Im Dickicht

Ein neuer Band begibt sich auf die Fährte der Human-Animal Studies

Die Human-Animal Studies (HAS) sind auch in deutschsprachigen Universitäten angekommen. Davon zeugen institutionelle Initiativen, Forschungsverbünde, Netzwerke und wachsende Lehrangebote.[1] Berücksichtigt man die zentrale Bedeutung, die unser Verhältnis zu Tieren in den gesellschaftlichen Diskussionen der letzten Jahre gewonnen hat, verwundert dies wenig. Das Forschungsfeld stellt einen Ort wissenschaftlicher Auseinandersetzung dar, in dem sowohl Forschende als auch Studierende nach Orientierung innerhalb dieser Debatten suchen: Selbst jenen Wissenschaftler_innen, die sich dem Feld zugehörig fühlen, fällt es nicht immer leicht zu überblicken, was sich hinter den HAS als Forschungsrichtung eigentlich verbirgt. Entsprechend schwieriger gestaltet sich diese Aufgabe für Außenstehende. Die wild wuchernde Ausbreitung des Feldes über die letzten Jahre trägt ihr Übriges zur Verwirrung bei. Der hier rezensierte Band verspricht nun eine längst überfällige Verortung vorzunehmen.

Es sind bereits diverse englische sowie eine Handvoll deutschsprachige Einführungen, Überblickswerke und Handbücher (mal mehr, mal weniger kohärent, vollständig und treffend) vorhanden.[2] Kaum eines dieser Werke hat jedoch den Charakter eines Lehrbuchs, vielmehr bilden sie Forschungsdebatten ab und beleuchten den Ansatz der HAS vor allem in und für einzelne Disziplinen. Daher sind sie eher als erste Anlaufstelle zur Einarbeitung in spezifische Fragestellungen oder einzelne Teilbereiche der HAS zu verstehen, nicht aber als Einführung in das Feld als eigenen Wissenschaftszweig. Auch Internetressourcen wie die – mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen – Ruminations des H-Animal-Networks konzentrieren sich auf einzelne, disziplinäre Kontexte, während die ebenfalls von H-Animal bereitgestellte Syllabus Exchange, in der Kursbeschreibungen von Lehrenden frei verfügbar zum Austausch stehen, mit ihrem Zuschnitt auf konkrete Lehrveranstaltungen notgedrungen selektiv bleibt. Die einzigen sich allgemeiner an einen universitären Lehr- und Lernkontext richtenden Bücher sind Margo DeMellos Teaching the Animal: Human-Animal Studies Across the Disciplines (New York 2010) und Animals and Society: An Introduction to Human-Animal Studies (New York 2012), ohne dabei jedoch das Forschungsfeld HAS an sich vorzustellen. Stattdessen liefert das erste Buch Anregungen für Lehrende, HAS als Forschungsperspektive in Curricula ausgesuchter Disziplinen einzubinden, inklusive Beispiellehrplänen für Seminare. Das zweite Buch wiederum führt in das gesellschaftliche Verhältnis von Menschen und Tieren und damit vor allem in den Gegenstand der HAS ein. Somit fehlt auch international eine explizite Einführung in die HAS als Forschungsfeld, die zudem auch studentischen Interessen und Bedürfnissen gerecht wird. Folgt man dem Titel des vorliegenden Buches, scheinen damit also gleich zwei Leerstellen ausgefüllt: die einer Einführung in die HAS als Forschungszweig sowie die einer allgemeinen Orientierungshilfe im Lehrbetrieb.[3]

