Freier Zugang ohne Prestigerenten

Ziele und Durchführungsprobleme von Open Access angesichts Plan S

Die technische Möglichkeit, wissenschaftliche Publikationen mit gegen Null ten­­dierenden Grenzkosten beliebig vielen Interessierten zur Verfügung zu stellen,[1] könnte für die meisten Beteiligten von Vorteil sein. Forschende und Studierende sollten problemlos lesen können, was ihre Erkenntnisse zu er­weitern verspricht, Publizierenden ist in der Regel an einer möglichst wei­ten Verbreitung ihrer Einsichten gelegen, und für die Bibliotheken wis­sen­schaft­licher Einrichtungen, die seit Jahren mit hohen Sub­skrip­tions­ge­büh­ren zu kämpfen haben, zeigen sich große Sparpotenziale. Auf der Gegenseite ste­hen neben wissenschaftlich Tätigen, die ein libidinöses Verhältnis zum Ur­­heberrecht pflegen, vor allem Wissenschaftsverlage, die (in sehr unter­schied­lichem Ausmaß) vom Status quo profitieren.

Angesichts dieser Interessenverteilung erscheint es kaum trag­bar, dass die Verhandlungsmacht der Verlage (vor allem der großen, durch ihre Zeit­schrif­tenpreise massiv gestärkten Verlagshäuser) einen ra­schen umfassenden Wan­del blockiert, beherzte Reformen von öf­fent­li­cher Seite sind nötig. Der »Plan S«, der die publizierten Ergebnisse öffentlich ge­förderter For­schungs­projekte obligatorisch frei zugänglich machen soll, ist der bisher wich­tigste Vorstoß dieser Art in Europa. Von einer EU-Task­for­ce mit Be­tei­ligung na­tio­naler Institutionen entwickelt und zur un­mit­tel­ba­ren Umset­zung be­stimmt, ist er zwar kaum demokratisch gestaltet – aber er verspricht die Macht öffentlicher Wissenschaftsfinanzierung durchsetzungskräftig für das Ge­meinwohl zu bündeln: Forschende, die gefördert werden wollen, müs­sen Or­gane meiden, die durch eine technisch überflüssige und über­teu­erte Pay­wall geschützt sind; die Verlage können statt Zugangsgebühren Pub­li­­ka­tions­gebühren verlangen, müssen sie jedoch transparent gestalten und in einem vorgegebenen Rahmen halten. Interessanterweise ist allerdings eben­die­se Deckelung noch nicht fixiert, und eine seriöse Debatte über ihre Höhe ist noch nicht (beziehungsweise nur abseits der Entscheidungszentren) in Gang gekommen. Im Folgenden diskutiere ich, inwiefern die Pub­li­ka­tions­ge­bühren die Ziele des Plans beeinträchtigen oder sogar ins Gegenteil ver­keh­ren könnten. Zu befürchten steht nämlich, dass sich im Medium dieser Ge­bühren ein Wechselspiel von Verlagsmacht und akademischen Pres­tige­hierarchien erneuert, das bereits im Regime der Zugangsgebühren viel Scha­den angerichtet hat. Es könnte sich sogar festigen, da mit der Ära des vor­di­gitalen, verlagsdominierten wissenschaftlichen Publizierens auch Be­wah­rens­­wertes unterzugehen droht – namentlich der Pluralismus eines weniger zen­tralisierten, hierarchisierten und staatsabhängigen Buch- und Zeit­schrif­ten­markts. Eine mutmaßlich multiparadigmatische Wissenschaft wie die So­zio­logie hat auch in diesem Problemfeld starke Interessen.

Im Folgenden erörtere ich einerseits prinzipiell Vor- und Nachteile von Open Access und frage andererseits konkret, wie der Machtkampf und die Ko­­operation zwischen Großverlagen und Wissenschaftsinstitutionen die Aus­­sichten von Plan S strukturieren. Zu Beginn führe ich aus, weshalb eine Um­­­s­tellung wissenschaftlichen Publizierens auf Open Access zwar geboten er­scheint, aber unter den Bedingungen konzentrierter Verlagsmacht schwer­gän­gig verläuft. Verdeutlichend ziehe ich dabei die Verhandlungen heran, die die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen unter dem Titel DEAL mit den marktbeherrschenden Verlagen führt. Im zweiten Schritt dis­­­kutiere ich die größten Fallstricke der unter Plan S zu erwartenden Um­­stel­lung: den weiteren Abbau von Publikationspluralismus und die Gefahr, dass das Ko-Oligopol marktbeherrschender Verlage und akademischer Pres­ti­gezentren in einem Open-Access-System nur gefestigt wird. Als konkretes Kern­problem von Plan S analysiere ich schließlich die Deckelung von Publi­ka­tionsgebühren, an der sich entscheiden wird, ob weiterhin eine Handvoll Ver­lage das System akademischen Publizierens beherrscht und in ihm Mo­no­polrenten abschöpft.

