Rehabilitierung des rechten Antikapitalismus?

Zur Neuherausgabe von Heinrich Hardensetts "Der kapitalistische und der technische Mensch"

Heinrich Hardensett[1] dürfte dem Großteil der Leser­_innen kein Begriff sein. Informationen über seine Person lassen sich nicht auf die Schnelle ‚ergoogeln‘, bei Wikipedia wird man auch nicht fündig.[2] Der Marburger Metropolis-Verlag hat im vergangenen Herbst Hardensetts Dissertation Der kapitalistische und der technische Mensch von 1932 neu veröffentlicht. Mittlerweile ist am selben Ort auch dessen zwischen 1932 und 1936 verfasstes Werk Philosophie der Technik erschienen. Der Herausgeber beider Schriften, der Klagenfurter Techniksoziologe Arno Bammé, verspricht im Klappentext des hier behandelten erstgenannten Buchs, es nehme zentrale Einsichten der heutigen „ökologisch motivierten Technikkritik“ vorweg, und verleiht Hardensett damit das Siegel eines Klassikers.

 

Heinrich Hardensett und die Technokratiebewegung

Die (deutsche) Technokratiebewegung war eine kleinere, in der Weimarer Republik und einige Jahre über deren Ende hinweg existierende Gruppe von Ingenieuren, die ein spezifisches gesellschaftspolitisches Technikverständnis vertraten. Vor allem zwei Aspekte standen dabei im Vordergrund: Erstens schätzten die Technokraten die Technik durchweg positiv ein. Technik wurde als „Kulturfaktor“ verstanden, der einer zukünftigen Gesellschaft als leitendes Prinzip zugrunde liegen sollte. Zweitens beanspruchten die Technokraten die unbedingte Führungsrolle in einer solchen Welt. Technokratie bedeutet diesem Verständnis zufolge die „Herrschaft der Techniker und Ingenieure“.[3] Hardensetts Monografie gilt als theoretischer Höhepunkt der Bewegung.[4]

In seinem Nachwort[5] zum vorliegenden Band stellt Bammé einige biografische Daten bereit: Als „einer der profiliertesten Vertreter der Technokratie-Bewegung“ (176) habe es Hardensett mit seiner Dissertation zu einiger Beachtung in der Fachpresse sowie unter den konservativen Intellektuellen der Weimarer Republik gebracht, namentlich Werner Sombart, Eduard Spranger, Othmar Spann und Oswald Spengler (176 f). Sein Zweitwerk hingegen, die Philosophie der Technik, hat Bammé zufolge eine „tragische“ (178) Geschichte: Die „Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums“ untersagte die Veröffentlichung, weil Hardensett die Streichung einiger indizierter Quellenbezüge verweigerte, etwa Verweise auf Ernst Cassirer, Karl Jaspers und Max Weber (180f).

Für Bammé verkörpert Hardensett „das typische Schicksal des mitteleuropäischen Intellektuellen einer Epoche [...], die durch Kaiserreich, Weimarer Republik, ‚Drittes Reich‘ und die Spaltung Deutschlands geprägt wurde“ (181). Liest man Bammés biografische Skizze, kommen an dieser Einschätzung jedoch arge Zweifel auf, die durch weitere Hintergrundlektüre noch verstärkt werden. Dass Hardensett „in bewusster Gegnerschaft zum Nationalsozialismus“ gestanden habe, entnimmt Bammé einem von Willeke angeführten Gutachten des Personalamtes der zuständigen Gauleitung (181). Bei Willeke selbst erfährt man allerdings auch, dass sich die zitierte Formulierung im Gutachten auf die Zeit vor 1933 bezieht.[6] Willeke attestiert Hardensett zwar eine „Verweigerungshaltung“,[7] die jedoch unterschiedliche Konjunkturen gehabt habe. Die NS-Obrigkeit zweifelte Hardensetts Loyalität an, weil die Technokratiebewegung sich vor 1933 überparteilich, antifaschistisch sowie internationalistisch präsentiert hatte und Hardensett auch danach nie Parteimitglied wurde. Seine Zeit im Studentenbataillon des Freikorps Hannover und seinen Beitrag im Sammelband Die Sendung des Ingenieurs im neuen Staat[8] rechnete man ihm indes wohlwollend an.[9] Selbst seine Mitgliedschaften im NS-Lehrerbund und der NS-Volkswohlfahrt sowie seine Tätigkeit als NSV-Blockhelfer reichten aus Sicht der NSDAP allerdings nicht aus, um Hardensetts Konformität zu beweisen, schließlich war er auch in der mit der NS-Ideologie nicht vereinbaren Friedensgesellschaft tätig gewesen (185).

