignisse erfahren haben, sind die Voraussetzungen für eine möglichst detailreiche Analyse des Geschehens günstig. In Gestalt von massenmedial verbreiteten und gespeicherten Texten, Videos, Fotografien und Audiospuren existiert außerordentlich umfangreiches Material. Zu Fragen der Forschungsökonomik siehe Arthur L. Stinchcombe, „Formal Organizations“, in: Neil J. Smelser (Hg.), Sociology. An Introduction, New York 1997, S. 197–201. Die bereits verfügbaren gesammelten Informationen sind relativ leicht zugänglich, um als Daten zu fungieren und nach wissenschaftlichen Maßgaben wiederum zur Information zu werden. Außerdem sind die Materialien recht heterogen. Sie erlauben es somit, verschiedene Blickwinkel auf das Geschehen einzunehmen und nicht nur von einer Quelle abhängig zu sein. Siehe dazu auch Collins, Dynamik der Gewalt, S. 55. Zu den Nachteilen, die man bei der hier verfolgten Herangehensweise in Kauf zu nehmen hat, gehört die Abhängigkeit vom Gedächtnis der Massenmedien. Erinnert wird in der Regel nur, was Journalisten beziehungsweise Redaktionen als Neuigkeit behandeln und zu einer Nachricht oder einem Bericht ,machen‘“. Dazu immer noch erhellend Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996, S. 39–57; Georg Ruhrmann, „Ereignis, Nachricht und Rezipient“, in: Klaus Merten / Siegfried J. Schmidt / Siegfried Weischenberg (Hg.), Die Wirklichkeit der Medien, Opladen, S. 237–256; Michael Schudson, „The Sociology of News Production“, in: Media, Culture & Society 11 (1989), S. 263–282. Der umfangreiche Apparat der Fallrekonstruktion ist in diesem Beitrag online zugänglich: Detaillierte Angaben zu der verwendeten Methode und den erhobenen Daten finden sich in Anhang 1 (Methodisches Vorgehen). Anhang 2 beinhaltet die sequenzielle Ereignisrekonstruktion der „Anschläge auf Charlie Hebdo“ und Anhang 3 die Konfrontations- und Angriffssequenzen in Paris und ihre zeitlichen Abstände.

[12] Analysen der „Anschläge auf Charlie Hebdo“ dienten bisher vornehmlich dazu, Thesen über den islamistischen Terrorismus beziehungsweise den neuen Dschihad in Europa zu formulieren und zu stützen. Siehe dazu u. a. Gilles Kepel mit Antoine Jardin, Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa, übers. von Werner Damson, München 2016, S. 229–253; Peter Nesser, Islamist Terrorism in Europe, London 2015, S. 289–296; Peter R. Neumann, Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus, Berlin 2015, S. 164, 184–186; Olivier Roy, „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors, übers. von Christiane Seiler, München 2017. Das Augenmerk liegt dabei für gewöhnlich auf den Tätern und ihren Motiven, Biografien und gesellschaftlichen Erfahrungen sowie auf Formen ihrer sozialen Organisation, nicht jedoch auf der Situation der Gewaltausübung sowie dem Verlauf und der Dauer der Ereignisse.

[13] Das Geschehen ist real, der Fall dagegen ,gemacht’, das heißt für die sozialwissenschaftliche Analyse aufbereitet. Siehe dazu Susann Wagenknecht / Jessica Pflüger, “Making Cases. On the Processuality of Casings in Social Research”, in: Zeitschrift für Soziologie 47 (2018), S. 289–305; Charles C. Ragin, “Introduction. Cases of ‘What is a Case?’”, in: ders. / Howard S. Becker (Hg.), What is a Case? Exploring the Foundations of Social Inquiry, Cambridge / New York, S. 1–17, hier S. 10.

[14] Siehe dazu Anhang 2 (Sequenzielle Ereignisrekonstruktion der „Anschläge auf Charlie Hebdo“); jede Tabellenzeile trägt eine ID, die im Text dazu dient, auf die betreffenden Ereignisse zu verweisen.

[15] Enno Aljets / Thomas Hoebel, „Prozessuales Erklären. Grundzüge einer primär temporalen Methodologie empirischer Sozialforschung“, in: Zeitschrift für Soziologie 46 (2017), S. 4–21, hier S. 12–14.

[16] Siehe dazu Anhang 3 (Konfrontations- und Angriffssequenzen in Paris und ihre zeitlichen Abstände).