 

1.  Weshalb Open Access sinnvoll, aber nicht leicht durchsetzbar ist (DEAL)

Die Ausbreitung digitaler Speicher- und Verbreitungsmedien hat im aka­de­mi­schen Raum zu einer seltsamen Doppelbewegung geführt: Einerseits kön­nen Forschungsergebnisse zunehmend so publiziert werden, dass prinzipiell Alle Zugriff darauf haben, andererseits müssen akademische Einrichtungen seit Jahren immer mehr Geld dafür zahlen, dass ihre Nutzerinnen und Nut­zer sie tatsächlich lesen können. Besonders die drastisch gestiegenen Sub­skrip­tionsgebühren für namhafte Zeitschriften (die von den führenden Ver­la­gen fast ausschließlich im Paket mit weniger nachgefragten Organen ver­kauft werden) haben eine viel diskutierte Kostenkrise der wissenschaftlichen Bi­bliotheken ausgelöst. Damit konsolidiert sich ein Ausgabenmuster, das Leon­­hard Dobusch wie folgt auf den Punkt gebracht hat:

»Überwiegend öffentlich finanzierte Forschung wird […] von öffentlich finanzierten Wis­senschaftlerInnen kostenlos begutachtet und dann von Verlagen, deren Leistung in der Regel aus Lektorat, Satz und Distribution besteht, für teures Geld an öf­fent­lich finanzierte Bibliotheken zurückverkauft.«[2]

Dieser Zustand ist (auch wenn man die Leistungen der Verlage noch voll­stän­­diger auflistet, siehe weiter unten) technisch unnötig und politisch-öko­no­­misch ein Ärgernis. Dass er nicht längst beendet wurde, lässt sich nicht allein auf die hergebrachte, nur langsam in Bewegung geratende Rechtslage zu­rückführen – ebenso spielen die Interessen der Forschenden in einem wett­bewerblich organisierten Feld eine Rolle. Solange die be­kann­testen und in­novativsten von ihnen ihre attraktivsten Beiträge bevorzugt den im Fach als führend geltenden Zeitschriften anbieten, haben deren Inhaber eine Art Mo­nopolmacht gegenüber den Institutionen, die Zugang zu den Texten ge­währ­leisten wollen und müssen.

Im Gesamtfeld sind dadurch zumindest oligopolistische Strukturen ent­stan­den: Da die digital ermöglichten Paketverträge nur für größere Anbieter ge­eignet sind und die Umstellung auf digitale Infrastrukturen generell In­ves­ti­tionen erfordert, hat sich auf dem wissenschaftlichen Verlagsmarkt ein mas­­siver Konzentrationsprozess vollzogen. Ute Volkmann[3] hat diese Be­­wegungen am Beispiel soziologisch profilierter Häuser herausgearbeitet: Vie­­le namhafte kleine Verlage sind von größeren aufgekauft worden, die auf­­­­fälligste Neugründung transcript setzt von Beginn an auf Masse, und mit dem Fusions- und Eingliederungsprodukt Springer VS dominiert genau ein (Unter-)Verlag den soziologischen Publikationsmarkt in Deutschland. Welt­weit teilen inzwischen fünf Verlage das Feld Wissenschaft mehrheitlich un­ter sich auf[4]: Wiley-Blackwell, Sage, Elsevier, Taylor & Francis sowie Springer Nature, die Mutterfirma von Sprin­ger VS. Die Aussichten für Open Access sind wesentlich von diesen Re­sultaten der ersten, proprietären Phase digitalen wissenschaftlichen Pub­li­zierens bestimmt.