Diese beiden Lücken, so viel sei vorab angemerkt, werden leider nicht gefüllt. Gleich zu Beginn weisen die Autorinnen darauf hin, dass sie den Leser_innen „ein Bewusstsein für anthropozentrisch und kulturell geprägte Sicht- und Verhaltensweisen vermitteln und […] Denkmodelle und Methoden zur Analyse von Widersprüchen und Ambivalenzen zur Hand geben sowie Gewalt- und Ausbeutungsformen innerhalb von Tier-Mensch-Beziehungen aufzeigen“ (S. 13) wollen. Während anzuerkennen ist, dass sie damit ihren eigenen Standpunkt explizit machen und ihre eigene Perspektive verorten, bleibt eine solche Zuspitzung für eine Einführung problematisch. Mit ihr verbindet sich weniger eine Forschungsfrage als ein politisches Programm. Daran ist nicht per se etwas auszusetzen; Wissenschaft, das ist spätestens seit der Wissenschaftskritik der 1970er- und 1980er-Jahre nicht mehr zu ignorieren, ist immer auch politisch und hat politische Verantwortung zu übernehmen. Gleichwohl schränken die Autorinnen das Feld der HAS damit von vornherein auf eine spezifische Lesart ein: Was in dem Band vor allem vermittelt wird, ist eine sozialaktivistische Definition der HAS, die primär von den Critical Animal Studies (CAS) vertreten wird. Die mit dieser Perspektive oft verbundene Annahme, die Entstehung der HAS sei auf die Kritik der menschlichen Ausbeutung von Tieren zurückzuführen, dürfte indes einer wissenschaftshistorischen Aufarbeitung nicht Stand halten.

Sicher lässt sich nicht ganz zu Unrecht anbringen, dass die Sorge um einen rücksichtslosen gesellschaftlichen Umgang mit Tieren die Entwicklung der HAS stark mitgeprägt hat. Doch wenn man die Entstehung des Forschungsfeldes in den Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er- und 1970er-Jahre stellt und die damit einhergehende zunehmende Verunsicherung im menschlichen Selbstverständnis westlicher Gesellschaften in Betracht zieht, dürfte es in diesem Feld schon in seinen Anfängen multi-perspektivischer zugegangen sein, als es ein solches Gründungsnarrativ glauben macht. Zumindest für die Gegenwart lässt sich aber feststellen, dass der Forschungszweig ein deutlich diverseres, widersprüchlicheres und bisweilen durchaus opportunistischeres Bild abgibt, als eine Verengung beziehungsweise Zuspitzung auf die CAS nahelegt. Wenngleich eine mangelnde Auseinandersetzung mit den Herrschaftsverhältnissen materiell-gesellschaftlicher Mensch-Tier-Beziehungen von den CAS sicher zu Recht kritisiert wird – um ihrem Gegenstand gerecht zu werden, sollte eine Einführung in das Forschungsfeld Brüche, Widersprüche, eventuell auch Unzulänglichkeiten und unliebsame Tendenzen mit abbilden. Im vorliegenden Band sucht man nach solcher Vielschichtigkeit jedoch vergebens.

Die Autorinnen strukturieren ihr Werk in sechs Teilbereiche. Zwei Kapitel geben einen knappen Überblick über die Entstehung der HAS und führen in zentrale Fragestellungen ein. Den CAS entsprechend legen die Autorinnen ihren Schwerpunkt dabei auf die Dekonstruktion der Grenzbestimmung zwischen Mensch und Tier sowie die sprachliche Konstruktion und Überformung von Tieren (Gastbeitrag von Reinhard Heuberger, Institut für Anglistik, Universität Innsbruck). Kapitel vier thematisiert Tier-Mensch-Verhältnisse aus der Perspektive kultureller Praktiken, insbesondere dem Umgang mit Tieren im häuslichen Bereich, der ökonomischen Vernutzung von Tieren sowie ihrer Stellung in der Unterhaltungsindustrie. Dem Spezialbereich der Tierethik ist ein eigenes Kapitel gewidmet (Gastbeitrag von Reinhard Margreiter, Institut für Philosophie, HU Berlin). Kapitel sechs führt in Marxismus und Frankfurter Schule, Feminismus, Postmoderne und Posthumanismus, Animal Agency und Intersektionalität als für die HAS relevante theoretische und konzeptuelle Zugänge ein. Abschließend werden in einem vergleichsweise knapp gehaltenen Kapitel Methoden der HAS vorgestellt. Aufgebaut sind die einzelnen Kapitel und Unterkapitel dabei als Selbstlerneinheiten. „Hinführungen“ betten die Texte in einen breiteren, zumeist gesellschaftlichen Kontext ein. Unregelmäßig über den Band verteilt finden sich „Arbeitsaufgaben“, mit deren Hilfe die Inhalte besser erschlossen werden können. Die Textblöcke zu den einzelnen Teilbereichen schließen mit Verständnisfragen und Hinweisen zu weiterführender Literatur ab. Aktuelle Literatur ist dabei so umfassend wie angemessen berücksichtigt.

