Zum Stellenwert der empirischen Methoden in den Sozialwissenschaften

Harald Schoen im Gespräch mit Kerstin Völkl

Kerstin Völkl: Welchen Stellenwert haben die empirischen Methoden Ihrer Meinung nach heutzutage in den Sozialwissenschaften?

Harald Schoen: Sie sind aus Forschung und Lehre nicht wegzudenken. Die Methodenausbildung ist ein unverzichtbarer Bestandteil des sozialwissenschaftlichen Curriculums. Sie leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass diejenigen, die Soziologie oder eine andere Sozialwissenschaft betreiben, auch das methodische Handwerkszeug beherrschen. Auch Veröffentlichungen sind ohne solide ausgearbeiteten Methodenteil kaum vorstellbar. Allerdings kann man nicht von einer Vereinheitlichung sprechen. Vielmehr sind in Forschung und Lehre Unterschiede in Nuancierung und Niveau unverkennbar. Aber das liegt in der Natur der Sache und ist kein Problem.

Wie war das in der Vergangenheit? Haben sich die Methoden und ihr Stellenwert im Verlauf der Zeit entwickelt?

In den zurückliegenden Jahrzehnten hat sich einiges getan. Infolge verschiedener Prozesse, etwa des Generationswechsels und des technischen Wandels, ist der Stellenwert der Methoden gestiegen. Das kann man nicht zuletzt daran ablesen, dass sie heute an Stellen als selbstverständlich gelten, an denen sie früher geradezu Exotenstatus genossen. So wurden an etlichen Hochschulen im Laufe der Zeit Stellen für die Methodenlehre geschaffen, und in der Forschung hat systematische methodische Reflexion allmählich auf immer mehr Feldern Einzug gehalten.

Welche fachspezifischen Unterschiede gibt es im Zugang, in der Lehre und in der Anwendung empirischer Methoden in der Politikwissenschaft, der Soziologie und angrenzenden Wissenschaften?

Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es doch einige disziplinäre Eigenheiten, in denen sich schlichte Pfadabhängigkeiten, aber auch unterschiedliche Gegenstände, Fragestellungen und Annahmen widerspiegeln. Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: Wenn ich mit Psychologen zusammenarbeite, werden beispielsweise strengere Maßstäbe an die Messung von Konzepten angelegt, als das in der Zusammenarbeit mit Soziologen und Politikwissenschaftlern häufig der Fall ist. Umgekehrt sind Letztere häufig strenger bei der Stichprobenziehung.

Welchen Stellenwert haben quantitative und qualitative Methoden in der sozialwissenschaftlichen Forschung?

Sicherlich haben quantitative Methoden heute eine weitere Verbreitung gefunden als qualitative. Wenn man diese grobe Unterscheidung trifft, lassen sich gleichsam zwei weitgehend eigenständige Forschungskulturen unterscheiden. Allerdings darf diese Kategorisierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch innerhalb beider Kulturen zum Teil recht unterschiedliche Vorstellungen existieren. Man denke etwa an unterschiedliche Arten interpretativer Analysen oder Meinungsverschiedenheiten zwischen Anhängern unterschiedlicher Wahrscheinlichkeitskonzepte in der quantitativen Forschung.

Die wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern quantitativer und qualitativer Methoden sind allgemein bekannt. Sind diese heute überwunden oder hält die Debatte an?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Manche Forscher führen die Auseinandersetzungen weiter, einige konzentrieren sich ganz auf einen Zweig und nehmen den anderen kaum wahr, und wieder andere bemühen sich gleichsam um eine Mittlerposition und werben für wechselseitiges Verständnis. Es ist zu hoffen, dass die gleichzeitige Ausbildung in qualitativen und quantitativen Methoden, die mittlerweile an einigen Orten auf hohem Niveau angeboten wird, zu einem souveränen Umgang mit diesen Fragen beiträgt.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenige Forscher, die beide Forschungsstrategien anwenden?

Viele dürften es schlicht nicht für notwendig halten, da sie den Eindruck haben, ihre Forschung gut mit einem der beiden Ansätze betreiben zu können. Darüber hinaus spielt vermutlich eine Rolle, dass es nicht so einfach ist, sich auf zwei Gebieten zu bewegen, die mit unterschiedlichen Prämissen arbeiten, die zum Teil auch nicht leicht zu beantwortende Fragen der Epistemologie und Ontologie berühren.

Fallen Ihnen konkrete Beispiele ein, die beide Forschungsstrategien in gelungener Weise miteinander verbinden?