Für Reformen zeichnet sich daher ein doppeltes Hindernis ab: Als so­zu­sa­gen natürliche Konflikt- und Verhandlungspartner treten immer die we­ni­gen marktbeherrschenden Verlage auf, und auf der öffentlichen Gegenseite agie­ren die Großverbünde einer Klientel, die bis auf Weiteres von den an­ge­se­henen Zeitschriften abhängig ist. Zu erwarten ist so einerseits, dass die her­ausgeforderten Unternehmen sich teils hartnäckig konstruktiven Lö­sun­gen verweigern (im Fall der DEAL-Verhandlungen namentlich Elsevier), teils Ausnahmen aushandeln (wie Springer im gleichen Kontext für seine Na­ture-Zeitschriften)[5] und generell darauf hinwirken, dass ein am Ende er­ziel­ter Kompromiss die Verlagsprofite nicht stark nach unten korrigiert. An­de­­rerseits werden die Akteure der öffentlichen Seite, von den als Allianz or­ga­nisierten deutschen Wissenschaftsverbünden wie der HRK, der DFG und der Max-Planck-Gesellschaft (bei DEAL) bis zum Europäischen For­schungs­rat (bei Plan S), nicht die Reputationsökonomie infrage stellen, die sie mit aufgebaut haben, mit unterhalten und für ihre Erfolgsbilanzen benö­ti­gen. Solange bei Forschungsanträgen viel zitierte Beiträge in viel zitierten Zeit­schriften ein Hauptkriterium sind, um die ›Qualität‹ der Bewerberinnen zu quantifizieren, und solange der Erfolg von Programmen wie der deut­schen Exzellenzstrategie daran gemessen wird, wie sich diese Zitationszahlen ent­wic­keln, wird man die etablierten Zeitschriften brauchen. Eine einzelne For­schungs­nation und selbst die gesamte europäische Wissenschaft kann nicht ein­seitig die globalen Reputationsstrukturen aufkündigen, und ihre in­sti­tu­tio­nellen Vertreter wollen sie auch allenfalls begrenzt infrage stellen. Die Ak­teurs­konstellation der DEAL-Verhandlungen kennzeichnet die Situation daher besser als die hohen Prinzipien der öffentlichen Seite: Die kon­zen­trier­­te Verlagsmacht trifft auf die konzentrierte Wissenschaftsmacht, und bei­­de zeigen sich bislang nicht daran interessiert, ihre wechselseitige Sta­bi­li­sie­­rung aufzugeben.

Damit droht nicht allein eine lange Übergangsphase, in der die Groß­ver­la­ge an eigenwilligen Mischungen aus Zugangs- und Publikationsgebühren ver­dienen. Mit Springer und Wiley hat man sich auf Publish-and-Read-Ge­büh­ren geeinigt, in denen ein stolzer Standardpreis für jeden frei zugänglich pu­b­lizierten Artikel (2.750 €) zugleich das Zeitschriftenprogramm der Ver­lage für die deutschen Wissenschaftsbibliotheken freischaltet. Hinzu kommt als grundsätzlicheres Problem, das auch die mögliche reine Open-Ac­cess-Zu­kunft erben wird, die regelsetzende Macht der Oligopole. Es dürf­te aus­sage­kräftig sein, dass die kleineren Verlage beziehungsweise alle Nicht-Oli­go­polisten im DEAL-Prozess schlicht keine Rolle spielen. Sie scheinen auch für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen eine zu ver­nach­läs­si­gen­de Größe darzustellen. Im Folgenden ist zu sehen, was die umrissene dop­pelte Machtkonzentration für die Aussichten von Plan S bedeutet.

 

2. Was an einem Open-Access-System problematisch sein könnte (Plan S)

Der Plan S verspricht konsequentere und zukunftsträchtigere Lösungen als die DEAL-Vereinbarungen. Er soll keine Paketverträge mit einzelnen Ver­la­gen auf den Weg bringen, sondern überträgt den Geförderten die Open-Ac­cess-Verpflichtung. Er sieht ausschließlich diese Publikationsweise vor und gestattet Mischfinanzierungen allenfalls für eine kurze Übergangszeit. Schließlich umfasst er die öffentliche Übernahme von Publi­ka­tions­ge­büh­ren, soll eine transparente und angemessene Preisgestaltung durchsetzen so­wie gebührenfreie Publikationsforen fördern.[6] Dieses Paket ist so pro­gres­siv, dass Lücken in der Unterzeichnerliste nicht überraschen. Die DFG etwa ist bisher nicht dabei. Sobald sich jedoch alle größeren Fördergesellschaften an­­geschlossen haben, hat die Initiative gute Aussichten. Nicht jeder darin ge­äußerte Wunsch wird in Erfüllung gehen – ob etwa bei Publikationslisten in Förderanträgen wirklich nur der »intrinsic merit of the work« gewürdigt wird, während das Publikationsorgan, sein Impact-Faktor »or other journal me­trics« völlig außen vor bleiben,[7] muss die Erfahrung zei­­­gen. Doch die Strategie bildet einen ernstzunehmenden Ansatz, öffent­li­che Interessen durchzusetzen. Damit liegt die Frage nahe, worin überhaupt grö­ßere Einwände bestehen könnten.

