Göttinger Splitter III: Mittwoch

Bericht vom 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

 

Göttinger Splitter I: Montag

Göttinger Splitter II: Dienstag

Göttinger Splitter IV: Donnerstag

Göttinger Splitter V: Freitag

Tanz den Algorithmus

9:00 Uhr: Wie der Titel „Soziologie des Digitalen – Digitale Soziologie“ bereits erahnen lässt, will die Veranstaltung der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie das Digitale sowohl als Untersuchungsgegenstand als auch als Instrument der Forschung in den Blick rücken, also dezidiert inhaltliche mit epistemologisch-methodologischen Fragen verknüpfen. Den Anfang macht Robert Seyfert (Duisburg-Essen), der sich in seiner Forschung mit algorithmischen Praktiken beschäftigt. Dabei geht es ihm weniger um Algorithmen auf der Ebene der Programme selbst als vielmehr um die soziotechnische Beziehung zwischen Algorithmen und Nutzern. Am Beispiel des Hochfrequenzhandels an Börsen sucht Seyfert zu zeigen, wie schwer es ist, den Status des algorithmischen Objekts präzise zu bestimmen. So sei es schon unmöglich, die exakten Grenzen von Algorithmen zu ziehen, da man es stets mit Verkettungen verschiedener Algorithmen zu tun habe. Darüber hinaus wüssten selbst die professionellen Nutzer an den Börsen oft nicht genau, wie die Algorithmen eigentlich genau funktionierten. Die beiden naheliegenden Aporien, Algorithmen nun entweder streng instrumentalistisch als Werkzeuge der Börsenhändler oder streng technikdeterministisch die Börsenhändler als Marionetten undurchsichtiger Algorithmen zu fassen, vermeidet Seyfert gut latourianisch, indem er die algorithmischen Praktiken als „Tanz“ (Pickering) beschreibt, bei dem es zu einem permanenten Wechsel von aktiver Beherrschung und passivem Beherrscht-Werden komme.

Im Anschluss daran plädieren Sebastian Gießmann und Nadine Taha (beide Siegen) in ihrem Vortrag für eine fällige mediensoziologische Entdeckung der US-amerikanischen Soziologin Susan Leigh Star, deren Arbeiten den Weg bereiten könnten für eine Praxistheorie digitaler Medien. Der entscheidende Begriff, den sie in ihrem Vortrag herausstellen, ist der des „Grenzobjekts“. So hat sich Susan Leigh Star etwa für Formen plattformbasierter Kooperation interessiert, die durch derartige Grenzobjekte stabilisiert werden und so „Kooperation ohne Konsens“ ermöglich sollen. Digitale Medien seien nach dieser Auffassung immer gleichzeitig plastisch und robust, abstrakt und konkret, stark und schwach strukturiert. Sie würden erst in der Praxis spezifisch, seien aber nicht schon selbst die Praxis. An die Stelle des berühmten Turing-Tests, in dem es um die Beantwortung der Frage geht, ob das Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist, müsse ein Durkheim-Test treten, der klärt, ob ein digitales Medium Sozialität herzustellen vermag oder nicht.

Von hier aus ist es auch inhaltlich kein weiter Schritt zum nächsten Vortrag von Marco Schmitt (Aachen) und Henning Laux (Chemnitz), bei dem ebenfalls die Frage nach neuen, digital induzierten Formen von Sozialität im Mittelpunkt steht. Pointiert formuliert geht es beiden um eine Art Strukturwandel der Öffentlichkeit, wobei es sich  in diesem Fall um eine Twitter-Öffentlichkeit handelt. Als Fallbeispiel für die von ihnen präsentierte Untersuchung dient eine gewaltsame Kollision zwischen 80 Rechtsradikalen und 20 Flüchtlingen, die sich im September 2016 in Bautzen ereignete. Mithilfe einer empirischen Netzwerkanalyse wurden von ihnen sämtliche 40.000 zu diesem Vorfall getaggten Tweets eines einzigen Tages untersucht. Ihr Vorgehen bezeichnen sie als Forensische Soziologie, die jeden methodischen mit einem dezidiert theoretischen Schritt verbindet. Nur durch klare Selektionskriterien, die ihrerseits theoretisch hergeleitet werden müssten, habe sich die Masse an Daten überhaupt bewältigen lassen und sei es möglich gewesen, die Erfolgsbedingungen von Geschichten oder die Strukturen von Erwähnungsnetzwerken zu identifizieren. Wie Schmitt und Laux abschließend bemerken, sei es ihnen bei ihrer Untersuchung keineswegs nur um die Rekonstruktion von Twitter-Netzwerken gegangen, sondern um die Ermittlung belastbarer Aussagen über Dynamiken öffentlicher Meinungsbildung, die mit der Vorstellung von verständigungsorientierter Kommunikation nur noch wenig gemein hätten.

Den Abschluss der Veranstaltung machen Jan-Hendrik Passoth, Peter Müller und Nikolaus Pöchhacker (alle München), die Einsichten in zwei laufende ethnographische Forschungsprojekte zu prädiktiven Verfahren in Mediatheken sowie zu smarten, also sich selbst wartenden Produktionsanlagen, vorstellen. Beide Projekte sähen sich mit einer Vielzahl an Herausforderungen theoretischer, methodologischer wie disziplinpolitischer Art konfrontiert. So gelte es, permanente Übersetzungen nicht nur von Ergebnissen, sondern auch von Forschungsformaten zwischen den Disziplinen vorzunehmen. Wer jedoch bereit sei, sich soziologisch darauf einzulassen, für den sei Digitalität weit mehr als nur ein neu zu erschließendes Forschungsthema. Wie eine entsprechende, daran anschließende Digitale Soziologie allerdings konkret aussehen müsste, kann nicht mehr diskutiert werden. Die analoge Uhr in Raum 006 zeigt bereits 12:02 Uhr. (Julian Müller)

 

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Kein Felix Krull, nirgends

Die einzige Erwartung, mit der die Autorin zur Ad-hoc-Gruppe mit dem verheißungsvollen Titel Doing Deception. Theoretische und empirische Perspektiven auf das Zustandekommen von Lügen, Fälschungen und Betrügereien kam, war die Neugier auf einen hemmungslosen Umgang mit Anspielungen auf „Felix Krull“. Diese Erwartung, soviel sei schon mal verraten, wurde maßlos enttäuscht. Zwar gab es einen bunten Blumenstrauß an lügenden und hochstapelnden Gewährsleuten aus Kunst und Literatur: von Pseudea, der griechischen Göttin der Lüge, über Mozarts Papageno und Max Frischs Stiller bis hin zu Pinocchio. Von Thomas Manns Fabrikantensohn fehlte jedoch jede Spur. Schwer verzeihlich, aber dennoch: Das Panel war – das kann man in aller Ehrlichkeit durchaus mal sagen – das bisherige Kongress-Highlight. Das lag natürlich an den in sich durchweg klugen Beiträgen, vor allem aber daran, dass die Beiträger_innen sich auch untereinander viel zu sagen hatten.

