Bleibt alles anders

Ulrich Beck deutet die Metamorphose der Welt

Es ist nicht ganz einfach, das postum erschienene Buch eines bedeutenden Wissenschaftlers zu besprechen, kann der Rezensent eigentlich doch nur verlieren: Kritisiert er zu scharf, wird der Vorwurf der Pietätlosigkeit im Raum stehen; lobt er zu sehr, taucht sofort die Frage auf, ob die Besprechung ähnlich positiv ausgefallen wäre, würde die Autorin oder der Autor noch leben. Wie man es macht, wird man es unvermeidlich falsch machen. Und zumal dann, wenn es sich – wie im vorliegenden Fall – um das nachgelassene Buch eines Soziologen handelt, der in der eigenen Disziplin nicht unumstritten war und in den letzten drei Jahrzehnten zunehmend in die Rolle eines nicht nur in der Bundesrepublik wahrgenommenen öffentlichen Intellektuellen geschlüpft ist. Dies sei vorweggeschickt, wenn nun Ulrich Becks jüngst veröffentlichtes Buch, das aus dem Nachlass des  Anfang Januar 2015 verstorbenen Münchener Sozialwissenschaftlers stammt,  zum Gegenstand der Kritik wird.

Beck zählte seit dem Erscheinen seines Buches Risikogesellschaft im Jahre 1986 nicht nur zu den wenigen Soziologen, deren Wort in der deutschen Öffentlichkeit gehört wurde, sondern auch zu der verschwindend kleinen Gruppe der auch international renommierten Vertreter der Disziplin. Was auch immer gegen ihn eingewandt worden sein mag (der Neid der Kollegenschaft spielte in der kritischen Auseinandersetzung mit einem so außerordentlich produktiven Soziologen sicherlich keine geringe Rolle), so war doch klar, dass Ulrich Beck die Soziologie öffentlichkeitswirksam repräsentierte und sein Fach selbst dann noch im Gespräch hielt, als die Soziologie angesichts der spätestens seit den 1990er-Jahren zu beobachtenden Vorherrschaft der Geschichtswissenschaft in den Feuilletons in Gefahr stand, völlig marginalisiert zu werden. Wenn Beck intervenierte, wusste man, dass die Soziologie noch lebte. Selbst die schärfsten Kritiker mussten zugeben, dass jede Sozial- und Geisteswissenschaft ihre wirkmächtigen Propagandisten braucht, ohne die sie ihre Attraktivität für potenzielle Leserinnen und Leser, für Studierende, für interessierte Zeitgenossen, aber eben auch für öffentliche wie private Geldgeber, die Forschungsprojekte unterstützen, verlieren würde. Ulrich Beck hat diese Rolle mit größtem Geschick und Erfolg übernommen, weshalb ohne jede Übertreibung behauptet werden kann, dass sein Ableben tatsächlich eine eminente Lücke hinterlassen hat. Man wird nun sehen, wie die sich derzeit abzeichnenden Kämpfe um die Nachfolge Becks in dieser Funktion eines öffentlich zur Kenntnis genommenen Gesellschaftsbeobachters schließlich entschieden werden: Von Heinz Bude über Armin Nassehi bis Stephan Lessenich stehen einige unübersehbare Kandidaten ja bereits auf der Bühne, interessanterweise gleich zwei wieder in München lehrend.

Von Neid war schon die Rede. Und die Kritik an Becks Arbeiten seit den 1990er-Jahren, die überwiegend auf seine feuilletonistische Schreibe und die nicht selten überschäumende Rhetorik zielte, in der sich griffige, aber nicht gerade präzise Termini hoher Signifikanz erfreuten, fiel gewöhnlich deshalb so scharf aus, weil ihm der Erfolg nicht vergönnt wurde. Doch wusste Beck derartige Anwürfe gerade deshalb so souverän an sich abperlen zu lassen, weil er tatsächlich ein Oeuvre vorzuweisen hatte, das sich bereits vor seiner Verwandlung in den public intellectual mit kosmopolitischem Horizont sehen lassen konnte.  Objektivität und Normativität, seine 1972 an der LMU München eingereichte Dissertation, die noch heute lesenswert ist,[1] und die erwähnte Abhandlung zur Risikogesellschaft waren Bücher, die Grund genug für berechtigtes Selbstbewusstsein lieferten.