Ist dies „das typische Schicksal eines mitteleuropäischen Intellektuellen“ jener Epoche? Denkt man etwa an die Familie Mann, die ‚Frankfurter Schule‘, Norbert Elias und viele andere, erscheint diese Charakterisierung apologetisch. Das typische Schicksal Hardensetts scheint eher eines gewesen zu sein, dass viele von ‚Republikmüdigkeit‘ befallene nationalkonservative und völkische Intellektuelle seiner Zeit ereilte: Zwischen (partieller) Ablehnung, Skepsis und Befürwortung versuchten sie, ihre intellektuellen Agenden im Nationalsozialismus unterzubringen oder als Konkurrenzprogramm zu verkaufen – und wurden assimiliert oder scheiterten über kurz oder lang an der rigorosen Gleichschaltungspolitik der NSDAP.[10] Hardensett stand nicht nur inhaltlich mit der Verbindung der ‚Kulturfrage‘ und der ‚Technikfrage‘ der Konservativen Revolution nahe (183f.),[11] sondern auch persönlich durch seine Bekanntschaften mit deren Protagonisten. Armin Mohler, der „Gründervater“ der Neuen Rechten,[12] zählt Hardensett zum Pool der Konservativen Revolutionäre und attestiert ihm im Telegrammstil „Anklänge zum Nationalrevolutionären“.[13] Willeke zufolge scheint Hardensett, in der Hoffnung auf eine Anerkennung des technokratischen Gedankens seitens der Partei, zumindest eine Zeit lang Anknüpfungspunkte zur NSDAP gesucht zu haben. Sein Rückzug aus dem intellektuellen Leben erfolgte, nachdem ihm von der Führung der NSDAP wegen mangelnder Anpassung Karrierechancen verbaut worden waren. Er war wohl nicht dazu bereit gewesen, den Grundsatz der Technokratie – den ‚apolitischen‘ Führungsanspruch der Techniker und Ingenieure – der Parteipolitik unterzuordnen.[14] An praktischer Technik hatte die NSDAP durchaus Interesse, an einer Technikphilosophie wohl kaum.[15]

Hardensett steht damit unter den Ingenieuren seiner Zeit nicht alleine da. Die Technokratiebewegung wird generell als antidemokratische Bewegung eingestuft.[16] Sie inkorporierte laut Willeke „größtenteils Elemente eines Denkmodells, das der Formierung einer pluralistischen Gesellschaft entgegenwirken sollte“.[17] Ihre anfängliche antifaschistische Ausrichtung erhielt die Bewegung nach 1933 nicht aufrecht. Die NSDAP bezog sich selbst äußerst positiv auf Technik,[18] sodass die technokratische Haltung anschlussfähig an den Nationalsozialismus schien. Die 1933 gegründete „Deutsche Technokratische Gesellschaft“, in der auch Hardensett engagiert war, ging weit auf die NSDAP zu,[19] bis sie 1937 schließlich doch aufgelöst wurde, weil sie Kritik an der volkswirtschaftlichen Politik der Partei übte.[20] Der Primat der Technik auf Seiten der Technokraten kollidierte letztlich mit dem Hitler’schen Primat der Politik.