Zwei Bedenken lassen sich rasch und beinahe vollständig ausräumen. Zum einen besteht wenig Anlass zu der Sorge, dass Plan S einen er­kennt­nis­för­derlichen Markt zerstören wird, wie sie etwa ein Vorstandsmitglied der Deut­schen Physikalischen Gesellschaft äußert:

»Plan S favorisiert eine Planwirtschaft, die zu einem Mangel an Innovation und Risi­ko­bereitschaft führen kann und damit den Fortschritt verlangsamen wird. […] Ver­glei­chen Sie einen ostdeutschen PKW mit einem westdeutschen gleichen Baujahrs vor der Wiedervereinigung. Das sind zwei Welten – nicht wegen fehlender Begabung der Ingenieure, sondern weil es in der DDR keinen Wettbewerb gab.«[8]

Auch in der offenen Gesellschaft sollte man vielleicht über einen zeit­wei­li­gen Ent­zug des »Argumentationsführerscheins« nachdenken. Anders als Autos sind wissenschaftliche Resultate keine privaten Güter, die individuell ge­nutzt werden und daher massenhaft verkauft werden können, sondern las­sen sich von beliebig vielen Akteuren zugleich verwenden und zur Gewin­nung wei­te­rer Einsichten einsetzen. ›Wettbewerb‹ kann also in beiden Berei­chen nicht ganz das Gleiche bedeuten. Der Wettstreit um Ansehen, der die Wis­senschaft tatsächlich vorantreibt, setzt nach Robert Mertons bekannter Be­obachtung geradezu voraus, dass möglichst viele möglichst rasch von den Er­kenntnissen erfahren, die etwa Herr Bodenschatz in seinem Labor oder Büro hatte. Daher wird er sie im Regelfall publizieren, und das Forum mit der größten Fachleserschaft wird ihm dafür am besten geeignet erscheinen. Stich­haltig könnte höchstens der Einwand sein, dass die momentan (mit gro­­­ßem staatlichem Aufwand) eingerichteten Anreizsysteme schlechter funk­­­­­tionieren, wenn das Element der besonders begehrten Zeitschriften weg­­­fällt. Gegen den Plan S wurde in diesem Sinn vorgebracht, dass er junge For­schende zu Beginn ihrer Karriere (aber eigentlich alle um Spitzenplätze be­mühten Forschenden) vor die schwere Wahl stellt, entweder Fördermittel oder einen exklusiven Publikationsplatz zu erhalten. Das trifft zu, solange Zeit­schriften mit aufrechterhaltener Paywall beziehungsweise hohen Pub­li­ka­tionsgebühren gleichzeitig zu den begehrtesten Publikationsorten zählen – doch genau diesen Fehlanreiz soll der Plan S im Sinn des Gemeinwohls aus­hebeln. Auch danach wird es mehr oder weniger exklusive und attraktive Pub­likationsorte geben.

Es bleibt die Vermutung, dass ein Publikationsmarkt mit größeren öf­fent­lichen Machtanteilen homogener und deshalb vielleicht weniger leis­tungs­fähig sein könnte als einer mit starken Verlagen. Hierfür gibt es histo­ri­sche Anhaltspunkte, zumal in den noch immer nicht ganz in der Journal-Welt angelangten Geistes- und Sozialwissenschaften. In der Ära, die man »gol­denes Zeitalter des geisteswissenschaftlichen Buchs« nennen kann,[9] hat eine Vielfalt von Verlagen, von kleinen politisch-intellektuellen Projekten über Traditions- und Universitätsverlage bis zu großen Publikumsverlagen, tendenziell mehrere vorteilhafte Effekte ge­habt: Statt eines nur akademischen Publikums sprachen die Verlage eine brei­te gebildete Öffentlichkeit an, sodass ihre Bücher und Zeitschriften gut les­bar sein mussten; statt bloß wissenschaftliche Funktionen zu erfüllen, spiel­­­­ten sie eine politische und kulturelle Rolle, sodass sie ein inhaltliches Profil hatten und kultiviert haben; in allen Feldern konnten ihre Lektorinnen schließ­lich interessante, aber riskante Bücher auf den Markt bringen, die durch die Publikumserfolge (sowie allerlei staatliche Zuschüsse) querfinanziert wa­ren. Man kann die Ära, in der solche Vorteile aufblühten – in den führenden Wis­senschaftssystemen des Westens etwa die 1950er bis 1980er Jahre –, mehr oder weniger leuchtend ausmalen, sie auf verschiedene Bedingungen zurückführen und sogar zweifeln, ob sich klar »angeben« lässt,