Allen Vorträgen gemein war der Anspruch einer sozialtheoretischen Aufarbeitung von Täuschung und eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem sich durch die Philosophie ziehenden normativen Lügenverbot. Anstatt Lüge und Täuschung also als abweichendes und verwerfliches Verhalten unter die Lupe zu nehmen, wurden Produktivität und Notwendigkeit von Täuschung in sozialen Prozessen gewürdigt – ebenso wie die Wechselwirkung zwischen Vertrauen und Täuschung.

Karl Lenz (Dresden) frischte in seiner Präsentation die Erinnerung an Erving Goffmans rituelle Ordnung auf und zeichnete nach, wie diese zu Lügen und Täuschungen regelrecht verpflichte. Höflichkeit, Anstand, Loyalität, Face-Work und Gefühlsarbeit machten aus Unaufrichtigkeit (im Sinne Sartres mauvaise foie) weniger ein Störelement, als eine geradezu notwendig Bedingung der Aufrechterhaltung ritueller Ordnungen. Eine bei Lenz nur angerissene Verflechtung der Täuschung mit anderen sozialen Interaktionen bildete dann die analytische Vorlage für die weiteren Beiträge. Zur Illustration diente das Bild eines freiwilligen Helfers, der erstens die Täuschung seines Interaktionspartners gar nicht aufdecken will, weil es die rituelle Ordnung stören würde und der zweitens im Verbergen der Täuschung die Beziehung zum Lügner festigt und Vertrauen schafft.

Das Verhältnis von Vertrauen und Täuschung in dem gerade skizzierten und einem weiteren antagonistischen Sinne war das Anliegen von Martin Endreß (Trier), der in einem beeindruckend dichten Vortrag auf die verschiedenen Dimensionen der Täuschung einging. Diese habe eine sachliche (Taktik), eine zeitliche (Taktung) sowie eine soziale Dimension (Takt), die allesamt auf einer Asymmetrie zwischen Täuschendem und Getäuschtem beruhten und eine paradoxe Verflechtung von Vertrauen und Täuschung hervorbrächten.

In Anschluss erlaubte Michael Dellwing (Kassel) einen launigen Einblick in die Rolle von Lug und Betrug im Spiel, im Brettspiel, um genau zu sein. Dass dieses zunächst überschau erscheinende Forschungsfeld dem einen oder anderen Zuhörer ein irritiertes Lächeln aufs Gesicht schrieb, dürfte nicht weiter verwundern. Dellwing, der überzeugend für die produktive und notwendige Funktion von Lug und Betrug im Spiel argumentierte, schaffte es jedoch auf beeindruckende Weise – man möchte sagen, spielerisch – die Anschlussfähigkeit seiner Überlegungen für größere soziale und sozialtheoretische Kontexte plausibel zu machen.

Die letzten beiden Vorträge widmeten sich schließlich der Erkennbarkeit von Lügen. Zunächst aus der Perspektive der professionellen Lügendetektion mittels Polygraphie und Hirnscan. Die Ergebnisse der Forschungsgruppe um Larissa Fischer (Hamburg) zeigten sehr prägnant einen in der Filterblase der Soziologie absurd anmutenden, in anderen Disziplinen aber offenbar nach wie vor virulenten Gedanken auf, der die Wahrheit als eine Art in den Körper eingeschriebene Null-Position auffasst. Insgesamt erlaubte Fischer einen erstaunlichen bis verstörenden Einblick in ein Milieu, das nicht nur an die körperliche Nachweisbarkeit von Lügen glaubt, sondern dies auch hier und heute noch als Geschäftsmodell praktiziert. Oliver Dimbath (Koblenz) näherte sich schließlich aus einer anderen Richtung demselben Problem: Ihn interessieren gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie sich ein Lügner verhält und welche körperlichen Anzeichen Lügen zu erkennen geben. Dazu blickte er auf schauspielerische Umsetzung non-verbaler Inszenierung von Lügen im Film – immer in der Annahme, dass Schauspiel sich qualitativ an einer möglichst authentischen Abbildung von Wirklichkeit gemessen werde. Es darf natürlich durchaus bezweifelt werden, ob ein qualitativ hochwertiges Schauspiel ausgerechnet in den von Dimbath gewählten deutschen Fernsehproduktionen wie Tatort und Polizeiruf 110 zu finden ist. Der methodische Ansatz ist dennoch ein innovativer Zugang zu dem aufgeworfenen Problem und ein runder Abschluss für eine durchweg unterhaltsame und aufschlussreiche Sitzung. (Laura Wolters)

 

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Auf dem Weg zur intersektionalen Kapitalismustheorie

Am Mittwochvormittag begab sich die Sektion Entwicklungssoziologie gemeinsam mit der Sektion Geschlechterforschung auf den Weg zu einer intersektionalen Kapitalismustheorie. Antirassistische und feministische Kritik werde mit der ‚sozialen Frage‘ aus klassenanayltischer Perspektive bisher – wenn überhaupt – auf der Mikro- oder Mesoebene kombiniert. Ein Entwurf auf der Makroebene fehle jedoch, bemängelte Alexandra Scheele in der Begrüßung. Mit diesem hohen Anspruch konfrontiert, bemühte sich Sylka Scholz zugleich um eine Relativierung: Dieses Panel könne nur ein erster Aufschlag sein. Ihr Beitrag dazu bestand in der Verbindung der Idee hegemonialer Männlichkeit von Raewyn Connell mit der Theorie kapitalistischer Landnahme nach Klaus Dörre. Dass die soziologische Männlichkeitsforschung bisher keinen Bezug auf aktuelle Kapitalismustheorien nimmt, bezeichnete sie als Paradox. Die neue, globalisierte hegemoniale Männlichkeit sei nicht nur ein Ergebnis der sozialen Praxis der Eliten (Scholz und Meuser), sondern auch ein Ergebnis der Darstellung in den Medien – so würden beispielsweise Filme mit Anja Peltzer als „Mitgestalter der Wirklichkeit“ verstanden werden. Scholz‘ diskursanalytische Analyse des Films „Wall Street“ von Oliver Stone (1987)zeigte ähnliche Merkmale der globalisierten hegemonialen Männlichkeit, wie sie Connell später in Bezug auf seine „transnationale business masculinity“ beschreibt, auf. Auch konkurrierende Männlichkeiten – die genannte und die im Film als veraltet dargestellte Arbeitermännlichkeit – zeigten sich in der Figur des Bud Fox, eines aufstrebenden Börsenmaklers aus der Arbeiterklasse. Kombiniert mit dem Theorem der kapitalistischen Landnahme von Dörre könne der Klassenkonflikt um eine Geschlecht und Ethnie berücksichtigende Herrschaftsanalyse erweitert werden.