[17] Seit der Nacht vom 6. auf den 7. Januar, in der sich Coulibaly und Chérif Kouachi in der Nähe von Kouachis Wohnung getroffen haben [M01], hatten sie mutmaßlich nur noch einmal direkten Gesprächskontakt. Am 9. Januar telefonierten Coulibaly und Saïd Kouachi kurz nach 14 Uhr miteinander, während sich beide jeweils vor den Sicherheitskräften verschanzten [F71]. Darüber hinaus gab es einen weiteren Kontakt am 7. Januar, als die Kouachi-Brüder Coulibaly um 10:19 Uhr per SMS über den Beginn der Aktion informierten [M16]. Die Verbindungsdaten enthalten allerdings keinen Hinweis auf eine Antwort Coulibalys. (Die IDs in eckigen Klammern beziehen sich auf den in Fußnote 14 genannten Datensatz zum Fall (Anhang 2).

[18] Goffman, Theater, S. 76–77.

[19] Ebd., S. 31–34.

[20] Die Groupe d‘Intervention de la Gendarmerie Nationale, kurz GIGN, ist eine Spezialeinheit der französischen Polizei, die schwerpunktmäßig in Konfrontationssituationen zur Terrorismusbekämpfung im Einsatz ist.

[21] In den Folgetagen ließen sie ihr Gesicht dann allerdings unverhüllt. Der Rentner Horst C., der sich während des Tankstellenüberfalls der Kouachi-Brüder am 8. Januar im Verkaufsraum befand, gab später an, dass der Mann mit dem Bart die Kommandos gegeben habe [D12]. C. hätte den gemeinten Saïd Kouachi nicht identifizieren können, hätte dieser eine Maske getragen. Das gleiche Verhaltensmuster findet sich in ähnlicher Form auch bei Coulibaly. Während seines Angriffs auf die Streifenpolizistin Clarissa Jean-Philippe und ihren Kollegen am Morgen des 8. Januar trug er zunächst ebenfalls eine Sturmmaske, der er sich allerdings noch während seiner Flucht vom Tatort entledigte [D08]. Den Supermarkt Hyper Cacher betrat er am folgenden Tag schließlich ohne Maske.

[22] Zu dem umfangreichen Waffenarsenal, dass die Polizei nach dem Tod der beiden Brüder am späten Nachmittag des 9. Januar 2015 sicherstellte [F89], zählten vier Kalaschnikows, vier Pistolen, zehn Rauchgranaten, eine tragbare Panzerabwehrwaffe jugoslawischer Herstellung sowie Sprengstoff für zivile Zwecke, wie er beispielsweise im Bergbau verwendet wird. Eine der Granaten soll auf dem Körper eines der Kouachi-Brüder befestigt gewesen sein [F89]. Welche Waffen sich noch in dem Wagen befanden, mit dem sie die Druckerei erreichten, in der sie sich schließlich verschanzten, und welche sie tatsächlich mit in das Gebäude nahmen, konnte ich nicht ermitteln. Sicher ist allerdings, dass einer der beiden Brüder den Granatwerfer bei sich hatte, als er Michel Catalano, den Geschäftsführer der besetzten Druckerei, am Freitagmorgen um Einlass bat [F06]. Es wurde allerdings keine Granate abgefeuert.
Coulibaly trug bei seinen Angriffen ebenfalls mehr Waffen bei sich, als tatsächlich zum Einsatz kamen. Als er am Donnerstagmorgen im Pariser Stadtteil Montrouge die beiden Verkehrspolizisten attackierte, führte er eine Pistole vom Typ Tokarev und eine kleine Skorpion-Maschinenpistole mit sich, feuerte aber nur aus einer der beiden Waffen [D07]. Als er am Folgetag in den Supermarkt an der Porte de Vincennes stürmte, hatte er zusätzlich eine weitere Tokarev, zwei Handgranaten sowie Sprengstoffstangen und Zündvorrichtungen bei sich [F48]. In Verbindung mit Coulibalys Unachtsamkeit forderten die vielen Waffen womöglich ein zusätzliches Todesopfer: So wurde ein junger Mann von Coulibaly bei dem Versuch erschossen, eine von diesem auf einem Karton abgelegte Waffe in seinen Besitz zu bringen und gegen den Geiselnehmer zu richten [F62].

[23] Vgl. dazu Randall Collins, “Zur Mikrosoziologie von Massentötungen bei Amokläufen“, in: Berliner Journal für Soziologie 23 (2013), S. 7–25, hier S. 14, sowie den Beitrag von Vincenz Leuschner in diesem Heft.

