Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust? Nicht nur eine »Stellungnahme« aus »gegebenem Anlass«

Debattenbeitrag zur Gründung der Akademie für Soziologie

 

Die im Juli 2017 erfolgte Gründung der Akademie für Soziologie hat innerhalb der deutschsprachigen Soziologie lebhafte Diskussionen hervorgerufen. Die in den Grundsätzen der Akademie formulierte empirisch-analytische Ausrichtung sowie die inhaltliche Zielsetzung der neuen Organisation bedeuten nach Ansicht vieler Soziologinnen und Soziologen nicht nur eine Herausforderung für die bestehende wissenschaftliche Fachvertretung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, sondern auch für das methodische und theoretische Selbstverständnis der gesamten Disziplin. Auf die erste der beiden Herausforderungen hat die DGS im Frühjahr 2018 mit einer Stellungnahme öffentlich reagiert. Die offen geführte Auseinandersetzung mit der zweiten Herausforderung stand bislang noch aus. Auf Initiative und Einladung der Zeitschrift für Theoretische Soziologie (ZTS) haben sich nun Hartmut Esser und Stefan Hirschauer der Aufgabe gestellt, die fällige fachinterne Debatte zu eröffnen. Esser hat einen Beitrag verfasst, zu dem Hirschauer eine Entgegnung formuliert hat. Beide Texte sind im Heft 1/2018 der ZTS erschienen. Auf Hirschauers Entgegnung hat Esser inzwischen mit einer Replik reagiert, die zusammen mit weiteren Kommentaren und Stellungnahmen im nächsten Heft der ZTS erscheinen wird. Um der Debatte möglichst breite Aufmerksamkeit zu sichern und weitere Autorinnen und Autoren einzuladen, sich an ihrer geplanten Fortsetzung in der ZTS zu beteiligen (Zuschriften bitte an zts(at)wwu(dot)de; die eingesandten Beiträge werden vorbehaltlich einer redaktionellen Prüfung in einer der nächsten Ausgaben der Zeitschrift für Theoretische Soziologie erscheinen), dokumentiert Soziopolis die Beiträge von Esser und Hirschauer. Den beiden Autoren und den Kollegen der ZTS sei dafür an dieser Stelle herzlich gedankt. – Die Red.

 

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Wir wollen erst gar nicht erst drum herumreden, um was es geht: Um die Aufregungen aus Anlass der Gründung der »Akademie für Soziologie« im Herbst 2017. Der Zweck der Akademie wird in der Satzung so beschrieben:
»Die Akademie für Soziologie ist eine wissenschaftliche Vereinigung zum Zweck der Förderung der empirisch-analytischen Soziologie. Sie setzt sich für eine wissenschaftliche, an klaren methodischen Standards ausgerichtete Soziologie ein.«

In den Erläuterungen dazu, was »empirisch-analytische Soziologie« genauer meint, findet man in den »Grundsätzen«:
»Empirisch-analytische Soziologie baut auf theoretischen Analysen, die möglichst klar und präzise sind. Ihre Aussagen basieren auf empirischen Ergebnissen, die mit kontrollierten Methoden gewonnen werden. Durch Grundlagenforschung trägt die empirisch-analytische Soziologie zu einem kumulativen Erkenntnisaufbau bei. Sie will damit auch zu einer wissenschaftlich fundierten, evidenzbasierten Sozialpolitik beitragen.«

Und dann:
»Die empirisch-analytische Vorgehensweise gilt für alle Varianten, Felder und Ausrichtungen der Soziologie: Für quantitative wie für qualitative, eher handlungs- wie eher strukturtheoretische, mehr beschreibend wie eher theorietestend ausgerichtete Forschung sowie für die verschiedenen Varianten der normativ-institutionellen, interpretativen oder utilitaristischen Ansätze in allen speziellen Anwendungsbereichen.«

Sowie:
»Die Gemeinsamkeit in der beschriebenen grundsätzlichen Ausrichtung als empirisch-analytische Realwissenschaft bildet damit die Klammer für die ganze Vielfalt der Soziologie. Diese Vielfalt kann dann ihrerseits dafür sorgen, dass es bei aller Arbeitsteilung und Spezialisierung keine unfruchtbaren Einseitigkeiten gibt, dass Irrtümer korrigiert und dass neue Entwicklungen offen aufgenommen werden. Es gilt aber auch, dass nicht immer wieder ganz von vorne angefangen werden muss, sondern alles jeweils wieder in das bekannte Wissen eingeordnet werden kann – und sollte.«

Das kann man so lesen: Es gibt eine große Vielfalt in der Soziologie, die es gerade wegen der Komplexität des Gegenstandes zu erhalten und zu fördern gilt, aber es gibt auch einige Grundsätze des wissenschaftlichen Vorgehens, die allgemein für alle Ansätze und für alle Wissenschaften gelten. Das ist keine Ausgrenzung, denn diesen Grundsätzen will und muss natürlich nicht jeder folgen. Wir schon! Und wer auch noch: Willkommen im Club, den, das sei nur ergänzt, es in einem anderen organisatorischen Rahmen, der European Academy of Sociology, schon lange gibt, u.a. von Raymond Boudon, Ralf Dahrendorf und Robert K. Merton begründet und unterstützt.

Aber es ginge auch so: »Die Alleinvertretung (der Akademie; HE) ist anmaßend, weil sie weder die reichhaltige Geschichte der Soziologie, noch die vielen theoretischen Traditionen und Breite der Methodologien in sich aufnimmt. Aber vor allem ist sie anmaßend, weil der propagierte Reduktionismus die komplexen gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen gar nicht zu erfassen vermag« (Mitteilung der Sektion Religionssoziologie der DGS November/Dezember 2017, verfasst von Thomas Scheffer, Hella von Unger und Uwe Krähnke). Und man könnte leicht ergänzen: Das so freundlich erscheinende Angebot der Akademie auf Vielfalt ist nichts als ein Marketingtrick, der nur allzu gut zu dem perfiden Geist passt, der da weht. Ähnliches findet sich in dem Blog der DGS von Jörg Strübing im November/Dezember 2017.

Die erkennbare Differenz in wirklich grundlegenden Fragen spiegelt wieder einmal die hybride Natur der Soziologie, die sie von Anfang an begleitet hat, und macht den latent immer schwelenden Methodenstreit erneut sichtbar, diesmal allerdings mit einer auch organisatorisch verdichteten Konsequenz, die viele wohl nicht für möglich gehalten haben. Von den fachpolitischen Hintergründen und Entwicklungen in den letzten Jahren soll hier jedoch weiter nicht die Rede sein, sie werden eigentlich von vielen übergreifend gesehen und anerkannt, auch nicht um Einschätzungen, was mittelfristig besser oder schlechter für das Fach in Öffentlichkeit und Politik ist. Das kann derzeit keiner wirklich sagen. Es geht vielmehr – in einer Art von kontrastivem Typenvergleich – gezielt darum, die im Hintergrund stehende Auffassung – beider Seiten! – einer Unvereinbarkeit von hermeneutisch-verstehender und kausal erklärender, analytisch-empirischer Soziologie zu entkräften bzw. zu widerlegen und damit auch den wieder stärker aufgelebten – wechselseitigen! – Abwertungen den Boden zu entziehen. Es ist der Versuch, man mag es nicht glauben, eine Brücke zwischen den Lagern herzustellen, um damit die Soziologie als Ganzes zu erhalten, getrost auch in organisatorischer Differenzierung, und nach außen sichtbar wieder zu stärken. Dafür wird allerdings eine – von der hermeneutisch-verstehenden Soziologie insbesondere – heftig bestrittene Annahme gemacht: Auch wenn die gesellschaftliche Wirklichkeit nichts anderes ist als eine von sinnhaft handelnden Subjekten konstituierte Konstruktion, gibt es für die Soziologie – aller Schattierungen – eine einheitliche, für alle Wissenschaften gültige Methodologie, wenn sie denn den Anspruch erhebt, mit ihren Erkenntnissen und Befunden gesellschaftlich und bei anderen Wissenschaften Gehör zu finden. Viel an Hoffnung sollte man damit freilich nicht verbinden, auch weil es letztlich doch nicht ohne Bewertungen abgehen kann. Es ist, in Abwandlung eines Zitates aus der »Feuerzangenbowle«, ein Loblied auf die interpretative Soziologie,aber es ist möglich, dass die das nicht merkt. Drei Anläufe dazu mit jeweils einem binär typisierenden Kontrast gibt es: Konstruktion und Wirklichkeit, Verstehen und Erklären, Sinn und Verstand. Und zum Schluss noch eine kurze Ergänzung aus der Geschichte der (Deutschen Gesellschaft für) Soziologie.