Den Beitrag des Landnahmetheorems zu einer intersektionalen Kapitalismustheorie sah die zweite Vortragende, Susanne Schultz, jedoch kritischer. Theoretische Herausforderungen lägen auch jenseits der kapitalistischen Landnahme. Das Problem sah sie in einer „rassistisch stratifizierten Geschlechterordnung“. Demografieforschung werde in der Soziologie beispielsweise erst seit den 1990er Jahren betrieben. So sei das „Kinderbekommen“ bisher im Gegensatz zu anderen Sorgearbeiten in der Geschlechterforschung wenig thematisiert worden. Transnationale Ansätze wie „reproductive justice“ und „stratified reproduction“ seien bisher eher aus aktivistischen, denn aus wissenschaftlichen Zirkeln gekommen. Demografieforschung sei weiterhin auf Fertilität ausgerichtet. In Anschluss an Kalpana Wilson machte sie auf Rassismus in Bevölkerungspolitiken aufmerksam. Junge Frauen würden als Gebärende oder Arbeitende wahrgenommen, letzteres aus ökonomischen Interessen, wegen der ersteres verhindert werden müsste. Insgesamt müsse die globale Heterogenität berücksichtigt werden, was universale Theorien problematisch mache.

Die Relevanz der Theorie des „Racial Capitalism“ für die Geschlechterforschung erläuterte Ceren Türkmen im dritten und letzten Vortrag des Panels. Es sei ein Problem, dass sich Rechtspopulist*innen die, für die Soziologie so zentrale, soziale Frage angeeignet hätten. Gleichzeitig würden auf der anderen Seite verschiedene Menschen auf eine gesellschaftliche (und wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit globalen postkolonialen Herrschaftsverhältnissen drängen. Kritik übte sie an Nancy Frasers „The End of Progressive Neoliberalism“, in dem Fraser sich für die Rückbesinnung auf eine Klassenanalyse stark macht, die linke Theorie und Gesellschaftstheorie im Poststrukturalismus vergessen hätten. Es wirke so, als ob Fraser nicht den Angriff auf den Kapitalismus an sich in den Fokus rücke, sondern die Angreifenden (Feminist*innen, Antirassist*innen etc.) für die Entwicklung verantwortlich mache. Damit gehe Fraser zu weit und übersehe den Einfluss von Graswurzelbewegungen und der Black Lifes Matter Bewegung. Antirassismus und Feminismus müssten explizit in die Klassenanalyse integriert werden. Türkmens Fazit lautete, dass (populare, nicht populistische) Kämpfe marginalisierter Gruppen im Allgemeinen als objektive (für alle gültige, die soziale Frage adressierende) Kämpfe verstanden werden müssten. Diese Aufgabe bestehe auch für die 'Linke', in der es ebenfalls populitische Bewegungen gebe und die – auch deshalb – während des Vortrags immer in Anführungszeichen gedacht wurde. Der Populismus könne keine Antworten auf Widersprüche geben, dass müssten populare Bewegungen von unten tun.

Alexandra Scheele merkte in der Diskussion an, dass sowohl Anerkennung als auch Umverteilung berücksichtigt werden müssten und fragte, wie es dazu kommen konnte, dass nur noch Kämpfe um Umverteilung als berechtigt und Kämpfe um Anerkennung dagegen als elitär wahrgenommen werden.

Der Weg zu einer intersektionalen Kapitalismustheorie ist also noch weit - doch immerhin wurde mit dieser Sektionsveranstaltung ein Anfang gemacht. (Sophia Aalders)

 

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Kapitalismen bis zum Abwinken

Eingeleitet wurde die Veranstaltung Wirtschaftskultur oder: Die vielen Kapitalismen der Sektion Wissenssoziologie von Michaela Pfadenhauer (Wien) und Silke Steets (Leipzig), die den gemeinsamen theoretischen Rahmen skizzierten. Alle Vorträge bezögen sich auf Denkfiguren des im vergangenen Jahr verstorbenen Soziologen Peter L. Berger, der angelehnt an Max Weber zu Fragen der „Social Construction of Reality“ sowie Religionssoziologie gearbeitet und diese um kulturvergleichende Analysen erweitertet hatte. In neo-weberianisch-bergerschen Sinne bewegten sich die Vorträge somit um die Wahlverwandtschaft von Wirtschaft und religiösen Werten und führten die ZuhörerInnen einmal rund um die Welt.

Ralph Richter (Erkner) startete in Europa und bezog sich in der vorgestellten Studie auf den Begriff der Wirtschaftskulturen. Untersucht hatte er europäische Sozialunternehmen, von denen er exemplarisch Polen, Irland, Österreich und Griechenland vorstellte. Mittels eines qualitativ-ethnografisches Vorgehens hatte er verschiedene Wirtschaftskulturen voneinander abgegrenzt und zeigte, wie Sozialunternehmen die Schnittstelle zwischen Markt, Staat, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft füllten, um ihre sozialen Ziele zu erreichen. Dabei nutzten sie jeweils unterschiedliche Legitimierungserzählungen, die auf den Werthaltungen der jeweiligen Wirtschaftskulturen der Länder basierten.

Im anschließenden Vortrag von Marian Burchardt (Leipzig) richtete sich der Blick weg von europäischen Wirtschaftskulturen und hin zu Südafrika. Die vorgestellte Studie hatte das charismatische Christentum, insbesondere die Pfingstkirchen, zum Gegenstand. Da die Entwicklung Europas nicht mehr, wie noch von Max Weber, als blueprint angenommen werden könne, stelle sich erneut die Frage, ob es einen Geist des Kapitalismus oder eine magische Ökonomie gebe, so der Referent. Das Pfingstchristentum zeichne sich durch sein radikal manichäisches Weltbild, der Unterscheidung zwischen Licht und Dunkelheit, aus. Untersuchungen aus Lateinamerika hätten ergeben, dass neuere religiöse Bewegungen zur Eindämmung des Machismo und einer gewissen finanziellen Rückführung in den familiären Haushalt beigetragen haben. Für Südafrika könne Burchardt derlei Untersuchungsergebnisse nicht bestätigen. Stattdessen beständen eklatante Unterschiede zwischen dem Ideal des Pfingstchristentums und dessen tatsächlicher Praxis. Möglicherweise seien dafür lebenspraktische Aspekte verantwortlich, wie etwa der jederzeit erneute Beitritt in die Gemeinde der Gläubigen oder aber die fortwährende Möglichkeit der Beichte. Wichtiger aber sei das Versprechen der Vereinbarkeit von weltlichen Genüssen und Pfingstchristentum, das den Gemeinden die Sympathie sowohl der Unter- als auch der Mittelschichten sichere. Den Gläubigen werde eine himmlische, eine charismatische Ökonomie versprochen. Das Wohlwollen der himmlischen Mächte könne durch Spenden während der Gottesdienste erreicht werden. Als Beweis für die Wirksamkeit der Spenden werde vielfach die finanzielle Situation wohlhabender Pastoren angeführt. Wohnt etwa doch ein Geist im Gebäude des Kapitalismus?