 

Der technische Mensch als Führer und Erlöser

Hardensetts Der kapitalistische und der technische Mensch[21] ist als Text wenig spektakulär, apodiktisch, inhaltlich dürftig und auffällig redundant. Statt der knapp 150 Seiten hätte es auch die Hälfte getan. Die vom Herausgeber versprochenen Denkanstöße für eine „ökologisch motivierte Technikkritik“ hat man schnell vergessen, wenn deutlich wird, worum es in dem Buch tatsächlich geht. Hardensett konfrontiert zwei Charakter- oder Menschentypen: den kapitalistischen und den technischen Menschen. Ersterer habe „sich in einer ganzen Kultur ausgeprägt“ (17), während letzterer sein Potenzial erst noch entfalten müsse. Der kapitalistische Mensch ist in Hardensetts Erzählung ein krankhafter und gieriger Geselle, der jede gute Vergemeinschaftung verunmöglicht. Jegliche Form kapitalistischer Wirtschaft geht in der Sicht des Autors ursächlich auf das Verhalten des kapitalistischen Menschentypus zurück, „der hinter dieser Wirtschaft als treibende Kraft steckt. Seine einseitige Wertung prägt sich im Wirtschaftssystem aus“ (13). Der technische Mensch wird, nimmt er erst die ihm zukommende Führungsposition ein, zum Erlöser aus dem Elend, das der kapitalistische Mensch verursacht hat. Man kann Jeffrey Herf nur zustimmen, in dessen Studie zum „reaktionären Modernismus“ Hardensetts Dissertation einen prominenten Platz einnimmt: „This was anticapitalism, but a German anticapitalism, and an anticapitalism of the Right“.[22]

Besonders hervorzuheben ist, dass Hardensett keine Gesellschafts- oder Sozialtheorie formuliert, sondern eine Theorie verschiedener Charakter- oder Menschentypen. Es stehen damit nicht – wie Bammé in der Überschrift seines Nachwortes insinuiert – „Vergesellschaftungstypen im Widerstreit“ (157). Hardensetts äußerst knappe methodische Ausführungen knüpfen an die Charakterologie an, namentlich an die Eduard Sprangers. Auch wenn er sich des Begriffs des Idealytpus bedient, den er von Max Weber kennt, geht es Hardensett um eine Typologie des „Wesens“ oder der „Seele“ menschlicher Charaktere (20–22).

Hardensett folgt in seiner Kapitalismusdefinition hauptsächlich dem späten, national-konservativen Werner Sombart sowie Max Weber. Zentral ist dabei die „Idee des Kapitalismus“ als „Erwerb mittels Kapital“ (24). Interessant ist die charakterologische Lesart Hardensetts: Während er Sombarts Auseinandersetzung mit kapitalistischen Verhältnissen für eine historische hält, denkt er Webers als überhistorische. Es geht ihm darum zu zeigen, dass der Erwerb mittels Kapital in jeder Epoche gefunden werden könne (25). Hierdurch wird das analytische Ziel Hardensetts besonders deutlich: Spricht er von der „Struktur und Wesenheit der kapitalistischen Idee“ (26), geht es ihm um überhistorische Merkmale, nicht um eine historische Wirtschaftsformation. Die Wirtschaftsformation etabliere sich letztlich, wenn der „friedliche Erwerb“ – auch eine Idee Webers – sich durchgesetzt habe. Die Interessen des kapitalistischen Menschen seien „überwiegend auf den Erwerb mittels Kapital gerichtet“, wofür idealtypisch der Unternehmer stehe (30).

Was folgt, ist eine Kapitalismuskritik, wie sie häufig von rechts geäußert wird. Sie beruht hauptsächlich auf drei Aspekten: erstens der Verortung des Kapitalismus in der Zirkulationssphäre, die sich über die nichtkapitalistische Produktion stülpt und sie dem ‚Erwerbsprinzip‘ unterwirft; zweitens der Reduktion kapitalistischer Verhältnisse auf die Veranlagung eines Personen- oder (Un-)Menschentypus – einer Personalisierung; und drittens der Darstellung kapitalistischen Erwerbs als dem Charaktertypus geschuldete gemeinschaftsschädigende, unheimliche und krankhafte Orientierung.