Wenn jetzt über Becks neues und wohl letztes Buch geredet wird, sind all diese Umstände zu berücksichtigen und zu würdigen. Und wenn man außerdem erfährt, dass es ein unvollendetes Werk ist, ein Buch, das – wie das Vorwort seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim verdeutlicht – aus Bruchstücken zu rekonstruieren war, löst sich die Vermutung, Beck habe in seinen letzten Lebensmonaten vielleicht an einem systematischen Grundlagenwerk gearbeitet, völlig in Luft auf. Vielmehr reiht sich Die Metamorphose der Welt in den Reigen der zeitdiagnostischen Bücher ein, die der ungeheuer fleißige Autor über die Jahre mit derart großer öffentlicher Resonanz publiziert hatte. Auch dieses Mal ist der Stil also eher feuilletonistisch, weshalb das Werk nicht an rigorosen wissenschaftlichen Standards zu messen ist, sondern eher daran, ob es interessante und eventuell weiterführende Ideen entfaltet. Selbst wenn der Titel Die Metamorphose der Welt dazu einlädt, Becks Darstellung mit Jürgen Osterhammels opus magnum Die Verwandlung der Welt zu vergleichen, wäre der Vergleich irreführend, denn Beck ist weit davon entfernt,  die bei Osterhammel am Beispiel des 19. Jahrhunderts demonstrierte empirische Sättigung und Systematik der vorgebrachten Befunde auch nur anzusteuern. Damit nun aber zum Buch.

Wie der Titel der Publikation bereits andeutet, im Text selbst aber mit großer Eindringlichkeit herausgearbeitet werden soll, müssen wir Beck zufolge heute vom Anbruch einer ganz neuen Zeit reden. Insofern schließt der Soziologe nahtlos an seine stets gepflegte Rhetorik des Epochenbruchs an: ‚Früher war es so, und heute ist es ganz anders!‘ Genau diese Argumentationsfigur stand ja schon im Vordergrund der Risikogesellschaft, also dem Buch, in dem erstmals von einer „reflexiven“, und damit ganz anderen „Moderne“ die Rede war. Der Begriff der „Metamorphose“ greift diesen Faden wieder auf. Beck erinnert daran, dass die Soziologie seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert vom sozialen Wandel stets in der Annahme gesprochen habe, die (National-)Gesellschaften bewegten sich aufgrund bestimmter Entwicklungslogiken und Gesetzmäßigkeiten zwar schnell, jedoch durchaus vorhersehbar in eine bestimmte Richtung, doch nur um jetzt zu konstatieren, dass eben diese Begrifflichkeit der heutigen Gesellschaft nicht mehr angemessen sei. Nicht „Wandel“, das heißt die Fortsetzung eines im Wesentlichen immer Gleichen, sei zu thematisieren, vielmehr müsse sich die Soziologie dem ganz Neuen zuwenden, was nicht zuletzt auch bedeute, dass sie ihr herkömmliches Vokabular aufgeben müsse. „Metamorphose“ damit ist für Beck ein radikaler, ein umstürzender, ein seiner Natur nach disruptiver Wandel bezeichnet. Alte, aus dem 19. und 20. Jahrhundert überkommene Institutionen wie etwa der Nationalstaat versagten (S. 17), was nicht nur die von solchen Metamorphosen betroffenen Laien irritiere und zu neuen Denkmustern führe, sondern auch die professionellen Beobachter des Sozialen zur Umkehr zwingen sollte. Neu ist, dass im Unterschied zum alten Denken, das nur mit dem Fortschreiten des Modernisierungsprozesses und den hierbei auftretenden Hindernissen beschäftigt war, nun die Nebenfolgen in den Mittelpunkt der sozialen Veränderungsprozesse wie der Reflexion darüber treten – ein Argument, das Beck bekanntlich schon in Risikogesellschaft entwickelt und zum Signum der „reflexiven“ oder „zweiten Moderne“ gemacht hatte. Die alten Institutionen – gleiches gilt für die ihnen entsprechenden Weltbilder – verlieren ihre Stabilität deshalb, weil das Globale alles durchdringt und folglich die lokalen wie nationalen Strukturen unterspült. Gerade diesen Entwicklungen will Becks Forderung nach einem „methodologischen Kosmopolitismus“ Rechnung tragen. Dabei besagt „methodologischer Kosmopolitismus“ nach Beck keineswegs, dass alle Menschen immer kosmopolitischer und in diesem Sinne auch immer aufgeklärter und reflektierter werden. Vielmehr ist Beck wohl bewusst, wie massiv die Widerstände gegen die Globalisierung sind, die in Gestalt von Rassismus, Nationalismus und anderen Partikularismen auftreten. Aber wenn man – wie es Beck vorschlägt – analytisch zwischen Glaubenssätzen und Handlungsräumen unterscheidet (S. 21), dann werde bei der Beobachtung solcher Widerstände doch sichtbar, dass selbst diejenigen, die beispielsweise an die Überlegenheit der weißen Rasse, des heterosexuellen Mannes oder der deutschen Nation glauben, in ihren Handlungsräumen immer schon globale Vernetzungen in Betracht ziehen müssen, wollen sie (in ihrem Sinn) erfolgreich handeln. Die Akteure mögen sich in ihren Partikularismen geistig oder in ihren Wohnvierteln und Straßen räumlich einigeln, die globalen Verflechtungen zwingen sie bei fast jedem Schritt auf die globalen Verhältnisse einzugehen, ob sie wollen oder nicht und ob ihnen solche Bezugnahmen bewusst sind oder nicht. Erst der kosmopolitische Rahmen, so Beck, macht erfolgreiches lokales Handeln möglich, wie auch immer die jeweiligen Handlungsziele normativ zu beurteilen sind (S. 25). Welt und eigenes Leben seien mittlerweile untrennbar geworden (S. 17). Soweit die Diagnose, die weder mit Blick auf Becks Oeuvre noch im Vergleich zu den geläufigen Einsichten jedes zweiten Leitartikels besonders innovativ erscheint. Kontroverser werden vermutlich die Reaktionen, auf die sich daran anschließenden Interpretationen und Einschätzungen Becks, ausfallen, die ich jetzt mehr oder weniger systematisch erörtern möchte.