[24] Collins, „Zur Mikrosoziologie von Massentötungen bei Amokläufen“, S. 13.

[25] Randall Collins, Interaction Ritual Chains, Princeton, NJ / Oxford 2004, S. 43.

[26] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 43.

[27] Collins, „Zur Mikrosoziologie von Massentötungen bei Amokläufen“, S. 23.

[28] Hendrik Vollmer, “What Kind of Game is Everyday Interaction?”, in: Rationality and Society 25 (2013), S. 370–404, hier S. 382.

[29] Die Bezüge finden sich gebetsmühlenartig in Gesprächen mit attackierten Personen sowie später auch in Interviews, die sowohl die Kouachi-Brüder als auch Coulibaly mit Journalisten führen. Drei Beispiele: (1) Kurz nachdem sein Bruder und er mehrere Teilnehmende der Charlie-Hebdo-Redaktionskonferenz erschossen oder verletzt haben, sagt Saïd Kouachi zu der am Boden liegenden Sigolène Vinson, einer freien Mitarbeiterin der Zeitschrift: „Hab‘ keine Angst. Beruhige dich. Ich werde dich nicht töten. Du bist eine Frau. Man tötet keine Frauen.“ Anschließend bekräftigt er die islamische Vorschrift, der zufolge die Tötung von Frauen und Kindern im Dschihad verboten ist, und schreit dreimal: „Man tötet keine Frauen!“ [M54-M56] Die Sequenz zeigt, dass die Angreifer bemüht sind, sich in den Augen derjenigen, für die sie sich als Gotteskrieger engagieren, ‚richtig‘ zu verhalten. (2) In einem telefonischen Interview mit einem Redakteur des französischen Fernsehsenders BFM-TV antwortet Chérif Kouachi auf die Frage, ob sie am Freitagmorgen Menschen getötet haben: „Wir sind keine Killer. Wir sind Verteidiger des Propheten, wir töten keine Frauen! Wir töten niemanden. Wir verteidigen den Propheten.“ [F40] (3) In einem weiteren Telefoninterview mit einem Redakteur des französischen Fernsehsenders BFM-TV entgegnet Coulibaly auf die Frage, warum er „dort“, das heißt im Hyper Cacher sei: „Ich bin hier, weil der französische Staat den IS, das Kalifat angegriffen hat.“ Und auf die Frage, ob er sich den Supermarkt aus einem bestimmten Grund ausgesucht habe, sagt er: „Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des Islamischen Staats, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.“ [F83]

[30] Durkheim verwendet den Begriff u.a. mit Blick auf das Phänomen des „altruistischen Selbstmords“, über dessen Opfer es heißt, dass sie „zu sehr“ in die Gesellschaft „verstrickt“ gewesen seien. Vgl. Émile Durkheim, Der Selbstmord, übers. von Sebastian und Hanne Herkommer, Frankfurt am Main 1983, S. 242.

[31] Collins, „Einfahrten und Ausfahrten“.

[32] Ferdinand Sutterlüty sieht in einem solchen Akteursverständnis bezeichnenderweise einen zentralen „Fallstrick“ situationistischer Gewaltforschung. Vgl. Ferdinand Sutterlüty, „Fallstricke situationistischer Gewaltforschung“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 14 (2017), S. 139–155, hier S. 153.

[33] Thomas Hoebel, „Verkettungen und Verstrickungen. Skizze einer prozessualen Erklärung fortgesetzter Gewalt“, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie (im Erscheinen).

[34] So schlägt Karin Knorr Cetina auf Basis finanzmarktsoziologischer Studien das Konzept der „synthetischen Situation“ vor, um die gleichermaßen zeitversetzte wie responsive Präsenz von Personen zu begreifen, die füreinander in einem territorialen Sinn abwesend sind, sich aber mittels geeigneter Technologien gleichwohl aneinander orientieren. Wenn solche „skopischen Systeme“, mit Hilfe derer sich räumlich voneinander getrennte Personen wechselseitig beobachten, systematisch zu Koordinationszwecken eingesetzt würden, so Knorr-Cetina, könnten sich im Zuge der dadurch ermöglichten kontinuierlichen Interaktionsbeziehungen durchaus eigene, thematisch gleichwohl recht stark begrenzte soziale Welten konstituieren. Knorr Cetina geht es dabei vor allem um eine Weiterentwicklung der Goffman’schen Soziologie der Interaktionsordnung, indem sie im Grunde einen allgemeinen Anwesenheitsbias dieses Ansatzes problematisiert. Vgl. Karin Knorr Cetina / Urs Bruegger, „Global Microstructures. The Virtual Societies of Global Markets“, in: American Journal of Sociology 107 (2002), S. 905–950; Karin Knorr Cetina, “The Synthetic Situation. Interactionism for a Global World”, in: Symbolic Interaction 32 (2009), S. 61–87, hier S. 68–69.

