"Der Bildschirm ist mir immer zu klein"

Paula-Irene Villa Braslavsky im Gespräch mit Wibke Liebhart

Was am Schreiben fällt Ihnen schwer?

Ich finde akademisches Schreiben generell ziemlich mühsam. Es fällt mir schwer, zum einen, weil sich dabei eine ungeheure Intensität entfalten kann, zum anderen, weil es eine serielle Tätigkeit ist. Das heißt, ich muss etwas in eine serielle Gestalt bringen, das für mich überhaupt nichts Serielles ist: Denken, Erkenntnis, Argumentation, Auseinandersetzung mit Wissen. Beim Schreiben muss immer ein Wort auf das nächste folgen, ein Satz kommt nach dem anderen. Dadurch entsteht ein Druck zu einer linearen Form, die mir zuwider ist, weil sie nicht dem entspricht, wie ich denke und wie ich argumentieren möchte. Das widerstrebt mir, weil es meine Lust an der Erkenntnis auch nicht widerspiegelt. Das Schreiben nötigt mir also eine mich befremdende Form auf. Das ist aber zugleich die Stärke des Schreibens, diese Befremdung und die Äußerlichkeit. So ein Korsett kann eben auch etwas Stützendes sein, etwas, das einen trägt, in dem eine Position eingenommen wird. Schreibkonventionen helfen auch, nicht jedes Mal neu überlegen zu müssen, was jetzt das nächste Wort sein soll.

In den letzten Jahren befinde ich mich, was das Schreiben angeht, in einer interessanten Umbruchs- oder Veränderungsphase. Weil ich angefangen habe, auch ab und zu fürs Feuilleton zu schreiben. Das hat sich – nicht ausschließlich, aber wesentlich – aus Facebook entwickelt. Ich kommentiere dort vieles von dem, was ich teile. Das heißt, ich schreibe auch mal längere Texte auf Facebook, einen kritischen Kommentar, eine Anekdote, halte eine Beobachtung fest. Auf Facebook findet ‚Schreiben unter Beobachtung' statt. Damit meine ich, dass ich dort immer für ein und mit einem Publikum schreibe, das quasi in Echtzeit reagiert und mit dem ich dadurch im Austausch bin. Schreiben ist dann Kommunikation, das ermöglicht mir was. Irgendwann haben mich Leute darauf angesprochen und gefragt, ob ich eine solchen Facebook-Eintrag nicht zu einem Artikel für eine Tages- oder Wochenzeitung ausbauen will. Und bei der Arbeit an solchen Hybriden – aus der Wissenschaft heraus, aber ins Feuilleton hinein – habe ich die Erfahrung gemacht, dass Schreiben nicht zwangsläufig anstrengend und schwerfällig ist, sondern dass es auch ein Bedürfnis sein kann, dass es sogar Spaß macht und bisweilen einen Sog entwickelt; ‚es will geschrieben werden‘. Das kenne ich im rein akademischen Schreiben nicht, da ist es dann Arbeit – was ich auch in Ordnung finde. 

 

Können Sie einen Text nennen, der Ihnen wirklich am Herzen lag, der Ihnen beim Schreiben unter den Nägeln brannte?

2017 hat Saša Vukadinović in der Emma einen Beitrag gegen die Gender Studies geschrieben, der mit „Der Sargnagel des Feminismus“ betitelt war.[1] Der hat mich sehr betroffen gemacht, sodass ich wie im Fieber eine Replik geschrieben habe; ich konnte nicht mehr loslassen, nicht mehr aufhören, ich habe auch nicht mehr gegessen, bin nicht mehr rausgegangen, habe um mich herum alles ausgeblendet. Diese Reaktion in Textform habe ich letztlich aufgesetzt, ohne zu wissen, für wen ich den Text eigentlich schreibe.[2] Aber ich wusste, ich muss ihn unbedingt verfassen. Ich muss das sagen. Der Text hatte eine wirkliche Repräsentationsfunktion: Das bin ich, das sind meine Gedanken, das ist das, was ich sagen will und muss. Der Text ist auch ein bisschen eigenartig, weil er sich Satz für Satz einschreibt in den Artikel von Vukadinović. Ich habe ihn einfach Absatz für Absatz kommentiert. Es war ein extrem eindrückliches Erlebnis, das hat mich richtig mitgenommen und überwältigt. Es gibt noch ein paar Texte, die ich sehr mag, weil sie eine innere Wahrheit formulieren, zum Beispiel der im Kursbuch: „Bildungsvignette“.[3]

 

Bei der Vukadinović-Replik konnten Sie offenbar gar nicht anders als zu schreiben. Fällt es Ihnen sonst eher schwer, mit dem Schreiben zu beginnen?

