Nach dem Holozän

Rezension zu "Anthropozän zur Einführung" von Eva Horn und Hannes Bergthaller

Der modernen Gesellschaft als Wissensgesellschaft ist die Natur zu einer zweiten, wissenschaftlich-technisch selbst erschaffenen Natur geworden, welche nun der Gesellschaft gefährlich wird. Das ist unter Stichworten wie "Risikogesellschaft", "Nachhaltigkeit", "limits to growth" oder "reflexive Modernisierung" eine bekannte These. Dazu gehören konkrete Gefährdungen, etwa Waldsterben, Biodiversitätsverlust, Klimawandel etc. Warum wird die These von der menschlich erschaffenen zweiten Natur nun also unter dem Begriff des Anthropozäns neu gefasst?

Der ursprünglich geologische Terminus bezeichnet naturwissenschaftlich beobachtbare Effekte menschlicher Einflüsse auf das Erdsystem und schließt von diesen auf das Ende des Holozäns – des "Nacheiszeitalters"; – und auf den Beginn des Anthropozäns. Nimmt man das ernst, keine kleine Sache also: Anthropozän ist dann kein bloß neuer Begriff, um auf bekannte und unzureichend bearbeitete Probleme hinzuweisen. Anthropozän meint vielmehr einen grundsätzlichen Blickwechsel. Anstelle des menschlichen Wirkens steht nun das Erdsystem im Mittelpunkt, als dessen Teil und Effekt der Mensch zu sehen ist, weil er, so die These, mit seinen Spuren ein geologisch feststellbares neues Erdzeitalter bedingt.

Eva Horn und Hannes Bergthaller unternehmen in ihrer Junius-Einführung zum Anthropozän nichts weniger als dies: Das Anthropozän ernst zu nehmen als einen Epochenwechsel auch sozial- und geisteswissenschaftlicher Kernkonzepte einschließlich des darin liegenden Potenzials, erdsystemischen Veränderungen neu und anders zu begegnen. Gelungen ist die Einführung im besten Sinne des Wortes: Sie ist gut verständlich und dicht geschrieben, ordnet die Vielzahl an Bezügen und Dimensionen, wird verschiedenen Standpunkten gerecht und vertritt klar eigene Positionen. Angesichts eines so heterogenen und emotional besetzten Gegenstands wie des Anthropozäns ist dies verdienstvoll.

Im ersten von drei Hauptteilen präsentiert das Buch unter der Überschrift Stratigraphien Definitionen und Genealogien des Anthropozäns. Die Definitionen verhandeln den Begriff als solchen und diskutieren seine Eigenschaften und Bestimmungen. Dabei wird die politische Dimension ebenso berücksichtigt wie die verschiedenen, in der Debatte prominenten grafischen Darstellungen. Darüber hinaus erfolgt eine Auseinandersetzung mit den umstrittenen Bestimmungen des Beginns des Anthropozäns, wobei wiederum die verschiedenen Ansätze mit ihren unterschiedlichen Implikationen eingängig diskutiert werden. Schon das allein macht das Buch lesenswert. Diese instruktive Einführung in die Thematik wird ergänzt durch eine Auseinandersetzung mit Vorläufern des Konzepts. Ganz im Sinne einer Genealogie handelt es sich hier nicht lediglich um eine Begriffsgeschichte, sondern zugleich um eine Verortung der Frage selbst – denn sowohl eine Historisierung des Begriffs, als auch ein Bestehen auf dessen Nichthistorisierung hat ihrerseits politischen Charakter.

Auf die Stratigraphien folgen die Metamorphismen. Unter dieser Überschrift setzen sich Eva Horn und Hannes Bergthaller mit den grundlegenden Veränderungen auseinander, die das Anthropozän für Kernaspekte der Sozial- und Geisteswissenschaften mit sich bringt. Weder der Dualismus von Natur und Kultur, noch der Mensch – der anthropos –, noch Politik oder Ästhetik bleiben im Anthropozän, was sie in der Moderne sein konnten. In all diesen Feldern hat der Bezug auf das Anthropozän eine transformierende Kraft, wobei in unterschiedlichem Maße an vorangehende Diskussionen angeknüpft werden kann. Die Autor*innen stellen heraus, wie der Begriff des Anthropozäns genutzt wird, um bereits seit den 1980er-Jahren geführte Diskussionen zum Wandel des Verhältnisses von Natur und Kultur neu zu denken.