[35] Siehe dazu den Beitrag von Lee Ann Fujii in diesem Heft.

[36] Ivan Ermakoff, “The Structure of Contingency”, in: American Journal of Sociology 121 (2015), S. 64–125, hier S. 68, 104.

[37] Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, übers. von Benedikt Burkard und Christoph Münz, 2., um e. Nachw. von Thomas Mergel erw. Aufl. d. Neuausg., Frankfurt am Main / New York 2005.

[38] Gesa Lindemann, „Verfahrensordnungen der Gewalt“, in: Zeitschrift für Rechtssoziologie 37 (2017), S. 57–87; Niklas Luhmann, Rechtssoziologie, Reinbek bei Hamburg 1972.

[39] John W. Meyer / John Boli / George M. Thomas / Francisco Ramirez, “World Society and the Nation-State”, in: American Journal of Sociology 103 (1997), S. 144–181, hier S. 162.

[40] Mark Granovetter, “Economic Action and Social Structure. The Problem of Embeddedness”, in: American Journal of Sociology 91 (1985), S. 481–510, hier S. 484–487.

[41] Eddie Hartmann, “Symbolic Boundaries and Collective Violence”, in: Journal for the Theory of Social Behaviour 46 (2016), S. 165–186, hier S. 268 (meine Übersetzung, T. H.).

[42] Howard S. Becker, Doing Things Together, Evanston, IL 1986; Michael Dellwing, “’Un-Doing Things Together’ and Creating Disruption”, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie 6 (2017), S. 85–102.

[43] „Explizit“ meint an dieser Stelle, dass die Argumentation ausdrücklich vom Problem der Fortsetzung von Gewaltsituationen her entwickelt wird. „Implizit“ sind demgegenüber solche Überlegungen, die in Argumentationsstränge eingestreut sind, welche von anderen Fragestellungen als der Fortsetzung ausgehen und diese Problemstellung nur streifen.

[44] Collins, „Einfahrten und Ausfahrten“, S. 26–32.

[45] Siehe dazu Anhang 3 (Konfrontations- und Angriffssequenzen in Paris und ihre zeitlichen Abstände).

[46] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 13, 137–138.

[47] Collins, Interaction Ritual Chains, S. 49, 83–87, 115–118.

[48] Randall Collins, “Ritual Boundary Violence and Bureaucratic Callousness. Two Structural Causes of Cruelty”, in: Trutz von Trotha / Jörg Rösel (Hg.), On Cruelty, Köln 2011, S. 174–188; ders., “Micro and Macro Causes of Violent Atrocities”, in: Sociologia, Problemas e Práticas 71 (2013), S. 9–22.

[49] Charles Tilly, The Politics of Collective Violence, Cambridge / New York 2003, S. 21; ders., “Social Boundary Mechanisms”, in: Philosophy of the Social Sciences 34 (2004), S. 211–236, hier S. 226.

[50] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 23–26.

[51] Eyal Ben-Ari / Zeev Lerer / Uzi Ben-Shalom / Ariel Vainer, Rethinking Contemporary Warfare, Albany, NY 2013, S. 67–90; Randall Collins, “Sociological Theory, Disaster Research, and War”, in: Gary A. Kreps (Hg.), Social Structure and Disaster, Newark, MD 1989, S. 365–385; ders., “Does Nationalist Sentiment Increase Fighting Efficacy?”, in: John A. Hall / Siniša Malešević (Hg.), Nationalism and War, Cambridge 2013, S. 31–43; ders., “Micro and Macro Causes of Violent Atrocities”; Thomas Hoebel, “Organisierte Plötzlichkeit. Eine prozesssoziologische Erklärung antisymmetrischer Gewaltsituationen“, in: Zeitschrift für Soziologie 43 (2014), S. 441–457; Anthony C. King, “The Word of Command”, in: Armed Forces & Society 32 (2006), S. 493–512.

[52] Collins, “Sociological Theory, Disaster Research, and War”, S. 372; ders., Dynamik der Gewalt, S. 87–88.

[53] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 58.