Ja, bis ich mich auf das Schreiben einlasse, ist immer ganz viel anderes wichtiger. Deshalb bin ich auch eine ziemlich säumige Autorin – es gibt ja auch immer viel zu tun, viel anderes zu schreiben: Gutachten, Lehrkonzepte, Vorträge, Anträge, E-Mails. Aber das Aufschieben von wissenschaftlichen Aufsätzen geht mit sehr viel Zerknirschung, viel innerem Stress einher. Meistens kriege ich schließlich noch die Kurve. Darauf kann ich mich mittlerweile einigermaßen verlassen. Ich gehe mit Texten immer eine Zeitlang gedanklich schwanger, das ist der erste Schritt; ich denke anstehende Texte mit –  beim Kochen oder beim Sport machen, beim Lehren, wenn ich Freund_innen treffe, im Theater oder bei Sitzungen in der Uni. Wenn ich dann weiß, was die Pointe oder die These sein soll, wenn ich merke, da ist jetzt echte Neugier, eine Idee oder ein Einstieg, dann bekomme ich die nötige Zuversicht und mehr Lust, mich hinzusetzen, und mit dem Schreiben anzufangen.

 

Haben Sie Routinen oder Rituale, die Ihnen den Anfang erleichtern?

Ja. Ich brauche eine aufgeräumte Wohnung und Ordnung auf dem Schreibtisch. Der Prozess des Schreibens ist eine ritualisierte Form der Generierung von Unordnung: Rechts von mir liegen die Bücher und Kopien, die ich für diesen Text brauche, links steht der Tee und vor mir der Rechner. Während ich schreibe, produziere ich von rechts nach links eine Art von Unordnung, die mich eben nicht beunruhigt, sondern die mir gefällt, mir zusagt, weil sie etwas Organisches hat. Ich tue das nicht absichtsvoll, doch es läuft immer so. Am Ende ist eine enorme Genugtuung, das Chaos wieder aufzuräumen, nachdem der Text geschrieben und weg ist. Das ist so eine Art Abschlussritual für mich.

Früher habe ich ganz viel am Schreibtisch geraucht. Obwohl ich schon vor sechs Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe, finde ich es immer noch schwer, ohne Zigaretten zu schreiben. Für mich war das ein unmittelbarer, schneller Genuss und eine ganz praktische Form der Distanznahme. Dadurch musste ich mich beim Schreiben nicht so ernst nehmen; gleichzeitig fühlte ich mich dem Schreiben weniger ausgeliefert.

 

Woran liegt es, dass Sie sich dem Schreiben so ausgeliefert fühlen?

Schreiben hat, wie ich ja schon bekannt habe, für mich diese besondere Intensität. Außerdem hat es eine ganz starke Eigendynamik, so etwas wie eine Eigenproduktivität. Ich liebe es, wenn ich überrascht werde von dem, was ich schreibe. Dann schreibt es sich, könnte man sagen. Leider hat keine andere Form des Ausdrucks einen solchen Eigensinn wie das Schreiben – das Beobachten nicht, das Notizen-anlegen nicht, das Reden manchmal, aber anders und oft auch gar nicht. Leider, weil ich eigentlich ein mündlicher Typ bin, also intuitiv viel näher am Sprechen als am Schreiben. Geben Sie mir drei Stichpunkte und ich produziere aus dem Stand eine mündliche Stellungnahme, die sich einigermaßen eloquent anhört, auch wenn ich manchmal zum Schwafeln neige. Wenn es am Computer nicht läuft, gehe ich tatsächlich so vor, dass ich ich den Text einspreche und ihn anschließend abtippe. Dabei entsteht durchaus auch der Eigensinn des Schreibens, weil ich das Gesprochene anschließend schriftlich bearbeite.

