Wie aktuell ist das denn?

Ein neuer Sammelband fragt nach den Potenzialen einer marxistischen Sozialwissenschaft

Im Jahr 2018 jährt sich der Geburtstag von Karl Marx zum zweihundertsten Mal und der Jubilar hätte wohl keinen Grund, sich über mangelnde Aufmerksamkeit zu beklagen. Eine überwältigende Vielzahl von Publikationen, Vorlesungsreihen, Zeitungsartikeln und Gedenkveranstaltungen sind seinem bewegten Leben und seinem nach wie vor umstrittenen Werk gewidmet. Trotz seines Publikationsjahres möchte der hier zu besprechende Sammelband der beiden Jenenser Soziolog*innen Tine Haubner und Tilmann Reitz sich explizit nicht in die Sammlung bloßer Gedenkschriften einreihen. So zeigt bereits der erste Satz – in Anspielung auf den berühmten ersten Satz von Marx‘ Kapital (1867) – dass den Herausgebern diese drohende Rezeptionshaltung nur allzu bewusst ist: „Der Reichtum marxistischen Denkens stellt sich im Jahr 2018 […] als ungeheure Sammlung von Gedenkveranstaltungen und -publikationen dar.“ (S. 7) Die Autor*innen der in dem Band versammelten Beiträge haben daher explizit davon abgesehen, das Marx‘sche Denken noch einmal zu rekonstruieren, vielmehr wird dieses vorausgesetzt um „seinen soziologischen Einsatzwert, genauer gesagt: seinen Beitrag zum Verständnis der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft“ (ebd.) auf die Probe zu stellen. Mit dieser aktualisierenden Perspektive wollen die Herausgeber*innen zugleich eine rein historisierende Bezugnahme vermeiden. Dabei erwarten sie keineswegs fertige Antworten auf drängende Probleme und Konfliktlagen der Gegenwart, sondern setzen „in mehrfacher Weise voraus, dass die Geschichte nach der Zeitspanne von 1818–1883 (und auch nach 1989) weiter gegangen ist.“ (ebd.)

Auch in anderer Hinsicht beweisen die Herausgeber*innen hinreichende Sensibilität gegenüber dem Gebrauch marxistischer Termini und Überlegungen im Rahmen der gegenwärtigen Sozialwissenschaften: So erliegen sie nicht der Versuchung, Marx‘ vielfältiges Gesamtwerk auf die Soziologie reduzieren zu wollen. Schließlich ist nicht nur Marx unvollendetes Werk heterogen, sondern auch sein Selbstverständnis alles andere als leicht auf einen Nenner zu bringen: War er Philosoph, Soziologe, Ökonom, Journalist, Politiker? Alles oder nichts davon? Insofern ist es klug, von Vereinseitigungen in der Rezeption abzusehen und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, was aktuelle sozialwissenschaftliche Theoriebildung von marxistischem Denken „lernen kann“ (S. 8). Auch der Hinweis, dass Marx nicht ohne weiteres als „Gründungsfigur“ (ebd.) der modernen Sozialwissenschaft in Anspruch genommen werden könne, ist in diesem Zusammenhang berechtigt.

Ebenso wie die Stärken des Bandes, schlagen sich jedoch auch die den Band durchziehenden Probleme, schon in der Einleitung nieder: So wird nicht klar zwischen dem Autor Marx und dem „Marxismus“ als Oberbegriff für die vielfältigen, mehr oder weniger gerechtfertigten Bezugnahmen auf sein Denken differenziert. Auch über genauere Kriterien dafür, wann eine sozialwissenschaftliche oder soziologische Theorie das Prädikat „marxistisch“ verdient, schweigen sich die Herausgeber*innen aus. Ob eine Explikation entsprechender Kriterien nicht aber eine wichtige Voraussetzung für eine gelungene Aktualisierung und Erprobung marxistischen Denkens wäre, sei zumindest kritisch angefragt: Mehr begriffliche Klärung und Konturierung wäre zu wünschen gewesen, würde man doch den „soziologischen Einsatzwert“ (S. 7) nicht nur gerne in praxi prüfen, sondern auch an den methodischen und normativen Grundlagen, die eine marxistische sozialwissenschaftliche Arbeit auszeichnen sollte.