Auch wenn Auswahl, Aufbereitung und Bewertung deutlich die ethisch-politische, aktivistische Ausrichtung des Bandes widerspiegeln, bilden die Autorinnen mit diesen Themen und ihrer Sortierung durchaus aktuelle Tendenzen in den HAS ab und greifen relevante sowie bedeutsame theoretische und konzeptuelle Strömungen auf. Etwa werden in den HAS – analog zu anderen Gesellschaftswissenschaften – seit der Jahrtausendwende zunehmend Ansätze, die vor allem die Konstruktion von Tieren auf sprachlicher Ebene ins Visier nehmen, für ihre materielle Vergessenheit kritisiert. Seitdem nimmt die Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit von Tieren eine exponierte Stellung in den HAS ein. Die zentrale Berücksichtigung kultureller Praktiken der Autorinnen reflektiert diese Kritik. Gleichzeitig kommt es allerdings gerade für den deutschsprachigen Raum zu einer verzerrten Darstellung von Forschungsperspektiven: Es ist erstaunlich, dass die Tierethik im Band ausdrücklich Berücksichtigung findet, jedoch weder die Geschichts- noch Kunstwissenschaften explizit behandelt werden, da es neben der Philosophie und den Literaturwissenschaften vor allem diese Disziplinen sind, die im deutschsprachigen Raum als zentrale Impulsgeber das Feld der HAS in den letzten Jahren maßgeblich mitentwickelt und -gestaltet haben. Freilich kommt eine Einführung nicht umhin, Schwerpunkte zu setzen. Gleichwohl können sich die Autorinnen nicht einfach auf die eigenen disziplinären Kompetenzen zurückziehen. Stattdessen ist zu erwarten, dass fehlende Expertise – wie im Falle der Tierethik geschehen – extern hinzugeholt wird.

Sich auf die eigenen Kompetenzen zu verlassen, erweist sich im Falle der vorliegenden Publikation nun als zumindest unglücklich. Die Annahme eines „seit Jahrtausenden unausgewogenen Verhältnisses zwischen Mensch und Tier“ (S. 17 f.) etwa ist in ihrer Absolutheit und Vagheit kaum haltbar. Stattdessen führt gerade eine durch die Perspektive der HAS geleitete historische Aufarbeitung von Tier-Mensch-Verhältnissen zu einem wesentlich komplexeren Bild. In der Geschichte des Hundes zum Beispiel ist die Vorstellung einer zwanghaften Domestikation von Wölfen durch Menschen der eines schleichenden Übergangs gewichen. Einzelne Wölfe schlossen sich demnach ebenso aus Sicherheits- und Nahrungsopportunismus menschlichen Gruppen an, wie sie von Letzteren geduldet wurden.[4] Solch fehlende Differenzierungen sind leider programmatisch für den Band. Die Feststellung, „[i]m Alltag teilen wir Tiere nicht nach einem biologischen System ein, sondern nach ihren Beziehungen zum Menschen und ihrer Nutzbarkeit durch den Menschen. Die Klassifikation ist also eine anthropozentrische“ (S. 56, Hervorh. im Orig.), ist so zutreffend wie banal und verkürzend. Wenn wir von Kaninchen sprechen, teilen wir diese sehr wohl auch im Alltag nach einer biologischen Klassifikation ein, die in ihrer begrifflichen Bestimmung selbstverständlich durch den Menschen erfolgt, gleichwohl jedoch auf materiell vorliegende Ähnlichkeiten Bezug nimmt; Kaninchen sind sich darin untereinander näher als jedem Hund oder Nilpferd. Leicht entsteht so der Eindruck, dass bisweilen die politische Kritik der Autorinnen einen differenzierteren Blick auf Tiere und Mensch-Tier-Verhältnisse verstellt. Vor allem gehen dabei aber wichtige neue Einsichten und Differenzierungen in unserem Verständnis von Tieren und Tier-Mensch-Verhältnissen verloren, die gerade durch die HAS befördert wurden. Bei allen Sympathien für das politische Anliegen der Autorinnen bleiben so wichtige Erkenntnisse nicht zuletzt für die Kritik gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse unberücksichtigt.