 

1 Konstruktion und Wirklichkeit

 

In Heft 4 des Jahrgangs 44 von 2014 der »Soziologie«, dem »Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie«, gibt es ein ebenso interessantes wie aufschlussreiches Gespräch zwischen Thomas Luckmann (TL), Hans-Georg Soeffner (HGS) und Georg Vobruba (GV), im Folgenden gelegentlich auch kurz »die Drei« genannt. Es hat die Überschrift »Nichts ist die Wirklichkeit selbst« (Luckmann, Soeffner und Vobruba 2014). Gleich zu Beginn geht es mit einer Klage von GV über Dissertationen los, die » … 400 oder 500 Seiten haben, weil die Leute nicht wissen, was eigentlich das Interessante ist« (S. 412ff.). Dazu TL, den Vorhalt bekräftigend und relativierend zugleich:
»Man braucht ja nicht sehr viel. Zum Beispiel Fallanalysen. Man muss nur sehen, dass sich die Dinge, die Strukturen zu wiederholen beginnen. Es sind ja keine Stichproben. Wenn die Strukturen sich wiederholen oder nur kleine Variationen ergeben, dann hört man auf, dann braucht man nicht das Gleiche nochmal von vorn.«

Schon, meint GV, aber »Am Anfang muss man wissen, welche Strukturen man sucht, sonst findet man gar nichts«. TL darauf: »Ja, die von den Leuten selbst generierten. Das ist das Grundprinzip dabei«. Etwas irritiert fragt GV zurück: »Also: Sie würden nicht sagen, dass es ein Problem mangelnder Theorie ist, sondern der Aufmerksamkeit?«. Natürlich doch, so TL sofort:
»Es ist ein Mangel der Theorie als Hintergrund. Also man muss theoretisch beschlagen sein bzw. eine Idee haben, worum es überhaupt bei den sozialen Verhältnissen geht. Wenn man die nicht hat … , dann kann man nicht viel anfangen mit dem Material, man weiß ja nicht, was man sucht. Aber wenn man weiß, was man im Prinzip sucht, dann schaut man nach, was die Leute selbst produzieren. Das ist, was mein lieber Freund Hans-Georg Hermeneutik nennt«.

Zuvor war kurz die NSA, die National Security Agency, die Angela Merkels Handy ausgespäht hatte und damals noch in aller Munde war, erwähnt worden, die – zu unserem Glück! – in ihren Massen an »Big Data« offenbar genauso hilflos ertrinken würde wie die ratlosen Doktoranden in Leipzig schon mit ihren ja bewusst ganz begrenzten Fallanalysen.
Man muss gar nicht fragen, wie denn die Theorie(n) hätte(n) aussehen können, die die nötige Orientierung und Relevanzstruktur für dieses oder jenes Problem geben könnten, an das die Drei denken. Ratsam ist aber offenbar auch für einen hermeneutischen Ansatz und für jede qualitative Studie, dass man theoretische Erwartungen über die Abläufe vorher hat. Und günstig wäre es auch, dass man annimmt, dass sich »die Leute« auch wirklich danach verhalten. Und noch besser: Dass sie das dann auch tatsächlich tun.

Das wären schon einmal zwei wichtige Ingredienzien einer »theoriegeleiteten« interpretativen Soziologie: Man sieht die Welt nicht wie sie »wirklich« ist, sondern immer nur durch die Brille von vorgefassten Hypothesen über die Welt, auch dann, wenn man sie nicht explizit kennt, benennt und andere, die das nachvollziehen wollen, darüber informiert. Und dass alles auch ganz anders sein kann. So wie im Kritischen Rationalismus bzw. beim Falsifikationismus Popperscher Prägung. Welcome to the Club!

Fehlt noch was? Aber ja, das Wichtigste wohl: Der »Konstruktivismus« und die Wirklichkeit. Die analytisch-empirische Soziologie sagt dazu: Aber sicher: Alle sozialen Strukturen sind irgendwie »konstruiert«, es gibt sie nicht außerhalb des Handelns von Individuen. Institutionen, etwa, »bestehen« nur über das fortgesetzte und aneinander anschließende Handeln von Akteuren, die sich an bestimmte Regeln halten bzw. sie als Wissen, Präferenz oder mentales Modell gespeichert, »internalisiert« haben. Das weiß man allseits in der Soziologie seit Berger&Luckmann, und wer das Büchlein genauer liest, findet darin im Grunde sogar die Coleman’sche Badewanne und den darin enthaltenen »Methodologischen Individualismus« schon: Es gibt zwei oder mehrere Akteure und ein sie beschäftigendes Problem, das der Koordination. Ein erster, auch zufälliger, Akt sorgt für den nötigen Fokalpunkt. Das Problem ist gelöst. Das merken sich die Akteure, wiederholen die Lösung aus naheliegenden Gründen, wenn es das Problem erneut gibt – und haben schließlich eine »objektivierte« Struktur vor sich, die so leicht nicht wieder aus der Welt zu schaffen ist. Also: Es gibt die von handelnden Subjekten veranstaltete »gesellschaftliche Konstruktion« der sozialen Wirklichkeit, aber die gibt es dann als objektiven »soziologischen Tatbestand«, der nicht einfach durch Beschluss einzelner Akteure zu ändern wäre – erklärbar, wenn man es denn möchte, unter anderem über relativ einfache spieltheoretische Modelle. Wo ist das Problem? Mit blindem »Reduktionismus« hat das jedenfalls nichts zu tun.

In dem Gespräch der Drei von der interpretativen Soziologie in der »Soziologie« geht es aber um noch etwas Anderes: Die »Konstruktion« von subjektiven Wirklichkeiten bei der Wahrnehmung und »Interpretation« von Sinneseindrücken, einzelner Akteure zunächst einmal, dann aber auch im Gruppenverband, besonders, wenn die Eindrücke nicht eindeutig oder gestört sind, wie bei Geschlechtswahrnehmungen zuweilen oder bei undeutlichen Symptomen bei Krankheiten. Die allesamt nicht mehr ganz jungen Gesprächsteilnehmer wissen offenbar sehr real, um was es geht, der eine mehr, der andere weniger: Um die stets etwas unsicheren Diagnosen von Ärzten, wenn es schon dringlicher darum geht, die richtige, also auch: wirksame Therapie zu finden (S. 422ff.). Diagnosen sind, wenn sie sich nicht ganz offensichtlich aufdrängen, »Wahlentscheidungen«, erfährt man nun von HGS, was aber »nur einen Aspekt der Wirklichkeit abdeckt, der aber für uns in der Handlung relevant erscheint.« Also in den Sonar- oder MRT-Bildern nur »erscheint«. Darauf TL: »Ich versteh’ das eigentlich … nicht. … . Es bleibt noch immer die gleiche Wirklichkeit, die transformiert wird in Abbilder der Wirklichkeit. Das kann transformiert sein in Pixel oder Zahlen, binär oder sonst wie, aber es ist immer noch angebunden an den Originalgegenstand. … . Was konstruiert er (der Arzt; HE)? Gar nichts konstruiert er.« Nun wird es etwas hektischer am Familientisch. HGS: »Bis dahin nicht.« Dann aber TL gleich: »Es ist alles vorkonstruiert durch die Vorgänge. Die Entscheidung, was er damit macht, ist ja keine Konstruktion.« HGS: »Doch. Er trifft eine Wahlentscheidung.« TL: »Natürlich. Aber das ist doch keine Konstruktion.« HGS: »Ist es das nicht?« TL: »Um mit Schütz zu sprechen: Choosing among projects of action. … . Und weiter: »Also da seh’ ich noch keine Konstruktion, sondern Deutung oder Interpretation von mir aus – aber nicht Konstruktion.« Es folgt ein kurzer Exkurs über die Frage, was man tun kann oder auch soll, wenn die Datenlage nicht eindeutig ist, aber etwas getan werden muss, und GV kann es schließlich nicht glauben: »Es scheint aber Fälle zu geben, wo das Abbild kein eindeutiges Abbild ist, und dort muss man nicht nur zwischen verschiedenen Therapiemöglichkeiten auswählen, sondern man muss die Grundlage der Auswahl erst einmal konstruieren – ganz im Sinne einer nie ganz greifbaren Wirklichkeit. « TL (inzwischen schon, leider nicht vernehmbar, etwas barscher wohl in der Tonlage): »Auch da bin ich mir nicht so sicher, wenn ich es richtig verstanden habe. Der (Arzt; HE) nimmt ja nicht die Lunge auf, um sich das Gehirn anzusehen.« Und wenn es die Abbildungen gibt, bei denen »… man nie genau weiß, was es ist…«, dann » … muss sich der Arzt entscheiden. Aber was konstruiert er denn dabei?«. Er, der Arzt, so fährt TL fort, »… wählt zwischen möglichen Bedeutungen und den daraus jeweils folgenden Behandlungen … . Wahrscheinlich kalkuliert er sogar dabei … .« Und zwar, wenn man den Text etwas genauer weiter liest, nach »p*U«, nämlich als, wie es die Rational Choice Theorie ausdrücken würde, eine Entscheidung unter Risiko. Schließlich seufzt GV nach einem kurzen Exkurs der Gruppe über die Rolle von Konstruktion und Typisierung in Lebenswelt, Architektur, Musik und Medizin fast hörbar und wohl ein bisschen enttäuscht sogar: »Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass Sie eine starke Tendenz haben, einen Teil des konstruktivistischen Geistes wieder in die Flasche zu scheuchen«. Und dann aber TL, nicht nur ein wenig ungehalten wie es scheint: »Also Berger und ich haben ihn ja nicht herausgeholt. Das ist ein Missverständnis. Der Luhmann hat ihn herausgeholt. Ich halte das für groben Unfug«. Mit dieser Meinung ist TL nicht allein. Aber nicht nur Luhmann ist schuld, ganz gewiss nicht.

 

2 Verstehen und Erklären

 

Das Editorial von Georg Vobruba zu dem Heft 4 der »Soziologie« von 2015 mit dem Gespräch der Drei beginnt so: »Mit Flughäfen, liebe Kolleginnen und Kollegen, müsste sich soziologisch Einiges machen lassen. Ich sammle einfach ein paar Beobachtungen und Ideen. Nichts Besonderes« (S. 397). Ok, denkt man, dann mach’ mal, so ist sie ja nun mal auch, unsere geliebte Soziologie. Und dann wird phänomenologisch aufgelistet, was es alles gibt: Die Anfahrt, das Innere des Flughafens, Entwicklungspfade der Moderne. Stimmt, denkt man wieder, alles sehr interessant, die Taxifahrer, die »Vorhölle« von Personenströmen, sogar die Folgen des Airbus A-380 für die weitere Dynamik der Weltgesellschaft, weil sich daraus jeweils » … andere ökonomische, verteilungspolitische, ökologische und wohl auch demokratiepolitische Konsequenzen« ergeben würden (S. 398). Einverstanden. Und dann die Frage bei GV: Warum interessiert sich die Soziologie so wenig für Flughäfen …« wo es doch (im Jahr 2014) 3.3 Milliarden Fluggäste weltweit …« gab? (ebd.). Gute Frage, möchte man meinen. Sie würde wohl nicht gestellt worden sein, wenn darin nicht ein Mangel gesehen würde.