1)      Einige Leser werden sich vermutlich daran stören, dass Beck des Öfteren die aktive und reflexive Bezugnahme auf globale Verhältnisse als „kreativ“ bezeichnet. Natürlich hängt ein solcher Sprachgebrauch damit zusammen, dass „Kreativität“ in der Regel positiv konnotiert ist. Beck hat selbstverständlich ein Interesse daran, das wahrhaft kosmopolitisches Handeln mit derartigen Attributen versehen und also aufgewertet wird. Allerdings zitiert er in diesem Zusammenhang zustimmend Hans Joas (S. 29), dessen Kreativität des Handelns freilich genau diese normative Schlagseite zu vermeiden versucht hatte. Auch das politische Handeln von Rechtsradikalen kann nämlich kreative Aspekte aufweisen, ob man einen solchen Befund nun gut findet oder nicht.

2)      Besonders ausgearbeitet sind die Begrifflichkeit der „Metamorphose“ und das diesbezügliche Reden darüber nicht. Im oben schon angeführten Versuch der Abgrenzung von der herkömmlichen soziologischen Terminologie, die eher vom „sozialen Wandel“ redet, versteigt sich Beck zu der Behauptung, dass „Metamorphose“ keinem Gesetz, keiner Entwicklung, keiner Evolution und auch nicht den soziologischen Trendvermutungen folge, die da heißen: funktionale Ausdifferenzierung etc. (S. 46). Diese begriffliche Bezeichnung des Neuen wird freilich nur überzeugen, glaubt man daran, dass eben diese Gesetze, diese Entwicklung, diese Evolution, diese Differenzierung den historischen Prozess im 19. und 20. Jahrhundert vorangetrieben haben. Aber wer außer den Deterministen, Modernisierungs- und harten Differenzierungstheoretikern wäre von starken Kausalitätsbehauptungen dieses Typs noch ernsthaft überzeugt? Wo aber liegt dann der Unterschied zwischen dem „sozialen Wandel“ in der guten alten Zeit und dem heutigen Zeitalter der disruptiven „Metamorphose“? Auf diese fällige Nachfrage erteilt uns Beck leider keine Auskunft. Seine wenigen diesbezüglichen Ausführungen erinnern an Kosellecks einschlägige Unterscheidung zwischen Erwartungshorizont und Erfahrungsraum, mit der dieser bekanntlich das Aufkommen der Sattelzeit zu charakterisieren versucht hatte (vgl. S. 74). Was also ist wirklich neu? Diese und ähnliche ungelöste Fragen führen zu einer im Ergebnis enttäuschenden Konklusion: Becks selbstbewusste Zurückweisung aller bisherigen Gesellschaftstheoretiker und -theorien von Foucault, Bourdieu und Luhmann über Rational Choice, denen er vorwirft, nur immer Theorien der Reproduktion präsentiert zu haben (S. 73; 97), ohne die Entstehung des Neuen zu durchdringen, vermag nicht so recht zu überzeugen. Zwar reklamiert Beck für sich, eine „Prozessbegrifflichkeit mittlerer Reichweite“ (S. 98) liefern zu wollen, die auf eine „historisch-theoretische Zeitdiagnose“ (S. 99) hinauslaufen soll, doch lässt das Buch eigene systematische und weiterführende Überlegungen in dieser Hinsicht schmerzlich vermissen. Prozesstheoretische Argumente werden nicht einmal angesprochen, es bleibt bei der etwas leerlaufenden Rhetorik des Epochenbruchs. Wie es zu diesem vermeintlichen Bruch gekommen ist und was danach aufgrund welcher Prozessdynamiken passiert, wird in Becks Darlegungen nicht weiter zum Thema gemacht.