Marko Tapio Perels (Kassel) führte das Publikum in seinem Vortrag zurück nach Deutschland. In seiner ethnografischen Studie hatte er die „religiöse Pluralität und ihre Regulierungsweisen am Beispiel von deutsch-türkischen Moscheegemeinden in umgenutzten älteren Gebäuden“ untersucht. Der Vortrag hielt sich in seinen Ausführungen auf möglichst niedriger Flughöhe über seinem empirischen Material und nahm die ZuhörerInnen auf diese Weise mit auf einen packenden Kurztrip in die Welt seiner deutsch-türkischen GesprächspartnerInnen. Während manche dabei dazu tendierten, die Ökonomie für eine gottgelenkte Angelegenheit zu halten, sahen andere Wirtschaft nicht als rein schicksalsbestimmt, sondern wollten auch eine gewisse Rationalität wahrgenommen haben – Touché.

Mit Gesa Lindemann (Oldenburg) verblieben die ZuhörerInnen abermals in Deutschland, wechselten dafür aber erneut die Flughöhe. Lindemann stellte Überlegungen zu einer Theorie der Moderne an, die sich im Kern um Eigentum und Besitz drehten. Ausgang war die These, dass die moderne Gesellschaft einen Strukturkonflikt horizontaler Differenzierung aufweise. Die in diesen Konflikt involvierten Parteien unterschieden sich zwischen mitgliedschaftlich verfassten Zusammenhängen (wie etwa Politik oder Gesellschaft) und weltgesellschaftlich orientierten Zusammenhängen (wie der Wirtschaft oder der Wissenschaft). Beide bestünden parallel zueinander, weswegen die These von der einen Weltgesellschaft und dem zunehmenden Bedeutungsverlust des Nationalstaates falsch sei. Die Handlungszusammenhänge hätten die Tendenz, den Menschen vollständig zu vereinnahmen, was im Besonderen für die oben beschriebenen gelte. Illustriert wurde das im Verhältnis von Eigentum – theoretischem Besitz und dem Recht zum Verkauf – und Besitz, also praktischem Besitz. Die entsprechenden Sozialfiguren seien der Wohnungseigentümer und der Mietbesitzer. Die Menschen müssten ihr Handeln der Logik der kapitalistischen Warenzirkulation – G-W-G‘ – unterwerfen, die darauf beruhe, aus Geld mehr Geld zu machen. Die Folge sei, dass das Prinzip der Gewinnmaximierung die praktischen Besitzverhältnisse permanent umwälze.  Wer das alles noch einmal en detail nachvollziehen wolle, so Lindemann, dem oder der sei ihre gerade erschienene Gesellschaftstheorie mit dem Titel „Strukturnotwendige Kritik“ empfohlen.

In der Welt des Finanzmarktkapitalismus geht es um die Finanzialisierung jedweden Lebensbereichs, indem so gut wie alles einem Akkumulationsregime unterworfen ist und sich am shareholder value orientiert. Hierzu bedarf es eines Bewertungsregimes mittels dessen zukünftige, potenzielle Gewinne bereits in der Gegenwart geltend gemacht werden können und eine von möglichen Risiken bereinigte Rendite angegeben werden kann. Die gefragten Finanzprodukte werden vielfach erst in der Bewertung durch Ratingagenturen erschaffen. Natalia Besedovsky (Hamburg) hatte deswegen für ihre Doktorarbeit, auf der der von ihr gehaltene Vortrag beruhte, zum einen Interviews mit Verantwortlichen geführt und zum anderen diverse die Vorgehensweise von Ratingagenturen erklärende Materialien ausgewertet. Ihr Ergebnis: Ratingagenturen lassen sich in zwei Gruppen von Bewertungskulturen unterscheiden, und zwar in die der diagnostischen und der technischen Bewertungskultur. Während erstere vorwiegend theoriegeleitete, kontextualisierte Fall- und Länderanalysen produziere und Risiko normativ einstufe, bediene sich die zweitere des Data-Minings und arbeite variablenzentriert sowie dekontextualisierend. Risiko gilt hier als neutral. Seit den 1980er-Jahren wachsen die Absatzmärkte für die Bewertung von strukturierten Finanzmarktprodukten und damit auch die Nachfrage nach einer technischen Bewertungskultur. Die Finanzmarktkrise hat diese Nachfrage noch einmal deutlich gesteigert, da vermehrt das Bedürfnis nach Transparenz offenkundig wurde. Befriedigt wurde dieses Bedürfnis durch die Standardisierung von Bewertungsverfahren: Nun würde nicht mehr zwischen Regionen und/oder Epochen unterschieden, sondern zwischen verschiedenen Bewertungskulturen innerhalb des Finanzmarktkapitalismus.

Die Reise um die Welt zu den Kapitalismen ging wie angekündigt um Punkt 16:55 Uhr zu Ende und obwohl eine sich dem Vortrag anschließende Diskussion ausfallen und Besedovsky sich arg kurzfassen musste, lieferte sie einen gelungenen Vortrag ab. Die Veranstaltung bewies damit, dass auch dem DGS-Kongress ein spezifischer Kapitalismus zu eigen ist oder doch eher eine Wirtschaftskultur? Die Klärung dieser Frage wird wohl noch weitere Kongresse beanspruchen. (Felix Hempe)

 

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Gestatten, Bahrdt. Hans Paul Bahrdt

Ein soziologischer Kongress, der in Göttingen stattfindet, kommt nicht umhin, sich mit dem Klassiker der Göttinger Soziologie auseinanderzusetzen. Die Ad-hoc-Gruppe „Zur Aktualität der Soziologie Hans Paul Bahrdts“, organisisert von Oliver Römer (Göttingen), Berthold Vogel (Göttingen), Jochen Dreher (Konstanz) und Wolfgang Eßbach (Freiburg), hat genau das getan. So sehr eine Beschäftigung mit der Bahrdt’schen Soziologie an diesem Veranstaltungsort auf der Hand liegt, so wenig spielt er doch heute außerhalb Göttingens noch eine wirkliche Rolle im Fach. Das mag daran liegen, wie Oliver Römer in seinem Einleitungsvortrag bemerkt, dass Bahrdt trotz zahlreicher Publikationen kein kanonisches Hauptwerk hinterlassen hat. Das 1961 erschienene Buch Die moderne Großstadt, das bis heute mehr von Architektinnen und Stadplanerinnen gelesen werde als von Soziologen, verdiene jedenfalls eine soziologische Relektüre und Neubewertung. Dass Hans Paul Bahrdt heute kaum noch gelesen und gelehrt wird, erstaune umso mehr, wenn man einen Blick auf dessen zentrale Forschungsthemen werfe: Als Stadt- sowie als Öffentlichkeitssoziologe jedenfalls habe er sich mit Teildisziplinen beschäftigt, die heute angesichts von Wohnungsnot in den Großstädten und Digitalisierung vor besonderen Herausforderungen stehen.