Und in der Tat: Vieles ist soziologisch gänzlich unerforscht, eigentlich das Allermeiste. Aber warum sollte es denn auch? Und auch umgekehrt: Wem sollte man ein Projekt verwehren, wenn schon allein der Hinweis ausreicht, um es zu genehmigen: Hatten wir noch nicht! Soziologisch vollkommen unerschlossen! Etwa Dörfer in der Eifel unter dem Einfluss der refigurierten Moderne. Warum also nicht? Aber was ist dann mit den anderen Antragstellern? Die schlagen vielleicht Dörfer im Hunsrück vor. Also doch auch hier, im Entdeckungszusammenhang, wo alles eigentlich möglich sein sollte, eine Art von Relevanzstruktur, keine normative zwar, aber vielleicht eine sachlich-theoretische? Etwa: Ließe sich daran, an der Vorhölle des Inneren der Flughäfen, vielleicht eine bisher – theoretisch oder empirisch – ungelöste, wichtige allgemeinere Frage der Soziologie angehen? Vielleicht die der Entstehung und Dynamik von Warteschlangen, nicht nur in Flughäfen? Und das dann wirklich mit Blick auf »Konsequenzen«, etwa die Verhinderung von Paniken bei Menschenansammlungen wie bei der Love-Parade oder unter den Mekka-Pilgern alljährlich? Ginge das mit Fallanalysen, einer weiter ausgebauten Phänomenologie des Flughafens, überzuckert mit alten und neuen Begrifflichkeiten? Ähnlich dann wohl der Art der Soziologie des Leidens bei Signore Settembrini im »Zauberberg«? Man sollte meinen: nein, natürlich nicht.

Oder doch? Was sich in den auf Normalwissenschaft gebügelten Erwartungen gerade auch in der analytisch-empirischen Soziologie als ungewöhnlich, exotisch, auch abseitig, vielleicht lächerlich, wohl auch empörend darstellen mag, womöglich als eine Art Krisenexperiment für die quantitativ-positivistische Beton-Soziologie (nach der Art vom »Doppelpass als soziales System«, damals der Luhmann-Gemeinde zugedacht), könnte immer auch als eine wichtige Annäherung an ein zentrales Thema gerade einer »reduktionistischen «, also: tiefenerklärenden, und sogar methodenmonistischen, transdisziplinären Soziologie verstanden werden. Zum Beispiel eine Soziologie des Dackelblicks (vgl. Gugutzer/Holtermann 2016). Interaktiv konstruierte Sozialität ist ja in der Tat nicht auf die symbolische Kraft der Sprache beschränkt, sondern umfasst auch non-verbale, kulturell kaum geprägte Gesten, die physischen Reaktionen bei allen Handlungen, den »(Leib- )«Körper, den Zeigefinger und den Fingerzeig, Gesichtsausdrücke und gewiss auch Blicke – und das dann sogar über die Grenzen eines allzu eng geführten Anthropozentrismus hinaus. Eine Soziologie des Hundeblicks könnte geradezu als Beginn eines transhumanen und weit in die harten Naturwissenschaften hinein reichenden Forschungsprogramms zur Entwicklung einer allgemeinen Theorie der symbolischen Interaktion dienen, in der über die Mensch-Hund-Beziehung eine ganz besonders interessante Situation schon bio-psychologisch vorgegeben ist, die man dann kontrastierend mit den Mensch-Mensch-Beziehungen vergleichen könnte: Das (weitgehende) Fehlen von unmittelbar sprachlich-kulturellen Konstruktionsleistungen und mehr oder weniger deutliche Unterschiede in den kognitiv-emotionalen Verfasstheit der Subjekte. Ein Experiment also mit schon physiologisch fixierten Bedingungen. Was wollte man mehr? Als Unterprojekt böte sich dann gewiss der Dackel mit seinen speziellen Typ-Charakteristika an, etwa: dass er nicht hört, wenn er nicht will, was aber dann wieder erst noch phäno- menologisch sorgfältig zu erfassen wäre. Oder auf der anderen Seite des Spektrums: Der Golden Retriever, oder besser noch für einen wirklich zum Dackel kontrastierenden Typ, der Labrador, dem geborenen Langweiler und Untertan. Aber mit Fallanalysen nur? Reichen denn fotografische Abbilder von einem kynologisch, vor allem aber phänomenologisch ungeschulten Beobachter kaum zu unterscheidenden, jeweils schon sehr berückenden, auch weil letztlich unergründlichen mimischen Blick-Ausdrücken bei Imme vom Teckeltraum, Falco vom Hümling oder Baptiste von der steinernen Furt und die dazu herangezogenen, soziologischen, philosophischen und phänomenologischen Assoziationen und Wendungen, etwa vom (Dackel-)»Blick als leibliche Regung und wechselseitige Einleibung«? (ebd., S. 269)? Schon. Sicher. Es reicht! Erfährt man von der einen Seite. Es reicht! Aber wirklich! Von der anderen.

Und in der Tat: Was hätte man letztlich mehr als eine schon ganz amüsant-gebrochene Verdoppelung dessen, was wir sowieso schon wissen und uns darin wiederfinden? Aber was, wenn’s doch mehr sein soll, jetzt konkret beim Dackelblick und mit der Phänomenologie ganz allgemein: Noch mehr Fotos oder nun auch Videos und warten, dass sich neue Strukturen finden oder die Variationen bald aufhören? Schon vor der Folie des oben dokumentierten Gesprächs der Drei wäre zur Vorsicht geraten: Nichts geht, da waren sie sich einig, ohne vorherige theoretische Festlegung. Jeder Einzelfall, auch der jedes einzelnen Dackelblicks, enthält immer schon Fantastilliarden an Informationen, die es – irgendwie – zu reduzieren gilt. Es sind eigentlich immer »Big Data«, denen wir uns gegenübersehen. Das hatten die Drei in ihrem Gespräch ja auch schon konstatiert. Und auch die Annahme, dass es den Hund und seine Dispositionen, auch den Dackelblick, natürlich, bei allen Mensch-Hund-Kommunikations-Konstruktionen wirklich gibt und die nicht nur interaktiv als bloße kollektive Vorstellung hergestellt wird. Und weiter: Was wäre mit Signifikanzen, wenn sich die Strukturen zwar stabilisieren, die Fälle aber erst wenige sind und womöglich die Auswahl selektiv? Und was mit der externen Validität? Und mit Replikationen und intersubjektiver Prüfung? Auch das alles natürlich, möchte man anfügen, wenn man es besser und verlässlicher wissen will. Und dann könnte man sich zum gezielten Test daranmachen, die so allmählich entstehende Tiefenerklärung symbolischer Interaktionen lebender Wesen generell weiter gezielt zu variieren und die inzwischen gewonnenen neuen theoretischen Hypothesen systematisch, »theoriegeleitet« eben, neu auf den Prüfstand zu stellen. Mit Katzen zum Beispiel. Auch untereinander, dann mit Hunden und schließlich, zum krönenden Schluss-Experiment, in allen relevanten Variationen, auch mit Menschen. Im Ernst! Warum denn nicht? Aber stets möglichst oder wenigstens einmal: auch: theoriegeleitet, präzise, sorgfältig, reproduzierbar.

So wird es aber wohl nicht kommen. Und das nicht nur, weil man erst einmal lange mit der Phänomenologie des Explanandums und möglicher Hinweise auf die relevanten Randbedingungen beschäftigt ist. Das sind auch die anderen, die von der analytisch- empirischen Soziologie: Neben Literaturstudium und Materialsammlung gibt es stets auch die Notwendigkeit der Herstellung einer auch engen lebensweltlichen Vertrautheit mit dem Gegenstand, wenn man die nicht schon hat. Dann Voruntersuchungen, Pretests, qualitative und quantitative Absicherungen, Triangulation. Alles erfordert seine Zeit, und diese Phase ist wohl der wichtigste, weil wegweisende Teil des ganzen Projekts. Nein, diese, sagen wir: arbeitsteilige Einbettung in das Gesamtprojekt einer so verstandenen analytisch-empirischen Soziologie, ist es für die meisten von der soziologischen Phänomenologie nicht, was sie beanspruchen. Es widerspräche zutiefst dem Grundverständnis vieler, die sich der interpretativen Soziologie zugehörig fühlen: Anti-Naturalismus, Methodendualismus und die Ablehnung jeder Vorstellung einer mit allgemeinen Gesetzen operierenden Kausalerklärung und der Vorab-Festlegung auf explizit gemachte Theorien sind geradezu ihr Markenzeichen. Stattdessen: Die – mehr oder weniger: dichte – Beschreibung, »grounded theory«, induktives bzw. abduktives Erschließen von in Fallstudien hervortretenden Strukturen, und das gerade ohne jede theoretische Festlegung vorher, sondern mit Teilnahme und lebensweltlicher Authentizität der Settings, in denen die Beobachtungen stattfinden, inzwischen auch wieder als politisch engagierte »Aktionsforschung «, unvergessen aus der 68er Zeit.