3)      Verschiedentlich verwahrt sich Beck in seinem Buch dagegen, entweder als ein Globalisierungsoptimist oder als ein Globalisierungspessimist klassifiziert zu werden (vgl. etwa S. 31). Die in Anspruch genommene Distanz gegenüber solchen Etikettierungen wäre glaubwürdiger, tauchte nicht repetitiv jene mit Hölderlin verbundene Argumentationsfigur auf, die wohl für einen gewissen Geschichtsoptimismus spricht: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Die mit der Formel von einer „Metamorphose“ der Welt bezeichnete historische Situation steht nach Becks Einschätzung für ein Zeitalter der Nebenfolgen, in dem sich die Akteure in globalem Maßstab mit den Kollateraleffekten des Modernisierungsprozesses auseinanderzusetzen haben. Wie bereits erwähnt, unterscheidet sich diese Diagnose nicht grundsätzlich von den Beobachtungen, die Beck so ähnlich bereits vor 30 Jahren in seiner Risikogesellschaft vorgetragen hatte. Gerade die Nebenfolgen sollen aber, auch davon war schon in Becks berühmtestem Buch die Rede, auch die Möglichkeiten für eine bessere Zukunft eröffnen. So wie der Holocaust Anlass dafür war, universale Menschenrechte auf weltpolitischer Bühne zu verankern (S. 60), so könnten Ereignisse wie der Klimawandel oder der Atomunfall in Fukushima Chancen bieten, um dank kreativer Lösungen zur Überwindung der Krise beizutragen. Anthropologische Schocks führen möglicherweise zu kathartischen Effekten (S. 163) und erweisen sich damit als „emanzipatorische Krisen“ (S. 153). Aus ihnen könnte die Menschheit Nutzen ziehen, würde sie sich in der Reaktion auf die Herausforderungen durch ungeahnte Risiken, Krisen und Vernichtungsgefahren vergemeinschaften (S. 222). So beschrieben würden public ‚bads‘ im Sinne jener negativen Nebenfolgen der Modernisierung zum Auslöser globaler Lernprozesse. „Die Gefahr des Klimawandels bewirkt eine Umwertung der Werte (Nietzsche) und justiert unsere moralische Orientierung neu – so etwa vom Kulturrelativismus der Postmoderne zu einem neuen historischen Fixstern, an dem sich solidarisches Handeln ausrichten muss.“ (S. 66; Hervorh. im Original) Manche seiner Argumente haben ohne Frage eine gewisse Plausibilität, zumal Beck – unter Außerachtlassung aller gegebenen Machtverhältnisse – lediglich von der Möglichkeit solcher Lernprozesse spricht. Anderen Überlegungen hingegen dürften die Leser weniger bereitwillig folgen, etwa wenn Beck aus dem Klimawandel in der Tat „Heilmittel für die Pest des Krieges“ herleiten will (S. 65). Hier hätte Aufklärung über die konkreten Modalitäten einer solchen Pharmakologie notgetan.