Durch die Beiträge des Bandes soll jedenfalls „veranschaulicht und diskutiert“ (S. 9) werden, ob und inwiefern sich „zentrale gesellschaftliche Konflikte und Krisen der Gegenwart mit marxistischen Mitteln“ (ebd.) begreifen lassen. Doch wie sehen diese Mittelbestände aus? Handelt es sich um die Aufnahme und erstmalige oder weitere empirische Operationalisierung marxistischer Termini, die Übernahme marxistischer Fragestellungen als Heuristik zur Fruchtbarmachung für die sozialwissenschaftliche Forschung oder gar um ein Paradigma mit eigenständigen Methoden? Versucht man sich an einer kursorischen Antwort anhand der Lektüre der Beiträge, ergibt sich, dass vorrangig an verschiedene marxistische Termini wie „Ausbeutung“, „Wert“, „Ideologie“ und „Klasse“ angeknüpft und gelegentlich auch eine marxistisch inspirierte Fragestellung an die Konflikte der Gegenwart herangetragen wird. Aber auch mit der Marx‘schen Theorie in engem Zusammenhang stehende Termini wie „Kulturindustrie“ werden aufgegriffen. Eine eingehendere Klärung grundlegender Kriterien und Mittel marxistischer Theoriebildung sucht man allerdings auch hier vergebens. Umso mehr hätte man sich eine Explikation gerade in der Einleitung gewünscht. Zwar weisen Haubner und Reitz zurecht daraufhin, dass die Marx-Forschung sich nicht in bloßer Exegese erschöpfen oder dogmatisch mit dem Theoriegebäude des Marxismus-Leninismus gleichgesetzt werden sollte (vgl. S. 8), daraus folgt aber nicht, dass man der Aufgabe wissenschaftstheoretischer und terminologischer Grundlegungsarbeit enthoben wäre. Ob der These der Herausgeber*innen, dass „marxistische Analysen in den Kernbereich sozialwissenschaftlicher Forschung gehören, solange wir in kapitalistischen Verhältnissen leben“ (S. 12), mehr als nur eine vage Anfangsplausibilität zukommt, bleibt also anhand der einzelnen Beiträge jeweils aufs neue zu prüfen.

Der Band umfasst insgesamt 15, in der Länge recht unterschiedliche Beiträge, die in vier Themenbereiche gegliedert sind. Dabei wurde fast allen Beitragenden das Gebot der „Knappheit“ (S. 11) auferlegt, was die mitunter skizzenhafte Darstellung der zumeist komplexen sozialwissenschaftlichen Phänomene – unter anderem geht es um den Begriff des „Arbeiters“, Leiharbeitsverhältnisse, Laienpflege, Klassenkonflikte, soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Exklusion, digitale Wirtschaft, Kulturindustrie, Religionssoziologie, psychoanalytische Deutung der Gegenwartsgesellschaft, Migration und Arbeitsteilung sowie globale Hochfinanzwirtschaft – erklären mag.

Die Beiträge sind eher locker durch gelegentliche Verweise und nicht durch eine klare Fragestellung oder ein verbindendes Erkenntnisinteresse miteinander verknüpft. Das hat einerseits den Nachteil, dass durch den Band selbst keine gemeinschaftliche Diskussion angeregt wird, die das systematische Potential marxistischer Sozialwissenschaft explizieren würde. Andererseits steht dem der Vorzug gegenüber, dass sich die Beiträge unabhängig voneinander lesen und der Wert einer marxistisch inspirierten sozialwissenschaftlichen Diskussion aktueller Phänomene sich direkt anhand der jeweiligen Einzelstudien beurteilen lässt. Die erste Sektion zum Themenbereich der „Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse“ enthält fünf Beiträge, die sich vollkommen zu recht auf Topoi des Marxschen (und Marxistischen) Denkens berufen können. Der zweite Bereich hat es mit „Theoriestreit und Wissenschaftskritik“ zu tun, während es im dritten um „Ideologie und ideologische Apparate“ geht. Im letzten Themenbereich stehen schließlich „systemische Herausforderungen des Gegenwartskapitalismus“ im Fokus. Im Folgenden werde ich mich zunächst detailliert mit den Beiträgen des ersten Themenbereichs auseinandersetzen, um anschließend in geraffter Form auf den gesamten Band einzugehen.