»wann und unter welchen Umständen dieses Zeitalter vorbei war. Diversifizierung, Ende des Wachstums, Abtritt einer Generation, sinkende Auflagenzahlen […] – das sind alles große Begriffe, die aber nicht recht greifen, um die Veränderungen seit dem späten 20. Jahrhundert auf den Punkt zu bringen.«[10]

Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass weder das seither etablierte Jour­nal­system der Bibliotheken noch eine reine Open-Access-Welt im Sinn des Plan S geeignet sind, die umrissenen Vorteile wiederzubringen.

Für den Status quo wurden die Argumente bereits genannt: Der Kon­zen­trationsprozess auf dem Verlagsmarkt konnte sich nur vollziehen, weil die großen Verlage die Zugangsgebühren für Zeitschriften zielstrebig ge­stei­gert und die Bibliotheken im Gegenzug ihre Bücheretats gekürzt haben; di­ver­­se kleinere Verlage sind nach so und anderweitig bedingten Auflagen- und Subventionseinbußen an den Kosten der Digitalisierung gescheitert; in den laufenden nationalen Paketverhandlungen wird das resultierende Oli­go­pol bereits vorausgesetzt. Ute Volkmann mag in ihrer hier erneut re­sü­mier­ten Analyse einige relevante Aspekte – etwa eine geisteswissenschaftliche Gründungsphase in den frühen 2000er Jahren, den jüngsten Mini-Boom so­zio­logischer Zeitdiagnosen bei Publikumsverlagen wie Suhrkamp – nicht be­rück­sichtigt haben. Ihrer Einschätzung, dass die Haupttendenzen »die bis da­to für das Verlagsfeld kennzeichnende Heterogenität kleiner und mittlerer Ver­lage in Richtung größerer Verlage bzw. Verlagsgruppen und -konzerne« ver­schieben,[11] ist jedoch definitiv zuzustimmen. Ein plu­ralistischer Verlagsmarkt wird sich daher kaum retten lassen, indem man Pay­walls verteidigt oder befestigt.

Der Verlagspluralismus hat allerdings bislang auch keine Vorteile durch Open Access zu erhoffen. Mit nur wenigen Zusatzerwägungen lässt sich viel­mehr ein Szenario zeichnen, das die etablierten Oligopole weiter stärkt: Die großen Verlage lassen sich Publikationen in ihren Flaggschiffen (wei­ter­hin) teuer bezahlen, die großen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und -ver­bünde zahlen den Preis, um ihren Mitgliedern akademische Sichtbarkeit zu gewährleisten, kleinere Verlage verlieren weiter an Bedeutung, und alle For­schenden, die nicht durch finanzkräftige Institutionen unterstützt wer­den, verlieren den Zugang zur Fachöffentlichkeit. Steuergelder würden da­bei wie bisher doppelt an die Großverlage fließen, und der nicht­sub­ven­tio­nier­te wissenschaftliche Büchermarkt würde sich noch stärker als bisher auf farb­lose Einführungen oder Lesestoff für materiell saturierte und intellek­tuell an­spruchslose Bildungsbürgerinnen und -bürger verengen.

Die vorliegenden Strategien stellen in Aussicht, dass es nicht überall so schlimm kommen muss. Die kleineren Hochschulen und Forschungs­ein­rich­­tungen können sich mit Plan S, größtenteils sogar mit DEAL, ver­hält­nis­­mäßig gut aufgehoben fühlen, da Publikationsgebühren aus zen­tra­li­sier­ten Mitteln bezahlt werden sollen und sich die Beitragshöhe nach der Fi­nanz­kraft der Beteiligten richtet. Ein gutes Beitragsmaß ist die Anzahl der jähr­lich publizierten Open-Access-Artikel; Probleme hätten dann (in va­riab­lem, von der Beitragshöhe abhängigem Ausmaß) nur (kleinere) Ein­rich­tun­gen zu erwarten, deren Publikationsvolumen rasch ansteigt. Einen schwie­ri­gen Stand hätten zudem Institutionen und Länder, die nicht an der Ver­bund­lö­sung beteiligt sind, sodass nicht nur europäische, sondern globale Lö­sun­gen nötig wären, um nicht alte Nord-Süd-Gefälle zu erneuern.