4)      Ganz generell sucht Beck allerdings nach sehr viel konkreteren und handgreiflichen Lösungen zur Überwindung der Krise, in die uns die vielfältigen und unbeabsichtigten Nebenfolgen der Modernisierung versetzt haben. Dabei greift der engagierte Soziologe im Grunde genommen jedoch zu Denkmitteln, die ziemlich stark an das argumentative Repertoire einer mehr oder weniger doch klassischen Soziologie erinnern – und somit gar nicht besonders neu anmuten. Das ist zum Beispiel nicht der Fall, wenn Beck die Handlungsmächtigkeit von sogenannten Weltstädten beschwört, denen er – weil allesamt bedroht vom Klimawandel, von der Umweltverschmutzung, vom Verkehrskollaps etc. – eine besondere Rolle zuweist. Nachdem er die alten Institutionen mitsamt des Nationalstaats für obsolet erklärt und in Reaktion darauf die Perspektive des methodologischen Kosmopolitismus empfohlen hat (im Unterschied zum methodologischen Nationalismus!), musste es für ihn naheliegen, nach anderen (institutionellen) Triebkräften der Metamorphose zu suchen. In diesem Zusammenhang auf Urbanität abzuheben, klingt zunächst neu und gut, doch finden sich zur Enttäuschung des wissbegierigen Lesers keine Ausführungen darüber, wie solche staatenübergreifende Städteallianzen faktisch wirkmächtig werden könnten. Es bleibt lediglich bei der vielleicht doch zerbrechlichen Hoffnung, in Zukunft könnten „imaginierte kosmopolitische Risikogemeinschaften“ entstehen (S. 216). Auch die Beschreibung dieser Weltstädte je für sich mutet, um es vorsichtig zu formulieren, einigermaßen idealistisch an. Wer die Städte als „Pioniere bei der Annahme der Herausforderungen einer kosmopolitischen Moderne“ (S. 215) identifiziert, blendet offenkundig all die Tatschen aus, die unübersehbar darauf hinweisen, dass diese Stadtgesellschaften so egalitär nicht sind und sich auch nicht so ohne weiteres als vielversprechende Orte umfassender Inklusion empfehlen (siehe etwa Becks Formulierungen auf S. 68f.). Damit soll das ebenso ernstzunehmende Faktum gar nicht bestritten werden, dass bei den meisten Wahlen der Anteil von Wählern rassistischer oder populistischer Parteien gerade in den großen Städten (einstweilen noch?) am geringsten ist. – Hier zeigt sich, dass Beck letztlich, ganz so wie die Modernisierungstheoretiker der 1950er- und 60er-Jahre und die Theoretiker des Postindustrialismus à la Alain Touraine in den 1970er-Jahren, gerade den in den Weltstädten beheimateten akademischen Mittelschichten das zentrale emanzipatorische Potential zuschreiben möchte (S. 225). Den „grünen Kapitalismus“ (von Kapitalismus ist übrigens erst zum Schluss und lediglich am Rande die Rede) sollen eher interesselosen Experten, akademisch Gebildete und die Besserverdienenden befördern. Nach mehr als fast 70 Jahren Lobpreisung der segensreichen Wirkungen von Mittelschichten, denen prinzipiell alles Gute und Schöne zugeschrieben wird, möchte man sagen: ‚Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‘ Beck und alle, die in seiner Argumentationsspur fahren, müssten sehr viel mehr an Belegmaterial beibringen, um der These von den krisenüberwindenden Potenzialen der globalen Mittelschicht echte Plausibilität zu verschaffen.

Im Resümee wird man wohl zu dem Schluss gelangen, dass Becks mutmaßlich letztes Buch in der Tat mehr Fragen aufwirft als es soziologisch belastbare Antworten bietet. Insofern ist er auch in diesem Buch und damit bis zum Schluss seines Wirkens der Rolle des öffentlichen Soziologen treu geblieben, der seine Disziplin kraft eigener Wortmächtigkeit in eine bestimmte Richtung zu schieben versuchte, die den Vertretern dieses Faches nicht immer geheuer war. Für die einen –  sie stellen bis auf den heutigen Tag die Minderheit gerade in der deutschen Soziologie – blieb er mit seiner Ausrufung der zweiten oder „reflexiven“ Moderne zu sehr der klassischen Modernisierungstheorie verpflichtet, die er ihrer Meinung nach freilich auf eine abstraktere Ebene hob. Für die anderen war Beck zu schnell bereit, die Institutionenanalyse über Bord zu werfen, was zu seinen oft überzogenen Epochenbruch-Behauptungen und der Verabschiedung etwa des Nationalstaats geführt habe. Dagegen gab es im Fach vielfach Widerstand – und manchmal eben auch mit guten Gründen.

Fußnoten

[1] Ulrich Beck, Objektivität und Normativität. Die Theorie-Praxis-Debatte in der modernen deutschen und amerikanischen Soziologie, Reinbek 1974.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.