Auf der Hinterbühne von Luhmanns Theorieproduktion

Arbeit am Nachlass

Wer an Nachlässen interessiert ist und sich ernsthaft mit der wissenschaftlichen oder literarischen Hinterlassenschaft einer Autorin oder eines Autors beschäftigen möchte, muss gewöhnlich ein Archiv aufsuchen und sich dort einen Arbeitsplatz einrichten. Häufig bringt die Umsetzung eines solchen Vorhabens beträchtlichen Aufwand mit sich. Anträge sind zu formulieren, über Finanzierungen nachzudenken, Reisen auf sich zunehmen. Man muss das tage-, wochen-, mitunter sogar monatelange Dasein in den Räumen erdulden, die sich als Schatzkammern des archivierten Wissens empfohlen hatten. Auch können die Abende nach des Tages Müh im Staub der Papiere lang und die Wochenenden ohne die gewünschten Unterlagen öde werden. Außerdem ist man auf die guten Geister des Archivs angewiesen, auf das Wohlwollen der Archivarinnen und Archivare. Ihnen sind die Materialien vertraut, an denen gearbeitet werden soll. Diese Expertise wird unter Umständen außerordentlich kostbar sein. Sie kann Entdeckungen ermöglichen, lästige Umwege abkürzen, ja ganze Leseleben ersparen. Ein wohlmeinender Tipp zum richtigen Zeitpunkt wirkt wie ein Sesam-öffne-dich, das ungeahnte Welten im Nu erschließt. Kurz, ein Archiv ist alles andere als ein barrierefreier Ort.

Nichts von all dem gilt ab heute, dem 8. April 2019, für den Nachlass von Niklas Luhmann und dessen operatives Zentrum, seinen berühmten Zettelkasten. Zwar ist er noch lange nicht vollständig erschlossen, doch können die digitalisierten Anfänge von Luhmanns Verzettelung der Welt jetzt von jedem Computerbildschirm der Welt aus in Augenschein genommen und nachvollzogen werden unter https://niklas-luhmann-archiv.de.

 

(Foto: Universität Bielefeld)

 

Insofern wird an diesem Montag nicht nur ein neues Kapitel in der Luhmann-Philologie aufgeschlagen, sondern ein neuartiges Arbeitsinstrument soziologischer Systemtheorie angeboten. Mit ihm wird sich, um Georg Simmels Aufgabenbestimmung der Philologie zu zitieren, zweifelsohne „Erkanntes erkennen“ lassen. Doch zeichnet sich in Wahrheit ein gegenwärtig unüberschaubares Feld von Optionen ab, das sich auftut, sobald man sich die jetzt digital optimierten Zugriffsmöglichkeiten auf ein analoges Contentmanagement-System erschließt, das Luhmann in Gestalt der 90.000 von ihm beschriebenen Zettel erfunden und hinterlassen hat.

Wir haben Johannes Schmidt, den wissenschaftlichen Projektkoordinator und neben André Kieserling, der das Projekt leitet, einer der besten Kenner von Luhmanns Nachlass, darum gebeten, uns die Edition dieses Nachlasses in einer knappen Präsentation vorzustellen. Dankenswerterweise hat er uns außerdem noch in einem Interview von seinen umfassenden Innenansichten profitieren lassen. - Die Red.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.