Andererseits muss ich die extreme Intensität, die sich bei der Arbeit an einem Text entwickeln kann, bisweilen zum Beispiel mit Musik abmildern, damit ich mich selbst und das Schreiben nicht so wichtig nehme. Dadurch kriege ich ein wenig Distanz und kann mich und den Text quasi beobachten. Früher hatte das Rauchen die gleiche Funktion. Mittlerweile hilft mir auch Facebook. Das läuft bei mir fast immer am Schreibtisch mit, das ist wie ein Großraumbüro. In meiner Blase auf Facebook sind viele in der gleichen Situation: Sie befinden sich in ganz unterschiedlichen Phasen, aber die meisten arbeiten journalistisch, feuilletonistisch oder wissenschaftlich. Wir sitzen an unseren Schreibtischen und teilen auf Facebook unseren Alltag – das ist total gut. Aber manchmal ist es auch nervig oder es lenkt doch zu sehr ab. Wie ein Büro eben.

 

Haben Sie denn in Ihrem Umfeld oder auch darüber hinaus Autorinnen oder Autoren, die Sie inspirieren?

Barbara Duden ist eine Autorin, die ich als Kollegin auch sehr gut kenne, mit der ich lange zusammengearbeitet habe, und die ich wertzuschätzen gelernt habe, auch im Streit und über starke inhaltliche Differenzen hinweg... Zum Glück geht es ihr genauso, sie respektiert und mag mich, findet  aber meine wissenschaftliche Arbeit zugleich ganz schlimm, ganz falsch. Ihre Texte sind toll geschrieben, reich an originellen Gedanken, sehr belesen, intellektuell und zugleich verständlich, zudem ausgesprochen eigensinnig. Sie hat eine wirklich eigene Stimme, mit der sie ein breites Publikum anspricht und erreicht.

Mein Münchner Kollege Armin Nassehi verfügt über eine geradezu unheimlich klare Sprache, sowohl im Schreiben als im Sprechen. Dank dieser Klarheit gelingt es ihm, komplexe Argumente und Bezugnahmen wirklich gut zu erklären; er schreibt so klar über Paradoxien und Ambivalenzen, das ist sehr beeindruckend.

Obwohl Judith Butler für viele der Inbegriff des schlechtesten, pseudointellektuellen Stils ist, halte ich sie, wie viele andere auch, für eine tolle Autorin. Allerdings kommt es auf den jeweiligen Text an. Sie kann sehr witzig und klar schreiben, das kann sehr anspruchsvoll und voraussetzungsreich sein. Weil ich aber, akademischen gesehen, im Grunde keine mäkelige Leserin bin, inspiriert mich ziemlich vieles.

 

Und welche Rolle spielt Lesen für Ihr eigenes Schreiben?

Lesen spielt für mich eine sehr große Rolle, das ist für mich ganz zentral. In der Vorbereitung auf das Schreiben verliere ich mich geradezu im Lesen. Ich gehe dann ganz in meinen Lektüren auf, gebe mich gewissermaßen den fremden Texten hin – allerdings auf eine eigenständige Art, das ist wichtig. Ich tauche ein, und kann zugleich beobachten, was ein Text mit mir, meinem Denken oder Wahrnehmen macht. Im zweiten Schritt systematisiere und destilliere ich das Gelesene zu Exzerpten, die ich beinahe rituell anfertige. Ich lege handschriftliche und durchaus auch grafisch gestaltete Notizen an, um meinen Gedanken eine Struktur zu geben. Das Resultat ist dann mein Destillat des durchgearbeiteten Textes. Interessanterweise merke ich häufig beim Schreiben, dass ich mich an diesen Destillaten relativ wenig orientiere. Andererseits ist völlig klar, wie unverzichtbar dieses Durcharbeiten gewesen ist, dass ich es gebraucht habe. Insofern ist Lektüre nicht nur wichtig, sondern das, wovon meine Texte wesentlich handeln, nämlich von anderen Texten in meiner Lesart.

Vor dem Schreiben werden meistens in einer Schreibkladde "grafisch gestaltete Notizen" erstellt. (Quelle: privat)

 

Und nach den Destillaten, wie läuft ein Textproduktionsprozess bei Ihnen dann weiter ab?