Die Science and Technology Studies, allen voran Bruno Latour und Donna Haraway, hatten vorgeschlagen, anstatt von einer klaren Dichotomie von Natur und Kultur zutreffender von Hybriden beziehungsweise von einer Verstrickung sozialer und natürlicher Prozesse auszugehen. Lange vor einer Rede vom Anthropozän liegen also Ansätze vor, Natur nicht als Gegenpol zur menschlichen Welt zu fassen, sondern diese Unterscheidung zu unterlaufen. Nicht nur in der Wissenschaftsforschung, auch in der Umweltgeschichte wird insbesondere unter dem Ökologiebegriff auf das Systemische und Zusammenhängende verwiesen. Die Erdsystemwissenschaften bestätigen teilweise derart vorformulierte Überlegungen. In dieser fundierten Auseinandersetzung mit der Metamorphose der Natur-Kultur-Unterscheidung gelingt es den Autor*innen, der Vielschichtigkeit und Heterogenität der Debatte sowie den Besonderheiten und Implikationen der verschiedenen Ansätze gerecht zu werden. Neigen Debatten in diesem Zusammenhang mitunter zu einem gewissen Dogmatismus, so ist die Darstellung in dieser Einführung von derlei ganz erfrischend frei.

Ähnlich umfassend gelingt die Auseinandersetzung mit dem anthropos, die entlang zweier zusammenhängender Leitfragen strukturiert ist: Nämlich der nach dem Status des Menschen als Ursache und Subjekt des Anthropozäns (als anthropos, als biologischem Wesen unter anderen) und jener nach der Besonderheit des Spezies Homo Sapiens (als homo, als dem Anderem der Natur). Zusammengenommen geht es darum, den Menschen im Hinblick auf seine ökologische Transformationskraft zu betrachten und ihn damit zugleich als Teil und als Anderes der Natur zu fassen. Zu Recht weisen die Autor*innen darauf hin, dass mit der Zusammenführung womöglich ein blinder Fleck der Geistes- und Sozialwissenschaften korrigiert wird. Wurde in der ökomodernistischen Perspektive tendenziell der homo, in der ökologisch-posthumanen Perspektive tendenziell der anthropos verabsolutiert, so gelte es, eben die Doppelseitigkeit des Menschen als homo und anthropos anzuerkennen. Unter Einbeziehung der Philosophischen Anthropologie insbesondere Plessners und Gehlens sowie der Umwelttheorie Uexkülls diskutieren die Autor*innen in diese Richtung gehende Ansätze – wobei deutlich wird, dass auch ihnen selbst diese Doppelseitigkeit des Menschen im Anthropozän als zentral zu erreichende Metamorphose in den Grundbegrifflichkeiten am Herzen liegt.

Im Zeitalter des Anthropozäns verändert sich mit dem Menschen, was als Politik gedacht und angestrebt wird. Jede ausgeübte Macht – sei es die von Staaten, Unternehmen oder Einzelpersonen – steht vor der Herausforderung, nicht nur die soziale Dimension der Politik zu berücksichtigen, sondern auch deren Einfluss auf das Erdsystem. Fraglich ist, wie dies gelingen kann. Die Überlegung eines Zusammenhangs zwischen politischem Handeln und erdsystemischen Effekten findet sich sowohl in der Philosophie, als auch in einer naturwissenschaftlich begründeten Sorge, etwa der vor einem nuklearen Winter.

Globale Umweltprobleme scheinen allerdings durch vertragliche Vereinbarungen zwischen Staaten nur unzureichend bearbeitbar. Während das Erdsystem als Allmendegut behandelt werden müsste, legt die Struktur der Situation ein egoistisches anstelle eines eigentlich erforderlichen kooperativen Handelns nahe. Der Emissionshandel könnte hier zwar beispielsweise grundsätzlich Abhilfe schaffen, doch fehlt eine politische Zentralgewalt, die auf globaler Ebene einen solchen Markt einrichten könnte. Stattdessen lässt sich beobachten, dass es gerade staatliche Interventionen und Privatisierung sind, die funktionierende kooperative Strukturen im Kontext von Allmendegütern zerstören. Der Staat, so resümieren die Autor*innen, bleibe unser größtes Problem – denn sein Verhalten werde nicht selten von lokalen Egoismen und systeminternen Imperativen diktiert (S. 115).