Da ich mich gerade damit beschäftigt habe, fällt mir als Beispiel eine schöne Analyse der Ideologien der amerikanischen Parteien im 19. und 20. Jahrhundert ein. Darin kombiniert John Gerring qualitative und quantitative Methoden, um Kontinuität und Wandel in Argumentationsfiguren und programmatischer Ausrichtung herauszuarbeiten. Im Übrigen hat er sich mit Forschungsstrategien auch aus methodischer und methodologischer Sicht klug auseinandergesetzt. Wenn man weitere Beispiele herausgreifen möchte, kann man auf die Policy-Forschung verweisen. Hier hat es sich als nützlich erwiesen, einerseits Entwicklungen in der Politikgestaltung quantitativ zu betrachten, andererseits in Einzelfallstudien die Prozesse des Politikwandels im Detail zu untersuchen. In der Kommunikationsforschung werden quantitative Analysen und Untersuchungen einzelner Kommunikationsakte kombiniert, um Kommunikationsprozesse besser zu verstehen.

Für welche der beiden Forschungsstrategien schlägt Ihr Herz und warum?

Ich eigne mich nicht als glühender Anhänger, erst recht nicht, wenn es um Methoden und Forschungsdesigns geht. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich akademisch mit quantitativen Methoden sozialisiert worden bin und diese bevorzugt anwende. Allerdings muss man nicht lange wissenschaftlich arbeiten, um zu erkennen, dass sich nicht alles, was wichtig ist, zählen lässt, und dass nicht alles, was sich zählen lässt, auch wichtig ist. Es erscheint mir daher geboten, Möglichkeiten und Grenzen von Methoden zu reflektieren. Denn gute Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie weiß, was sie mit ihren Mitteln wissen kann und was sie nicht wissen kann. Einerseits lehrt diese Einsicht Demut und bewahrt vor haltlosen Behauptungen. Andererseits bietet sie Anreize, Methoden weiterzuentwickeln, um die Grenzen des Wissens immer weiter zu verschieben.

Manche methodische Verfahren haben zu bestimmten Zeiten Konjunktur und erleben dann einen Niedergang. Welche „Modetrends“ bei methodischen Verfahren fallen Ihnen hierzu ein?

Es gibt einige Fälle, in denen Methoden nach ihrer Einführung großen Zulauf fanden. Bleibt man bei der quantitativen Forschung, fällt einem etwa die Mehrebenenanalyse ein, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts populär wurde. Später gewannen experimentelle Designs an Bedeutung, im Moment sind Feldexperimente sehr beliebt. Dabei ist allerdings nicht immer leicht zu unterscheiden zwischen den Fällen, in denen eine Methode als nützliches Instrument zur Klärung wichtiger substanzieller Fragen dient, und jenen, in denen die Methode zum Selbstzweck, ja geradezu zur Masche wird. Dazu bedarf es eines gewissen Abstands.

Meinen Sie damit, dass bestimmte Methoden nur deshalb zum Einsatz kommen, weil sie gerade en vogue sind, obwohl man die betreffenden Fragen auch anders bearbeiten könnte?

Es kann schon vorkommen, dass sich Methoden in dieser Weise verselbständigen. Wir kennen ja das Phänomen, dass für jemanden, der einen Hammer in der Hand hält, vieles wie ein Nagel aussehen kann.

Wie bewerten Sie solche methodischen Konjunkturen?

Die zuletzt genannten Fälle sind sicherlich kein Beleg dafür, dass Methoden wohlbedacht als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Eher zeigen sie eine allzu menschliche Seite der Wissenschaft. Offenbar kann Herdenverhalten, das wir aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen, auch im Wissenschaftssystem auftreten. Sehr bedenklich wird es, wenn Fragen, die mit modischen Methoden unzureichend untersucht werden können, aus dem Universum legitimer Problemstellungen hinausdefiniert werden. Glücklicherweise läuft jede Mode irgendwann aus, und es werden die Grenzen von Methoden ausführlich diskutiert. Moden könnte man daher als Schleifen in einem dialektischen Lernprozess akademischer Disziplinen auffassen, der – wenngleich nach manchen Umwegen – am Ende zu einem reflektiertem Umgang mit Methoden führt.

Bei manchen Artikeln gewinnt man den Eindruck, dass die inhaltliche Frage zu Gunsten der empirischen Methoden stark in den Hintergrund tritt und das von Gutachtern auch goutiert wird. Teilen Sie diese Wahrnehmung? Und wie beurteilen Sie derartige Fälle?

Diesen Eindruck kann man gelegentlich durchaus gewinnen. Es ist ein wenig mehr innere Distanz und Souveränität zu wünschen, die es beispielsweise Gutachtern erlauben würden, Manuskripte im größeren Zusammenhang zu beurteilen.

Es ist kein Geheimnis, dass Methoden der empirischen Sozialforschung nicht zu den Lieblingsfächern der Studierenden zählen. Woran liegt das?