Ich brauche üblicherweise einen offenen Zeithorizont, sodass ich weiß, es gibt nach hinten raus keine Grenze. Erst dadurch wird es ein Setting, in das ich eintauchen kann. Das ist das größte Problem in meinem Alltag, denn solche Settings habe ich sehr selten. Und bevor ich überhaupt anfange zu schreiben, formatiere ich als erstes das Textdokument. Ich könnte nie einen Text anfangen, ohne die richtige Schrift, die richtige Seitenformatierung, den richtigen Zeilenabstand, die richtige Silbentrennung und die richtige Sprache eingestellt zu haben. Das dauert ungefähr zehn Minuten und erst danach geht es los. Meistens schreibe ich seriell, das heißt von vorne nach hinten, weil es mir schwerfällt, Texte, die in Teilen bereits geschrieben sind, noch einmal umzustrukturieren. Überhaupt kann ich eigene Texte, die gerade entstehen, ganz schlecht bearbeiten, dazu fehlt mir der hinreichende Abstand. Ich verheddere mich in meinen Sätzen. Eigentlich müsste ich den kompletten Text – in seiner ganzen Länge – auf einer Wand ausbreiten, um ihn quasi physisch verändern zu können, indem ich die einzelnen Absätze hin- und herschiebe. Der Bildschirm ist mir immer zu klein dafür.

 

Wenn es Ihnen selbst so schwerfällt, gibt es Personen in Ihrem Umfeld, die Sie bei der Bearbeitung Ihrer Texte unterstützen? Wie gehen Sie mit Feedback von anderen um?

Es gibt zwei oder drei Kolleginnen, die ich meistens spontan frage, ob sie gerade Zeit haben, sich einen Textteil schnell durchzulesen, wobei speziell eine Kollegin aus meinem Team für mich da besonders hilfreich ist. Diese Art von Input, während der Text entsteht, nicht erst, wenn er fertig ist, die ist sehr wichtig für die Struktur meiner Texte – weil ich sie selbst so schlecht umstrukturieren kann. Aus Zeitgründen übernehme ich meistens fast alle Korrekturen, was mir meine Mitarbeiterinnen an Kürzungen, Überarbeitungen oder Straffungen vorschlagen. Dem füge ich mich gerne, weil ich ihnen vertraue und weiß, dass meine Texte davon profitieren. Ich würde sagen, ich kann meine Texte gut loslassen und bin als Autorin überwiegend geschmeidig. Nur bei der Verwendung von Begriffen, da nehme ich es genau, da gibt es Diskussionen und Auseinandersetzungen – im besten Sinne natürlich. Wenn ich mich nicht täusche, gelte ich manchen als schwer zu lesende Autorin, die zu akademisch, mit zu vielen Einschüben schreibt. Doch das ist nun einmal mein Stil, den ich gelegentlich auch verteidige, weil ich eben genau so schreiben möchte. Und anderen gelte ich als gute Übersetzerin noch schwererer Texte, die finden mich dann sogar angenehm zu lesen. Tja, so unterschiedlich kann Text wirken.

 

Gibt es auf der anderen Seite etwas, in Ihrer Schreibpraxis oder Ihrem Schreibstil, das Sie noch erreichen wollen?

Oh ja, ich wünsche mir mehr Leichtigkeit im Schreiben, also einen stärker spielerischen Umgang damit. Früher haben mich noch viele andere Dinge nebenbei beschäftigt, ich war zum Beispiel mehr tanzen oder habe mir häufiger Serien angeschaut. Da konnte ich leichter sagen: „Es ist ‚nur‘ ein Text.“ Seit ich Professorin bin, bekomme ich das nicht mehr so gut hin. Ich nehme mich selbst viel zu ernst. Auf eine Art ist das Schreiben jetzt viel wichtiger, es hat mehr Gewicht. Gleichzeitig bin ich wegen meines Status viel sicherer und entspannter beim Schreiben, eben weil ich Professorin bin. Seit ich meine Promotionsurkunde in der Tasche habe, fühle ich mich als Autorin von Gewicht – um sehr frei nach Butler zu sprechen; seitdem habe ich weniger Selbstzweifel. Natürlich sind die Zweifel nicht verschwunden, aber sie haben sich verändert. Es geht nicht mehr darum, ob ich Soziologin genug bin, sondern um die Frage, ob das, was ich zu Papier bringe, gut oder originell genug ist. Offenbar kann beides zusammenkommen, dass ich einerseits verkrampfter und andererseits entspannter bin als früher.