Hardensett verortet dementsprechend den kapitalistischen Menschen als „händlerische[n], kommerzialistische[n] Mensch[en]“ in der „Distributionssphäre“ (32). Der ins Pathologische gesteigerte Handel („Hypertrophie“, 35) unterwerfe die Produktion den Regeln des Erwerbs, bringe sie gar „in seine Gewalt“ (37). Dass die Produktion nach Maßgabe des Erwerbsprinzips gestaltet wird, sei allein auf das Wirken des kapitalistischen Menschen zurückzuführen (39). In Hardensetts Darstellung ist ausnahmslos vom „Willen“ des kapitalistischen Menschen als treibender Kraft die Rede: Der kapitalistische Mensch „will [...] einen Gewinn machen“, er „will übervorteilen“ (32) usw. Ein ums andere Mal weist der Autor auf die vermeintliche Veranlagung des kapitalistischen Menschen hin, den er stets als finsteren Zeitgenossen beschreibt: Er „kämpft [...] gegen alle Bindungen des Gefühls, des Blutes und des Geistes an“, er verschleiert gegenüber seinen Geschäftspartnern seine ‚Eigensüchtigkeit‘ und ‚Profitgier‘, um ihnen Geschäfte aufzuschwatzen (33). Hardensetts Wortwahl evoziert nicht zufällig das Bild der ‚Zersetzung‘, wenn er etwa schreibt: „Gemeinschaftswille ersetzt er durch Eigennutz, Gerechtigkeit durch den Marktmechanismus, Kameraderie durch Konkurrenz“ (70). Doch nur an einer Stelle lugt ein passendes antisemitisches Stereotyp hervor, wenn er von Juden als „hervorragende[n] Träger[n] kapitalistischen Geistes“ spricht (32).

Das Bild des kapitalistischen Menschen, das Hardensett zeichnet, trägt stellenweise verschwörungstheoretische Züge. Der kapitalistische Mensch wolle seine Mitmenschen zum Kapitalismus sowie zu Lug und Trug im Allgemeinen erziehen, und er betreibe die Ausrichtung des Staates auf seine eigenen Geschäftsinteressen (34, 69). Diese Interessen, so Hardensett, „objektiviert“ er, „um sich zu verhüllen“ (34). Die Eigendynamik kapitalistischen Wirtschaftens beruht für Hardensett auf „irrationalen dämonischen Gewalten“ (34): „Der kapitalistische Mensch treibt aus eigenem Impuls nur Suggestions- und Gewaltkonkurrenz. Leistungskonkurrenz dagegen wird ihm nur abgezwungen“ (43). Hardensett wird nicht müde, den kapitalistischen Menschen als gierigen Profitschinder darzustellen; er sei „intelligent, aber ungeistig“ und, unter anderem, „mächtig, rücksichtslos, eng, hart, gefühl- und gemütsarm“ (63) sowie „ohne Kultur und unkultiviert“ (75). Immer geht es darum, diesen Menschentypus als machtbesessen und abnorm zu kennzeichnen.

Der Litanei über den kapitalistischen Menschen folgt ein Gegenbild des technischen Menschen, der, man ahnt es bereits, als Lichtgestalt präsentiert wird. Der technische Mensch sei eine Utopie, der Horizont einer kommenden Gemeinschaft (92). Er ist der Mensch der (nichtkapitalistischen) Produktionssphäre: Hardensett kontrastiert die kapitalistisch motivierte Erzeugung von Erwerb mit der Technik als „Sacherzeugung“ (85). Dementsprechend lasse sich dann von einem technischen Menschen sprechen, „wenn seine Interessen überwiegend auf die Erzeugung von Sachen gerichtet sind“ (87). Dem Unternehmer als Inkarnation des kapitalistischen Menschen steht im technischen Menschen der Ingenieur gegenüber (95). Dieser habe eine „baumeisterliche Gesinnung“ und eine „technische Ethik“ (89). Einem „nur erraffenden Leben zieht er das sachschaffende Leben vor“ (98). Er geht ganz in der Arbeit als schöpferischer Tätigkeit auf (104), „sucht [...] die Seligkeit des Werkes“ (155). Im Gegensatz zum kapitalistischen Menschen ist er unter anderem „planend und nicht spekulativ“, sondern „beherrscht, planvoll, maßvoll, entwerfend, statisch, ruhig und zielhaft“ (123). Seine Gesinnung ist „heldisch“ (104).