Die Beiträge der ersten Sektion versuchen neuere empirische Untersuchungen zur ‚Arbeiterklasse‘ mit einem innovativen Einsatz marxistischen Vokabulars zu verbinden. Dabei greifen sie auf die marxistische Rede von ‚Klasse‘ und ‚Ausbeutung‘ zurück. So zeigt sich, dass diese Termini, wenn man sie heutzutage für empirische Arbeit fruchtbar machen möchte, einer erneuten Explikation bedürfen, die freilich die Unterscheidungsabsichten der marxistischen Tradition zu wahren hat. Gerade der Beitrag von Marcel van der Linden (S. 16–38) zeigt, dass das ursprüngliche Marx‘sche Klassenkonzept sich für empirische sozialwissenschaftliche Arbeiten als zu starr erweist (vgl. die informative Grafik auf S. 18). Dem Phänomen angemessener, so van der Linden, sei eine gradualistische Konzeption sozialer Klassenbildung, in der sich verschiedene Übergänge (teils innerhalb eines Erwerbslebens) zwischen verschiedenen Formen subalterner Arbeit ergeben (S. 20–29). Der Autor schlägt deshalb vor, dass sich die Arbeitshistoriker*innen auf eine „Konzeptualisierung der historischen Dynamiken“ (S. 29) von Arbeitsphänomenen fokussieren sollten. Die ursprüngliche marxistische Bestimmung subalterner Arbeit erweise sich nicht nur als zu eng, sondern auch als eurozentrisch in dem Sinne, dass sie sich einzig auf Phänomene europäischer Arbeitswelten stütze. Van der Linden entwickelt die Marx‘sche Konzeption nun auf hilfreiche Weise weiter, indem er sechs Dimensionen unterscheidet, mittels derer sich eine adäquatere Beschreibung von Arbeitsverhältnissen relativ zum Unternehmertum vornehmen lasse (S. 30f).

Die (mitunter auch durchaus kritische) Bezugnahme auf die marxistische Terminologie, die anhand gegenwärtiger empirischer Daten auf ihre Tauglichkeit hin überprüft wird, ist auch für die übrigen Beiträge der ersten Sektion kennzeichnend. . Wo es zu Abweichungen kommt, werden jeweils Anpassungsvorschläge erarbeitet. Während sich van der Linden durchaus kritisch zu den Marx‘schen Kategorien verhält, argumentiert Stefan Schmalz dafür, dass die Marx‘sche These vom Industrieproletariat als sozialer Klasse keineswegs überholt sei, auch wenn die europäisch-amerikanische Perspektive und die Zunahme des tertiären Sektors in der westlichen Welt das nahelegen könnten. Demgegenüber macht Schmalz deutlich, dass das Proletariat heute größer sei als je zuvor, man es allerdings nicht mehr in Europa, sondern in den Ländern der sogenannten ,Dritten Welt‘ zu suchen habe (vgl. S. 39). Gerade eine globale Perspektive auf die Güterproduktions- und Abhängigkeitsketten der Wirtschaft zeige, dass eine marxistische Perspektive auch heute noch einen beachtlichen Explikationswert habe und sich eine Fokussierung auf das Proletariat keineswegs als überholt erweise. Die Thesen von Schmalz schließen dabei eine präzisere Bestimmung der Arbeiterklasse, wie sie van der Linden anmahnt, keineswegs aus. Beide Beiträge sind sowohl empirisch als auch theoretisch lehrreich und bemühen sich um einen konstruktiven Umgang mit dem Marx‘schen Erbe.