Aber auch das wäre noch kein wirklicher Streitpunkt: Gewiss sind solche – nach Möglichkeit in der Tat: theoretisch erst einmal unvoreingenommenen – Fallstudien für jede systematische Untersuchung später unentbehrlich, und in einem frühen Stadium gar nicht anders möglich, und danach zur Kontrolle erst recht geboten. Sie gehören auch als eigenständige Produkte ohne jeden weiteren Anspruch zu jeder lebendigen – das heißt auch: irritationsbereiten und -bedürftigen – analytisch-empirischen Soziologie immer dazu, keineswegs »nur« im Entdeckungszusammenhang. Auch würde ein politisches Interesse an Weltverbesserung nicht stören – weil die analytisch-empirische Soziologie ja gerade dazu gemacht ist, Fremdeinflüsse bei der erhofften Wahrheitsfindung möglichst zu kontrollieren. Über die Gewichtung dieser Art von Soziologie und Forschung kann man streiten, über die Berechtigung nicht.

Das Problem ist vielmehr etwas grundsätzlich Anderes: »Theorie« und »Erklärung« seien, so liest man bis in die allerneuesten Entwürfe immer noch wieder (und wieder), nicht das, was im Hempel-Oppenheim-Schema steht. Das seien für die Sozialität der gesellschaftlichen Prozesse gänzlich ungeeignete Kategorien. »Theorie« und »Erklärung« folgten vielmehr einer Art von Konstitutionslogik, in der aus Begriffen und ihren Merkmalen weitere Begriffe generiert werden, und das Kriterium dabei wäre, dass die Begriffe kohärent und konsistent so miteinander verbunden werden, dass sich ein Zusammenhang des Begriffssystems ergibt. Und der sei dann die Erklärung. Und eben nicht: Das HO-Schema mitsamt der Coleman-Badewanne, dem Modell der soziologischen Erklärung also. Und das womöglich noch im Verein mit der Rational Choice Theorie, was zusammen nichts anderes sein könne als eine eng geführt szientistische, aufklärerisch nur verkleidete, seelenlos-technokratische, geschichtsvergessen-reflexionsunfähige, zahlenbesessene und die Welt nur vermessende, neo-liberalistische Sozialstatistik, womöglich auch verantwortlich für das große Elend der Welt, das es mit Hilfe einer öffentlich aktiv werdenden »public sociology« anzugehen gelte, auch – warum dann denn auch nicht? – mit Hilfe von auf Theaterbühnen getanzten soziologischen Seminaren, etwa über die Körperlichkeit im Sozialen oder das Soziale in der Körperlichkeit, die sich in ihrer wechselseitigen Verschränkung, Komplexität und symbolisch-indexikalen Mehr-Ebenen-Dynamik vielleicht gar nicht anders erfassen lassen.

Das, die Abwehr von allen kausalistischen Vorstellungen, wäre aber nun schon eine ganz andere Linie, eine rote sogar, an der sich die Ansätze trennen, und man sollte verstehen, dass darüber nicht alle, die die Soziologie lieben und erhalten wollen, gerade auch in ihrer Vielfalt, glücklich sein können. Aber gibt es diese Grenze wirklich? Und was wäre, wenn man es nicht einfach einmal – für den Moment wenigstens und bis auf Weiteres – versuchen würde. Zwei Fragen also: Muss man? Sollte man? Beide Fragen lassen sich bei allem, was dazu schon geschrieben wurde, recht kurz beantworten: Sie sind, obwohl die Einreden nicht nachlassen wollen, lange geklärt. Man darf wohl davon ausgehen, dass das nicht überall bekannt ist, wieder: auf beiden Seiten des Zaunes. Deshalb geht es auch ein wenig in die Einzelheiten.

Die erste Frage: Muss man das HO-Schema ablehnen, wenn es um Verstehen und Interpretation geht? Sie bezieht sich auf das für das interpretative Paradigma so zentrale Konzept des Sinns: Auf »gute Gründe« des Handelns. »Gute Gründe« sind, in einem weiten Verständnis, als subjektiv »sinnvoll« verstandene Projektionen für Folgen eines Tuns. Das kann man mit dem sog. praktischen Syllogismus modellieren, und der geht so: Ein Akteur A will W. Der Akteur A hat den Glauben G, dass zur Erreichung von W das Handeln H notwendig ist. Also handelt der Akteur A nach H. Als deduktives Schema:

A will W.

A hat den Glauben G, dass für W das Handeln H notwendig ist.

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A handelt nach H.

In der Tat ist das zwar schon ein gültiger logischer Schluss: In den beiden Teilen der Prämisse ist die Konklusion »A handelt nach H« schon logisch impliziert. Daraus ist geschlossen worden, dass man für das Verstehen einer Handlung über den praktischen Syllogismus an keiner Stelle auf ein »allgemeines Gesetz« zurückgreifen müsse, und weil außerdem die das Handeln bestimmenden Folgen in der Zukunft lägen, könnten die guten Gründe auch nicht aus einer Vergangenheit »kausal« bestimmt sein. Daher wäre das HOSchema der kausalen Erklärung unnötig und sogar irreführend und alles, was man brauche, sei die deutende Rekonstruktion des Willens W und des Glaubens G der Akteure, also die Beschreibung der subjektiven Vorstellungen und des Wissens der Akteure. In Fallstudien. Daraus alleine »folge« dann das Handeln. Anders gesagt: Es reicht bereits das »deutende Verstehen« für die Ableitung des »Ablaufs« (und der »Wirkungen«) des Handelns, und daher seien weitere »Erklärungen« weder nötig, noch der Kategorie des Sinns des menschlichen Handelns angemessen.

Das HO-Schema beansprucht nun aber, kausale Erklärungen von sozialen Prozessen über das Handeln liefern zu können – und nicht nur (tauto-)logische Schlüsse, und dazu ist – neben anderem – ein (allgemeines) kausales Handlungsgesetz zwingend notwendig. Ein derartiges Gesetz lässt sich jedoch dem praktischen Syllogismus leicht hinzufügen. Es könnte im Anschluss an die Vorgaben des praktischen Syllogismus so lauten: Für alle Akteure gilt: Wenn ein Akteur den Willen W hat und wenn er den Glauben G hat, dass für die Erreichung von W das Handeln H notwendig ist, dann handelt er nach H. Die beiden Elemente der Prämisse des praktischen Syllogismus, der Wille W und der Glaube G, bilden damit den Ursachenteil des Gesetzes und das Handeln H den Folgenteil. So komplettiert entspricht der praktische Syllogismus formal exakt dem Erklärungsschema nach Hempel und Oppenheim, und es wird offenbar, dass ein Verstehen, wenn es über die tautologischen Transformationen des praktischen Syllogismus hinausgehen will, die kausale Erklärung des Handelns über ein übergreifendes, allgemeines Gesetz voraussetzt und dabei die subjektiven Vorstellungen der Akteure, ihre Ziele und ihre Alltagstheorien über die Wirksamkeit von Mitteln in der Prämisse des Gesetzes und in den Randbedingungen enthält. Als HO-Schema:

Für alle Akteure gilt: Wenn ein Akteur den Willen W hat und wenn er glaubt, dass für die Erreichung von W das Handeln H notwendig ist, dann handelt er nach H.

A will W.

A hat den Glauben G, dass für W das Handeln H notwendig ist.

_______________________________________________

A handelt nach H.

Quod erat demonstrandum!

Der grundlegende Unterschied zu den einfachen Kausalerklärungen ist, dass nun die beiden Bestandteile des subjektiven »Sinns« – der Wille W und der Glaube G als die »guten Gründen« des Sinns des Handelns – zu Ursachen des Handelns werden. Es sind, wenn man so will, innere Ursachen, Dispositionen, Präferenzen, Alltagstheorien, mentale Modelle, Frames und Habits etwa. Wichtig ist noch der Hinweis, dass diese bereits bestehen, bevor es zum Handeln kommt und in der Situation – wie auch immer – aktiviert werden. Damit aber wird auch das dualistische Argument hinfällig, dass sich das Verstehen über Intentionen, »gute Gründe«, »Sinn« und kausale Erklärungen ausschlössen, weil sich die Intentionen auf die Zukunft bezögen und damit keine »von hinten« antreibenden Ursachen sein könnten: Die Dispositionen sind vorher da, sie verweisen nur auf die Zukunft, und gehandelt wird danach – mit dem, wie Schütz es nennt, »um-zu«-Motiv, den mit W imaginierten Zielzustand über H zu erreichen. Es sieht, das sollte man noch ergänzen, eigentlich aus wie eine Rational Choice-Erklärung. Und ist es auch.

Die zweite Frage: Soll man? Nämlich: Mit der Entwicklung eines kohärent-konsistenten Begriffssystems und dessen »passender« Anwendung und Illustration zum Beispiel von allerlei Szenen, Milieus und Bewegungen eben nicht zufrieden sein? Und bei allem sonst letztlich doch versuchen, die Sache kausal-analytisch zu fassen? Die Antwort gibt es wieder auf Latein, und sie ist so alt die neuere (analytische) Wissenschaftstheorie: Ter- so? Nämlich: Was wissen wir mehr über die »Konstruktion« z.B. von Warteschlangen und Massenansammlungen, wenn wir sie nach der Art der Klassifikation von Dackelblicken oder der Leiden der Menschheit typisiert haben und dann – vielleicht – an einem anderen Flughafen wiederfinden und sprachlich benennen können? Das wäre jene Verdoppelung der Wirklichkeit, die seit Adornos Zeiten der analytisch-empirischen (quantitativen) Soziologie als Schandmal angehängt wird. Und wie könnte man an die weltweiten Konsequenzen der Einführung des Airbus A-380 überhaupt denken, wenn nicht in Kategorien von Ursache und Wirkung? Natürlich nicht so einfach und so locker wie sich das mancher vorstellt, sondern mit den Mitteln des Modells der soziologischen Erklärung – konzipiert als – mehr oder weniger – lange Kette der bekannten drei Logiken, wenn nötig auch auf mehreren Ebenen hinauf und hinunter der Systemdifferenzierung. Und das angesichts dessen, dass man wenigstens für die Warteschlangen und Massenpaniken – teilweise schon lange, aber auch in aktuellen Weiterentwicklungen – sehr erfolgreiche Modelle der Kausalerklärung hat, die u.a. dabei geholfen haben, die früher recht häufigen Paniken bei den Mekka-Pilgern zu verhindern – bis man sich an die praktischen Anweisungen daraus nicht mehr gehalten hat und es 2015 doch wieder dazu gekommen ist (vgl. Haase et a. 2016).