[54] Hartmann, “Symbolic Boundaries and Collective Violence”, S. 172 (meine Übersetzung, T. H.).

[55] Nicht umsonst will Collins seine Überlegungen zur emotionalen Verstrickung zwischen anwesenden Personen auf Gewaltsituationen beschränkt wissen, die einige Tage, höchstens einige Wochen dauern. Sie seien unbrauchbar, um hochgradig institutionalisierte Gewalt wie Kriege und Genozide zu erfassen. Siehe dazu Collins, „Einfahrten und Ausfahrten“.

[56] Hoebel, „Verkettungen und Verstrickungen“.

[57] Jack Katz, “A Theory of Intimate Massacres. Steps Toward a Causal Explanation”, in: Theoretical Criminology 20 (2016), S. 277–296, hier S. 280.

[58] Für diese Sichtweise spricht zum einen, dass sie Paris und Umgebung nicht verlassen, etwa um sich ins Ausland abzusetzen. Stattdessen überfallen sie am Donnerstag eine Tankstelle und besetzen schließlich eine Druckerei, nachdem Polizeikräfte bereits auf sie aufmerksam geworden sind. Dafür spricht zum anderen, dass sie nicht mehr an Orte zurückkehren, die ihnen vertraut sind. Stattdessen verbringen sie die Nächte im Wald, ohne dafür nennenswert vorgesorgt zu haben [M93, D21]. Coulibaly dagegen ist spätestens am Freitag klar, dass er sterben wird. Als er in den Supermarkt Hyper Cacher eindringt, kommt es zu einem Wortwechsel mit Patrice Oualid, dem Besitzer des Ladens, dessen Forderung, nicht „auf die Leute“ zu schießen, Coulibaly mit den Worten quittiert: „Nicht nur ich werde sterben, sondern auch du“ [F51].

[59] Siehe dazu die Sequenzen h, i, y und z in Anhang 3.

[60] Vgl. dazu auch Diego Gambetta, “Signaling”, in: Peter Hedström / Peter Bearman (Hg.), The Oxford Handbook of Analytical Sociology, Oxford / New York, S. 168–194, hier S. 176 (meine Übersetzung, T.H.).

[61] Dass diese Hoffnung keineswegs vollkommen unbegründet war, zeigen entsprechende Ehrbekundungen in den sozialen Medien in Form von Videos und Tweets (#JeSuisKouachi). Vgl. dazu Johanna Sumiala / Katja Valaskivi / Minttu Tikka / Jukka Huhtamäki, Hybrid Media Events. The Charlie Hebdo Attacks and the Global Circulation of Terrorist Violence, Bingley 2018.

[62] Randall Collins, „Zur Mikrosoziologie von Massentötungen bei Amokläufen“, in: Berliner Journal für Soziologie 23 (2013), S. 7–25.

[63] Für einen Überblick siehe Randall Collins, “Micro and Macro Causes of Violence”, in: International Journal of Conflict and Violence 3 (2009), S. 9–22. Er unterscheidet hier zwischen fünf „Wegen in die Gewalt“ mit jeweils einem spezifischen Aufmerksamkeitsfokus unmittelbar vor dem Angriff: (1) Angriff auf den/die Schwache/n mit dem Fokus darauf, diejenige/n Person/en zu identifizieren, die situativ Schwäche zeigt/zeigen; (2) zuschauerorientierte, inszenierte und faire Kämpfe mit dem Fokus darauf, sich vor einem anwesenden Publikum gut zu verkaufen; (3) Konfrontationsvermeidung durch räumliche Distanz, wobei sich, wie im Fall von Artillerieschüssen, das Angriffsziel außer Sichtweite befindet oder nur undeutlich zu erkennen ist; (4) Konfrontationsvermeidung durch Täuschung, wobei sich die angreifende Person auf sich selbst konzentriert, um anderen gegenüber ein „normales Selbst“ zu präsentieren; (5) Konfrontationsvermeidung durch Konzentration auf die richtige Handhabung des verwendeten technischen Geräts beziehungsweise der benutzten Waffen. In einem jüngeren Text hebt Collins zudem die soziale Unterstützung durch eine koordinierte Gruppe als weiteren Weg hervor. Vgl. Randall Collins, „What has Micro-Sociology Accomplished?“, in: Elliott B. Weininger / Annette Lareau / Omar Lizardo (Hg.), Ritual, Emotion, Violence. Studies on the Micro-Sociology of Randall Collins, New York / London 2019, S. 243–261, hier S. 250.

[64] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 125.

[65] Ebd., S. 124 f.