Folgt man Herf, äußert sich in dieser Charakterisierung genau das, was den reaktionären Modernismus ausmacht: Archaische Bezüge auf Gemeinschaft werden mit einem modernen Technikverständnis verschweißt.[23] Der technische Mensch arbeitet für die Gemeinschaft und hat nur ihr Glück, nicht seinen Profit im Sinn. Ihm geht es um den ‚Gemeinnutzen‘: „Das Grundprinzip der technischen Wirtschaft ist die gemeinschaftliche Arbeit und nicht der Eigennutz, ihre Grundhaltung die Produktion und nicht der Tausch, der entscheidende Ort ihres Wirtschaftsgeschehens die Werkstatt und nicht der Markt, ihr entscheidender Wert der Dienstwert und nicht der Tauschwert. Sie bildet Leistungs- und nicht Interessengemeinschaften“ (142). Solch eine Gemeinschaft bedarf Hardensett zufolge jedoch der Führung durch den Ingenieur als „Sachkundigen“, sie kann kein demokratisches Gemeinwesen sein (142) und ist mit dem Liberalismus nicht vereinbar. Allerdings kommen für Hardensett auch keine „Gemeinschaften [...] des Blutes oder der Nation oder der Tradition“ infrage (149).

Hardensetts Darstellung der Führung durch den Techniker kommt völlig ohne ein politisches Programm aus, was den Technokraten insgesamt stets als Defizit ausgelegt wurde. Hierdurch erklärt sich aber zumindest Hardensetts ‚apolitische‘ Haltung.[24] Wirklich weit führt seine angestrebte umfassende Techniktheorie letztlich auch nicht. Man muss sich mit dem Hinweis begnügen, dass sie als „baumeisterliche Theorie“ (116) formuliert sein sollte.

 

Der Führungsanspruch des ‚technischen Menschen‘ im Nationalsozialismus

Dass Hardensetts Überlegungen ohne große begriffliche Verrenkungen mit einigen zentralen Grundsätzen des Nationalsozialismus vereinbar sind, zeigt sein Beitrag im bereits erwähnten Sammelband Die Sendung des Ingenieurs im neuen Staat. Dort platzierte Hardensett eine Skizze seines „technisch-schöpferischen Menschen“.[25] Der Herausgeber Heiss übernimmt diese Terminologie: Der ‚technische Mensch‘ Hardensetts habe als ‚Märtyrer‘ und mit „Frontkämpfergeist“ das technische Zeitalter geschaffen, das sich der ‚kapitalistische Mensch‘ zunutze gemacht habe.[26] Die kapitalistische „Herrschaft der Minderwertigen“ ziehe eine „materialistisch-kapitalistische Verseuchung des Menschen“ nach sich.[27] Der technische Mensch müsse dem kapitalistischen Menschen den Kampf ansagen, damit sich das „Hauptgebot der nationalsozialistischen Bewegung“ einhalten lasse: „Gemeinnutz vor Eigennutz“.[28]