Kurz: Es wäre ein enormer Verlust gerade für eine Soziologie, die mit der eher zunehmenden gesellschaftlichen Komplexität und Dynamik zu Rande kommen will und valides Wissen für drängende Fragen und die Lösung der damit zusammenhängenden Probleme bereitstellen soll, wenn sie sich von der Vorstellung kausaler Erklärungen fernhält oder schon gar nicht daran denken mag. Und die es wohl auch deshalb bei den vielen Fallstudien von Beschreibungen mit einem nur jeweils wechselnden Vokabular belassen muss, ohne – so jedenfalls, wie man es in den Beiträgen jener Soziologie »bei der Arbeit« nahezu ausnahmslos festzustellen hat – je dahinter kommen zu können, was da eigentlich warum abgeht. Es sei nur nebenbei erwähnt, dass es zwar verhältnismäßig wenige, aber gerade für diese Variante der Soziologie höchst bemerkenswerte Ansätze einer analytisch- empirischen und interpretativ-narrativen Soziologie, u.a. auch in der Kombination von ökonomischer Spieltheorie und soziologischen Fallstudien gibt. Theoriegeleitet. Theorietestend. Lebensweltbezogen. Anschaulich. Bei Google findet man sie leicht: für die konkreten Arbeiten Peter Abell, etwa, David Heise, Diego Gambetta oder Larry Griffin; und für die wisssenschaftssoziologisch/-theoretischen Aspekte u.a. James Johnson oder Dagfinn Follesdal.

 

3 Sinn und Verstand

 

In dem Gespräch der Drei in der »Soziologie« ging es natürlich auch um »Rational Choice« (S. 419ff.). Natürlich! Dem inzwischen im Fach fest eingenisteten Schreckgespenst überhaupt, nicht nur für die interpretative Soziologie. Für HGS ist »Rational Choice« im Gespräch eine Variante einer »Theorie der einfachen Antworten«. Denn: »Individuen handeln (nach den Vorgaben der Rational Choice Theorie; HE) rational und sind mehr oder weniger dafür zuständig, rationale Problemlösungen zu finden«. Und, klar doch: »Spieltheoretisch kann ich … alles erklären, und wenn es mal irrational wird, bilde ich Brückenhypothesen. Da ist die Problemlösung immer schon mitgedacht.« Immerhin jedoch: »Ich kann ich mir keinen Rational Choice Theoretiker denken, der apokalyptisch denkt (was die anderen »Theorien der einfachen Antworten« täten; HE), das ist einer der wenigen Vorzüge. Das halte ich ihnen zugute«. Immerhin. Danke, Hans-Georg. Aber im Subtext steht ja dann wohl: Und sonst nichts! Kurz danach kommt GV darauf zurück: »Rational Choice« sei ja extrem standardisiert, während es aber doch auch auf die Feinheiten ankomme. Und das sei das Problem: »Die (Rational-Choice-Theoretiker; HE) wissen ja immer schon, wie die Leute handeln«. »Rationale Wahl trifft nur als Sonderfall und nicht einmal für das ökonomische Handeln immer zu« ergänzt TL, auch »… dass Handeln (grundsätzlich; HE) sinnvoll ist, aber nicht unbedingt rational«. Und: »Ein Sonderfall, ein seltener Sonderfall von sinnvollem Handeln ist rationales Handeln«. Immerhin.

Aus dem Off (eines Beobachters 3. Ordnung inzwischen) aber jetzt doch mal ein Zwischenruf: Ein schönes Beispiel ist das ja für die kommunikative Konstruktion einer wissenschaftlichen Wirklichkeit, die mit der wirklichen wissenschaftlichen Wirklichkeit, sagen wir es so, nur teilweise übereinstimmt. Zurück aber zu den Dreien.

Das Gespräch läuft nun ein wenig aus dem Ruder einer wissenschaftlich codierten Konversation. Man plaudert, eine Fallstudie wohl schon, über die Haushälterin von TL, die »zum Beispiel ein sehr lieber Mensch (ist), … aber irrational als Haushälterin«, weil sie Geschirr »anpatzt« und dann mehr abwaschen muss als nötig, also »gegen ihre Interessen « verstößt. Auch wäre sie zwar eine herausragende Gärtnerin, aber eine schlechte Haushälterin, etwa weil sie, wenn sie im Garten ist, nicht gleich die Petersilie in den Haushalt mitbringt, die sie doch später im Haushalt brauchen würde. Also: Sinnvoll schon, weil sie wohl ihren eigenen und wohl-eingeschliffenen »Plan« habe, aber nicht rational. Ein lebensweltlich eingespieltes und, wie es in der kognitiven Psychologie auch heißt, »ökologisch-valides« Skript der Haushälterin also, und, so könnte man wieder aus dem Off ergänzen, unter dem Frame ihrer Rolle als »Haushälterin bei Thomas Luckmann «. Wenn man sie dann aber anhören würde, so HGS weiter, wäre sicher alles gleich ganz rational: »Wenn ich frage: ›Warum machst Du denn den Blödsinn?‹, habe ich noch nie jemanden erlebt, dem dann keine Erklärung eingefallen wäre.« Wieder der Subtext also: Man kann mit Rational Choice machen, was man will. Passt immer.

Wirklich? In der Annual Review of Sociology erschien 2007 ein Artikel von Ernst Fehr und Herbert Gintis (Fehr/Gintis 2007) offenbar ganz bewusst an die Adresse der Soziologie mit dem deutlichen Ansinnen gerichtet, sich doch endlich den so erfolgreichen Entwicklungen in der ökonomischen Theorie hin zu einer umfassenden Mikrofundierung der Sozialwissenschaften anzuschließen, und zwar in Form einer um gewisse soziale Motive erweiterten der Version der Rational Choice-Theorie (RCT). Die Grundlage waren Befunde aus der damals sich rasch entwickelnden experimentellen Spieltheorie, der sog. behavioral economics, insbesondere auch zur Erklärung der Entstehung sozialer Ordnung, einer der Kernfragen der Soziologie. Man glaubte, sich dabei u.a. auf Talcott Parsons berufen zu können, der ja genau das betont habe, was die RCT gerade gegen ihre Annahmen gefunden hatte: Es gebe internalisierte soziale Motive, Normen mit einem nicht-instrumentellen Eigenwert also, die erklären, warum ein Großteil der Teilnehmer an sog. Kollektivgut spielen eben nicht, wie es in der technischen Sprache der Spieltheorie heißt, »defektiert«, so wie es die orthodoxe RCT vorhersagt, sondern auch in nicht wiederkehrenden Situationen und gegenüber Fremden zunächst einmal durchaus selbstlos etwas gibt, was man auch ohne Weiteres hätte behalten können.

Für diese Entwicklungen war der Beitrag »Cooperation and Punishment in Public Goods Experiments« von Ernst Fehr und Simon Gächter aus dem Jahr 1999 (Fehr/Gächter 1999) mehr als nur ein Experiment unter vielen, die es bis dahin schon gab. Dort ging es um die Kooperation bei der Produktion eines Kollektivgutes über eine Sequenz von 20 Runden, wofür die traditionelle RCT bekanntlich das Ausbleiben jeder Kooperation erwartet. Die Besonderheit war, dass allein schon die Ankündigung der Möglichkeit einer Bestrafung nach der 10. Runde das Verhalten der Subjekte ab der 11. Runde drastisch änderte: Eine Zunahme der Kooperation bald auf fast 100% – ganz bis zum Schluss und ohne jedes »Endspiel«, wo alle alles nach der RCT abräumen sollten. Weil die Bestrafungen denjenigen, der sanktioniert, etwas kostete, und nicht zu wenig, hätte es aber keinerlei Änderung geben dürfen: Sanktionen sind ein Kollektivgutproblem zweiter Ordnung, wie das James Coleman genannt hat. Wenn in dem Spiel dann umgekehrt mit der Option der Bestrafung angefangen wurde, stieg die Kooperation ebenfalls rasch auf fast 100% an. Nun wurde aber nach der 10. Runde die Option der Bestrafung aufgehoben. Jetzt hätte nach der RCT die Kooperation sofort in der 11. Runde im gleichen Umfang zurückgehen müssen wie sie vorher gestiegen war, denn es zählt nach RCT in allen Varianten nur das »gemeinsame Wissen« um die Verfügbarkeit der Optionen, und das wäre das gleiche, ob man mit oder ohne Bestrafung beginnt oder erst später. Das war aber nicht so: Nach der längeren Phase der Kooperation zu Beginn mit der Option der Bestrafung bleibt ein großer Teil der Subjekte mit der Aufhebung der Option der Bestrafung bei der vorher etablierten Kooperation, obwohl sie nach der RCT hätten sofort damit aufhören sollen. Es muss also etwas geschehen sei, was auch diese, noch einmal um ein anderes Motiv, die Reziprozität, erweiterte RCT nicht kennt, etwa so etwas wie die durch die kooperativen Akte vorher immer stärker und über die Gruppe hinweg und iterativ aktivierte »Definition « der Situation als eine Kooperations-»Gemeinschaft«, ganz so wie das etwa Liberman et al. (2004) in ihren Experimenten zum »Wallstreet« und zum »Community«- Game gefunden hatten (vgl. dazu näher Esser 2018: 10f.).