Auf der Seite der kleineren beziehungsweise auch außerakademisch ak­ti­ven Verlage zeichnet sich demgegenüber gar keine Lösung ab. Und ob schließ­lich die Macht der Großverlage bestehen bleibt oder sogar zunimmt, hängt von genau einem Faktor ab: der Höhe der Publikationsgebühren. Hier ent­scheidet sich, ob das Bedürfnis nach exklusiver Reputation in lukrative Pro­fite umgesetzt werden kann. Solange die im Plan S in Aussicht gestellte Ge­büh­ren­deckelung nicht feststeht, ist daher offen, ob der Plan insgesamt die Oli­go­po­lisierung des Feldes befördert oder etwas an ihr zu ändern ver­spricht.

 

3. Vorschläge für ein sinnvolles Open-Access-System

Die Deckelung oder Cost Cap für Publikationsgebühren zwingt zu konkreten Aus­sagen. Es gilt, eine allgemein verbindliche Summe festzulegen, die den tat­sächlich anfallenden Kosten angemessen ist. Die begleitende Forderung nach ›Transparenz‹ der Gebühren ist im zweiten Aspekt fast schon im­pli­ziert. Um zu wissen, welche Deckelung angemessen wäre, braucht man nach­­voll­zieh­ba­re Angaben. Die mittlerweile verfügbaren Daten und Be­rech­nun­gen machen die Differenzen zwischen faktisch erhobenen Gebühren, rea­listisch an­zu­set­zen­den Kosten und ausgehandelten Standards recht deut­lich.

Der Durchschnittspreis für Open-Access-Publikationen bewegt sich nach Berechnungen aus den letzten Jahren um umgerechnet 1.500 € pro Ar­tikel.[12] Die Preise unterscheiden sich ›natürlich‹ massiv nach Fachgebiet und Zeit­schrif­tentyp, und als handelsüblichen Preis angesehener Organe darf man eher Summen ab 2.000 € annehmen. Marktführer gehen gerne auch hö­her; in einem Überblicksbeitrag von 2013 wird die Chefherausgeberin der Proceedings of the National Academy of Sciences der USA mit einer Preisvorstellung von 3.700 US-$ zitiert, während der Chefherausgeber von Nature für ein reines Open-Access-System 30.000 bis 40.000 US-$ pro Beitrag an­setz­te.[13] Bei solchen Summen darf man davon aus­ge­hen, dass es nicht um Kosten geht, sondern um den (Monopol-)Preis, den man dem (Quasi-)Markt eben abverlangen kann.[14] Um dagegen zu sehen, wie hoch die tatsächlichen Kosten liegen, muss man die einzelnen Kom­po­nen­ten digitaler Publikationen aufführen: Textakquise, Kommunikation, Re­di­gat, Korrekturvorgänge, Layout und Satz, Einpflegung, Meta­daten­er­fas­sung und Ähnliches. Die Verlage wollen solche Berechnungen bisher nicht of­fen­legen (vgl. den Beitrag von Cori Mackrodt), doch da viele der auf­ge­führ­ten Arbeitsschritte auch separat angeboten werden, lassen sich de­tail­lier­te Mo­dell­rechnungen erstellen. Alexander Grossmann und Björn Brembs, die eine solche Berechnung für verschiedene Szenarien vorgelegt ha­ben, kommen auf Artikelkosten zwischen unter 200 und maximal 1.000 US-$ (in Zeit­schrif­­ten mit wenigen Artikeln und einer Ablehnungsquote von 90 Prozent). Die Kosten eines durchschnittlichen Beitrags liegen ihrer Be­rechnung zu­fol­ge bei 400 US-$. Sachlich bestünde also, selbst wenn man or­dent­liche Ver­lags­profite zugesteht, kein Grund für Pub­li­ka­tions­ge­büh­ren über 1.000 € pro Bei­trag – und ganz gewiss keiner für die 2.000 € der DFG-Deckelung oder die Publish-and-Read-Gebühren von 2.750 € im Rahmen von DEAL. Auch die sparsamsten Richtlinien der Wissenschaftsorganisationen se­hen mit an­de­ren Wor­ten vor, den Großverlagen für jeden Text in einer ihrer begehrten Zeit­schriften 1.000 € und mehr zu schenken, mit denen die­se ihre An­teilseigner zufriedenstellen und ihre Marktmacht weiter aus­bau­en können.