Hardensett fragt in seinem Beitrag, was der Ingenieur „im neuen Staat zu leisten vermag“.[29] Den Ingenieur zeichnen „bei höchster Berufsauffassung“ die Charakteristika des technisch-schöpferischen Menschen aus.[30] Unverkennbar in der Terminologie des Ingenieurs Gottfried Feder formuliert, bescheinigt er dem technisch-schöpferischen Menschen: „Schaffen will er und nicht raffen“.[31] Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, vor allem aber – ganz im Geiste des nationalsozialistischen Parteiprogramms – die Sachwerkerzeugung „zum Nutzen der Gemeinschaft der Arbeitenden und nicht zugunsten des Eigennutzes“ kennzeichneten die Tätigkeit des technischen Menschen.[32] Damit sich diese neue Art der Arbeit unter veränderten Vorzeichen durchsetzen kann, bedarf es für Hardensett einer adäquaten Führung, die freilich nur der „Sachkundige“ gewährleisten könne.[33] Mit diesen Überlegungen stellt Hardensett den technisch-schöpferischen Menschen als Führer in den Dienst des Nationalsozialismus und ruft den ‚neuen Staat‘ auf, den Ingenieur als solchen anzuerkennen: „Werden sie [Berufsauffassung, Berufsehre und Berufsethik des technischen Menschen, J.S.] richtig gefördert, so werden sie einen Ingenieurstand erziehen, der neben seinem Wissen vor allem durch sein Gewissen befähigt und berufen ist, auf allen Gebieten der fachwerksschaffenden Arbeit Führer zu sein und so am Aufbau des neuen Staates entscheidend mitzuwirken. Es liegt daher durchaus im Sinn des neuen Staates, solchen rechten technischen Idealismus entscheidend zu fördern und zur Geltung zu bringen. Denn gerade aus der Verbindung von idealem Wollen mit einem Sachwissen, das im Abwägen von Ursache und Wirkung geschult ist, erwachsen jene Eigenschaften, auf denen echte Führung beruht“.[34] Angesichts der nahezu vollständigen inhaltlichen und terminologischen Übereinstimmung des kurzen Beitrags mit Hardensetts Dissertation liegt es nahe, ihn als offensives intellektuelles Angebot an die nationalsozialistische Führung zu deuten. Der Hardensett unterstellte Antifaschismus und die ‚apolitische‘ Ausrichtung seines technokratischen Denkens ließen sich mühelos herauskürzen. Ein im selben Jahr erschienener weiterer Beitrag des Autors diente ebenfalls dem Zweck, den Eindruck auszuräumen, „die Technokratie sei mit der nationalsozialistischen Arbeitsauffassung schwer vereinbar“.[35]

Vor diesem Hintergrund mutet es befremdlich an, dass Bammé lediglich (an zwei Stellen) ein Gesinnungsgutachten der NS-Bürokratie heranzieht, um Hardensetts Verhältnis zum Nationalsozialismus zu klären. Die offensichtlichen Anknüpfungspunkte in Hardensetts Biografie und Werk bleiben unthematisiert. Bammé möchte den Zeitgeist geltend machen: „Will man Hardensett gerecht werden, muss man nicht nur der Intention, die seiner Begriffsarchitektur zugrunde liegt, Rechnung tragen, sondern auch die Zeit berücksichtigen, in der er lebte, und die Probleme, auf die er reagierte, eine Zeit, in der die liberalen Syntheseprinzipien der Gesellschaft und die ihr zugrunde liegende kapitalistische Ökonomie in katastrophaler Weise aus dem Ruder liefen“ (167). So allgemein formuliert lässt sich so manche Entscheidung für den Nationalsozialismus rechtfertigen – eine Strategie, die aus der bundesdeutschen Auseinandersetzung um die Jahre 1933 bis 1945 nur allzu bekannt ist. Eine wirklich historisierende Lesart der Schriften Hardensetts sieht anders aus.

Die Antwort auf die Frage, welchen Nutzen die Charakterologie Hardensetts nun genau für eine „ökologisch motivierte Technikkritik“ hat, bleibt der Herausgeber den Leser_innen in seinem Nachwort schuldig. Es bleibt bei vagen Andeutungen: Während der technische Mensch sich möglicher negativer Ökobilanzen bewusst sei, verschreibe sich der kapitalistische Mensch ausschließlich der ‚Plusmacherei‘ (171). Dadurch vernachlässige er den „Eigensinn der Natur“ (173). Dass sich die kapitalistische Wirtschaft als negative Ökobilanz modellieren lässt, ist ein Allgemeinplatz in der Postwachstumsdebatte,[36] für diese Feststellung braucht es Hardensett beileibe nicht. Im Gegenteil: Die durch die Wirtschaft vorangetriebene ökologische Zerstörung ursächlich auf den Willen und das Wirken menschlicher Charaktere zurückzuführen, verbaut jede gesellschaftskritische Betrachtung des Problems und führt ins Fahrwasser essenzialistischer Erklärungen gesellschaftlicher Phänomene. Um zu erfahren, warum Bammé die Schriften Hardensetts dennoch für bedeutsam auch im Hinblick auf heutige Debatten erachtet, muss man wahrscheinlich seine neueste Monografie heranziehen: Dort sind dem Technokraten den Überschriften zufolge mindestens drei Unterkapitel gewidmet.[37]