Schließlich bringt das Anthropozän auch im Bereich der Ästhetik eine Metamorphose mit sich. Die neue Art des In-der-Welt-Seins stellt vor die Frage, wie das Nicht-Menschliche nun zugänglich und Gegenstand ästhetischer Darstellung wird. Anerkennung des Nicht-Menschlichen und Anerkennung der Verwobenheit des Menschen mit der Welt erfordern, das Innere der Dinge und das Nicht-Wahrnehmbare ästhetisch einzufangen.

Nach den Stratigraphien und den Metamorphismen geht die Einführung abschließend den Verwerfungen des Anthropozäns nach. Die Biopolitik, die Foucault zufolge als Politik mit dem Menschen als Lebewesen rechnet, gewinne unter Bedingung des Anthropozäns eine neue Dimension: Sie wird zur ökologischen Politik, die den Menschen naturalisiert, indem sie ihn als auch biologisches Lebewesen unter anderen sieht, und zugleich entnaturalisiert, indem sie den Menschen als Teil seiner ökologischen Umwelt verortet. Biopolitik geht derart weit über Bevölkerungspolitik hinaus. Eine zweite Verwerfung betrifft Energie. Energiebedarf und Energiequellen erscheinen unter Bedingung des Anthropozäns als geeigneter Leitfaden für eine Theorie der Menschheitsgeschichte. Nach dem Regime der Jäger und Sammler sowie dem agrarischen Regime, das Energieströme bereits aktiv ausbeutete, dominiert bis heute ein fossilenergetisches Regime, das Produktivitätsgewinne durch Rückgriff auf gespeicherte Energie erzielt. Schließlich erfordert ein Denken des Anthropozäns, sowohl räumlich als auch zeitlich Größenordnungen neu einzuordnen. Das Planetarische des Anthropozäns impliziert ein neues Verständnis von Skaleneffekten, denn individuelle Akte, die für sich genommen im planetarischen Maßstab ohne Effekt sind, bringen in ihrer Summe gravierende Veränderungen mit sich. Die Autor*innen weisen darauf hin, dass zwischen individuellem Akt und globaler ökologischer Krise gerade keine Beziehung besteht – und sich eben deshalb die Frage nach den zu wählenden Skalen stellt. Dabei ist Skalierung, so machen sie deutlich, nicht nur ein Akt der Repräsentation, sondern auch der Herstellung der Welt. Relationalität, Emergenz und Interdependenz sind daher zentrale und ernst zu nehmende Fragestellungen. Betrifft das Planetarische die räumliche Dimension des Anthropozäns, reflektiert Tiefenzeit die zeitliche Dimension. Die Bedeutung zeitlicher Größenordnungen für das Anthropozän liegt angesichts der Herkunft des Konzepts aus der Geologie nahe. Vieles spricht dafür, so resümieren die Autor*innen, den Beginn des Anthropozäns gerade nicht auf ein Startdatum zu fixieren und es nicht als geologische Epoche zu formalisieren – umfasst es doch unterschiedliche, inkommensurable Zeitlichkeiten (S. 201f). Das Anthropozän erweist sich so betrachtet nicht als Krise, sondern als unbemerktes, aber irreversibles Überschreiten einer Schwelle (S. 203).

Diese Einführung ist geeignet, auch jene, die damit bislang nur am Rande in Berührung kamen, mit der unter dem Begriff Anthropozän diskutierten Problematik umfassend vertraut zu machen. Interessierte Laien finden einen guten Einstieg in die Diskussion in ihrer gesamten Breite. Zugleich sind die Stratigraphien, Metamorphismen und Verwerfungen so umfangreich recherchiert und so eingängig geschrieben, dass auch Experten eines fachbereichsspezifischen Zugriffs auf die Anthropozän-Debatte ihre eigene Perspektive umfangreich interdisziplinär und klug verortet neu reflektieren können. Die Anlage des Buches besticht dadurch, dass die einzelnen Abschnitte elegant aufeinander aufbauen und immer tiefer in die Zusammenhänge und Implikationen des Anthropozäns hineinführen – und gleichzeitig durch stetige Vor- und Rückbezüge die verschiedenen Themen miteinander vernetzen. Der Schluss des Buches verortet die Einführung global und verweist darauf, dass der Begriff des Anthropozäns vor allem in der westlichen Welt Verwendung findet – die damit bezeichneten Herausforderungen zu lösen aber nur mit dem asiatischen Raum möglich ist. Das Buch ist ohne Einschränkung zur Lektüre zu empfehlen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.