Nicht wenige Studienanfänger entscheiden sich für ein sozialwissenschaftliches Studium, weil sie sich für gesellschaftliche, politische oder psychologische Fragen interessieren. Glücklicherweise. Ihr vordringliches Interesse gilt dabei meistens jedoch nicht den Methoden, sondern inhaltlichen Fragen. Das ist so lange kein Problem, wie sie nicht meinen, mit einem sozialwissenschaftlichen Studium methodische Fragen oder die in der Schule ungeliebte Mathematik umgehen zu können. Das methodische Handwerkszeug ist nun einmal unabdingbar für Wissenschaft. Da sollten wir frühzeitig aufklären und Irrwege vermeiden helfen, was auch darin bestehen kann, von einem bestimmten Studium abzuraten.

Hat sich Ihrer Meinung nach durch die Einführung der modularisierten Studiengänge etwas an der Einstellung der Studierenden gegenüber den Methoden geändert?

Bei allen Problemen, die die Modularisierung der Studiengänge mit sich gebracht hat, sehe ich in diesem Fall keine deutlich erkennbaren direkten Wirkungen. Die Methodenausbildung stand auch früher nicht ganz oben auf der Beliebtheitsskala der Studierenden. Aber vermutlich hat unter anderem die weitere deutliche Steigerung des Studentenanteils an einem Altersjahrgang eher dazu beigetragen, den Anteil derjenigen sinken zu lassen, die sich begeistert in methodische Fragen vertiefen, die nicht wenigen als anspruchsvoll gelten.

Wie versuchen Sie persönlich, den Studierenden die Abneigung vor empirischen Methoden zu nehmen?

Wie wohl viele von uns versuche ich die Abneigung zu überwinden oder gar Interesse zu wecken, indem ich substanzielle Fragen behandle, die die Studenten ansprechen und die sie für wichtig halten. Und in einigen Fällen gelingt es auf diese Weise sogar, Studenten über ihre ungeahnten methodischen Fähigkeiten staunen zu lassen.

Welche Möglichkeiten bieten die neuen Medien für die empirischen Methoden?

Man kann sicherlich darüber nachdenken, das Internet für die Methodenausbildung zu nutzen, man denke etwa an die Diskussion über sogenannte Massive Open Online Courses. Allerdings sollte man die betreffenden Möglichkeiten nicht überschätzen. Ich persönlich bin da eher skeptisch, weil der persönliche Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden in meinen Augen sehr wichtig für den Lernerfolg ist. Für die Forschung erleichtert das Netz den wissenschaftlichen Austausch allerdings ungemein. Und auch als Forschungsgegenstand ist die Onlinekommunikation ein reizvolles Gebiet. Methodisch können wir dabei einiges von den Informatikern lernen, aber inhaltlich sind wir weiterhin als Sozialwissenschaftler gefragt, um fragwürdige Folgerungen zu vermeiden.

Welche konkreten methodischen Verfahren interessieren Sie ganz persönlich und warum?

Letztlich gilt mein persönliches Interesse immer denjenigen Verfahren, die ich benötige, um eine spezifische inhaltliche Fragestellung angemessen untersuchen zu können. Ich habe also keine Lieblingsmethode. Wichtiger ist mir vielmehr etwas anderes. Zum einen liegt mir ein aufgeklärter Umgang mit Forschungsmethoden am Herzen, zu dem es gehört, Möglichkeiten, Grenzen und Implikationen von Methoden zu reflektieren. Zum anderen sehe ich die Sozialwissenschaften – wie andere Disziplinen auch – vor die Herausforderung gestellt, mit den Problemen umzugehen, die in jüngerer Zeit zu regelrechten Forschungsskandalen geführt haben. Man denke beispielsweise an Fälle, in denen Ergebnisse nicht auf Daten beruhen, sondern erfunden wurden. Exemplarisch seien Arbeiten von Diederik Stapel und Dirk Smeesters in der Sozialpsychologie genannt, in der Politikwissenschaft fällt mir das vor kurzem in der Zeitschrift Science veröffentlichte Papier von Michael LaCour und Donald Green ein. In anderen Fällen wurden Daten und Ergebnisse zumindest frisiert. Diese Entwicklungen werfen forschungsethische Fragen auf und tangieren den gesellschaftlichen Stellenwert der Sozialwissenschaften. Dabei ist natürlich an die Individualethik von Forschern zu denken, aber man sollte nicht bei ihr stehenbleiben, sondern auch den Einfluss der vorherrschenden Wissenschaftskultur sowie die institutionellen Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems bedenken. Zugegeben, das Thema ist komplex, einfache Antworten gibt es nicht. Allerdings ist es so wichtig, dass sich alle, denen an der Wissenschaft als kollektivem Unternehmen der Erkenntnissuche gelegen ist, ernsthaft darum kümmern sollten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.