Fußnoten

[1] Geboren 1899 in Herne, verstorben 1947 in Konstanz.

[2] Stand 16.12.2016.

[3] Gerd Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum politischen Verhalten der Technischen Intelligenz in Deutschland, Frankfurt am Main 1974, S. 104.

[4] Stefan Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland zwischen den Weltkriegen, Frankfurt am Main 1995, S. 164–167.

[5] Seiten 157–189 des vorliegenden Bandes. Sein Überblick schöpft, soweit ich sehen kann, durchweg aus der umfassenden Darstellung der Technokratiebewegung in der Dissertation des heutigen ZEIT-Chefreporters Stefan Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland.

[6] Ebd., S. 262.

[7] Ebd., S. 260.

[8] Der Band stand unter dem Motto „Führer sein, heißt vorleben“ von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Der Herausgeber des Bandes, der Lebensmitteltechnologe Rudolf Heiss, notiert in seiner Einführung: „Jede einzelne Abhandlung verfolgt das Ziel aus dieser nationalsozialistischen Geisteshaltung heraus, die speziellen Wege zu entwickeln und weitgehend an Hand von Beispielen dem Verständnis und damit der persönlichen Nutzanwendung näherzubringen“ (Rudolf Heiss, Einführung des Herausgebers, in: ders. (Hg.), Die Sendung des Ingenieurs im neuen Staat, Berlin 1934, o. S.). Zur Relevanz des Bandes siehe Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs, S. 125–127.

[9] Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 261.

[10] „An eigenständigen Denkern, die die NS-Ideologie unnötig komplizieren oder gar ihre privaten Theorien in die NS-Weltanschauung einschmuggeln wollten, war in der NSDAP niemand interessiert“ (Michael Grüttner, Wissenschaft, in: Wolfgang Benz u.a. (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 2001, S. 135–153, hier S. 143). Dies betraf auch die Prominenz der Konservativen Revolution wie Carl Schmitt, Martin Heidegger und Hans Freyer (Grüttner, Wissenschaft, S. 143). Siehe dazu auch Jeffrey Herf, Reactionary Modernism. Technology, Culture, and Politics in Weimar and the Third Reich, Cambridge 1993, S. 26 und Stefan Breuer, Die radikale Rechte in Deutschland 1871–1945. Eine politische Ideengeschichte, Leipzig 2010, Kap. III.

[11] Vgl. Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 179, 181, 200–202.

[12] Volker Weiß, Armin Mohler. Er forderte die Revolution von rechts, in: Die Zeit, 07.07.2016.

[13] Bei Mohler heißt es: „Die technokratische Literatur unseres Berichtsraums ist noch kaum erforscht und deshalb sehr unübersichtlich. Wir greifen hier nur drei Autoren [Heinrich Hardensett, Heinrich Heise und Heinrich Jebens, J.S.] als Beispiel heraus, bei denen sich Anklänge zum Nationalrevolutionären nicht übersehen lassen: [...] Heinrich Hardensett (I) Die doppelte Frontstellung gegen den wirtschaftlichen Liberalismus wie gegen den Marxismus läßt sich deutlich ablesen in: [...] ‚Der kapitalistische und der technische Mensch‘“ (Armin Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch, 3. Aufl., Darmstadt 1989 [1. Aufl. 1950], S. 471). Man muss dabei berücksichtigen, dass Mohler die Konservative Revolution als politischen Kampfbegriff etablieren wollte. Zu den Disparitäten zwischen den von Mohler versammelten Autoren siehe grundsätzlich Stefan Breuer, Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993.