Dasselbe gilt auch für die Beiträge von Èric Pineault und Tine Haubner. Während Pineault der Genese und Semantik der nicht zuletzt im Rahmen der OccupyWallStreet!-Bewegung populären Rede von den 99% (der Normalbevölkerung) im Unterschied zu dem 1% (der Superreichen) nachgeht, zeigt Haubner, dass sich der Marx‘sche Ausbeutungsbegriff nicht nur auf Lohnabhängigkeitsverhältnisse – Achtung: Wortspiel! – gewinnbringend anwenden lässt, sondern auch auf Laienpflegearbeit in der Gegenwart. Ganz bewusst wählt die Autorin hier ein Feld, das von Marx nicht beachtet wurde, um den Wert seine Theorie auch über die Erkenntnisinteressen ihres Urhebers hinaus festzuhalten. Hierzu erarbeitet sie einen empirisch operationalisierbaren Ausbeutungsbegriff, der jedoch mit Blick auf feministische und exklusionstheoretische Einwände weiterer Präzisierung bedarf (S. 89f.).

Neben diesen lohnenswerten Beiträgen, die einen reflektierten Rückgriff auf Marx mit einem engagierten Interesse an der Gegenwartssoziologie verbinden, findet sich in der ersten Sektion noch ein Aufsatz von Kees van der Pijl, der sich zum Ziel gesetzt hat, Prozesse der transnationalen Klassenbildung und die Rolle des transnationalen Finanzkapitals seit der Finanzkrise 2007/2008 zu verfolgen. Für ökonomische Laien ist der verklausulierte Beitrag mit seinem Stakkato finanzwirtschaftlicher Fachbegriffe jedoch kaum verständlich. Auch wird nicht deutlich, inwiefern die Perspektive des Beitrags eine spezifisch ‚marxistische‘ sein soll, sieht man von der evaluativ eingefärbten Beschreibungssprache ab, wie sie etwa in der unproblematisierten Rede vom „Klassenkompromiss“ (S. 51) oder vom „räuberischen Neoliberalismus“ (S. 55) zum Ausdruck kommt. Eine derart unhinterfragt auf eine in normativer Hinsicht einseitige Terminologie gegründete ,Analyse‘ ist keine gute Werbung für eine sich selbst als marxistisch verstehende Sozialwissenschaft, sollte letztere die Abwertung des Kapitalismus doch nicht als Prämisse voraussetzen, sondern als plausible Schlussfolgerung erweisen.

Erfreulicherweise stellt der Beitrag mit diesem Dogmatismus eine Ausnahme dar. Nahezu alle übrigen Beiträge bemühen sich um einen konstruktiven Umgang mit (im weiten Sinne) marxistischen Überlegungen. Eine weitere Herausforderung in puncto Verständlichkeit bildet lediglich der Beitrag von Tove Soiland, die – ohne die geringsten Konzessionen an ‚Uneingeweihte‘ zu machen – eine an Lacan geschulte marxistische Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus präsentiert und dabei unkritisch in der jargonhaften Terminologie dieser Debattenzirkel verbleibt.

Die Stärke des zweiten Themenbereichs besteht darin, dass er versucht, marxistische Theorie und nicht-marxistische Wirtschaftswissenschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. Besonders der Beitrag von Jan Sparsam hebt nachdrücklich die Notwendigkeit einer wissenschaftstheoretisch und -soziologisch informierten Untersuchung der gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaften hervor, die dabei auch sinnvoll auf einige marxistische Fragestellungen und Kategorien zurückgreifen kann, etwa hinsichtlich der Marx‘schen Kritik an der politischen Ökonomie seiner Zeit.

Der dritte Bereich, der sich dem ebenso traditionsreichen wie umstrittenen Begriff der „Ideologie“ widmet, bietet neben dem bereits erwähnten Beitrag von Soiland eine interessante Auseinandersetzung mit dem Theorem der „Kulturindustrie“, das Susanne Martin in anregender Weise als Fortschreibung und Präzisierung Marx‘scher Überlegungen zur Ideologie interpretiert. Ebenfalls lesenswert ist der historisch gut informierte Beitrag zur Marx‘schen Religionsanalyse von Jan Rehmann, der sich durch exegetische Präzision auszeichnet, ohne über der Beschäftigung mit dem Text aktuelle Fragestellungen auszublenden.