Im ersten Vortrag der Veranstaltung macht sich Berthold Vogel daran, so etwas wie die wissenschaftliche Haltung Hans Paul Bahrdts zu rekonstruieren. Drei Aspekte sind es, die Vogel dabei besonders hervorhebt: Bahrdts Fähigkeit zur Distanzierung, die für ihn nicht nur Bedingung von städtischem Zusammenleben und Demokratie, sondern vor allem auch Methode des eigenen soziologischen Arbeitens gewesen sei; sein Humor als eine ganz besondere und besonders wichtige Distanzierungstechnik; und schließlich die Bereitschaft zum Dilettantismus als Voraussetzung für die Kooperation auch mit anderen Disziplinen.

Anschließend setzen sich Jochen Dreher und Andreas Göttlich (Konstanz) mit dem Konzept der „Repräsentation“ auseinander. Bahrdt habe es als erwiesen angesehen,, dass in modernen Großstädten immer nur eine unvollständige Form von Integration möglich sei, weshalb ihm zum Ausgleich repräsentative Formen der Selbstdarstellung notwendig schienen. Weil Kontakte in Großstädten stets flüchtig und beliebig seien, müsse das Verhalten des Einzelnen umso mehr stilisiert werden, etwa durch entsprechende Kleidung oder Umgangsformen.

Im Vortrag von Wolfgang Eßbach wiederum steht der Kriegsheimkehrer Hans Paul Bahrdt im Vordergrund. In den autobiographischen Texten des ehemaligen Unterfeldwebels werde deutlich, wie stark die Kriegserlebnisse die spätere Soziologie Bahrdts beeinflusst hätten. Insbesondere zwei Erlebnisse wurden von Eßbach in den Vordergrund gerückt: Zum einen – negativ – die Einsicht in die politische Unfähigkeit und Untätigkeit der bürgerlichen Klassen, zum anderen – positiv – die Erfahrung der Überwindung von Klassengrenzen während des Krieges.

Joachim Fischer (Dresden) geht im letzten Vortrag der Veranstaltung schließlich näher auf den Begriff der „Situation“ ein, womöglich der zentrale Grundbegriff im Werk Hans Paul Bahrdts. Wiewohl die Grundformen einer sozialen Situation als postum erschienenes Werk vorliegen, handelt es sich dabei Fischer zufolge um ein letztlich gescheitertes Projekt. Das Vorhaben einer umfassenden phänomenologisch-anthropologischen Situationstypologie habe Bahrdt zumindest hier nicht realisiert. Letztlich habe dieses geplante Hauptwerk seine Rolle nicht erfüllt, sei das Werk Bahrdts ohne Hauptwerk geblieben. Gleichwohl weist Fischer eindrucksvoll nach, dass es sich lohnt, von dieser Leerstelle im Hauptwerk aus noch einmal das Frühwerk Bahrdts zu lesen, in dem jene fehlenden Passagen zumindest immer wieder durchscheinen.

Am Ende der Veranstaltung hat es die Ad-hoc-Gruppe geschafft, tatsächlich Interesse zu wecken für einen Soziologen, der heute eine deutlich zu marginale Rolle im Fach spielt. Bei denjenigen Teilnehmer*innen, die Bahrdt persönlich kannten, war dieses Interesse nie erloschen. Allen anderen, die mehr erfahren möchten über einen wichtigen Vertreter deutschen Nachkriegssoziologie, dessen Wirkungskreis sich keineswegs auf Göttingen beschränkte, sei ein Gespräch empfohlen, das Oliver Römer mit Wolfgang Eßbach, einem Schüler Bahrdts, geführt hat. (Julian Müller)

 

 

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Wechselseitige Steigerungslogiken

14:15 Uhr: Eher dünn besetzte Publikumsränge begrüßte Sina Farzin zu der Veranstaltung „Author meets Critics: Andreas Reckwitz‘ ‚Die Gesellschaft der Singularitäten‘“ und verwies gleich zu Beginn auf die Schwierigkeit, das intensiv rezipierte Buch des Frankfurter Kultursoziologen erneut einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Andererseits bilde gerade die enorme Resonanz, die das Buch weit über fachwissenschaftliche Grenzen hinaus erzeugt habe, einen Anreiz, sich noch einmal mit den zentralen Begriffen und Thesen des Werks zu beschäftigen und nach den Gründen für seinen Erfolg zu fragen.

Nachdem der Autor in gerade einmal etwas mehr als fünf Minuten den Inhalt seines 480 Seiten umfassenden Bestsellers auf 8 Grundthesen heruntergebrochen hatte, ging es los. Den Auftakt machte Martina Löw (Berlin), die sich größtenteils überzeugt von dem Buch zeigte, jedoch zwei Einschränkungen machte: Einerseits sei es nicht plausibel, dass die Spätmoderne nur eine soziale Strategie – nämlich die der Singularisierung – hervorgebracht habe. Vielmehr müsse diese mit anderen Tendenzen in Verbindung gesetzt werden. Unter Rückgriff auf raumsoziologische Entwicklungen seit den 1960er- und 1970er-Jahren und Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlug Löw vor, die soziale Logik der Vernetzung und des Fluiden ergänzend dazu zu stellen. Ihr zweiter Einwand betraf die Konflikthaftigkeit des Wandels, die Reckwitz in ihren Augen nicht (genügend) beachtet habe. Sie deutete seine Position als ein Phasenmodell, bei dem sich die Dominanz vom Allgemeinen – welches in der Moderne hochgehalten werde – zum Besonderen – als Merkmal der Spätmoderne – verschiebe. In der von ihr als Beispiel herangezogenen südkoreanischen Smart City Songdo zeichnet sich Löw zufolge jedoch eine andere Bewegung ab: Nämlich zum einen eine gleichzeitige Generalisierung, da die Stadt als Vorlage für andere Städte gedacht sei, und zum anderen auch die Singularisierung, welche durch eingeplante Möglichkeiten zur „Verbesonderung“ ebenfalls beinhaltet sei.