[14] Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 217f., 223, 260–263; ders., Die Technokratiebewegung zwischen den Weltkriegen und der „Kulturfaktor Technik“, in: Burkhard Dietz u.a. (Hg.), Technische Intelligenz und „Kulturfaktor Technik“. Kulturvorstellungen von Technikern und Ingenieuren zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik Deutschland, Münster 1996, S. 203–220, hier S. 219.

[15] „Insofern war jegliche nationalsozialistische ‚Philosophie der Technik‘ de facto ein euphemistischer Vorstoß zur ‚Gleichschaltung‘ bzw. Ausschaltung ingenieurmäßigen Reflexionsvermögens und zur Instrumentalisierung der Technischen Intelligenz für politische Ziele“ (Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 252).

[16] Willeke, Die Technokratiebewegung zwischen den Weltkriegen, S. 203; Karl-Heinz Ludwig, Technik und Ingenieure im Dritten Reich, Düsseldorf 1974, S. 50.

[17] Willeke, Die Technokratiebewegung zwischen den Weltkriegen, S. 211.

[18] Karl-Heinz Ludwig, Technik, in: Wolfgang Benz u.a. (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 2001, S. 257–274, hier S. 258; Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs, S. 124f.

[19] Willeke spekuliert in diesem Zusammenhang, ob es den Technokraten eventuell darum ging, „den Schein der Loyalität zu wahren, um Repressionen zu entgehen“ (Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 224), äußert sich aber nicht definitiv dazu.

[20] Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 222, 252f.

[21] Der Lesbarkeit halber sind die zahlreichen passagenweisen Hervorhebungen des Buches in direkten Zitaten komplett weggelassen, nur die punktuellen Hervorhebungen (im Original kursiv oder gesperrt) wurden übernommen.

[22] Herf, Reactionary Modernism, S. 185.

[23] Ebd., S. 184; Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 202.

[24] Ludwig, Technik und Ingenieure im Dritten Reich, S. 56; Willeke, Die Technokratiebewegung zwischen den Weltkriegen, S. 215.

[25] Heinrich Hardensett, Vom technisch-schöpferischen Menschen, in: Rudolf Heiss (Hg.), Die Sendung des Ingenieurs im neuen Staat, Berlin 1934, S. 12–18.

[26] Rudolf Heiss, Umriß. Wird der Nationalsozialismus die technische Kulturkrise lösen?, in: ders. (Hg.), Die Sendung des Ingenieurs im neuen Staat, Berlin 1934, S. 1–11, hier S. 3f.

[27] Ebd., S. 4.

[28] Ebd., S. 5. Der Grundsatz „Gemeinnutz vor Eigennutz“ ist unter Punkt 24 im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 aufgeführt.

[29] Hardensett, Vom technisch-schöpferischen Menschen, S. 14.

[30] Ebd., S. 14f.

[31] Ebd., S. 15. Feder hat als Stichwortgeber der NSDAP die Unterscheidung zwischen „raffendem“ Finanzkapital und „schaffendem“ Industriekapital geprägt (Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik 1933–1945, erw. Neuausg., Frankfurt am Main 1988 [1. Aufl. 1977], S. 29), die auch heute noch eines der zentralen Charakteristika des rechten Antikapitalismus und des Antisemitismus ist. Teilweise klingt dieses Motiv schon in Hardensetts Dissertation an: „Daß er [der Unternehmer, J.S.] außerdem noch den gesamten Zins erhält, [...] dagegen wird sich das Gerechtigkeitsgefühl des technischen Menschen stets wenden“ (147).

[32] Hardensett, Vom technisch-schöpferischen Menschen, S. 16f.

[33] Ebd., S. 17.

[34] Ebd., S. 17f.

[35] Willeke, Die Technokratiebewegung in Nordamerika und Deutschland, S. 223.

[36] Barbara Muraca, Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin 2014.

[37] Arno Bammé, Geosoziologie. Gesellschaft neu denken, Marburg 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Tilman Reitz.