 

Thematisieren Sie das Schreiben generell in der Lehre?

Ja, häufig. Allerdings finde ich, wir müssten uns noch mehr um das Schreiben kümmern, es möglichst allen beibringen. Mittlerweile ist Schreiben eine Kompetenz, über die man verfügen sollte, die man aber auch erlernen kann. Oft wird die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Genre unterschätzt, es ist häufig unklar, was Schreiben überhaupt heißt und welche Techniken anwendbar sind. Wenn es ums Schreiben geht, sind die Studis sehr unsicher. Da stellen sich viele Fragen. Zwar sprechen wir darüber, aber wahrscheinlich lasse ich sie mit diesen Problemen trotzdem zu sehr allein, schon weil in einem Fachthemenseminar einfach zu wenig Zeit für wissenschaftliches Schreiben bleibt. Ich lasse die Studis fast nie klassische Hausarbeiten verfassen, sondern Essays und Buchrezensionen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Damit habe ich richtig gute Erfahrungen gemacht.

 

Wie gehen Ihre Kolleginnen und Kollegen denn mit dem Thema „Wissenschaftliches Schreiben“ um?

Ich finde, es gibt in der Soziologie seit einiger Zeit eine starke Zweiteilung: hier eine eher naturwissenschaftliche Ausrichtung, da eine sehr geisteswissenschaftliche Orientierung. Dazu gehören auch sehr unterschiedliche Schreibstile und Kulturen. Die einen setzen auf Bücher und würden am liebsten eine Monografie bei Suhrkamp veröffentlichen, die gerne ohne Zusammenfassung des Forschungsstands und ohne Fußnoten auskommen darf. Die anderen schreiben ganz strategisch nur vorformatierte Aufsätze für Peer-Review-Journals – alles andere interessiert sie überhaupt nicht. In meiner Wahrnehmung ist diese Unterscheidung ziemlich stark, dazwischen gibt es immer weniger, auch sprachlich gesehen. Es gibt zudem einen deutschen Chauvinismus in der Soziologie, der daher rührt, dass die Klassiker fast alle auf deutsch geschrieben haben: „Am deutschen Wesen und der deutschen Sprache soll die soziologische Welt genesen.“ Das finde ich ganz schlimm. Umgekehrt gibt es eine Fetischisierung von Englischsprachigkeit, die sogenannte Internationalisierung, die natürlich nicht Spanisch, Italienisch oder Türkisch meint, sondern eigentlich nur Amerikanisch, allenfalls noch Britisch. Zu den Unterschieden zwischen den Schreibkulturen gehört auch eine materielle Seite, die sich in den Texten niederschlägt. Lese ich einen Aufsatz für eine internationale soziologische Zeitschrift, fällt mir häufig ein regelrecht schematischer Aufbau auf, wie man ihn aus den Naturwissenschaften kennt: Message, Hypothesis, Methods, Findings, Conclusion, Discussion. Manchmal kommt mir dieses Vorgehen zu simpel vor, manchmal finde ich es aber auch ganz interessant. „So kann man es also auch machen“, sage ich mir – warum auch nicht? Wie viele Kolleginnen und Kollegen begutachte ich eine Menge Texte, auch international. Dabei lerne ich sehr viel, inhaltlich, aber auch textästhetisch.

 

Findet ein Austausch zwischen den beiden „Lagern“ statt?

Nein, da herrschen eher wechselseitige Verspottung und Diffamierung. Ich würde sagen, es gibt insgesamt wenig Austausch über das Schreiben, generell wird darüber nicht viel gesprochen. Wenn ich einräume, dass ich mich mit dem Schreiben schwertue, finden viele Leute das Eingeständnis zwar überraschend – ich schreibe ja nicht gerade wenig –, vor allem aber bewundernswert und entlastend, denn sie müssen dann ihrerseits nicht bekennen, dass es ihnen in Wahrheit genauso geht. Zwar kommt es manchmal zu ausdrücklicher Zustimmung, aber meistens steht sie unausgesprochen im Raum.

 

Das heißt, Sie thematisieren Ihre Schreibschwierigkeiten oder -blockaden auch in professionellen Kontexten?