Auch Annette Schnabel (Düsseldorf) war der Meinung, dass der Konflikthaftigkeit mehr Aufmerksamkeit gebühre. Sie bekannte sich, nicht an eine Singularisierung soziologischer Analyse zu glauben, denn Akteure wären immer eingebettet in Netzwerke, Kollektive und Umgebungen. Reckwitz, so Schnabel, konzentriere sich zu sehr auf die creative economy und Prozesse der Technisierung. Dabei räume er dem „Doing“ zu wenig Platz ein, weshalb Schnabel dafür plädiert, dem Praxisaspekt durch eine stärkere Fokussierung auf den Kontext und die Regeln des Handelns Rechnung zu tragen. Insbesondere die Regelhaftigkeit des Tuns mache deutlich, dass das Tun der Singularisierung nicht zufällig erfolgt. Im Folgenden identifizierte Schnabel drei Praxen, die Singularisierung erst ermöglichten (beziehungsweise verhinderten). Erstens komme es auf eine Differenzierung der Bewertungen an: Auch in der Unterschicht fänden Singularisierungen statt und nicht alle Mittelständler seien mit Singularisierung befasst. Zweitens müsse beachtet werden, dass Singularisierung zugleich als Exklusionsstrategie und Legitimationsdiskurs fungiere. Diejenigen, die bei dem Streben nach Einzigartigkeit nicht mitmachen wollten oder könnten, würden ausgeschlossen werden und in dieser Perspektive könne Rechtspopulismus dann als Exit-Strategie aus dem System der Singularisierungen verstanden werden. Drittens würde Singularisierung als Legitimation der materiellen Ungleichheit funktionieren.

Tilmann Reitz (Jena) bekannte zu Beginn, dass es nicht leicht sei, etwas Kritisches zu dem Buch zu sagen, ohne es dadurch zugleich aufzuwerten – eine Tendenz, die ihm offensichtlich nicht behagte. Ungläubig fragte er in den Raum, warum die Soziologie dieses Buch so wichtig fände? Darin kämen zwar von der Ökonomie über die Kultur und die Technik alle wichtigen gesellschaftlichen Bereiche vor, aber keiner werde näher fokussiert. Im Folgenden sezierte Reitz die für ihn unglücklich gewählten Begriffe des Allgemein-Besonderen und des Idiosynkratischen und stellte Reckwitz das zweifelhafte Lob aus, in seinen Analysen genauer zu sein als in seinen Definitionen. Nachdem er sich allmählich in Rage geredet hatte, fächerte Reitz immer mehr Schwachstellen von Reckwitz’ Buch auf. So würde er behaupten, dass nicht Wissen und Informationen, sondern Kultur derzeit für die Ökonomie bestimmend seien. Doch dabei fehle die Frage nach der Rivalität des Gebrauchs, welche in dem Kontext der Wissens- und Informationstechnologie entscheidend sei. Während eine Cola-Flasche nur einmal konsumiert werden könne, treffe dies auf einen Film nicht zu. Reitz warf Reckwitz vor, dass es ihn nicht interessieren würde, wie Gewinne gemacht würden und er sich grundsätzlich zu sehr auf Bourdieu denn auf Marx beziehen würde. Auch sei Reckwitz’ Aussage, dass Bewerten primär eine Praxis der Singularitäten sei, begrifflich nicht notwendig und vielmehr ein Hineindeuten einer für das Buch passenden Bedeutung. Dann holte Reitz zum finalen Stoß aus: Die Soziologie müsse, um wirklich fruchtbare Theorien vorzulegen, noch weiter gehen in ihren Erklärungsansprüchen – doch dafür hätte Reckwitz das Genre der Zeitanalyse verlassen und mehr als ein weiteres „Ierungs“-Buch vorlegen müssen.

Von den vorgebrachten Kritikpunkten ließ sich der Autor aber nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Er habe, so Reckwitz, kein teutonisches Theorieverständnis – weshalb es ihm auch fraglich erscheine, ob er die von den KritikerInnen angesprochenen offenen Punkte überhaupt bearbeiten müsse. Auch durch Martina Löws Einwände sah er sich nicht wirklich in die Bredouille gebracht – denn seine Theorie würde weder „unreine“ Fälle, in denen Singularisierung und Allgemeinheit sich vermischten, noch die Konflikthaftigkeit des Wandels sozialer Logiken ausschließen. Schnabels Vorschlag, das „Doing“ stärker zu beachten, erhielt von Reckwitz das Prädikat „besonders interessant“. Man könne in der Tat fragen, welche Akteursgruppen hinter einem solchen Wandel stehen und welche Interessen sie haben? Bei Reitz wusste Reckwitz gar nicht recht, wo er bei den vielen mitunter kleinteiligen Einwänden ansetzen sollte. Er versuchte es mit einem Zugeständnis: Ein Problem seines Buches sei in der Tat, dass er in jedem Kapitel ein ziemlich großes Fass aufmachen würde. Insofern würde er zugeben, dass man genauer ausdifferenzieren müsste, was beispielsweise singuläre Güter genau seien. Als Missverständnis erachtete Reckwitz jedoch die von Reitz mit Blick auf die Praxis des Bewertens geäußerte Kritik, denn Bewertung sei nicht gleichbedeutend mit Valorisierung. So habe eine Person beim Betrachten eines Films ganz unabhängig vom Ranking eben dieses Films ein einzigartiges Erlebnis. Reitz mochte das nicht unwidersprochen stehen lassen und reformulierte seinen diesbezüglichen Einwand erneut, woraufhin Reckwitz überraschend einlenkte: Es sei wohl eine empirische Frage, ob Logiken der Singularisierung sich gegebenenfalls durch Vergleichspraktiken wieder verallgemeinern würden.

Schließlich durfte auch das Publikum sich noch mit Fragen in die Diskussion einbringen. Ein Zuhörer gab zu bedenken, dass Singularisierung bloß eine Fassade sei, die performativ hergestellt werde. Dem entgegnete Reckwitz, dass der Begriff der Fassade impliziere, dass dahinter noch etwas sei – und in aller Regel meine dieser häufig vorgebrachte Einwand, dass sich dahinter eigentlich doch wieder die Allgemeinheit verberge. Dagegen wolle er sich verwahren, denn keines der beiden – weder Besonderheit noch Allgemeinheit – sei sozial ursprünglicher. Daraufhin sprang Steffen Mau dem Kollegen Reitz bei: Es sei durchaus richtig, dass Bewertungslogiken in einer starken Spannung mit Singularisierung stehen würden. So würden sich beispielsweise Ergebnisse von Messungen (etwa beim Self Tracking) auf das Verhalten und die Wahrnehmung einer Person auswirken. Die Orientierung an Bewertungen und den damit verbundenen Empfehlungen könne etwa zu eingeschränkten Handlungsoptionen führen, weil die Akteure ihr Handeln nur noch an den entsprechenden Vorgaben ausrichten würden. Insofern wäre eine wechselseitige Steigerungslogik von Besonderheit und Allgemeinheit für Mau die plausiblere Beschreibung. Für diesen Vorschlag hatte Reckwitz dann nur noch Zustimmung übrig. Auch beim Publikum und den Podiumsgästen stellte sich der Eindruck ein, dass nun alles, wenn schon nicht geklärt, so doch zumindest gesagt sei, weshalb die Veranstaltung eine dreiviertel Stunde früher als geplant geschlossen wurde – ein singuläres Ereignis bei diesem Kongress. (Kira Meyer)

 

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Are there two A’s in „From the A to the B to the motherfucking C”?