Die Schlüsse für einen Plan S, der die Fehlentwicklungen auf dem Markt wis­senschaftlichen Publizierens nicht uneingeschränkt weiter befördert, lie­gen auf der Hand. Das Programm wird erst und nur dann Verbesserungen brin­gen, wenn die Kosten konkret und nicht übergroßzügig gedeckelt wer­den. 1.000 € pro Zeitschriftenbeitrag wären eine brauchbare (wenn auch im­mer noch sehr großzügige) Marke. In Verbindung mit Kostentransparenz wäre an wenigen, wesentlichen Stellen auch über zusätzliche Regelungen nach­­zu­den­ken: an ein Fair-Trade-Siegel, das angemessene Löhne und ver­tret­­bare Ar­beits­bedingungen in der gesamten Wertschöpfungskette der Ver­la­ge garantiert – auch für die Informatikerinnen in Indien und die Kor­rek­tur­leser in Indo­ne­sien –, an die kostensparende Einbindung öffentlichen Per­­sonals bei bi­blio­the­karischen Aufgaben wie Metadatenerfassung, an eine Öf­fnung und Um­ge­stal­tung von Begutachtungsprozessen, die den kom­mu­ni­kativen Aufwand von Re­daktionen reduziert. Publikationsverfahren mit fak­­tischen Kosten von 100 bis 200 € pro Artikel können in vielen Fällen wis­senschaftlich hochwertiger sein als die etablierte Weise, teure Pres­tige­stücke zu publizieren. Die Pub­li­ka­tions­ökologie, in der solche Möglichkeiten er­probt werden können, wird nicht allein den Typ der pro Beitrag bezahlten Ver­lagszeitschriften umfassen, der hier diskutiert wurde, sondern auch viele an­dere Zeitschriften und Publi­ka­tions­foren, in variabler Kooperation öf­fent­­licher und privater Akteure.

Das Pluralitätsproblem ist damit natürlich höchstens am Rand berührt (et­wa bei innovativen Open-Access-Zeitschriften, die öffentliche Zuschüsse nut­zen). Die Probleme der kleineren, mittleren und nicht ausschließlich aka­de­mischen Wissenschaftsverlage verlangen andere Lösungen. Nachsteuern könnte man zumal bei Monografien, für die im Plan S längere Fristen, nicht je­doch besondere Regelungen vorgesehen sind. Wenig spräche dagegen, den Ver­lagen hier eine Alternative zu eröffnen: ein den Zeitschriften äqui­va­len­tes Verfahren für Bücher, die ohnehin nur in Bibliotheken beziehungsweise Da­tenbanken stehen werden – und bisherigen Buchpublikationen ähnliche Lösungen für Werke, die auch für ein breiteres Publikum gedacht sind. Wann immer ein Verlag das für aussichtsreich hält, könnte er auf die sonst etablierten Stan­­dardgebühren verzichten und eine zugangsgeschützte Mo­no­grafie zu­gleich den Bibliotheken und dem allgemeinen Publikum an­bie­ten. Erstere könn­ten ihm für landesweite Zugangsrechte sogar eine fest­ge­leg­te Auflage ab­nehmen, etwa 100 bis 200 realistisch bepreiste Exemplare, erst das Publikum wür­de aber ggf. für Gewinne sorgen – und damit indirekt da­zu beitragen, dass die Verlage unrealistische Buchpreise von über 50 € ver­meiden. Ge­mes­sen am Gesamtmarkt würde es in diesem Segment um klei­ne Summen ge­hen, für buchlastige und öffentlichkeitsfähige Wis­sen­schaf­ten von der Ger­ma­nistik bis zur Soziologie könnten die hier er­schei­nen­den Monografien aber einen erheblichen Unterschied machen. Im bes­ten Fall geht es ja um die Kategorie Dialektik der Aufklärung, Gender Trouble oder The Power Elite.

Auch wenn solche Bücher erst einmal Vergangenheit sein sollten oder nicht wirklich durch neuere Zeitdiagnosen aufgewogen werden, bleibt zu hof­fen und zu erwarten, dass sich an möglichst breiten Rändern des wis­sen­schaft­lichen Publizierens wieder ein experimenteller Geist ausbreitet, der mehr will, als es der Standard-Zeitschriftenartikel zulässt. Die digitalen For­ma­te wären für neue, flexible und Kleinunternehmen offenstehende Formen eigentlich mehr als geeignet. Wenn die öffentliche Vernunft zudem so weit trägt, dass sich im Mainstream eine doppelte Monokultur von Ver­lags­oli­go­po­len und Prestigeinstitutionen abwehren lässt, wäre an Geld und für den Geist viel gewonnen. Die Mittel soziologischer Aufklärung sollten in diesem Kampf unbedingt genutzt werden.

