Für die Tonne

Rezension zu "Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums" von Wolfgang König

Die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung oder die Diskussionen um das Anthropozän und die Klimaerwärmung verweisen auf grundsätzlich prekär gewordene Naturverhältnisse, wie sie auch der Begriff der „Wegwerfgesellschaft“ indiziert. Er wurde in den 1950er-Jahren geprägt und bezeichnete eine damals neue, durch Massenproduktion und -konsum charakterisierte Entwicklungsphase westlicher kapitalistischer Gesellschaften. Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte (a.D.) an der Technischen Universität Berlin, hat nun die erste eigenständige Monografie zu diesem Gegenstand vorgelegt (vgl. S. 14). Mit unmittelbaren Bezugnahmen auf aktuelle gesellschaftspolitische Debatten, etwa zur Verschwendung von Ressourcen, hält sich König zurück; er lässt jedoch keinen Zweifel daran, „dass die heutige Wegwerfgesellschaft nicht nachhaltig und zukunftsfähig ist“ (S. 9). Der allgemeinen Bedeutung des Themas entsprechend ist das Buch nicht für ein spezielles Fachpublikum, sondern für eine breite Leser*innenschaft geschrieben. Inhaltlich schlägt sich das in einer sehr materialgesättigten und detailreichen Darstellung verschiedener konkreter Gegenstandsfelder der Wegwerfgesellschaft nieder; formal und stilistisch zeigt sich diese Adressierung am übersichtlichen Aufbau und an einer prägnanten Wissenschaftsprosa, die dennoch leicht zugänglich ist.

In der Einleitung entwickelt König seinen Begriff der „Wegwerfgesellschaft“, die er „als eine Steigerung der Konsumgesellschaft“ (S. 9) begreift. Außerdem gibt er einen kurzen Überblick über Theoretisierungen (unter anderem von Vance Packard und Günther Anders) und einflussreiche literarische Darstellungen der Wegwerfgesellschaft (unter anderem von Aldous Huxley und Heinrich Böll). Er sieht den Begriff vor allem durch die allgemeine Verbreitung des Wegwerfens und die Vielzahl spezieller Wegwerfprodukte bestimmt und gerechtfertigt. Die Anfänge dessen verortet er in den USA um 1930 und in der Bundesrepublik um 1960. König widmet sich vornehmlich den Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland; es werden allerdings auch zahlreiche instruktive Vergleiche zu den Vereinigten Staaten gezogen, die Aufschluss über kulturelle Unterschiede geben. Hinsichtlich seines Gegenstandsfeldes konzentriert sich König in erster Linie auf stoffliche Konsumprodukte im engeren Sinn. Er setzt sich damit von einem weiten Verständnis des Wegwerfens ab, das unter anderem auch die Felder Energie und Information sowie die Siedlungs- und Industrieabfälle einbezieht, die über den Hausmüll hinausgehen und das Gros der Abfallmassen bilden (vgl. dazu S. 8, 17).

Im ersten Kapitel wird die Wegwerfgesellschaft ausgehend von ihrer Kehrseite, dem Müll, betrachtet. Als eine wichtige Schwelle in der Geschichte des Mülls sieht König die unmittelbare Nachkriegszeit an, weil sich seitdem das Müllaufkommen in dramatischer Weise erhöht habe. Verbunden mit der enormen Zunahme war die Veränderung der Zusammensetzung des Mülls und die Entstehung immer neuer Müllkategorien wie Bio- und Plastikmüll. Zu den Gegenständen und Materialien, die zur Ausdifferenzierung des Müllspektrums beigetragen haben, gehören unter anderem Aluminiumfolien, Konservendosen aus Weißblech, Cellophan, vielfältige Plastik- und Kunststoffe und elektronische (End-)Geräte. Die Expansion der Verpackungsmaterialien wurde durch die Ausbreitung der Städte in den ländlichen Raum und das damit verbundene erhöhte Transportaufkommen, die Veränderung der Essgewohnheiten (fast food), den Übergang zur Selbstbedienung und in jüngster Zeit durch den Internethandel vorangetrieben. Hier zeigt sich bereits die Stärke des Buches: die Analyse einer Vielfalt von konkreten Materialien und Praktiken der Wegwerfgesellschaft, die anhand von empirischen Daten präsentiert werden. Die Geschichte der Wegwerfgesellschaft erscheint damit zugleich auch als eine Kulturgeschichte gesellschaftlicher Dingbeziehungen und als Produktionsgeschichte immer neuer Waren, die oft nur zum einmaligen Gebrauch oder zum kurzfristigen Verbrauch bestimmt sind. Ein besonderes Augenmerk des Autors gilt den historischen Knoten- und Wendepunkten der Abfall- und Wegwerfgeschichte; etwa wenn bestimmte traditionelle Produkte durch neue Konsumartikel ersetzt werden oder wenn neue Abfallproblematiken auftauchen. Immer wieder fällt der Blick dabei auf die politischen Versuche, die unerwünschten Folgen des Wegwerfens durch neue Gesetze und Verordnungen zu begrenzen – die Einführung von Pfandsystemen, Recyclingquoten, das Verbot bestimmter Stoffe, Vorschriften zu Sammel- und Verwertungssystemen, Garantiegewährleistungen.