Das Spiel beginnt: Computational Social Science (CSS) trifft auf Soziologische Netzwerkforschung (SNF). Letztere scheint Heimvorteil zu haben. Aber: What is the game? Wird es eine Liebeserklärung oder klatscht der Fehdehandschuh? Jan Fuhses (Berlin) Eröffnung hilft in dieser Frage nicht weiter: „CSS bewegt anscheinend gerade niemanden in der Soziologie, wenn man sich auf dem Kongress umsieht.“ Da klingt Sehnsucht durch, aber auch begründete Skepsis.

In der ersten Sitzung ist gleich Musik drin. Es geht um die Frage, ob man sich bei seinen Freunden auf Spotify mit neuen Künstler*innen „ansteckt“ oder ob man von anderen einfach nur lernt, welche Musiker*innen interessante Kandidaten für die eigene Playlist sein könnten. CSS lässt die Muskeln spielen. Marc Keuschnigg (Linköping): „Unser Topic Modeling kann East Coast Hip Hop von West Coast Hip Hop unterscheiden.“ Nice! Dann werden Dyaden gepaart und Kausalkoeffizienten ausgerechnet. Resultat: Etwas weniger Ansteckung in Bezug auf Musiker*innen, etwas mehr Auswahlkonfiguration durch Freunde. Allerdings: Es ist etwas mehr Ansteckung im Spiel, wenn der Musikgeschmack der Freunde ähnlich ausfällt. Der erste Wirkungstreffer verpufft trotzdem ein wenig. Dafür der ganze Aufwand? Die/der SNFler*in fragt sich: Geht das nicht auch mit Clusteranalyse?

Die zweite Runde lässt wieder etwas romantische Stimmung zwischen beiden Lagern aufkommen, obwohl es bei Mark Lutter (Wuppertal) existenziell wird: „To be, or I‘d rather not“ lautet die Shakespeare’sche Frage, die zwischen den „two Households, both alike in dignity“ verhandelt wird. Im Mittelpunkt steht das Phänomen des Selbstmords als Imitation prominenter Kulturikonen und die Frage, ob es sich dabei um Nachahmung handelt – oder um Anomie, nach dem Motto: Es muss wohl ziemlich schlecht um die Menschheit bestellt sein, wenn selbst die (vermeintlich) besten, schönsten und reichsten den Notausgang wählen. Auch hier steckt Musik drin: „Bring dich um und es is‘ dir völlig klar, weiterleben wäre dumm.“[1] Zum Ton der fatalistischen Ballade berühren sich die Hände der Gegenseiten zärtlich. Eine Analyse, die aus Wikipedia extrahierte prozessgenerierte Daten zur Beliebtheit von Kulturikonen und deren Selbstmorden mit guten alten OECD-Daten kombiniert, stellt am Ende fest: Es ist vermutlich doch ein wenig Imitation im Spiel. Die Wirkung von Berühmtheit lässt sich auch beispielhaft beziffern: Kurt Cobains Selbstmord etwa kann allein auf 100.000 menschliche Zähleinheiten[2] bezogen mit zwei weiteren Selbstmorden in Verbindung gebracht werden. Das ahnte wohl der Musiker selbst schon, als er schrieb: „I feel stupid and contagious“…

Soviel Annäherung gleich zu Beginn war offensichtlich keine gute Idee. Das Stück folgt dem bekannten Verlauf: „[f]rom ancient grudge [they] break to new mutiny“. Oder wird hier womöglich ein noch größeres Stück der Weltgeschichte nachempfunden? Auf jeden Fall erwachen bei mir Erinnerungen an den pazifischen Krieg zwischen Chile und Peru (mit etwas Hilfe von Bolivien) zwischen 1879 und 1884 (auf Deutsch etwas bescheidener: der Salpeterkrieg). Erster Akt: Die Seeschlacht von Iquique. Auf der einen Seite Ortskenntnis und traditionelle Holztechnologie (SNF, Chile), auf der anderen moderne Dampftechnik und frecher Mut (CSS, Peru − sorry, Bolivien war noch nicht dabei). Die Trikots sitzen und Holztechnik legt vor. Florian Muhle „Grau“ (Bielefeld) versenkt in der durch CSS-Studien losgetretenen Debatte um die Beeinflussung der letzten US-Wahl durch Social Bots einen entscheidenden Treffer mit der klaren Ansage, an den Befunden stimme fast nichts. Der datengepanzerte Tanker geht direkt vor der chilenischen Küste auf Grund und das windschnittig leichte Holzschiff Graus segelt über die Riffe hinweg: Bots seien in der Regel weder vollautomatisch, noch würden sie durch die bisher verwendeten CSS-Methoden gut identifiziert… Im Übrigen fokussiere man die falschen Arten von politischen Diskussionsnetzwerken auf Twitter: Retweet-Netzwerke seien weniger relevant als von CSSler*innen angenommen. Bedeutsamer hingegen seien vielmehr Netzwerke, in denen aufeinander reagiert wird, wo es also tatsächlich politische Debatten gibt. Und welche Debattenteilnetzwerke gibt es? Auch da ist das Wissen der CSS eher dünn und SNF trumpft auf mit Erkenntnis: Es gäbe vor allem zwei Arten, das große Netzwerk der Prominenten untereinander und viele kleine „Stäbchen“-Mikronetzwerke bestehend aus eher unverbundenen Einzelnen am Rande.