Ja, unbedingt! Sabine Hark und ich haben zusammen ein Buch geschrieben, „Unterscheiden und Herrschen“. Das war ein komplizierter, toller, vielschichtiger Schreibprozess, in dessen Verlauf ich starke Zweifel an unserer Herangehensweise bekam und nicht mehr weiterschreiben konnte oder wollte. Ich war wie gelähmt und habe ihr das auch so geschrieben. Meine Blockade hatte mit unseren inhaltlichen Differenzen zu tun, ich dachte, wir verstehen uns einfach nicht gut genug. In solchen Situationen ist Sabine Hark beeindruckend konstruktiv und diskussionslustig, woraufhin wir einen inhaltlichen Dialog entwickelt und geführt haben. Schlussendlich entstand auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung das letzte der insgesamt fünf Kapitel, die wir zusammen verfasst haben. Es ist ein Dialog, der unsere inhaltlichen Differenzen verdeutlicht und der deshalb sehr gut zur Stoßrichtung des Buches passt, weil das Kapitel unseren Slogan – in Differenzen und durch Differenzen hindurch – umsetzt. Tatsächlich ist aus unseren Differenzen – nicht nur in der Sache, sondern auch im Schreiben – ein Zwiegespräch entstanden, das unsere dialogischen Verhandlungen sichtbar werden lässt. Bei den Leserinnen und Lesern ist gerade dieser Teil des Buches besonders gut angekommen. Der Grund dafür wird sein, dass uns etwas gelungen ist, was ich als Übereinstimmung von Form und Inhalt bezeichne. Der Inhalt wird nicht einfach nur ausgebreitet, vielmehr materialisiert sich die Absicht, das Argument, die Pointe, die These, die Lesart in der Form des Textes selbst. So etwas passiert in anderen, eher literarischen Genres häufiger, in wissenschaftlichen Texten ist es in der Regel noch nicht einmal der Anspruch.

 

Ist damit auch ein Unterschied zum feuilletonistischen Schreiben benannt, wie Sie es in letzter Zeit für sich entdeckt haben?

Nein, im Feuilleton, würde ich sagen, geht es nicht um die Übereinstimmung von Form und Inhalt. Vielmehr steht hier Übersetzung an. Mit Beiträgen zum Feuilleton versuche ich, komplexe wissenschaftliche Forschung in Allgemeinwissen zu übersetzen – das ist dort mein Anliegen. Wenn ich für die taz oder die FAZ einen Artikel zu Care oder Gender aufsetze, dann tue ich das aus meiner themenspezifischen Kenntnis heraus. Und die entstammt wissenschaftlicher Forschung, die idealerweise nicht von vornherein anwendungsorientiert ist. Aber im Feuilleton schreibe ich dann eben nicht für eine Fachzeitschrift und ein Fachpublikum, sondern ich schreibe, um Leute davon zu überzeugen, dass es gerade politisch brennt und dass wir, um bei meinem Beispiel zu bleiben, alle mehr wertschätzen müssen, was Care bedeutet – ich schreibe, anders gesagt, normativ und mit akzentuiert politischer Relevanz. Je nachdem, ob ich meinen Alltag beobachte, empirisch forsche oder fürs Feuilleton schreibe, muss ich meine Normativität, die Dringlichkeit meiner Anliegen, meine Unmittelbarkeit rauf- oder runterdimmen. Immer stellt sich die Frage: Wie wichtig ist das Thema für wen auf welche Weise? Allerdings behalten die Themen und Gegenstände eine gewisse Komplexität, trotz meines Übersetzungsanliegens und meiner Übersetzungsleistung. Dass man es sich in keinem Fall zu einfach macht, darauf würde ich immer bestehen – sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch vor dem allgemeinen Publikum.

Fußnoten

[1] Der Emma-Artikel von Vojin Saša Vukadinović basiert auf dem Sammelbandbeitrag, „Antiimperialstischer Egalitarismus“. Akademisch-aktivistischer Beifall für globale Frauenverachtung und Schwulenhatz, in: Patsy L’Amour Lalove (Hg.), Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, Autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin 2017, S. 146–159.

[2] Paula-Irene Villa, The Sargnagel talks back: Eine Replik auf die “Emma“ [25.2.2020], in: Missy Magazin. Magazin für Pop, Politik und Feminismus.

[3] Paula-Irene Villa, Intermezzi 3 [27.3.2020], in: Kursbuch 193.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Stephanie Kappacher.