Insgesamt ermöglicht der Band anstelle eines erhofften Überblicks über Diskussionen und Debatten der HAS somit eher einen Einblick in die Diskurse der sozialaktivistisch orientierten CAS. Berücksichtig man diese Perspektive, lässt sich trotz der hier geltend gemachten Einschränkungen ein Einblick in einzelne Tendenzen und Diskursstränge der HAS gewinnen. Darüber hinaus sind vor allem das Glossar, der Überblick zu Forschungsinitiativen im Anhang des Bandes sowie das Literaturverzeichnis hilfreiche Ressourcen, um einen ersten Eindruck von den Auseinandersetzungen im Feld zu gewinnen. Eine bündige Einführung hingegen, die die gegenwärtige Vielschichtigkeit berücksichtigt und als klar umrissenes Lehrbuch fungieren könnte, fehlt weiterhin. Dass dieses Unterfangen misslungen ist, ist aber dabei nicht allein dem vorliegenden Band anzulasten, sondern dürfte vielmehr im Forschungsgegenstand der HAS selbst begründet liegen: Je weiter sich das Forschungsfeld entwickelt, umso mehr scheint es in partikulare Diskurse zu zerbrechen und sich in der Komplexität des eigenen Gegenstandes zu verlieren; angesichts der Größe des Forschungsgegenstandes ist dies kaum verwunderlich.

In einem zugegebenermaßen kursorischen und spekulativen Blick über Buchneuerscheinungen und neue Forschungsinitiativen scheint sich zumindest tendenziell abzuzeichnen, dass die HAS sich wieder stärker an die bestehende disziplinäre Landschaft rückbinden, statt ein Profil als eigene Disziplin oder klar konturiertes, interdisziplinäres Forschungsfeld auszubilden. Begleitet ist dies von einer Ausdifferenzierung, in der sich eine zumeist erkenntnis- und wissenschaftskritische Perspektive von der empirisch geleiteten Aufarbeitung von Mensch-Tier-Beziehungen trennt. Auch lange in eins gedachte Fragestellungen der HAS beginnen somit auseinander zu fallen. Anstatt als ein Forschungszweig erscheinen die HAS mittlerweile eher als ein supra-wissenschaftlicher Forschungsorganismus, der kontinuierlich seine Gestalt verändert. Eine Einführung, die dem Forschungsfeld gerecht wird, hätte dann wohl weniger von klar umrissenen Fragestellungen, Methoden und Gegenstandsbereichen auszugehen, als vielmehr diese Eigendynamik und Widersprüchlichkeit des Forschungsdiskurses zu vermitteln. Vielleicht ist aber genau das der Grund für das Fehlen einer Einführung in die HAS. Zu weit, so scheint es, ist die Eigensinnigkeit der Tiere in ihr Bewusstsein gedrungen, um sich noch bündig einführen zu lassen.

Fußnoten

[1] An der Veterinärmedizinischen Universität Wien kann ein interdisziplinärer Master in Mensch-Tier-Beziehungen studiert werden, Würzburg beheimatet das Nachwuchsforschernetzwerk für “Cultural and Literary Animal Studies” (CLAS) mit regelmäßigen Kolloquien. Zudem wird dort bald die Stelle einer Juniorprofessur “Cultural Environmental and Animal Studies” besetzt, während die HAS in Kassel mit einer Juniorprofessur in der Geschichte bereits vertreten sind. Das erste deutschsprachige HAS-Journal Tierstudien erscheint seit 2012.

[2] Zum Beispiel: Paul Waldau, Animal Studies: An Introduction, New York 2013; Nik Taylor, Humans, Animals, and Society: An Introduction to Human-Animal Studies, New York 2013; Fiona Probyn-Rapsey, Human Animal Studies: An Introduction, London 2014; Roland Borgards (Hg.), Tiere. Ein kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart 2015; Markus Wild, Tierphilosophie zur Einführung, Hamburg 2008. Darüber hinaus führen die meisten großen, internationalen Verlage ein Handbuch zu den HAS in ihren Programmen.

[3] Dass sich Parallelen zwischen DeMellos Büchern und dem rezensierten Band zeigen, ist wenig verwunderlich. Das von DeMello mitbegründete „Animals and Society Institute“, ein unabhängiges Förderinstitut in den USA, hat die Erstellung des vorliegenden Bandes finanziell wie ideell unterstützt.

[4] Wolfgang M. Schleidt / Michael D. Shalter, Co-evolution of Humans and Canids. An Alternative View of Dog Domestication: Homo Homini Lupus?, in: Evolution and Cognition 9 (2003), 1, S. 57–72.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.