Der pazifische Krieg wäre jedoch nichts ohne seine tragischen Helden: Roger Häußling (Aachen) „Prat“ macht sich im Anschluss daran, die techniksoziologischen Prämissen der CSS zu zerpflücken. Ganz grundsätzlich fragt er, was sind Daten eigentlich? Wie und von wem werden sie unter Verwendung welcher Mittel generiert, verwaltet, verteilt, zum Gebrauch zugerichtet und beurteilt? Offensichtlich wird hier Lufthoheit angestrebt. Aber wir schreiben 1879 und die Lufthoheit hängt an den Holzmasten in der Form von Schwungseilen: „Al abordaje, muchachos!“. Die zentrale – und schief sitzende – Prämisse des Vortrags lautet: Daten sind als Schnittstellen zwischen algorithmischen und sozialen Prozessen zu begreifen. Die Informatiker*innen im Raum lächeln müde. Schließlich sind Programmiersprachen und Benutzeroberflächen die Schnittstelle zwischen sozialen und algorithmischen Prozessen. SQL- und NoSQL-Datenbanksprachen, Java, Python, C#, APIs und so weiter sowie allerlei grafische Tools – das sind die Schnittstellen zu Daten. Daten sind lesbare Unterscheidungen auf einem materiellen Träger. Der nebulöse Schnittstellenbegriff hilft nur wenig weiter, um die zentrale Pointe – und die ist richtig und wichtig! – zu verstehen: nämlich, dass man die Produktion, Verteilung und Zurichtung von Daten als relationalen soziotechnischen Prozess verstehen muss. Viel Pulverdampf, am Ende schwimmt der Tanker und Holz sinkt. Als Held gilt Prat in Chile dennoch bis heute, weil er trotz falscher Prämissen den rechten Mut bewiesen hat.

Nach diesem Ausflug auf einen Nebenschauplatz nimmt das Drama wieder seinen alten Faden auf: Wie kommen CSS und SNF nun zusammen? „It was the nightingale and not the lark“, lautet das einschlägige Shakespeare-Zitat. Auf den richtigen Ton kommt es an – und genau danach suchen Sophie Mützel und Alex Flückiger (beide Luzern). Sie führen vor, was eine kluge Allianz aus SNF und CSS im Morgengrauen aus den Texten der UN-Generalversammlung herauszulesen vermag. Da wäre etwa der Epochenbruch von 1989. Gut, das ist weniger überraschend. Interessant dagegen ist der Befund, dass es ein anderes, ganz besonderes Jahr gab, nämlich 2001. Es bricht mit allen anderen. Ein singuläres Diskursjahr bei der UN-Generalversammlung; eine Insel in der Diskursgeschichte der UN – wirklich merkwürdig und wirklich interessant. Darüber hätte man gerne mehr erfahren, aber es geht mit Sieben-Meilen-Stiefeln weiter. Die Kombination aus SNF und CSS bringt nämlich den Begriffen der UN noch kurz das Laufen im semantischen Feld ihrer verwandten Wörter im Zeitverlauf bei. Da bewegt sich beispielsweise die Semantik des Begriffes „displaced“ von „uprooted“ in den 1960er-Jahren zielsicher in die Nähe von „flee“ und „fled“ in den 2000ern. Schön ist das anzusehen und man kann sich allerlei Anwendungsfälle für diese Art von Analyse vorstellen. Der Use-Case überzeugt, auch wenn bei weitem nicht alles überrascht, aber das soll es ja gerade nicht. Vielmehr wird deutlich, dass das Verfahren Plausibles ausspuckt und insofern die potenziell zähe und langwierige Lektüre tausender UN-Reden zumindest teilweise zu ersetzen vermag. Schließlich bleibt die Frage, wie klug es auf lange Sicht ist, am Lesen zu sparen.

Im letzten Akt offenbart sich das Stück als Tragödie: Ein Liebender muss sterben. Wen es trifft, entscheidet der Heimvorteil. Das zuvor von Häußling etwas nebulös skizzierte Programm einer Analyse des Datenproduktionsprozesses als zentrale Kritik an den Verfahren der CSS kommt im nun zweiten Anlauf von Jan Riebling (Wuppertal) richtig ins Rollen. Riebling fragt nämlich, welche Beobachtungsartefakte generiert werden, wenn man soziale Netzwerke durch algorithmisch implementierte, sozial interaktive Informationsdiffusionsmaschinen wie Twitter & Co. wahrnimmt. Konkret geht er dieser Frage im Format des algorithmisch assistierten Gedankenexperiments nach, indem er soziale Netzwerke simuliert, die er anschließend auf Basis von simulierten Informationsdiffusionsprozessen topologisch erkundet. Die Kartierung des unterliegenden Netzwerks erfolgt dabei aber nicht einfach durch ein „Ablaufen“ der simulierten Netzwerkstruktur, sondern indem die Netzwerkstruktur durch die Brille der in dem Netzwerk übertragenen Informationen gesehen wird. Einfacher formuliert: Beobachtende lernen nur etwas über die Verbindungen zwischen den Knoten des Netzwerks, zwischen denen Informationen ausgetauscht werden. In einem nächsten Schritt wird untersucht, wie die Netzwerkstruktur, die man so unter der Annahme unterschiedlicher Informationsdiffusionsinfrastrukturen findet, mit der „wahren“ Netzwerkstruktur zusammenhängt. Und dabei kann schon unter sehr einfachen Annahmen jede Menge schief gehen, etwa wenn − wie im Fall von Twitter-Retweets − Nachrichten stets ihrem ursprünglichen Erzeuger zugeschrieben werden. Because then there are two A’s in „From the A to the B to the motherfucking C“. (Janosch Schobin)

 

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Anschaulich und sprudelnd

Ein Podcast zum Panel "Georg Simmel als Stifter der Mikrosoziologie – Am Beispiel der Geschlechterverhältnisse und der persönlichen Beziehungen"

Organisation: Daniela Klimke (Hamburg), Rüdiger Lautmann (Bremen)

Karl Lenz (Dresden): Simmels Grundlegung einer Soziologie persönlicher Beziehungen

Thorsten Benkel (Passau): Partnerschaft: Flexibel sein und sachlich bleiben? Zur Aktualität eines Abschnitts in Georg Simmels ›Soziologie‹

Ilse Lenz (Bochum): Streit, Geschlecht, Konflikt?

Barbara Kuchler (Bielefeld): Opfer romantischer Liebe

Hanns Wienold (Münster): Die Sprache der Liebe und das Management von Intimität

Rüdiger Lautmann (Bremen), Daniela Klimke (Hamburg): Simmels Spuren in der Soziologie eines Jahrhunderts

 

(Stephanie Kappacher und Clemens Reichhold)

 

(Karl Lenz, Foto: Stephanie Kappacher)

(Barbara Kuchler, Foto: Stephanie Kappacher)

(Hanns Wienold, Foto: Stephanie Kappacher)

Im Anschluss an das Panel haben wir sowohl bei den Referent*innen als auch im Publikum unter anderem nach der Aktualität Simmels gefragt. Anlass war nicht zuletzt der heutige 100. Todestag des großen Denkers.

 

 

 (Podcast: Stephanie Kappacher und Clemens Reichhold)

Fußnoten

[1] Wizo, „Bring Dich um“, online unter: https://www.songtexte.fm/wizo/bring-dich-um [28.09.2018].

[2] Ob Einwohner oder Todesfälle ist nicht ganz klar.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher, Karsten Malowitz, Kira Meyer, Clemens Reichhold und Hanna Schmidt-Ott.