Die folgenden Kapitel (zwei bis fünf) beziehen sich dann auf einzelne Felder und Gegenstandsbereiche der Wegwerfgesellschaft: die Synthese von Hygiene und Wegwerfen, die Verschwendung von Lebensmitteln, den Zusammenhang von Verschleiß und Mode am Beispiel der Kleidung sowie auf Möbel als Konsumgüter. Im Verlauf der Darstellungen werden allgemeine Trends und Tendenzen sichtbar, die ein „Indiz für fundamentale Veränderungen“ (S. 84) in der gesellschaftlichen Produktionsweise und den kollektiven Einstellungsmustern sind. So wird immer weniger repariert, zugleich gibt es immer mehr Wegwerfgegenstände und die Nutzungsdauern wie auch die Garantiezeiten verkürzen sich. In den Kapiteln zu Textilien und Möbeln wird die Ausbreitung des Modeprinzips als ein weiterer übergreifender Trend dargestellt (vgl. S. 67). An späterer Stelle geht König dann noch einmal auf die Verschränkung von Mode und Konsum ein, es scheint ihm so, „als hätten sich die Moden parallel zur Expansion der Konsumgesellschaft ausgeweitet und beschleunigt“ (S. 112).

Konsequenterweise wendet sich König nach den einzelnen Phänomenbereichen und der zunehmenden Bedeutung von Moden in einem eigenen Kapitel den Strukturen des Wegwerfens zu. Einen Schwerpunkt bildet hier die Kritik an kurrenten Verschwörungstheorien, die der Industrie – unter den Stichworten der geplanten Obsoleszenz oder des geplanten Verschleißes – eine bewusste Verkürzung der Produktlebensdauer im Interesse der Profitmaximierung unterstellen. König distanziert sich des Weiteren von kapitalismuskritischen Positionen, die zu einseitig den systemischen Wachstumszwang herausstellen und dadurch den Konnex von Wegwerfgesellschaft und kapitalistischer Mehrwertproduktion (über-)betonen würden. Demgegenüber sieht er die Konsument*innen durch ihre Bedürfnisse und Einstellungen sehr viel aktiver in die (Re-)Produktion der gesellschaftlichen Verhältnisse (konkret: des Wegwerfens) eingebunden. Anstatt dem Kapitalismus die Schuld zu geben, will König die Subjekte in die Pflicht nehmen.