Für Leser*innen, die insbesondere an der Konfrontation marxistischer Überlegungen mit den (potentiellen) Problemen des Gegenwartskapitalismus interessiert sind, ist die vierte Sektion des Sammelbandes zu empfehlen. Gerade der beachtenswerte Beitrag von Florian Butollo und Sebastian Sevignani zum digitalen Kapitalismus, dessen primäre Stärke im Erschließen eines relativ neuen und bislang noch kaum systematisch erforschten Gegenstandsbereichs liegt, an dem sich in Zukunft die explanatorische Stärke eines sozialwissenschaftlich relevanten Marxismus wird bewähren müssen. Zu denken ist dabei insbesondere an die Marx‘schen Thesen zum Klassenkampf und dessen Konnex mit ökonomischen Analysen.

Für alle Beiträge – unabhängig davon, ob sie an bereits laufende Diskussionen anknüpfen oder aber neue Gebiete erschließen – gilt, dass sie auf einer extensiven Sichtung der vorhandenen sozialwissenschaftlichen Literatur ihres jeweiligen Gegenstands beruhen, die sie dann mit marxistischen Begriffen, Denkfiguren und Konzepten ins Gespräch bringt. Aufgrund des kompakten Charakters der Beiträge ist es für Leser*innen nicht von Nachteil, wenn sie sich sowohl im marxistischen Theoriediskurs als auch in den jeweiligen Gegenstandsbereichen bereits einigermaßen auszukennen. Sind diese Voraussetzungen gegeben, lässt sich von der Lektüre nahezu aller Beiträge profitieren. Das Ziel der Herausgeber*innen, den Beitrag einer marxistisch informierten Sozialwissenschaft zum „Verständnis der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft zu erproben“ (S. 2) wurde also erreicht. Es wäre zu wünschen, dass der Band seine Leser*innen dazu motiviert, gerade hinsichtlich der eingangs thematisierten Fragen, was marxistische Sozialwissenschaft in ihren Zielen, Methoden und terminologischen Ressourcen zu leisten vermag, weiterzudenken und weiterzuarbeiten. Es mag der Kürze der Beiträge geschuldet sein, dass kein Aufsatz länger bei der Frage verweilt, welche Zielsetzungen und Methoden eine dezidiert marxistische Sozialwissenschaft nun eigentlich konstituieren. Für die Wiederbelebung beziehungsweise Durchsetzung einer marxistischen Perspektive als überzeugende Alternative im Theorie-Portfolio der Sozialwissenschaften wäre diese Aufgabe mutmaßlich vordringlicher als die Verwendung nur unzureichend geklärten marxistischen Vokabulars zur Erklärung oder Bewertung gegenwärtiger Entwicklungen. Dass jedenfalls Teile der Marx‘schen Termini und Denkfiguren keineswegs obsolet sind zeigen die Beiträge in hinreichender Form.

Der Rezensent jedenfalls ist skeptisch, ob es genügt, sich auf einen vagen Konsens bezüglich der Frage zu verlassen, welche Thesen, Themen und Methoden denn nun als ‚marxistisch‘ zu gelten haben und was dies jeweils heißt. Zu bemerken bleibt zudem, dass die Autor*innen ohne dass dies irgendwo diskutiert würde, auf die zwar wirkungsgeschichtlich einflussreiche, textkritisch und editorisch aber fragwürdige MEW-Ausgabe zurückgreifen, wobei die häufigsten Bezugnahmen auf den ersten Band des Kapital (MEW 23) und angrenzende Schriften entfallen. Die kritische Neuedition der MEGA II wird lediglich im Beitrag von Marcel van der Linden kurz herangezogen. Auch die jeweils spezifischen Erkenntnisinteressen, die mit einer sozialwissenschaftlichen Perspektive auf Marx einhergehen, werden kaum problematisiert, obgleich die Einleitung doch gerade hier Sensibilität anmahnte. Letzteres mag der Kürze der Beiträge und der von den Herausgeber*innen geäußerten Bitte um die Erprobung in gegenwärtigen Kontexten geschuldet sein. Beide Aspekte sprechen allerdings dafür, dass weitere, dem Ziel der (Re-)Etablierung einer marxistischen Sozialwissenschaft gewidmete Versuche auch die textkritische und wissenschaftstheoretische Grundlegungsarbeit nicht außen vor lassen sollten, um hier zweifelsohne vorhandene Potentiale nicht bereits im Ansatz zu verschenken.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Hannah Schmidt-Ott.