Fußnoten

[1] Der Punkt und die Formulierung wurden durch Rifkin (Rifkin, J. 2014: The zero marginal cost society. The internet of things, the colla­bo­ra­­tive commons, and the eclipse of capitalism, New York: Palgrave Macmillan.) berühmt: Während es auf­wän­dig und kostspielig ist, geistige Güter zu gestalten, wird bei der nahezu aufwandslosen di­gi­talen Vervielfältigung sozusagen jedes neue Exemplar kostengünstiger. Das Phä­no­men hat eine längere Vorgeschichte. Im traditionellen Verlagswesen sinken die Kosten (und oft auch die Preise) pro Exemplar mit wachsender Auflage; die führenden Wis­sen­schafts­verlage haben dagegen für besonders verbreitete Zeitschriften besonders hohe Ge­büh­ren durchgesetzt (siehe genauer Abschnitt 1).

[2] Dobusch, L. 2016: Mit Open Access aus der Zeitschriftenkrise. MDW-Magazin 4. https://www.mdw.ac.at/magazin/index.php/2016/11/21/mit-open-access-aus-der-zeitschriftenkrise/, letzter Aufruf 6. Januar 2020.

[3] Volkmann, U. 2016: Soziologieverlage im Zeitalter der Digitalisierung. SOZIO­LO­GIE, 45. Jg., Heft 4, 371-387.

[4] Vgl. für quantitative Angaben zu Zeitschriften Larivière, V., Haustein, S., Mongeon, P. 2015: The oligopoly of academic publishers in the digital era. PLoS ONE 10(6): e0127502. doi:10.1371/journal.pone.0127502, letzter Aufruf 6. Januar 2020; und Kathrin Ganz in ihrem Beitrag.

[5] Vgl. für alle angeführten Informationen zu DEAL die Webseite des Projekts.

[6] Vgl. die Webseite www.coalition-s.org/.

[7] cOAlition S 2019: Accelerating the transition to full and immediate Open Access to scientific publications. http://www.coalition-s.org/wp-content/uploads/PlanS_Principles_and_Implementation_310519.pdf, S. 2, letzter Aufruf 6. Januar 2020.

[8] Bodenschatz, E. 2019: »Plan S gefährdet die Freiheit der Wissenschaft.« Interview mit pro.physik.de – das Physikerportal. www.pro-physik.de/nachrichten/plan-s-gefaehrdet-die-freiheit-der-wissenschaft, letzter Aufruf 5. Januar 2020.

[9] Kri­tisch dazu Hagner, M. 2015: Zur Sache des Buches. Göttingen: Wallstein, S. 138 ff.

[10] Ebd.: S. 170.

[11] Volkmann, U. 2016: Soziologieverlage im Zeitalter der Digitalisierung. SOZIO­LO­GIE, 45. Jg., Heft 4, S. 373.

[12] Crawford, W. 2019: Gold Open Access 2013–2018: Articles in Journals (GOA4). Livermore, CA: Cites & Insights Books. https://waltcrawford.name/goa4.pdf, letzter Aufruf 5. Januar 2020; Grossmann, A., Brembs, B. 2019: Assessing the size of the affordability problem in scholarly publishing. PeerJ Preprints (27809v1). https://doi.org/10.7287/peerj. preprints.27809v1, letzter Aufruf 19. Dezember 2019; Solomon, D., Björk, B.-C. 2016. Article processing charges for open access pub­li­ca­tion – the situation for research intensive universities in the USA and Canada. PeerJ (2264). https://peerj.com/articles/2264/, letzter Aufruf 6. Januar 2020; für diesen ungefähren Schätzwert wurden die mehrheitlich in US-$ angegebenen Durch­schnittspreise umgerechnet; Berechnungen, die auch kostenlose Open-Access-Pub­­­likationen einbeziehen und derart den Durchschnittswert senken (Crawford, Gold Open Access, S. 10), habe ich ausgeklammert.

[13] Van Noorden, R. 2013: Open access: The true cost of science publishing. Nature News, vol. 495, no. 7442, S. 427.

[14] Präziser beziehungsweise mit weiteren Bestimmungen des fraglichen Markts formuliert: »From the figures available, it is straightforward to hypothesize that publishers, by and lar­ge, determine their price structure according to what they estimate the market to be able to carry, i.e., with a value based (or prestige) pricing strategy in a market with status con­sumption« (Grossmann, A., Brembs, B. 2019: Assessing the size of the affordability problem in scholarly publishing. PeerJ Preprints (27809v1). https://doi.org/10.7287/peerj. preprints.27809v1, letzter Aufruf 19. Dezember 2019, Z89 ff.).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.