Das letzte Kapitel widmet sich dann auch den Alternativen zur Wegwerfgesellschaft. Im Zentrum stehen dabei drei Strategien: erstens die Suffizienz, die auf eine größere Enthaltsamkeit beim Konsum abzielt; zweitens die Strategie des Secondhand, die eine vermehrte Nutzung von Gebrauchtwaren anstrebt; sowie drittens gemeinschaftliche Nutzungsformen wie Sharing und Leasing. Alle drei Formen sind für den Autor manifeste Gegenbewegungen zu den Tendenzen der Wegwerfgesellschaft. Zugleich betont er die Grenzen und unintendierten wie kontraproduktiven Nebenfolgen derartiger Praktiken und hinterfragt kritisch deren Potenzial zur gesellschaftlichen Verallgemeinerung. So sei etwa der Anteil des Gebrauchtwarenmarkts am gesamten Einzelhandel verschwindend gering und es wäre sehr unwahrscheinlich, dass er sich in Zukunft wesentlich erhöhe. Beim Carsharing würden die positiven Erwartungen dadurch enttäuscht, dass Teilautokonzepte die Individualmotorisierung oft nicht ersetzen, sondern ergänzen und erweitern würden (vgl. S. 141). Eine grundsätzliche Abkehr von der Wegwerfgesellschaft ist laut König denkbar mittels zweier „einfache[r] Handlungsanweisungen: (1) Weniger produzieren, konsumieren und wegwerfen sowie (2) Produkte länger nutzen“ (S. 147). Dagegen ist schwerlich etwas einzuwenden, die Frage ist aber, inwieweit sich beides unter den Bedingungen des bestehenden Wirtschaftssystems, das auf strukturelles Wachstum angewiesen ist, umsetzen lässt.

In einem kurzen Ausblick resümiert König wichtige Befunde seiner Studie und bezieht zugleich noch einmal deutlich Stellung. Er betont, dass „die Suche nach Tätern und Opfern und die gegenseitigen Schuldzuweisungen von Produzenten und Konsumenten […] müßig sind. Die Produzenten und Konsumenten wirkten bei der Entwicklung der Wegwerfgesellschaft einträchtig zusammen“ (S. 145), sie „sind also Täter und Opfer zugleich. Ihre Interessen ergänzen sich.“ (S. 146) Diese Einsicht ist vor allem gegen solche kapitalismuskritischen Ansätze stark zu machen, nach denen die Subjekte von den herrschenden strukturellen Bedingungen dominiert oder manipuliert werden und in denen sie somit als bloß passive Größen vorkommen. Zugleich steht Königs These eines harmonischen Miteinanders von Produzenten und Konsumenten aber auch in Spannung zu seinen eigenen Darstellungen, die durchaus Friktionen, Widersprüche und Interessengegensätze zwischen beiden Seiten thematisieren – sind es doch genau solche Dissonanzen, die die von ihm aufgeführten Tauschbörsen, Umsonstläden, Repaircafés oder Do-it-yourself-Bewegungen hervorbringen. Auch die historische Fabrikation der mit der Wegwerfgesellschaft verbundenen Mentalität – wenn man so will: der Sozialcharakter des Verbrauchers – verweist auf die Dominanz der ökonomischen Struktur sowie auf die Asymmetrie zwischen Subjekt- und Systemebene: Die Durchsetzung der Wegwerfmentalität geschah gegen hartnäckige Widerstände, die etwa aus älteren Traditionen der Sparsamkeitsethik herrührten (vgl. S. 98). Indem er die strukturelle Bedingtheit der Wegwerfgesellschaft weitgehend ignoriert und von einem nahezu konfliktfreien Zusammenwirken der Produktions- und der Konsumptionsseite ausgeht, übersieht König diese Aushandlungsprozesse.

Das Hauptproblem der Arbeit ist dann auch ihr gesellschaftstheoretisches Defizit. Das zeigt sich deutlich, wenn der Autor im Schlussteil die Merkmale der Wegwerfgesellschaft „als extreme Erscheinungen und Auswüchse der Konsumgesellschaft“ (S. 144) versteht. Dem Rezensenten erscheint es dagegen plausibler, sie als Ergebnis eines Wirtschaftssystems zu begreifen, das strukturell auf Wachstum und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Damit würde der Begriff der „Wegwerfgesellschaft“ eine Theoretisierung und Kritik der modernen kapitalistischen Gesellschaft ermöglichen. Viele der Autoren, die König in seiner einleitenden Rekapitulation der Theoriebildung zur Wegwerfgesellschaft anführt, wie etwa Hans Freyer, Günther Anders oder Alvin Toffler, haben genau das getan – leider ohne Konsequenz für die vorliegende Studie. Die fehlende Rückbindung an eine kritische Gesellschaftstheorie schmälert jedoch nicht die empirischen Detailarbeiten zu verschiedenen Dimensionen der Wegwerfgesellschaft. Gerade diese Darstellungen machen die Arbeit lesenswert und halten vielfältige Informationen und Überraschungen zur Kulturgeschichte des Verbrauchens und Wegwerfens parat.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.