Kurz: Die RCT ist in einem ihrer zentralen Aspekte widerlegt, nämlich insofern, dass sich über das »gemeinsame Wissen« und die Annahme stabiler Präferenzen allein die Unterschiede in den Reaktionen für die Einführung und die Abschaffung der Bestrafungsoption nicht erklären lassen. Und dass es in der Tat Hinweise auf Prozesse der symbolischen Interaktion und einer über die Akte aktivierten kollektiven Definition der Situation – die kommunikative Konstruktion einer Kooperationsgemeinschaft also – gibt, die die RCT schon gar nicht kennt – und wozu das interpretative Paradigma außer der begrifflichen Etikettierung mit Begriffen aus Soziologie, Philosophie und Phänomenologie von meist vor mehr als 50-80 Jahren, aber auch nicht viel zu sagen hat. In der gar nicht so neuen kognitiven (Sozial-)Psychologie ist es als Framing oder Priming bekannt, theoretisch als Kausalzusammenhang und empirisch experimentell sogar vielfach nachgewiesen. Inzwischen auch in der Soziologie, der analytisch-empirischen, kausal erklärenden. Und dann die Frage: Warum weiß man in der Phänomenolog*innenfamilie davon so gut wie nichts? Obwohl sie sich mit so gut nichts Anderem zu beschäftigen scheint.

Man würde jetzt natürlich gerne die Drei dazu hören, die ja – siehe gerade oben – einmütig der Meinung waren, dass eine Widerlegung der RCT unmöglich sei, weil »Rational Choice« sowieso immer schon alles wüsste. Zur Ehrenrettung der RCT sollte man noch nun aber auch hinzufügen: Die RCT hatte sich, das ist ja gerade mit den präzisen Theorien, vorher auch strikt festgelegt. Und eben nicht alles offengelassen, damit der Fall möglichst ungestört entfalten sich kann. Denn nur dann, wenn man sich vorher festlegt, kann etwas danebengehen. Nur dann! Und nur daraus lernen wir! Sagt Popper. Der Gottseibeiuns. Es ist das Konzept des Informationsgehaltes, wonach eine Theorie umso aussagekräftiger – und im Bewährungsfall praktisch brauchbarer! – ist, je höher das Risiko des Scheiterns ist, sie sich aber dennoch im Test bestätigt. Soweit man sehen kann, ist das Konzept des Informationsgehaltes in der interpretativen Soziologie unbekannt oder wird als belanglose bzw. unangemessene Verengung angesehen, aber es ist ein Kern der analytisch- empirischen Methodologie. Die Drei hatten das in ihrem Gespräch ganz zu Anfang irgendwie schon auch wie Popper gesehen: Man braucht vorab Theorien, um überhaupt etwas Interessantes zu finden, was dann aber auch ganz anders sein könnte als gedacht. Aber das kann auch ein Missverständnis gewesen sein.

Was aber nun? Denn wir wollen ja aus den Vorhaltungen herauskommen. Vielleicht das: Es geht mit der Ankündigung der Möglichkeit einer Bestrafung den Akteuren nicht mehr um eine Situation des rationalen Egoismus, auch nicht bloß mehr um eine Angelegenheit jener milden Mitmachkultur, wie man sie in einem Tierschutzverein oder bei evangelischen Kirchengemeinden findet, sondern um das gedanklich-kulturelle Modell der »Reziprozität«: Kooperationen werden ganz selbstverständlich mit Kooperationen erwidert, aber bei Abweichungen gibt es eine ebenso spontane, mitunter auch: gnadenlose und selbstschädigende Vergeltung. Jeder kennt das von den Warteschlangen etwa an der Aldikasse, vor einspurigen Baustellen auf der Autobahn oder auch beim Einchecken zu den Malediven in der Vorhölle eines Großflughafens: Wer sich vordrängt, wird manchmal fast erschossen. Kurz: Mit der allein sprachlich angezeigten Möglichkeit der Bestrafung verändert sich, noch vor jeder tatsächlichen Vergeltung, nicht nur das »gemeinsame Wissen«, sondern es wird die ganze Situation anders »definiert«, mitsamt der kompletten Nutzenfunktion und allem, was daran hängt. Das Thomas-Theorem eben, das alte gute. Die Rational Choice Theorie kennt es nicht, und wenn man damit kommt, hört man gleich: Sprache? Symbole? Kommunikation?, »Definition der Situation«? – nichts da: Alles nichts als »cheap talk«. Und man steht dann da. Als Soziologe. Mit wenig mehr als klugem Geschwätz, in der Tat. Oder doch nicht?

Das Thomas-Theorem und die Vorstellung, dass sich die Sinnstrukturen der Lebenswelt mitunter drastisch und schon bei kleinsten, eigentlich materiell vollkommen irrelevanten Hinweisen ändern und geradezu umschlagen können, Kopftuch, Nudel an der Nase, kleine Versprecher zum Beispiel, sind ein Kern des interpretativen Paradigmas im- mer gewesen, und insbesondere Alfred Schütz, einer der unumstrittenen Päpste der phänomenologisch- verstehenden Soziologie, hat die Beziehungen dieser manchem eher irrational erscheinenden Vorgänge zur rationalen Wahl, die natürlich auch ein gewichtiger und oft genug sogar dominierender Teil des Alltagslebens ist, mit am deutlichsten ausgearbeitet. Es ist, kombiniert mit Lehren aus Garfinkels Krisenexperimenten und Goffmans Studien u.a. zur Rahmung des Alltagshandelns und der strategischen Präsentation des Selbst, ein früher Versuch zur sog. Dual-Process-Theory, wie sie in der kognitiven Psychologie inzwischen gut belegt und etabliert ist und wo sich jetzt sogar einige aus dem Rational-Choice-Lager daranmachen, sie einzuverleiben. Dazu aber gehört, dass man alles nicht immer nur wieder neu anfangen und beschreiben muss, sondern auch einmal theoretisch-verallgemeinernd weitergehen sollte. Nämlich: In präzisen wissenschaftlichen Modellen des rationalen wie irrationalen Verhaltens, in wie Schütz es nennt: »rationalen Konstruktionen von Modellen menschlichen Verhaltens«, darunter dann auch »Konstruktionen von Modellen rationalen Verhaltens« (Schütz 1971a: 50f.), wie es das die Rational Choice Theorie und die darauf fußende Spieltheorie wenigstens sind. Genau das aber will (oder kann?) die hermeneutische Soziologie nicht, wie das Gespräch der Drei oben wieder einmal gezeigt hat. Außerdem, so bekommt man gerade von jenen zu lesen und hören, die Schütz eigentlich kennen müssten, wäre das immer eine kausale Theorie, aber gerade so etwas wie die »Definition der Situation« entzöge sich jedem analytisch- kausalen Zugriff. Es gehe halt eben um Kultur und Symbole und die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit, und dafür gebe es nur begriffliche Systematisierungen und abduktiv konvergierende Fallbeschreibungen. Mehr sei weder nötig, noch möglich und eigentlich auch sinnlos. Und womöglich sogar ein Schaden für die Soziologie. Eine bemerkenswerte Konstellation also: Es gibt mit der Rational Choice Theorie eine »rationale Konstruktion – »2. Ordnung« – des menschlichen Verhaltens« mit hohem Informationsgehalt, aber eine doch auch in wichtigen Bereichen nur partiell anwendbare, weil sie Phänomene der Definition der Situation und der Wirkung von Symbolen auf das, was in den Konstruktionen »1. Ordnung«, den Vorstellungen der Subjekte als »rational« zu gelten hätte, vom Konzept her nicht kennt. Und es gibt ein soziologisches Paradigma, für das dies gerade die Grundlage bildet, aber in ihren Konstruktionen – »2. Ordnung« – jede »rationale « theoretische Modellierung, Präzisierung und kausale Erklärung als unangemessen und verengend ablehnt, das interpretative nämlich.

Was nun? Die Lösung liegt auf der Hand: Eine analytisch-empirische Kausal-Theorie, in der sowohl Elemente der RCT wie solche des interpretativen Paradigmas vorkommen und in der das Wechselspiel zwischen rationaler Entscheidung und der symbolischen Definition der Situation geklärt ist, möglichst auch formal präzisiert. Für diese Kombination läge alles schon sozusagen auf der Straße. Man muss sich nur ein wenig umsehen, bei der kognitiven Psychologie und der Sozial-Psychologie insbesondere. Vorgänge wie Mustererkennung, Kategorisierung, Typisierung und die »kommunikative Konstruktion« von kollektiv geteilten, aber nicht immer auch »objektiven« Überzeugungen oder der Wechsel von spontan-automatischen Reaktionen zu überlegter, auch »rationaler« Wahl sind, etwa in Teilen der Dual-Process-Theory, der Einstellungstheorien und der Theorie der sozialen Gruppen empirisch schon lange untersucht und theoretisch systematisiert worden. Und der Grundvorgang bei alledem, die typisierende Mustererkennung und Kategorisierung, den die Rational Choice Theorie aller Schattierungen nicht kennt, lässt sich mühelos auch wieder, wie das Handeln nach »guten Gründen«, in der Logik des HOSchemas modellieren, etwas, was man im interpretativen Lager wohl für abwegig halten würde.