[66] Jack Katz, „Ausrastende Autofahrer“, in: ders., Über ausrastende Autofahrer und das Weinen. Untersuchungen zur emotionalen Metamorphose des Selbst, hrsg., übers. und eingel. von Hubert Knoblauch, Wiesbaden 2015, S. 13–96.

[67] Ebd., S. 19 f.

[68] Ebd., S. 72.

[69] Ebd., S. 50.

[70] Ebd., S. 51, 65.

[71] Siehe dazu aus einer allgemeinsoziologischen Perspektive Aljets/Hoebel, „Prozessuales Erklären“.

[72] Vgl. Collins, Dynamik der Gewalt, S. 10–12.

[73] Siehe zu diesem Konzept Christopher Dorn / Thomas Hoebel, „Mafias als organisierte Dritte“, in: Behemoth. A Journal of Civilization 6 (2013), S. 74–97.

[74] Wolfgang Knöbl hat das Problem jüngst wieder auf die gewaltsoziologische Agenda gesetzt. Siehe Wolfgang Knöbl, „Perspektiven der Gewaltforschung“, in: Mittelweg 36 26 (2017), S. 4–27, hier S. 11. Stellvertretend für zahlreiche weitere Beiträge zur weit verzweigten Debatte zum Mikro-Makro-Problem siehe Norbert Wiley, „The Micro-Macro Problem in Social Theory“, in: Sociological Theory 6 (1988), S. 254–261; Bettina Heintz, „Emergenz und Reduktion. Neue Perspektiven auf das Mikro-Makro-Problem“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56 (2004), S. 1–31.

[75] Stefan Kühl, „Gruppen, Organisationen, Familien und Bewegungen. Zur Soziologie mitgliedschaftsbasierter Systeme zwischen Interaktion und Gesellschaft“, in: Bettina Heintz / Hartmann Tyrell (Hg.), Interaktion - Organisation - Gesellschaft revisited. Anwendungen, Erweiterungen, Alternativen (= Sonderband der Zeitschrift für Soziologie), Stuttgart, S. 65–85.

[76] Ähnlich Hartmann, “Symbolic Boundaries and Collective Violence”.

[77] Collins, Dynamik der Gewalt, S. 58.

[78] Weiterführend dazu Thomas Hoebel / Teresa Koloma Beck, “Theorizing Violence. Über die Indexikalität von Gewalt und ihrer soziologischen Analyse“, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie (im Erscheinen).

[79] Siehe dazu die betreffenden Passagen in der Einleitung.

[80] Vgl. Peter Imbusch, „Die Rolle von ‘Dritten‘. Eine unterbelichtete Dimension von Gewalt“, in: Philipp Batelka / Michael Weise / Stephanie Zehnle (Hg.), Zwischen Tätern und Opfern. Gewaltbeziehungen und Gewaltgemeinschaften, Göttingen 2017, S. 47–74.

[81] Siehe etwa Marc Cooney, Warriors and Peacemakers. How Third Parties Shape Violence, New York 1998; Teresa Koloma Beck, “The Eye of the Beholder. Violence as a Social Process”, in: International Journal of Conflict and Violence 5 (2011), S. 345–356; Lindemann, „Verfahrensordnungen der Gewalt“; Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008.

[82] Michaela Christ, „Gewalt in der Moderne. Holocaust und Nationalsozialismus in der soziologischen Gewaltforschung“, in: dies. / Maja Suderland (Hg.), Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Berlin, S. 332–364, hier S. 354 f.; Randall Collins, “Forward Panic and Violent Atrocities”, in: Susanne Karstedt / Ian Loader / Heather Strang (Hg.), Emotions, Crime and Justice, Oxford / Portland, OR 2011, S. 23–36; ders., “What has Micro-Sociology Accomplished?“, S. 250–251.

[83] Diego Gambetta, Codes of the Underworld. How Criminals Communicate, Princeton, NJ 2009; Heather Hamill, The Hoods. Crime and Punishment in Belfast, Princeton, NJ 2011.

[84] Lindemann, „Verfahrensordnungen der Gewalt”.

[85] Vgl. Reemtsma, Vertrauen und Gewalt, S. 191.

[86] Für einen instruktiven Vergleich der beiden Ansätze siehe Eddie Hartmann, „Die Gewalttheorie Jan Philipp Reemtsmas. Programmatische Impulse für eine Allgemeine Soziologie der Gewalt“, in: Zeitschrift für Theoretische Soziologie (im Erscheinen).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.