Das wollen wir doch noch zeigen, sonst glaubt es wieder keiner. Drei Aspekte sind dabei speziell wichtig: Die über Sozialisation erzeugte mentale Zugänglichkeit eines kulturellen Deutungsmusters D für eine bestimmte, symbolisch angezeigte Situation S; die mentale Verknüpfung des kulturellen Deutungsmusters D mit einem in diesem Rahmen als »angemessen« angesehenen Handeln H, und das tatsächliche Vorliegen der Situation S, angezeigt durch die symbolisch damit assoziierten Objekte. In etwas vereinfachter Form könnten das entsprechende (allgemeine) kausale Gesetz und das gesamte HOSchema für die Erklärung eines Handelns H auf der Grundlage einer Situationsdeutung D dann so als HO-Schema geschrieben werden:

Für alle Akteure gilt: Wenn ein Akteur für eine Situation S das Deutungsmuster D gespeichert hat, wenn er glaubt, dass darin das Handeln H angemessen ist und wenn die Situation S tatsächlich vorliegt, dann definiert er S nach D und handelt nach H.

A hat für die Situation S das Deutungsmuster D gespeichert.
A hält innerhalb von S das Handeln H für angemessen.
Die Situation S ist vorhanden.
________________________________________________________
A definiert die Situation als S nach D und handelt entsprechend nach H.

Es kommt hier wieder nicht auf die Einzelheiten und denkbaren Verfeinerungen an, sondern nur darauf, ob sich auch eine strikt kulturalistische Variante der Konzeption von Sinn und Verstehen auf das kausale Erklärungsschema beziehen lässt oder nicht. Und das ist ohne Zweifel der Fall. Auch die Aktivierung von Deutungsmustern und Typisierungen über symbolische Hinweise, die in ihrer Gesamtheit die jeweilige »Kultur« eines Kollektivs ausmachen, lässt sich, wie man sieht, nach den Regeln des Hempel-Oppenheim- Schemas erklären, ebenso wie auch deren Entstehung: die Ausbildung von Erwartungsstrukturen und symbolischen Assoziationen über Prozesse des Lernens bzw. der Internalisierung. Wie beim Verstehen nach »guten Gründen« ist auch ein Verstehen nach Deutungsmustern, also nach den Schützschen »Konstruktionen 1. Ordnung« der Akteure, letztlich nicht ohne Bezug auf allgemeine Gesetze der Handlungsgenerierung (als Teil der das erklärenden »Konstruktionen 2. Ordnung«) möglich.

Für den aus der Sicht der Kulturwissenschaften so besonders wichtigen und signifikanten Fall der Deutungsmuster wäre vor diesem Hintergrund etwa so etwas wie das Modell der Frame-Selektion ein analytisch-empirisches Instrument (vgl. zu den Einzel- Für alle Akteure gilt: Wenn ein Akteur für eine Situation S das Deutungsmuster D gespeichert hat, wenn er glaubt, dass darin das Handeln H angemessen ist und wenn die Situation S tatsächlich vorliegt, dann definiert er S nach D und handelt nach H. heiten und Unterschieden noch einmal, auch im Vergleich zur Rational Choice Theorie: Esser 2018: Abschnitt 5, 13-16). Fragen wie die interaktive Strukturierung von Geschlechts- oder Körperwahrnehmungen, die Konstruktion von Konsens(-fiktionen) in unklaren Situationen wie bei den Ärzten, mit denen es TL, HGS und GV zu tun hatten, bei der Unruhe in einem astrophysikalischen Labor, ob die Kritzeleien des Messgerätes den vermuteten Pulsar wirklich anzeigen oder die Mäuse doch wieder mal ein Kabel durchgebissen haben, oder die Minimierung der Anwesenheit im Fahrstuhl oder in der Sauna könnten damit ganz anders beantwortet werden als nur entweder in typisierender Rekonstruktion eines Vorgangs der interaktiven Konsens- oder Macht-Konstruktion oder nur als Folge strategischer Interaktionen, bei denen nur Nutzen, Kosten und Erwartungen zählen. Beides gibt es, und beides sowohl automatisch-spontan wie rational-kalkulierend, und das Modell der Frame Selektion sagt, was wann warum. Und das nicht nur »obendrein« im Rahmen einer veritablen Kausalerklärung. Phantasievoll und gebildet beschreiben kann zwar nicht jeder, aber weiter helfen tut die bloße »Phänomenologie« bei Weitem nicht, wenn man wissen will, nicht nur »wie«, sondern schließlich einmal auch: »warum« das alles geschieht.

Eine solche Verbindung von Sinn, Verstand und Kausalität ist für viele inakzeptabel, hier wie dort, und bei den jeweiligen Scharfmachern erst recht. Die einen, weil sie nichts als ihre angebetete Rational Choice Theorie kennen und gelten lassen wollen, die anderen ihre so griffigen Konzepte und bunten Metaphern von der symbolisch-kommunikativen Konstruktion ganz mannigfacher Wirklichkeiten. Manche verwahren sich daher dagegen, gewiss nicht ohne verstehbaren Grund, aber geraten gelegentlich auch geradezu in einen Blutrausch und reagieren ohne Sinn und Verstand, wenn sie sich damit auseinandersetzen (müssen). Man soll sie getrost beim Namen nennen, damit man es selbst nachlesen kann, denn der Kritische Rationalismus verlangt die offene Auseinandersetzung als Teil der Wahrheitsfindung. Für die Rational Choice Theorie etwa Braun und Gautschi in der Zeitschrift für Soziologie von 2014 oder Opp im Sonderheft 50 der Kölner Zeitschrift von 2010 und neuerdings (2017) noch wieder in der Festschrift für Andreas Diekmann. Und für die interpretative Soziologie, von der aus viele zwar kritisch, aber meist differenzierend und eher freundlich ausweichend reagiert haben, in einer besonders aufschlussreichen Weise Endress in dem von Rainer Greshoff und Uwe Schimank 2007 herausgegebenen Band »Integrative Sozialtheorie«: »Insgesamt stellt sich (mit dem Vorschlag des Modells der Frame Selektion im Zusammenhang der zur Debatte stehenden Integration der Sozialtheorie; HE) … nicht zufällig der Eindruck konzeptioneller Ambivalenz ein: Esser hat sich mittlerweile so weit zur Einsicht in die hermeneutische Strukturierung der soziologischen Gegenstandsperspektivierung vorgearbeitet, dass ihm sein ursprünglicher Ansatz mit einem Erklärungsprofil im Sinne der analytischen Wissenschaftstheorie (HO-Schema) bei dessen konzeptioneller Umsetzung faktisch markant ins Gehege kommt. So bricht im Gesamtzusammenhang von Essers Soziologie an inzwischen zahlreichen Stellen eine strukturelle Ambivalenz zwischen – wie wir sagen können – wissenssoziologischer Imprägnierung und kausalanalytischem Denken auf. Und in diesem Sinne sitzt Esser nun zwischen allen Stühlen, da seine hermeneutisch vertieften Gegenstandsperspek- tivierungen mit dem analytischen Potential eines deduktiv-nomologischen Erklärungsschemas konzeptionell nicht mehr aufgefangen werden können.« (Endress 2006: 183)

Klare Worten helfen den Nebel zu lichten. Und in der Tat: Das »zwischen den Stühlen« mag schon sein. Aber es ist unvermeidlich, wenn man seine, oft zufällig mit dem Studienort eingelebten Festlegungen und die geschlossenen Gesellschaften der dazu passenden Paradigmen verlassen will, weil es ganz offenbar das bremst, was Wissenschaft in ihrem Kern soll: Weiter kommen. In der Wahrheitsfindung. Obwohl man weiß, dass alles unsicher bleibt. Ob der Vorhalt der paradigmatischen Marginalität und Entfremdung von eingelebten Fachroutinen ein Argument gegen die Brauchbarkeit eines theoretischen Modells ist, sei hier nicht weiter besprochen. Wissenschaft ist auch eine Sache der einsamen Anstrengung, wenngleich gewiss nicht nur. Aber die Aufregungen sind schon verständlich: Wenn man nur die eine kleine Kartoffel hat, ist gleich alles verloren, wenn es doch anders wäre als geglaubt und was man sich in den kommunikativen Konstruktionen der Paradigmengemeinschaften immer wieder neu gegenseitig bestätigt hat. Die Soziologie ist nun einmal ein Mehrkampf. Sie verträgt eine saubere Arbeitsteilung in spezielle Funktionen und Sonder-Methodologien nicht gut, und erst recht nicht die segmentäre Differenzierung in einer nur formal integrierten Fachorganisation. Gerade wegen der elementaren Vielschichtigkeit ihres Gegenstandes verlangt sie immer ein gewisses Multi-Tasking in den untersuchten Inhalten und konkreten Techniken und ein übergreifendes System an allgemeinen Kriterien, über das sich die Vorgehensweisen und die Ergebnisse erst vergleichen und auch bewerten lassen. Und wenn man diesen übergreifenden Rahmen nicht teilt, dann wird es eben schwierig. Und zwar: Grundlegend. Die Aufregungen über solche Zumutungen sind schon verständlich. Sie sind eine soziologisch wohlbekannte Reaktion auf die vielen anderen Verunsicherungen in einer sich rasch ändernden Welt. In der wohl allseits bekannten religionssoziologischen Fallstudie von Festinger et al. über die Reaktionen einer Sekte als der prophezeite Weltuntergang doch nicht eintrat – »When Prophecy Fails« – kann man es in dichter Beschreibung nachlesen, aber auch finden, wie es erklärt werden könnte. Kausal nämlich, und präzise, nachprüfbar und theoriegeleitet. Soweit das seinerzeit möglich war.

Es sei aber noch ergänzt, dass (erst) mit der »strukturellen Ambivalenz« des Modells der Frame Selektion sichtbar wird, wie erheblich daneben der so oberlehrerhafte Verweis auf Parsons bei Fehr und Gintis in der Annual Review of Sociology von 2007 war: Sie hatten aus dem auch imperialistisch verengten Tunnelblick ihrer RCT einfach übersehen, dass Parsons keineswegs nur von der »Internalisierung« sozialer Motive gesprochen hatte, die man locker der Nutzenfunktion anfügen könne. Sondern dass zum grundlegenden »Unit Act« neben dem Akteur und dessen Zielen und den Bedingungen und Mitteln die Notwendigkeit einer vorab bestehenden und bindenden »normative orientation« gehört, was nichts anderes als die »Definition«, eine »Festlegung« der Situation also, bedeutet, und zwar durch die kategorisierende Identifikation kultureller Muster, die die Situation rahmen und die relevanten Ziele und die in diesem Rahmen erst sinnvollen Mittel bestimmen. Wie bei der, wenn man es weiß, absolut sinnhaft handelnden und darin gar nicht so irrationalen Haushälterin von Thomas Luckmann. Alfred Schütz hätte noch hinzugefügt: »Bis auf Weiteres«. Das gilt für die Anwendung des Modells der Frame Selektion auch. Denn die Sequenzen der Lebenswelten und der Systeme gehen nach einer ersten »Definition« weiter: Die anderen reagieren und zeigen damit an, wohin der Hase nun wohl läuft. »Und so weiter« würde Alfred Schütz sagen.

 

4 Noch was!

 

Soweit das erst einmal. Die Absicht bei dem Beitrag war eine zweifache. Erstens: Zu erläutern und zu begründen, warum eine (strikt) analytisch-empirische Soziologie für alle Varianten an theoretischen Ansätzen und empirischer Forschung offen sein muss und diese darin einen vollkommen unbestreitbaren Platz finden können und vielleicht sogar aktiv besetzen sollten, nicht nur weil sie, wie schon gesagt, für viele Angelegenheiten einer lebendigen Soziologie über möglichst alle Facetten der Gesellschaft unentbehrlich sind. Selbstbewusste Konkurrenz belebt das Geschäft, der selbstzufriedene Rückzug in die jeweiligen Fachfamilien schläfert ein – bis dann unverhofft ein – angekündigter! – Weckruf kommt. Aber auch, zweitens, dass dafür als – einzige! – Voraussetzung schon gelten sollte: Die wenigstens grundsätzliche Unterstützung der Kriterien der theoretischen Präzision und der systematischen empirischen Prüfung auf der Grundlage der Annahme der Möglichkeit (und gesellschaftlichen Bedeutung) von Kausalerklärungen, die Vorstellung einer auch kumulativen Forschung und – soweit das geht – die der Möglichkeit und Bedeutung der Wahrheitsannäherung in einem gemeinsamen Projekt der Soziologie. Nicht alle müssen diesen Weg gehen, gewiss nicht, und jede(r) kann bleiben oder gehen wo und wohin er/sie will. Aber wer diese, doch recht weiten und ja eigentlich auch nicht anrüchigen oder bedrängenden Ziele teilt oder sich vielleicht sogar ganz selbstbewusst den Vorgaben der analytisch empirischen Soziologie stellen mag, ist immer willkommen. Es gäbe viel zu tun. Und kostet – als assoziiertes Mitglied zumal – nicht viel. Man sollte das, was hier und da auch schon geschehen ist, auch nicht als ein womöglich doch etwas vergiftetes Angebot verstehen. Darauf warten die Extremisten beider Seiten ja wohl nur: Die einen wirklich, die anderen in der Hoffnung, dass die es wirklich meinen. Vielleicht hilft ja auch hier noch einmal Alfred Schütz mit seiner Unterscheidung von den Konstruktionen erster und zweiter Ordnung: Die Sozialwissenschaften, gleich welcher Art, haben es, darin anders als die Naturwissenschaften (meist), letztlich immer mit handelnden Subjekten und deren inneren Vorstellungen und mentalen Modellen zu tun, deren Inhalt und »Sinn« zu kennen und zu verstehen eine unerlässliche Bedingung jeder angemessenen Analyse und Erklärung des Sozialen ist. Diese inneren Vorstellungen und Bereitschaften bilden dann einen zentralen Teil der von den (Sozial-)Wissenschaftlern konstruierten theoretischen Modelle, aber nicht den einzigen. Nämlich den hier: »Dass … jedes empirische Wissen Entdeckung in Prozessen kontrollierten Schließens impliziert, dass es in Aussagesätzen formulierbar und durch jeden verifizierbar sein muss«, sowie » … dass ›Theorie‹ in allen Wissenschaften die explizite Formulierung bestimmter Beziehungen in einer Variablenmenge bedeutet, in deren Rahmen eine ausgedehnte Klasse empirisch bestimmter Regelmäßigkeiten erklärt werden kann.« (Schütz 1971b, S. 59; Hervorhebungen nicht im Original; HE)

Deutlicher lässt es sich kaum sagen: Es geht nicht nur mit der phänomenologischen Beschreibung und begrifflichen Etikettierung von Alltagstheorien und Weltentwürfen der Subjekte in ihren sozialen Beziehungen, aber auch nicht allein mit präzisen Modellen und systematischer empirischer Prüfung sozialer Zusammenhänge ohne jeden »Sinn«. Beides gehört in der Soziologie zusammen. Sagt Alfred Schütz. Es steht im Gründungsaufruf, in der Satzung und in den Grundsätzen der Akademie für Soziologie nicht anders.

Im Übrigen ist die Gründung der Akademie für Soziologie nicht die erste Ausdifferenzierung gesellschaftswissenschaftlicher Organisationen gewesen. Die DGS selbst war es, die sich 1909 neben den bis dahin dominierenden »Verein für Socialpolitik« ausgegründet hat. Und auch aus ihr selbst haben sich neue Vereinigungen gebildet, keineswegs zu ihrem Nachteil, weder der DGS und noch der Soziologie als Fach. Die hatte(n) später ganz andere Probleme noch. Aus ganz anderen Gründen. Man kann es auf der Homepage der DGS unter der Rubrik »Geschichte« in einem sehr lesenswerten Beitrag von Wolfgang Glatzer nachlesen. Zu erwähnen wäre hier gewiss auch noch die Rolle von Max Weber: Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der DGS im Jahre 1909 und trat 1914 wieder aus. M. Rainer Lepsius hat Webers Verhältnis zur Soziologie und zur DGS in einem auch sonst noch höchst bemerkenswerten Beitrag, auch auf dem Eintrag »Geschichte « in der DGS-homepage zu finden, so beschrieben: »Sein (Max Webers; HE) Engagement in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ist auch deswegen bemerkenswert, weil er überaus skeptisch gegenüber der Soziologie war. Er sah in ihr einen Tummelplatz von Dilettanten, noch keine Disziplin mit klarem methodischem Selbstverständnis. Seine Einstellung fasste er in seinem Brief vom 5. Juni 1918 an das österreichische Kultusministerium zusammen: ›Der Anregung eines Kollegen, vollends das Ordinariat (auf das Weber berufen werden sollte, R.L.) in ein solches für Gesellschaftslehre umzuwandeln, könnte ich nur durchaus ablehnend gegenüberstehen. Dies Fach ist noch viel zu hybrid, um als Lehrfach eines Ordinarius und vollends als Prüfungsfach (was dann die Folge sein würde) konstituiert werden zu können, oder auch nur zu dürfen‹ (demnächst in Weber 2011). Erst 1919 bezeichnete er sich selbst »primär als Soziologen « und wollte der überarbeiteten Fassung seines Beitrages zu Wirtschaft und Gesellschaft im Grundriß der Sozialökonomik den Titel Soziologie geben. Bei der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sah er seine Aufgabe vor allem darin, strenge Kriterien aufzustellen, die dafür sorgen sollten, »daß nicht ›gequatscht‹ wird und nur Berufene reden« (Weber 1994: 114). Insbesondere in dem Mitbegründer, Rudolf Goldscheid, sah er einen Gegenpol, da dieser für populäre Vortragsveranstaltungen eintrat; Weber hielt ihn für einen ›Spektakel- und Reklamemacher‹.« (Hervorhebungen bei R.L.; H.E.)

Literatur

Endress, Martin (2006): »Zwischen den Stühlen – Zu Hartmut Essers Versuch einer Rekonzeptualisierung von »Sinn« und »Kultur« im Gespräch mit »Rational Choice« und Max Weber«. In: Greshoff, Rainer/Schimank, Uwe (Hrsg.): Integrative Handlungstheorie? Esser-Luhmann-Weber. Wiesbaden 2006: Springer VS, S. 157-186.

Esser, Hartmut (2018): »Sanktionen, Reziprozität und die symbolische Konstitution einer Kooperations- »Gemeinschaft«. Ein theoretischer Vergleich und empirischer Test von Rational-Choice-Theorie und dem Modell der Frame-Selektion anhand von Befunden und Daten aus der experimentellen Spieltheorie zur Erklärung der Bereitstellung von Kollektivgütern«. In: Zeitschrift für Soziologie 47(1), S. 8-28.

Fehr, Ernst/Gächter, Simon (1999): Cooperation in Public Goods Experiments. Working Paper 10. Institute for Empirical Research in Economics. University of Zürich.

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